Unter dem Deckmantel des Heilsamen

Wenn ich davon schrieb, dass es unser aller Schicksal ist, aus den Verhaltensmustern heraus mit der Welt zu interagieren, die wir früh erlernt haben, so meine ich damit auch Folgendes: Alles, was wir tun oder womit wir uns beschäftigen, erschließen wir uns auf der Basis dieser frühen Prägungen. Wir können gar nicht anders.

Transponiere ich diese Tatsache nun auf die Annäherung und den Umgang mit Spiritualität, so muss mir klar sein, dass hier keine anderen inneren Gesetze die Regie führen.

Für mich gibt es daher, was Wunder, zwei Arten der Annäherung an jegliche Form von Spiritualität: Entweder ich versuche, auf der Grundlage des Fortführens meiner Verhaltensmuster mir Spiritualität anzueignen, oder aber ich nähere mich ihr, um Herrin meines Schicksals zu werden.

Im ersten Fall benutze ich Spiritualität, um mir dadurch etwas von außen zuzuführen, woran es mir innerlich mangelt und versuche, einen stabilen Status quo herzustellen. Dies schließt ein, dass ich auch die Beziehungen zu den Menschen innerhalb dieser spirituellen Welt knüpfe und gestalte, um zu bekommen, was ich brauche. In meiner Definition verwende ich dafür die Bezeichnung „Religion“ und auch „Religiosität“.

Im zweiten Fall nähere ich mich Spiritualität, um tatsächlich zu begreifen, was eigentlich mit mir los ist, warum ich so leide und nicht der Mensch bin, der ich sein möchte. Ich beginne, einen Weg der inneren Auseinandersetzung und des inneren und äußeren Dialogs zu beschreiten. Also eines Austauschs, der mich dazu befähigen kann, Eigenverantwortung für meine Entwicklung und meinen Weg in der Welt zu übernehmen. Dies definiert für mich maßgeblich auch „Spiritualität“.

Diese beiden Arten des Umgangs mit Spiritualität liegen dicht beisammen, durchdringen einander. Und es bedarf meiner Meinung nach unausgesetzter Wachheit und Selbstprüfung, um tatsächlich irgendwann Herrin meines Schicksals zu werden, oder aber im bloßen Erreichen und Bewahren eines angenehmen Status quo zu enden.

Manch einer zog los, um ein großer Yogi oder eine Yogini zu werden. Und endet damit, seine Beziehungen, um sich herum so zu arrangieren, dass sie seiner Idee und Vorstellung eines „großen Yogi“ oder einer „großen Yogini“, dienen.

Im Umkehrschluss hat der Weg der Yogini also für mich damit zu tun, in der im letzten Beitrag beschriebenen Art und Weise Herrin meines Schicksals zu werden. Da die Begriffe „Yogi“ und „Yogini“ in meiner tibetisch-buddhistischen Welt in meinen Augen zu stark überzeichnet werden, verwende ich diese Begriffe eher selten. Der „yogische Weg“ dagegen zieht weniger den Fokus auf eine heroische Einzelperson und ist für mich ein Leben in unausgesetzter, innerer und äußerer Transformation.

Weil diese Begriffe, wie „Yogini“, immer so stark vom Heroischen umweht erscheinen, begünstigen sie den Status quo zwischen Lehrer und Schüler in der tibetisch-buddhistischen Welt.

Und, wenn es an oben erwähnter Wachheit fehlt, gestaltet sich diese oft thematisierte Lehrer-Schüler-Beziehung eben genau so: Es ist ein Arrangement zwischen Lehrer und Schüler, das ermöglicht, durch und mit dem anderen inneren Mangel und unbefriedigte Bedürfnisse zu erfüllen. Dies widerspricht jedoch meiner Ansicht nach dem, was ein „yogischer Weg“ im oben beschriebenen Sinne ausmacht. Und gleicht so gar nicht einem Dasein in ständiger Veränderung, als vielmehr einer gut geölten Maschine, die es den Beteiligten erlaubt, sich gut zu fühlen. Zumindest in einem Punkt der gemeinsamen Vereinbarung dieses miteinander Funktionierens ist man sich stillschweigend einig: dass man sich per se schon einmal dem „Heilsamen“ und „Guten“ verschrieben hat. Ist das nicht toll?

Das dem Status quo dienende Arrangement und der „yogische Weg“ unterscheiden sich in dem, wie „das Gute“, „Transformation“ und das Bild der Person, zu der man werden möchte, definiert wird. Im Arrangement des Status quo sind diese klar umrissen und statisch definiert. Im „yogischen Weg“ jedoch werden sie bis zum letzten Tag hinterfragt, erscheinen wieder und wieder im anderen Licht, verschwimmen, gehen ineinander über, geben sich gegenseitig auf und verschwinden vielleicht irgendwann für immer.

Ich weiß, dass ich hier einen starken Scharfzeichner verwende, um etwas, was für mich nicht zusammen denkbar ist, klar von einander abzugrenzen. Nur diese Scharfzeichnung erlaubt mir, mich zu fragen und in mir zu spüren, wo ich gerade stehe und wohin die innere Reise weiter gehen soll.

Diese Form des klaren Herausarbeitens der Natur einer Sache, ist etwas, was unerlässlich ist, auf dem Pfad der fortwährenden Transformation. Auf dem Pfad des spirituellen Status quo hingegen hört man irgendwann einmal auf, aufmerksam hinzuschauen, und neigt dazu, zu sagen: „So genau will ich es gar nicht wissen!“ Denn es könnte ja etwas auftauchen, dass dieses wundervolle Arrangement, des persönlichen Abonnements auf das „Gute“ und „Heilsame“, ins Wanken bringt. Und das darf nicht sein.

Ehrlich gefragt: Gibt es in dem beschriebenen Verhalten in spirituellen Räumen auch nur den kleinsten Unterschied dazu, wie wir uns in unserer Privatsphäre oder im Umgang mit Nahestehenden oder Kollegen verhalten? In meinen Augen nicht. Oder siehst du das anders?

Wenn ich meinen Weg in den letzten zwei Jahrzehnten am inneren Auge vorüberziehen lasse, sehe und spüre ich Folgendes:

Trotz der scharfen Abgrenzung, die ich heute zwischen zwei Lebensstrategien zeichne, ist es nicht die Frage einer einmaligen Entscheidung, welchen der Wege wir wählen. Denn selbst wenn ich mich mit dem Wunsch auf den Weg machte, endlich Herrin meines Schicksals zu werden, so tat ich es zuerst mit einer falschen Sicht. Ich schrieb schon darüber, dass ich nach den Regeln des allerorten verkündeten, tibetisch-buddhistischen Sicht des Status quo loszog, um endlich „mein böses Ego“ aufzugeben. Und es dauerte Jahre, um mich davon zu lösen und stattdessen endlich „meinen Raum“ einzunehmen.

Und das bringt uns gleich zu einer natürlichen Begrenztheit einer stark den Status quo erhalten wollenden, religiösen Institution: Nicht jeder Interessierte am Buddhismus hat ein Problem mit dem „bösen Ego“. Schon gar nicht in der plakativen Art und Weise, der buddhistische Lehrer anhängen können, weil sie sich das buddhistische Wissen zwar angeeignet, aber nicht mit dem eigenen Schicksal verknüpft haben. In deren Mund wird das Verteufeln des bösen Egos beinahe eine Waffe, mit der sie den Schülern drohen, jedoch nicht zu einer offenen Einladung zur Selbstreflexion und zum Dialog und dazu Herr oder Herrin unseres Schicksals zu werden.

Ja, sehr viel hängt daher von den Lehrern ab, denen wir, als Interessierte im Buddhismus, begegnen. Zeigen sie uns in ihren Worten und Taten, dass es einzig um eine begrenzte Transformation unseres Inneren geht, bis wir stromlinienförmig in den von ihnen propagierten und zu bewahrenden Status quo passen? Oder befähigen sie uns und ermuntern uns tatsächlich dazu, den Weg der inneren Freiheit zu gehen und unser Leben selbst in die Hand zu nehmen? Wollen sie, dass wir Teil ihrer buddhistischen Organisation werden, damit die Institution wächst und gedeiht und auf der Welt einen größeren Raum und Aufmerksamkeit gewinnt? Oder schubsen sie uns irgendwann mal aus dem warmen Nest, damit wir eigenständig an den Plätzen, an die das Leben uns stellen will, den yogischen Weg weitergehen und gemäß unseres eigenen Herzenskompasses vollenden?

Die tibetisch-buddhistischen Zentren, die ich früher kennenlernte, waren darum bemüht, einen bestimmten Status quo aufzubauen und zu erreichen. Das verstehe ich, sofern es darum geht, dieses Zentrum so zu etablieren, dass es dauerhaft und stabil für Menschen da sein kann. Doch schnell kann das umschlagen, in eine Art „Geschäftsgebaren“, bei dem es von Jahr zu Jahr stärker um das Bewahren des eigenen Lebensstils geht: So und so viele Leute haben ihre Existenz von diesem Zentrum abhängig gemacht und wollen ernährt werden. Vielleicht wünschen diese sich zusätzlich eine Verbesserung ihrer Idee eines angenehmen Lebensstils, weil sie das spirituelle Zentrum als Fürsorger und Arbeitgeber wahrnehmen, jedoch nicht mehr als gemeinnützige Institution?

Genauso gut ist es, nach meinen Beobachtungen, möglich, dass der Lehrer selbst seine Spiritualität einzig als einen zu erreichenden und zu bewahrenden Status versteht. Und irgendwann geht es nur noch darum, alle zur Verfügung stehenden Kräfte, Mittel und Menschen gemäß dieses Status um sich herum zu versammeln und zu dressieren, dass dieser Status mindestens bewahrt bleibt. Alles, was in einem solchen Zentrum gedeiht, dient dann nur Religiosität und Religion und dem Erreichen des „Heilsamen“, als Deckmantel für die eigene Bedürftigkeit. In einem solchen Zentrum ist kein inneres Wachstum, keine Wachheit, kein genaues Hinschauen, kein an die Wurzel des Geschehens sich wagender Dialog und kein Meistern des eigenen Schicksals möglich. Und das alles im Namen und zu Füßen eines gerne gefeierten, lebenden oder toten „Denkmals“ eines heroischen „Yogis“? Oder Erbe einer einst einflussreichen Übertragungslinie und Tradition?

Ja, die Grenzen zwischen beidem sind fließend, nirgendwo so sehr, wie in spirituellen Räumen. Und beiden Wegen zu folgen ist möglich: Wir können unsere Verhaltensmuster wirklich bis in die Tiefen kennenlernen und uns innerlich fortwährend transformieren und auf dem Weg, den wir dafür wählen, des Öfteren auf verlassenen Straßen und, beim Durchqueren zugiger Einöden, Hunger und kalte Füße kriegen. Oder wir gehen so weit, in unserem Wandel, bis wir Teil eines bestimmten, uns angenehm erscheinenden Status quo geworden sind, der uns immer ein warmes Plätzchen am Ofen und einen heißen Tee zu bieten hat. Und dort dämmern wir gemütlich vor uns hin.

In meinen Augen darf das auf Dauer nichts Getrenntes, nicht Entweder-Oder bleiben: Entweder Status quo oder yogischer Weg. Beides greift ineinander und der Hang zum Verfestigen eines Status quo muss, auf Basis der Erfahrungen auf dem yogischen Weg, wieder und wieder aufgebrochen werden.

Unter dem Deckmantel des Heilsamen uns so weit zu verändern, bis es uns gut geht: Ist das nicht genau diese selbstbezogene, egoistische Sicht, die uns der tibetische Buddhismus eigentlich aberziehen will? Gelingt dieses fortwährend transformierende Aufbrechen des Status quo wirklich, innerhalb so stark institutionalisierter, ritualisierter und religiöser Strukturen? In der unausgesetzt starke Abhängigkeiten erzeugt und zementiert werden? In meinen Augen bisher nicht. Ja, ich wiederhole mich, doch diesmal aus einem etwas anderen Fokus.

Nur wir persönlich entscheiden über unseren Weg. Geben wir unseren Wunsch auf, Herr oder Herrin über unser Schicksal zu werden und eins mit unserem wahrhaftigen Ich zu werden, verlassen wir den Pfad des wirklich Heilsamen und begnügen uns mit diesem alles beschönigenden Deckmantel.

Wir haben es dann zwar schön warm und gemütlich, unter diesem kuscheligen Deckmantel, an dem alles gemäß unseres erlernten Verhaltens dazu dient, dass wir uns wohl fühlen. Doch wir nutzen dafür andere Wesen aus. Wir machen sie zu Handlangern unserer Bedürfnisse, pressen sie in unsere Denkschablonen, nehmen ihnen ihren Raum und reden ständig auf sie ein, sodass sie ihr eigenes Herz nicht mehr wahrnehmen können. Und wenn es ihnen deutlich schlecht geht, reden wir weiter auf sie ein, zwingen ihnen das auf, was wir für richtig halten und haben dafür, dass es ihnen schlecht geht, stets die perfekte Erklärung parat. Wir füllen ihren Raum mit unserem verbrauchten Atem, sodass ihnen selbst keine Frischluft mehr bleibt.

Und alles nur, damit die Welt nach unseren Wünschen so bleiben darf, wie sie lange war und unter Einsatz aggressiver Selbstverteidigung, Buddha sei Dank, immer noch ist.

Das bedeutet für mich, den eigenen Status quo zu bewahren. Wir führen uns anderen Wesen gegenüber als überhebliche Retter auf, die für alles die richtige Lösung erkannt haben. Und wenn das alles nicht ankommt und nicht funktioniert, so liegt das natürlich ganz an ihnen: Sie sind Unwissende, in Wahrheit umherirrende Hungergeister, verhalten sich falsch, dienen nicht richtig, geben zu wenig - und mit ihnen stimmt sowieso grundlegend etwas nicht.

Und wir übersehen dabei, ja, nehmen stillschweigend in Kauf, dass wir dadurch alle Energie aus anderen heraussaugen, nur, um uns in unserem Status bestätigt zu fühlen. Wir nehmen nicht wahr, dass wir nichts geben, sondern alles für uns behalten. Wir gehen egozentrisch über Leichen. Doch: „So genau wollen wir das gar nicht wissen“, nicht wahr? Hauptsache, sie funktioniert und bleibt gut geölt, unsere jahrtausendealte Maschine. Denn schließlich ernährt sie uns. Wer hackt schon die Hand ab, die das tägliche Brot reicht?

Diese Kluft zwischen zwei Extremen wahrzunehmen, innerhalb meiner spirituellen Welt, tut weh. Für mich besteht das Wesen spiritueller Wachheit genau darin, hinzuschauen. Und nicht wegzuschauen, um mich sicher, geschützt, friedlich, harmonisch und kuschelig zu fühlen.
Interessanterweise gibt es im tibetischen Buddhismus auch den einen oder anderen Lehrer, die sagen, darum ginge es nicht. Doch wenn ich mir anschaue, wem sie dies zum Vorwurf machen, in welchem Zusammenhang dies als Vorwurf geäußert wird, so spüre ich, dass auch diese Wahrheit einfach nur zum Bewahren des eigenen Status und zur Abgrenzung benutzt werden kann, um auf der „richtigen Seite“ zu sein und „als etwas Besseres“ zu gelten. Leer drehende Worte also, um Recht, Raum und Macht zu haben. Nicht jedoch, um damit den Weg der Offenheit und Transformation zu lehren und zu gehen.

Jeder von uns muss selbst entscheiden, welchen Weg er für sich wählt. Und dieser Weg, gemäß der im eigenen, inneren Raum gefundenen Herzensmotivation, die immer das Wohl anderer Wesen einschließt, zu handeln, ist einzigartig und heilig. Und wenn er das Wohl der anderen einschließt, so wird er uns immer dazu ermuntern, genau hinzuschauen, hinzuhören, dem anderen zuzuhören. Dann werden die Beziehungen, die wir eingehen, uns transformieren, jedoch nicht einkerkern, in einer bestimmten Erwartungshaltung oder Rolle. Da findet Dialog statt, der wechselseitig ist und Veränderung, die nicht vor äußeren Strukturen Halt macht.

Und, in Summe gesprochen, erkennst du daher einen guten Lehrer immer daran, ob er sich auch für dich, deine Lebenswelt, deine Sicht der Dinge, deine Ideen, deine Gefühle interessiert und dich grundlegend wertschätzt. Und ob er die Grenzen deines persönlichen Raumes respektiert und wahren kann. Mehr noch, in Momenten, wo du diese Grenzen nicht siehst oder wahren kannst, wird er sich deiner schützend annehmen. Und dir lehren, wie genau das geht. Nur dann ist er ein Meister seines Schicksals, der erfahren ist, dir das Meistern deines Schicksals zu zeigen. Und dabei wird er dich immer wieder auf dich selbst zurückverweisen, als Bewunderung und Verehrung von dir einfordern und erwarten. Oder dass du springst, wenn er nach dir schreit.


Die tibetisch-buddhistische Maschinerie hat sich im Laufe der Jahrhunderte in meinen Augen weit vom ursprünglichen Weg entfernt. Dies war notwendig, um derart massentauglich zu werden. So wird zwar nachhaltig Wissen gepflegt und gewahrt, doch das Augenmerk auf die eigene Meditationspraxis und wirklich in die Tiefe zu gehen, gewinnt an Nebensächlichkeit.

Als ich damals meinen ersten buddhistischen Kurs belegte, so war es für mich ein Glück, dass jemand bereit gewesen war, sich von einer alten Gelug-Tradition zu verabschieden: den Lamrim, ohne vorheriges Absolvieren eines philosophischen Studiums, zu unterrichten. Dies war der erste Jahrgang, der mit dieser Tradition brach. Ich hatte damals wirklich mehrere Wochen überlegt, welchen Kurs ich belegen sollte. Und der Lamrim war das Einzige, was mein Herz ehrlich ansprach. Heute denke ich oft, was aus mir geworden wäre, wenn diese Regel damals nicht aufgegeben worden wäre: Hätte ich die Geduld gehabt, noch einmal „pure Theorie“ zu studieren, nachdem ich bereits 5 Jahre Studium hinter mich gebracht hatte? Oder hätte ich mich abgewendet, um weiter zu suchen?

Mein innigstes Bedürfnis damals war, mich endlich mit mir selbst tiefgehender zu beschäftigen. Ich wollte in meiner Meditationspraxis, die ich seit ca. 1 bis 1,5 Jahren  daheim allein pflegte, weiterkommen. Und dafür brauchte ich buddhistisches Hintergrundwissen, aber nur so viel, dass ich damit, auf meinem Kissen zu Hause, weiter arbeiten konnte. Ich war satt davon, mir Wissen von außen anzueignen. Ich wollte es endlich mit dem, was in meinem Inneren vorging, verknüpfen. Und dank des Lamrim, in Kombination mit meiner täglichen Meditationspraxis, gelang es mir so gut, dass ich Hoffnung und Zuversicht schöpfte, ein glücklicherer Mensch zu werden - und den richtigen Weg gewählt zu haben.

Ich hatte so viel Glück gehabt. Ja, auch das Aufgeben eines bestimmten Status quo kann für jemand anderen ein ungeahntes Glück, etwas unglaublich Heilsames bedeuten!

Doch irgendwann endete es jäh. Denn ich tappte in die Falle, dass meine seit frühester Kindheit verinnerlichten Gewohnheiten mich rasch unter Druck setzten. Wollte ich mich an den Status quo halten, um dazu zu gehören? Um Teil der Gemeinschaft zu sein? Ja, natürlich. Und dafür strengte ich mich genauso an, wie ich es früher in der Familie getan hatte, um alle unausgesprochenen oder gepredigten Erwartungen in bestmöglicher Weise zu erfüllen.

Und der Tag, an dem ich aufgrund meiner verstärkten Selbstreflexion erkannte, dass dies auf Dauer nicht funktionieren kann und wird, stürzte mich in eine erste Krise. Weil mich der Wunsch, den vereinbarten Status quo zu wahren, zwingen würde, „nicht so genau hinzusehen“ - und das konnte ich nicht. Ich bin im Inneren dafür nicht gemacht. Genau hinzusehen entspricht meinem innigsten Wesen. Dieser Krise folgten viele. Und ich wuchs über die schmerzhaften Grenzen und das Gefühl, zu sterben, wenn ich sie erweitere, wieder und wieder hinaus.

So lernte ich im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte, dass es dem Weg meines Herzens entspricht, jeglichen Status quo, sobald er zu feste Strukturen gewonnen hat, aufzugeben und zu transformieren. Das macht das wahre Leben in der heutigen Zeit aus. 

Dabei macht keinen Unterschied, ob dies den familiären, gesellschaftlichen oder spirituellen Status quo betrifft. Herrin des eigenen Schicksals zu sein, fordert von mir, der eigens im Inneren entdeckten Wachheit die Treue zu halten und ihr zu entsprechen. Ich würde im Herzen stets den Betrug spüren, würde ich dem den Dämmerschlaf des schützenden und wärmenden Status quo vorziehen.
Letztlich glaube ich daran, dass diese Zeit, in der wir leben, viel stärker als früher erfordert, vom eigenen Status quo loszulassen und sich wirklich zu öffnen. Wir können auf die Dauer nicht ignorieren, dass wir sonst weiter auf Kosten anderer leben. Das haben wir schon immer getan, doch heute können wir diese Tatsache aufgrund globaler Entwicklungen und dank vernetzter Technik zunehmend weniger ignorieren, wollen wir morgens noch reinen Gewissens in den Spiegel schauen und authentisch und glaubwürdig bleiben. Und das betrifft ganz stark spirituelle Traditionen und ihr Auftreten und Verhalten in dieser Welt.

Ich werde daher nicht aufhören, kritisch und reflektierend hinzuschauen, während ich den Spuren der Vorgänger auf meinem Pfad folge. Wieder und wieder bleibt mir nichts anderes übrig, als zu hinterfragen: „Ist das heute noch zeitgemäß“? Und das tue ich nicht, um „fancy“ zu sein und „up to date“, damit die Erfordernisse erfüllt sind, die meinen Status quo pflegen und nähren. Ich tue das, weil ich mir wirklich Heilung für mein Leiden wünsche, anderen kein Leid mehr zufügen will und zusätzlich mich die Frage bewegt, was grundsätzlich notwendig ist, um alles auf meinem Pfad Förderliche auch für andere und die Zukunft sicherzustellen.

Muss und werde ich dafür Opfer bringen? Wie kann ich das Positive stärken und Jenes bleibenlassen, was mich auf meinem Pfad aufgehalten und zurückgeworfen hat? Und mit diesem wachen Blick auf alles, was mir begegnet, nützt und schadet, gehe ich verantwortungsbewusst weiter. Mir meiner persönlichen Verantwortung und meines persönlichen Beitrags bewusst, dass alles, was ich hier und in Zukunft erschaffen werde, zugleich die Ursache für Glück oder Leid anderer sein wird.

Es ist ein Erfordernis meines Herzens, mich regelmäßig prüfend, zu fragen: „Mache ich es mir gerade unter dem Deckmantel des Heilsamen gemütlich, oder bin ich noch auf dem Weg dahin, Herrin meines Schicksals zu werden“?




Kommentare

  1. Liebe Josephine

    Das hast Du wie immer tief analysiert und in Worte gefasst.

    Im Moment denke ich, dass jeder, den Weg geht für den er reif ist. Religionen sind für viele eine Stütze, die ihnen hilft ihr Leben zu leben, ihm eine Richtung zu geben. Leider sind Religionen auch Spalter, wenn sie äusserlich aufgefasst werden. Ich habe gerade so einiges Geschichtliches gelesen und bin bis in jede einzelne Zelle erschüttert wie so etwas im Namen von Religion möglich ist.

    Wir leben ja im dunklen Zeitalter, dem sogenannten Kali Yuga, nach Armin Risi sind die Religionen unterwandert von Dunkelwesen, die im Kali Yuga Zeitalter die Möglichkeit haben sich auf der Erde zu inkarnieren um wieder den Weg ins Licht zu finden. Einigen mag dies gelingen, andere versuchen ihre Gesetze des Materialismus und der Empathielosigkeit in unserer Welt definitiv zu installieren. All diese Erklärungen beruhen auf den alten indischen Schriften, den Veden, Armin Risi hat sie sich nicht aus den Fingern gesogen.

    Seit ich das Buch von Eben Alexander, dem Neurochirurgen und Wissenschaftler über seine Nahtoderfahrung gelesen habe, ebenso die Bücher von Anita Moorjani, die durch eine Nahtoderfahrung innert kurzer Zeit von ihrer Krebserkrankung im Endstadium genesen ist, frage ich mich wirklich, betrügen uns all diese Religionen? Denn in diesen Berichten, inzwischen gibt es Tausende, ist nur die Rede von der Erfahrung von bedingungsloser Liebe und jeder, der diese Erfahrung gemacht hat, ist geheilt von jeglicher Angst. Dabei sind doch die Religionen Meister im Angstmachen, leider ist der Buddhismus davon nicht ausgenommen, finde ich. Ich weiss wirklich nicht, was ich davon halten soll. Und meines Wissens hat auch noch keine der Religionen öffentlich Stellung genommen zu diesen Berichten, aber ob es genau so ist, weiss ich nicht.

    Für mich wird es immer wichtiger die Verbindung zum inneren Herzensraum aufrechtzuhalten und diese bedingungslose Liebe zu spüren, sich selbst anzunehmen und zu lieben, daraus ergibt sich dann von selbst auch die Liebe zum Gegenüber und ist nicht erzwungen durch intellektuelle Überlegungen, sondern fliesst direkt aus der Urquelle des Seins. Doch ich denke, dass es verschiedene Wege gibt, wer halt eher intellektuell veranlagt ist, will zuerst alles über den Intellekt ergründen, das finde ich okay, ist aber nicht mein Weg. Und inzwischen bin ich so weit, und lasse mir den direkten Herzensweg auch nicht mehr vermiesen. Auch wenn es von diesem intellektuellen Weg heisst, es ist der Königsweg, aber es ist nicht mein Weg!

    Liebe Josephine alles Gute für Dich, Freude und Zuversicht auf Deinem Weg!
    Herzliche Grüsse
    Frieda

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    1. Liebe Frieda,

      herzlichen Dank für deinen Kommentar, auf den ich in zwei Teilen antworten werde:

      In allen Punkten stimme ich dir zu: Religionen sind Spalter, dominieren und formen aus Machtgründen Schicksäler ganzer Kulturen und Länder, ohne dabei vor dem Schlimmsten zurückzuschrecken. Auch der Buddhismus ist keine Sekunde davon ausgenommen. Wir sind mitten in einer prophezeiten, dunklen Zeit und warum sollten die Veden generell Unrecht haben?

      Für mich, als pragmatischen Menschen, sind unter allen, diesen Umständen die wichtigsten Fragen: Wie gehe ich mit diesen schlechten Nachrichten um? Wie positioniere ich mich dazu? Wie reagiere ich in meinem eigenen Leben und Erleben, in meiner Praxis und Annäherung an meine Wahlreligion darauf?

      Richte ich mich aus meinem Herzensraum heraus innerlich auf und stehe zu dem, was sich richtig anfühlt? Oder lasse ich mir von vermeintlichen Autoritäten von außen definieren, wer ich bin, was ich deshalb zu tun, zu sagen und zu denken habe? Ja, das geht ganz klar in die Richtung, die du in deinem markanten Satz formuliertest: „Und inzwischen bin ich so weit, und lasse mir den direkten Herzensweg auch nicht mehr vermiesen.“ Sehr gut, ich freue mich über deine innere Stärke.

      In den eigenen Herzensraum zu gelangen, dauerte ein paar Jahre. Wenn ich die Frage gestellt bekäme, wie ich das geschafft habe, so antwortete ich immer: Auf dem Weg des und mit Hilfe der Mittel und Methoden des tibetischen Buddhismus. Das ist zuerst einmal eine Tatsache.

      Zwar gerate auch ich mal schnell im Dilemma, was nun für mich prägender war: Die Mittel und Methoden des tibetischen Buddhismus oder die Begrenztheit des Buddhismus in seiner institutionalisierten Form und oftmals blinden, leerlaufenden Ritual- und Regelgläubigkeit?

      Am Ende des Tages ziehe ich immer die gleiche Bilanz, dass ich unfassbar dankbar bin, für das, was mich an diesem Weg unterstützt hat, meinen inneren Herzensraum stabil genug einzunehmen, um eben das „blind Gewordene“ an diesem Weg nicht „blind“ zu befolgen. Vielleicht ist das blind Erscheinende auch nicht blind, nur die Art und Weise, wie sich Lehrer dazu positionieren, ist blind? Vielleicht erscheint mir aus meinem Blickwinkel etwas blind, weil kulturelle Verschiedenheit mir den Zugang verwehrt?

      Wie gehe ich damit um, wenn eventuell einer dieser „Blinden“ mir weismachen will, ich sei blind? Bleibe ich stabil in dem, was sich im Herzen richtig anfühlt, nachdem ich sorgfältig geprüft habe? Oder werfe ich hin, weil nicht alles Gold ist, was glänzt? Das ist immer und immer wieder eine ganz persönliche, eklatant wichtige Entscheidung.

      Ich schrieb davon, wie mein Vater damals reagierte, als ich geschichtliche „bad News“ in Sachen Kirche für ihn hatte: Er wollte davon nichts hören und nichts wissen. Und schnitt mir kurzerhand das Wort ab. Das war seine Entscheidung, die ich, aus einem gewissen Blickwinkel heraus, verstehen kann. Was ihm selbst im Herzen heilig war, sollte heilig bleiben. Und unbefleckt. Knallharte Desillusionierung über das, was man liebt, ist sehr schmerzhaft. Mir ging und geht es mit tibetischen Buddhismus genauso - und ich gehe davon aus, dass viele Vertreter des Buddhismus wieder und wieder eine ähnliche Entscheidung treffen, wie mein Vater im damaligen Moment.

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    2. Und das bringt mich zu dem Punkt, an dem du sagst, dass „die Religionen“ ja niemals dazu Stellung genommen hätten, was die Veden sagen. Gibt es „die Religion“ überhaupt? Wenn man von einer Religion das nicht sagen kann, dann vom Buddhismus. Und, schauen wir uns den tibetischen Buddhismus an, müssen wir berücksichtigen, wie viele Schulen und Unterschulen es gibt und wie viele unterschiedliche Lehrer auf unterschiedlichem Niveau. Ich wüsste nicht, dass es außerdem eine zentralisierende Instanz gäbe oder in allen Schulen der Wunsch nach Vereinheitlichung beispielsweise dessen besteht, was und wie sie innerhalb einer Schule oder Übertragungslinie lehren und welche Gebetstexte sie sprechen.

      Nun ist der Dalai Lama eine respektierte und angesehene zentrale Figur, doch bedeutet das wirklich, dass alle Vertreter des tibetischen Buddhismus unterstützen und befolgen, was er sagt? Mal ganz ehrlich und kritisch betrachtet und gefragt?

      Mit anderen Worten: Diesen Gegebenheiten entsprechend wähle ich täglich meine Position. Ich setze darauf, dass es auf meinem Weg ganz stark auf mich selbst ankommt und auf das, was ich aus allem, was mir innerhalb dieser Religion begegnet, mache. Das ist nicht immer einfach und macht seltener Spaß, als ich mir wünschen würde. Ich vertraue dennoch meinen positiven Erfahrungen und richte mich aus meinem inneren Herzensraum heraus auf. Ich gestalte in meinem Verhalten, meinen Äußerungen, meiner Praxis täglich das mit, was man „die“ Religion „tibetischer Buddhismus“ nennen könnte. Und jeder Lehrer und andere Praktizierende tut es auch. Einige folgen jenen, die innerhalb dieser „Religion“ Materialismus und Empathielosigkeit installieren wollen und begünstigen das. Andere folgen ihrem wahren Herzen. So sieht es aus.

      Ja, und oft treffen wir auf Lehrer oder Lehren, die uns Angst machen. Ich habe die ersten Jahre meiner Praxis auch in Angst verbracht, die wie eine dunkle Wolke über dem Zentrum zu hängen schien, das ich damals besuchte. Ich konnte diese dunkle Atmosphäre bis zum Schluss nie an irgendetwas konkret festmachen oder wirklich greifen. Interessanterweise spürte ich das damals nicht vom Lehrer ausgehend, mehr von den Praktizierenden vor Ort. Ich fühlte mich mit dieser eher subtilen Wahrnehmung auch allein. Letztlich war dieser Druck auf der Brust, der aus der Atmosphäre resultierte, ein wichtiger Grund, dass ich von dort weggegangen bin.

      Ab dem Moment jedoch, wo ich, in meiner persönlichen Praxis, über mein Herz, Zugang zum Dharma fand, fand ich auch Zugang zu dem, was du bedingungslose Liebe nennst, die andere im Rahmen von Nahtoderfahrungen unisono beschreiben. Das ist und bleibt eine persönliche, private Erfahrung. Und in diesem Moment begann für mich, was ich „yogischer Weg“ im Gegensatz zum Ausüben und Folgen einer Religion nannte.

      Und, last but not least: Der intellektuelle Weg ist in meinen Augen nicht der Königsweg. Der intellektuelle Teil ist wichtig, aber nicht alleinig zielführend. Es braucht eine Ausgewogenheit in Theorie und Praxis, zwischen Wissen und Verstehen und der Verknüpfung zu unseren Gefühlen. Das, was wir täglich in uns erleben, ist sehr stark vom Fühlen geprägt, selbst wenn wir dazu keinen bewussten Zugang haben. Fühlen ist die wichtigste Instanz, wenn es um die Wahrnehmung unseres Herzens, unseres wahren Ich und die Summe unserer verinnerlichten Erfahrungen geht. Nur, weil in den letzten Jahrhunderten der Intellekt stark beworben und betont wurde, heißt ja nicht, dass dies der letztgültigen Wahrheit entspricht, nicht wahr?

      Nochmals vielen lieben Dank für deinen Beitrag, sowie deine guten Wünsche, liebe Frieda. Ich wünsche dir viel Kraft, Energie und Richtung, dass du keine Kompromisse machst, wenn es darum geht, dem zu folgen, was sich in deinem Herzen liebevoll, gütig, heilsam und richtig für dich anfühlt.

      Bis bald und herzliche Grüße
      Josephine

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    3. Liebe Josi,

      vielen Dank für deine Worte! Wie immer präzise und klar die Positionierung gegenüber den Lehrenden und deren Anhängern.

      Aus meiner Erfahrung kann ich dazu sagen, dass es schon einige gute Lehrer gibt, die all das wissen und verändern könnten, aber nicht wagen. Vielleicht warten sie auf einen Beweis ihrer Vermutung oder es mangelt an Mut und die Kühnheit, auch sich gegen eigene Leute zu stellen. Es käme für diese vielleicht wie ein Verrat oder die Aufgestandenen würden um ihre (wirtschaftliche) Existenz bangen oder wer hat schon die Lust in unserer unsicheren Welt ein Nobody zu sein und dazu noch auf sich allein gestellt?

      Vielleicht ist die von dir beschriebene Problematik bloß zu einer Kulturgeschichte verkommen und die Repräsentanten des Buddhismus sich bloß nur "national" interpretieren?.. Nehmen wir den Tibetern ihre Religion weg, was würde da übrig bleiben?... Das ist nur meine Überlegung, was hinter der spirituellen Feigheit stecken könnte, als die anerkannte Unterwanderung der ursprünglichen Reinheit durch die Dunkelheit des Kali Yuga. Sorry, das Kali Yuga hat viel zu viel Aufmerksamkeit, die es nicht mehr verdient. Ab sofort ist das dunkle Zeitalter kein Argument mehr, sich aus der Verantwortung zu stehlen.

      In meinem Geist ist da immer eine andere Wirklichkeit am Funken, die, seit ich denken kann, mir immer zeigt, wie es wäre, wenn... Sehr lange habe ich diese innere andere Wirklichkeit als Fantasie abgestempelt, aber heute bin ich überzeugt davon, dass die Innere Vision kein Zufall ist. Es muss viele Praktizierende geben, die diese andere Realität bestätigen können. So sehr würde ich mir wünschen, wir würden einen Quantensprung in die Zukunft wagen und lebten bereits in jener Zeit und an jenem Ort der Freiheit, ohne Interpreten der Wahrheit... Vielleicht leben wir bereits dort, aber die Schleier der Vergangenheit, respektive der Gewohnheit, zerren uns wieder und wieder in die falsche Richtung...? Wer weiß das schon? - Wenn diese Erkenntnis eine kritische Masse erreicht, wird sich unsere Welt bestimmt verändern.

      In Liebe
      Deine Jampa Lhatso

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    4. Liebe Schwester,

      seitdem ich deine Woerte gestern las, muss ich an „die Wende“ denken, die Wiedervereinigung Deutschlands nach dem Mauerfall. Damals gab es seitens vieler Menschen in der ehemaligen DDR die Hoffnung, das Gute an der DDR bewahren zu können und in die „neue Welt des Westens“ zu integrieren.

      Als ich wenige Jahre nach der Wende noch im Osten zu studieren begann, da herrschte an der Universität noch ein Hauch dieses Selbstverständnisses „wir sind anders als der Westen“. Und andererseits mussten die Lehrenden an der Universität nicht mehr „stromlinienförmig systemkonform“ sein.

      Da gab es Situationen in kulturphilosophischen oder -soziologischen Seminaren, die wirklich spannend, aufrüttelnd waren und den Eindruck vermittelten, die Teilnehmenden seien sich einer gesellschaftlichen und sozialen Verantwortung bewusst. Doch ich hatte das Empfinden, dass dieser Funken, der da manchmal durch Diskussionen und konträre Sichtweisen entfacht wurde, einfach in diesem Raum verblieb. Es drang davon nichts nach außen, zumindest nicht für mich bemerkbar.

      Das verursachte viele Fragezeichen in mir, insbesondere stellte es mich persönlich vor die Frage, wie ich mein Leben leben möchte. Ich wollte das, was ich als maßgeblich erkannt habe, auch direkt in mein tägliches Leben umsetzen, denn wofür ist es gut, wenn solche Funken im in sich geschlossenen Mikrokosmos „Universität“ verpuffen?

      Daher meine Entscheidung, eben nicht nochmal buddhistische „Theorie“ zu studieren und keine akademische Laufbahn einzuschlagen. Ich wollte und will dicht am Leben dran bleiben und auf das, was ich wahrnehme, auch eingehen, damit in Dialog treten und danach handeln.

      Aus diesem Blickwinkel betrachte ich meine buddhistische Praxis: Kann ich damit hier und jetzt, in dieser Welt, in der ich gerade bin, etwas Gutes aus allem machen? Befähigt mich diese Praxis dazu? Wenn nicht, wofür ist sie gut? Dafür, dass ich in zukünftigen Leben .... usw.?

      Pessimistische Gedanken daran, was jetzt alles schlecht ist - zum Beispiel auch nach der, aus dem oben beschriebenen Blickwinkel „misslungenen“ Wende - unterstützen sie mich in meinem Leben und dem Wunsch, mich auf das Positive und Gute in mir und anderen zu fokussieren und eine Welt zu kreieren, in der dieses Gute lebendig wird? Nein. Daher stimme ich dir zu: Über die „schlechten Zeiten“ zu jammern, in denen wir leben, ist nichts, als eine Ausrede. Eine, die mich resignieren lässt und nicht in die Lage versetzt, zu handeln.

      Viele der „gelernten DDR-Bürger“ fühlen sich vielleicht auch heute noch ihrer Identität von damals beraubt, selbst wenn die kulturellen Unterschiede nicht so eklatant sind, wie zwischen „Tibetern“ und „Westen“. Aber noch heute erkenne ich, nun schon ca. 20 Jahre im „Westen“ Deutschlands lebend, einen deutlichen Unterschied zwischen „Ossi“ und „Wessi“.

      Nun mag ich über die Sichtweisen und inneren Einstellungen der tibetisch-buddhistischen Lehrer und Gelehrten nicht urteilen und kann sie nicht wirklich einschätzen, aber da ich den tibetischen Buddhismus immer als eine Bereicherung erlebt habe, macht mich dieses, in meinen Augen ebenfalls „verpuffende Gute“ im in sich geschlossenen Mikrokosmos tibetischer Buddhismus genauso nervös und unzufrieden, wie während meines Studiums.

      Ja, auch in meinen Augen ist da mehr drin. Das Leben geht weiter, nichts bleibt, wie es war. Wie weit stellen wir uns positiv und mutig dieser Tatsache? Wie sehr vertrauen wir darauf, dass das Gute nicht verschwindet, dadurch, dass es sich in der Form, in der es sich bisher zeigte, verändert? Was hat, unserer Wahrnehmung nach, die größere Kraft? Was ist von größerer Wichtigkeit - Tradition oder Fortschritt? Wie finden wir die richtige Mitte? Es ist ja nicht so, dass wir uns hier, im „Westen“, nicht täglich genau die gleichen Fragen stellen müssten, wenn wir uns entschieden haben, ein „bewusstes“ Leben zu führen!

      Wie du weißt, teile ich mit dir die Zuversicht in die Zukunft. Und ja, alles dies hat auch etwas mit der notwendigerweise zu erreichenden, kritischen Masse zu tun.

      Fühle dich herzlich umarmt,
      Deine Josi

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  2. Vielen Dank liebe Josephine für Deine ausführliche Antwort, ich habe sie gelesen und werde sie später nochmals lesen, sie ist so angefüllt mit Wissen und Weisheit, dass ich es nicht schaffe alles auf einmal aufzunehmen.

    Mit "dass die Religionen (alle) nie dazu Stellung genommen hätten" meinte ich nicht die Veden, sondern die Nahtoderfahrungen Tausender von Menschen weltweit, denn was diese erfahren, steht im Gegensatz zu dem was wir (ich erst im Christentum, später im Buddhismus) über Sterben und Tod zu hören bekamen. Aber vielleicht haben sie es ja getan und ich weiss nichts davon. Religionen spielen in diesen Erfahrungen auf jeden Fall keine Rolle, sondern wie weit wir uns selbst und andere geliebt haben, ist die Frage.

    Ja, ich bin auch sehr dankbar für Vieles, was ich lernen durfte im Buddhismus, nicht nur im tibetischen auch von Lehrerinnen wie Ayya Khema und der Zen-Meisterin Daehaeng, die ich beide leider nie persönlich getroffen habe, doch mit ihrem Geist haben sie mein Herz berührt. Mich ganz in so einer Gemeinschaft niederzulassen habe ich nie geschafft, früher war ich traurig darüber, heute bin ich beinahe froh ist es so. Und vielleicht stimmt das Sprichwort, dass der Lehrer/die Lehrerin auf uns zukommt, wenn wir reif dafür sind. Ich bleibe offen dafür, aber ich suche nicht mehr danach.

    So nun habe ich schon wieder so viel geschrieben, ich wünsche Dir morgen einen guten Start in die neue Woche, viel Freude und Erfolg bei Deiner Arbeit. Ich habe es ja gut, ich kann es gemütlich nehmen.

    Alles Liebe zu Dir
    Frieda

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    1. Liebe Frieda,

      lieben Dank, dass du deinen Gedanken noch einmal richtig gestellt hast. Ich hatte da, während des Schreibens, schon das Gefühl, dass da gerade etwas nicht zu deinem Kommentar passt - doch dann riss mich der nächste Gedanke schon mit sich fort... ;-)

      Und da es deren so viele gab, die ich mir mache, die aber deswegen nicht zwangsläufig alle für dich relevant sind: Ich erwarte nicht, dass du ihnen allen folgst, sie alle aufnimmst oder auf alle eingehst :-)

      Ich persönlich glaube im Übrigen nicht, dass die Nahtoderfahrungen, die Menschen machen, irgendwie konträr zu den Auffassungen der Religionen sind. Sicherlich werden sie schematisch in den Religionen dargestellt, vielleicht sogar symbolisch und verschlüsselt. Letztlich zeigen sich alle diese Positionen innerhalb der persönlichen Erfahrung individuell und unterschiedlich. Dennoch haben sie alle eine gemeinsame Grundlage, eine Essenz, die du bedingungslose Liebe nennst. Vielleicht kommt es auch hier darauf an, wer die Erfahrung, die im Tod gemacht werden, erklärt und vermittelt? Und dafür sind letztlich die Menschen mit Nahtodeserfahrung die größeren Spezialisten, nicht aber die Vertreter einer Religion, die so etwas noch nicht erlebt haben...

      Aus jedem deiner Kommentare hier spricht deine Liebe und Dankbarkeit, den Buddhismus betreffend und wie sehr er dir weiterhin am Herzen liegt. Eines steht fest: Niemand von uns nähme sich die Zeit, so oft und viel über alles das hier nachzudenken und zu schreiben, wenn dem nicht so wäre.

      Ich wünsche dir sehr, dass das Sprichwort für dich Wirklichkeit wird, dass der/die rechte Lehrer/in im rechten Moment noch kommt.

      Auch für dich eine wunderschöne, erfüllte und gute Woche,
      herzlich
      Josephine





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    2. Liebe Freundin,

      neulich ist mir zu Ohren gekommen, wie ein großer buddhistische Gelehrter vor versammelten Mönchsmannschaft zu strikter Einhaltung der Vinaya-Regeln forderte. Das verursacht den Niedergang unserer Welt, sinngemäß sagte er. Ja, weil die Mönche ihre Regeln nicht zu 100 % einhalten, könnten einige Probleme in dieser Welt verschärft werden.

      Jedoch, liebe Freundin, muss das nicht das alleinige Problem unserer Zeit sein! Die armen Mönche, würde ich sagen, tragen dazu sicherlich nicht zu viel bei... Nur ein bisschen vielleicht.

      Ja, die Welt spaltet sich gerade auf zwei Lager - auf die Guten und auf die Bösen. Auf Weiß und Schwarz. Auf Reich und Arm. Auf Gläubige und Ungläubige usw. Ist es nicht so, dass diese unruhige und unsichere Zeiten auch eine gute Seite zeigen, nämlich, dass wir nicht mit alten Mitteln die Zukunft gestalten können, sondern brauchen dringend Neue Frische Ideen und Mitteln und vielleicht etwas von Neuem Geist? Ist es nicht interessant genau das rausfinden zu wollen, woher dieser Neuer Geist ja komm soll? Vom Himmel?...

      Das Wiederkehren des Alten, des Konservativen, des Traditionellen bringt im Augenblick in manchen, teilweise sehr großen Volkswirtschaften, viele Probleme ("Brocken", sagen manche Politiker) - mehr Streit, mehr Hass, mehr Gewalt.

      Wir müssen, liebe Lehrer, diese Welt leider miteinander teilen und diese Welt ist leider vollkommen zerbrechlich: was kaputt ist, wird für immer verloren gehen. Wollen wir das?...

      Ist es denn notwendig, eigene durch Kultur geprägte Identität retten zu wollen oder macht es eher Sinn, an einer Neuen offenen und freundlichen (Welt-)Gesellschaft zu arbeiten oder den Samen dieser Zukunft jetzt aktiv zu säen?

      Sicherlich hat dieser Höchste buddhistische Instanz Recht, eigene Schüler zur Vernunft zu bringen. Wer Regel nicht einhält, ist kein guter Praktizierende. Punkt. Aber geht es gerade darum, um diese Praxis? Geht es denn nicht darum, dass die Lehrer selbst schlechte Manieren haben, wenn sie gleichzeitig von Höchster Ethik sprechen, selbst aber in Palästen wohnen und sich von anderen bedienen lassen? Diese jene Lehrer wollen ja auch nichts vom "einfachen" Volk (Fußvolk) wissen und weisen ihre Schüler an, diese Rat- und Hilfesuchende fern vom Leib zu halten... Ja, die wollen ihre Ruhe haben...

      Da kenne ich jemanden, der spendete einem Großen Lehrer einen Geldbetrag (wohl bemerkt hart erarbeitet), in der Hoffnung zusammen mit der Sangha einen Audienz zu haben. Der Schein wurde ihm oder ihr mit Freude genommen, jedoch war diese Person zum Termin nicht eingeladen. Also haben die Schüler dem Großen Lehrer eine schöne Spende überreicht und so viel Freude daran gehabt...Hörte man dann hinterher... Ein "Danke Schön" dem Spendierenden gab es leider nicht... Aber was soll es, Hauptsache, der Großer Lehrer möge lange leben und bald wiederkommen!

      So. Auf welcher Seite wollen diese Lehrer eigentlich stehen? Tee trinken und auf den Weltuntergang zu warten? Tee trinken und Vinaya praktizieren? Tee trinken und in schönen Betten schlafen, schönes Essen haben und ... na ja, vergaß ich noch diesen prominenten Fall, wo es auch um Missbrauch ging... Aber ja, war es da nicht so, dass die Schüler wenigstens teilweise selbst schuld daran waren und der Lehrer musste deswegen ins Retreat gehen (um sich vielleicht der Strafverfolgung zu entziehen oder sich wieder auf die Höchste Ethik zu besinnen, was auch immer).

      Ich will eine endgültige Antwort: auf welcher Seite stehen unsere ohne Zweifel WISSENDE Lehrer? Auf der Guten oder auf der Schlechten?..

      Solange ich keine Antwort habe, kein Statement von ihnen, FOLGE ICH DEM RUF MEINES HERZENS.

      Ich folgen nicht dem Ruf des Lama aus der Ferne. Definitiv nicht.

      Danke für Deine Hingabe zum Dharma,

      in Liebe Jampa Lhatso

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  3. Liebe Schwester,

    du sprichst in deinem Kommentar wieder viele Punkte an. Sie alle handeln von Fragen, die wir uns automatisch stellen und stellen müssen, wenn wir uns dem tibetischen Buddhismus nähern. Dies verlangt von uns eine gewaltige Integrationsleistung. Wir müssten das nicht. Doch warum machen wir es trotzdem? Aus ehrlichem Interesse, vielleicht auch aus Liebe zum Dharma.

    Daraus resultieren in meiner Erfahrungswelt folgende Widersprüche:
    1. Welche Haltung können wir als Laien und Frauen zum Dharma einnehmen? In der einen Welt das Primat des Mönchtums, des Vinaya als Voraussetzung und Bedingung eines schnellen Fortschritts auf dem Weg, vielleicht sogar in Form eines extremen Lamaismus. In meiner Welt volle Berufstätigkeit in einer stark heterogenen Umgebung, die von mir täglich Eigenverantwortung, Entscheidungs- und Anpassungsfähigkeit sowie den Umgang mit einer Flut von Informationen verlangt.
    2. Muss ich mich als Laie damit abfinden, dass ich Pech gehabt habe und nun maximal Lehrern etwas vom hart verdienten Geld spenden kann, um Verdienste anzusammeln? Und allen Urlaub und Erspartes im Jahr für ein paar Tage Unterweisungen auszugeben? Und dafür auf die eigene Altersversorgung zu verzichten?
    3. Hinzu kommt der "Filz" in den Dharmazentren. Dein Spendenbeispiel verdeutlicht es schon. Ich ergänze: Übersetzer, die die Fragen, die ein Schüler seinem Lehrer stellen möchte, zensieren und sich weigern, zu übersetzen. Schüler oder führende Persönlichkeiten im einem Zentrum, die aussortieren und bestimmen, wer überhaupt zum Lehrer vordringen darf. Schüler, die das unethische Verhalten der so genannten Lehrer mit einem müden Schulterzucken akzeptieren und sich zu dessen Handlanger machen, obwohl sie wissen und auch aussprechen, dass dieses Benehmen nicht okay ist. Schüler, die des Englischen nicht mächtig sind und sich ausgegrenzt fühlen, weil das Übersetzen ins Deutsche nicht zum europäischen Expansionskurs des ansässigen Lamas passt und offenbar niemand ihm widerspricht. Schüler, die ständig kritisiert und belehrt werden, weil sie rauchen. Lehrer, die sich ihren Vorstand nach Hörigkeit seiner Mitglieder zusammenstellen. Usw.
    4. Ich möchte den Buddhadharma in mein Leben integrieren und nicht tibetische Folklore pflegen. Wie lässt sich hier die Mitte zwischen meinem Bedürfnis finden und dem ebenfalls berechtigten Bedürfnis, den tibetischen Buddhismus zu bewahren?
    Zwischen meinem Bedürfnis nach Transparenz, Demokratie, Offenheit und mich einzubringen,um den Dharma tiefgründig kennenzulernen und andererseits der Angst vor dem Missachten von Regeln, die ich auf die Relevanz für mein Leben noch gar nicht die Gelegenheit hatte, zu prüfen, die aber wesentlich für den tibetischen Buddhismus sind?

    Das nimmt uns keiner ab, diese Dinge für uns klären zu müssen. Im Vergleich dazu wirken manche Lehrer oft arrogant und beinahe menschenverachtend, in ihrer Erwartung, uns ihnen anzupassen. Und weil dieses Bild, diese "Außenwirkung" bei uns massiver ankommt, als die wenigen positiven Beispiele, kostet es zusätzlich Energie, das wenige Gute zu sehen, darauf zu vertrauen und sich darauf zu stützen. Und ja, das kann unter Umständen sehr wütend machen. Da entsteht leicht der, vielleicht unberechtigte, aber naheliegende Eindruck: Wir hängen uns mit voller Kraft rein und die Lamas und Verantwortlichen im Dharma interessiert es nicht die Bohne, Hauptsache, wir finanzieren sie.

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  4. Fortsetzung:...

    Das muss ausgesprochen, diskutiert, geklärt und idealerweise anders und besser gemacht werden, in der Zukunft. Da führt kein Weg daran vorbei. Ich muss mich täglich in meinem heterogenen Arbeitsumfeld damit befassen, wie ich nach außen wirke und mich reflektieren, ob dies A) meiner Position im Unternehmen und B) den Menschen entspricht, mit denen ich täglich zu tun habe. Von mir wird erwartet, dass ich bereit bin, auf sie zuzugehen und mich auf sie einzustellen, nicht umgekehrt. Und ich muss mich täglich mit den Konflikten befassen, die aus dieser Unterschiedlichkeit der Menschen und ihrer Herkunft entstehen. Genau das erwarte ich daher auch von den Vertretern des Buddhismus - und du sicherlich auch.

    Manchmal denke ich, dass genau hier den Tibetern Erfahrungen fehlen: Sich auf andere einstellen und sich an andere und ihre Lebenswelt anpassen zu müssen. Mir erscheint es auch des Öfteren absurd, diese Diskrepanz zu sehen, während doch der Dharma genau dies lehrt? Oder gemäß meines Verständnisses lehrt?

    Mir persönlich würde diese Stellungnahme, die du forderst, nicht ausreichen. Vielleicht bräuchte ich sie nicht einmal. Ich wünsche mir statt der Worte tatsächlich Taten.

    Und ich bin zuversichtlich, dass sich etwas ändern wird, weil es nicht so bleiben kann.

    Vielen Dank für deinen Kommentar und einen guten Arbeitstag, meine Liebe.
    Herzlichst
    Josephine

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