Die unbedachte Intuition

Nein, ich habe nicht zwei Gesichter, hänge mein Mäntelchen nicht nach dem Wind, aus strategischen, auf mein Vorankommen bedachten Gründen. Ich lebe dennoch, wie alle anderen, mit verschiedenen Rollen. Selbst wenn ich diese zu reduzieren bemüht bin, diktiert mir mein Lebensumfeld diverse Rollen und ich verhalte mich in Relation zu gegebenen Umständen und Menschen.

So oft es geht, bin ich möglichst nah an dem, was ich in mir lebendig fühle. Je nach Kontext wähle ich Inhalte und Worte aus und verhalte mich auf bestimmte Arten und Weisen.

Ich wurde in ein gesellschaftliches Extrem hinein geboren. Dieses Extrem fällt uns in der Regel nicht auf - wir kennen es nicht anders. Die Wenigsten würden es ein Extrem nennen, für mich war es schon immer eins: Das Extreme fokussieren auf alles Fassbare. Fassbar im Sinne von dokumentierbar, nachweisbar, abbildbar, belegbar, beweisbar und messbar.

Als empathischer, feinfühliger Mensch, bin ich jemand, der über viele Kanäle gleichzeitig Informationen und Einflüsse aus meiner Umgebung wahrnimmt und mit ihnen in Resonanz geht. In der Kindheit scheiterte ich schnell am Anspruch meiner Eltern, diese Fülle an Informationen auf nur einen Kanal herunter brechen zu müssen. Von mir wurden klare, sprachliche Äußerungen verlangt. Alles beschränkte sich auf das, WAS ich sage - und dass es unmissverständlich und eindeutig zu sein hat. Und am besten lösungs- und ergebnisorientiert.

Ich erinnere deutlich ein Weihnachtsfest zu Zeiten meines Studiums: Ich äußerte mich zu meinen Erkenntnissen über die negativen, gesellschaftlichen Entwicklungen seit dem Mittelalter, angestoßen durch die Kirche. Ich sprach offen über deren vereinseitigenden Einfluss auf das geistige Erleben. Je mehr der Leib als etwas Anstößiges, Niederes verteufelt wurde, desto mehr auch alles das, was sich nicht mehr rational abbilden ließ. Und die Entwicklungen der Aufklärung war für mich der Gipfelpunkt der Rationalisierung, für die schon Jahrhunderte zuvor die Ursachen gelegt und Weichen gestellt worden waren.

Das war das erste und letzte Mal, dass mein Vater mir im wahrsten Sinne des Wortes den Mund verbot. Hatte ich auf seinen Freigeist gehofft, mit dem ich mich über solche Sichtweisen locker und offen austauschen kann, fühlte ich mich unversehens in intellektuelle und auch emotionale Schranken verwiesen.

Mir schien, ich konnte den Ansprüchen an meine Kommunikation niemals gerecht werden, geschweige, dem WIE meiner Wahrnehmung. Ich vermochte nicht, mich in Worte zu fassen. Ich scheitere ständig daran, mich adäquat auszudrücken und verständlich zu machen. Und ich suchte die Schuld dafür lange Zeit bei mir.

So kam es, dass ich verstummte. Geprägt vom Gefühl, mich nicht verständlich machen zu können und deswegen nicht verstanden zu werden. Äußerte ich etwas von meiner komplexen Wahrnehmung, sprengte es wie beschrieben den familiären oder gesellschaftlichen Horizont, den zuzulassen man sich stillschweigend geeinigt hatte.


Heute schaue ich auf diese Zeit zurück mit einem differenzierenden Blick. Klar ist, dass alle Prägungen, die mich dank meiner Erziehung und Abstammung erreichten, schon über Generationen hinweg gewachsen waren. Und was mir im Arbeitsleben begegnete - und heute begegnet, ist genau denselben, langen Entwicklungsweg gegangen.

Fakt ist, dass ich mich dazu in einer inneren Opposition empfand, weil ich deutlich spürte, dass ich, aufgrund meiner inneren Struktur, in vorgefertigte Schubladen nicht hinein passe. Wie keiner von uns. Ich habe mir Jahrzehnte lang Gewalt angetan, um mich in eine solche zu quetschen. Ich schaffte das nur bedingt. Dies war eine Quelle tiefer Minderwertigkeitskomplexe.

In meinem Arbeitsleben erfüllte ich über Jahre pflichtschuldig meinen Anteil, rational und lösungsorientiert zu sein. Wenn es darum ging, dass etwas nicht gut lief oder funktionierte, forderte der Chef zum Beispiel, mit einer fertigen Analyse der Situation plus adäquatem Lösungsvorschlag bei ihm aufzutauchen. Sonst wollte er von dem Ganzen nichts wissen. Obwohl alles in mir sich gegen ein solches Vorgehen sträubt, lieferte ich, sofern möglich. Und wenn es nicht möglich war, ließ ich es einfach, etwas beim Chef zu thematisieren.

Inzwischen werde ich für meine Sachlichkeit und Neutralität in meiner Arbeit geschätzt. Ich lasse mich nicht zu Gefühlsduselei hinreißen, ergreife nicht ohne schlüssige Argumente oder die Relevanz für die Gruppe durchdacht zu haben, jemandes Partei. Ich habe gelernt, diplomatisch und kommunikationsstark, im Kontext des unmittelbaren Augenblicks angebrachte Worte zu finden. Und das hat meine Minderwertigkeitskomplexe in Sachen Kommunikation zum Verschwinden gebracht.

Dennoch blieb und bleibt eine wesentliche Dimension meines inneren Erlebens ausgeschlossen. Ich blendete sie aus, weil ein unausgesprochenes Gesetz in unserer Gesellschaft dies stillschweigend einzuhalten verlangt. So empfinde ich das. Ich schweige über viele Facetten und Dimensionen, die ich zwischenmenschlich und prozessual wahrnehme, weil die Informationen daraus nicht mess- und belegbar sind. Damit brauche ich der vorrangig lösungsorientierten Führungsebene nicht kommen. Es versteht sich, dass diese Führungsebene größtenteils männlich ist.

Ich erlebe diese anderen Dimensionen, die ich gerne „intuitiv“ nennen möchte, täglich entscheidend und prägend, für menschliches Miteinander und das Funktionieren von willkürlich, „top down“ beschlossenen Prozessen. Diese intuitiven Dimensionen bestimmen auch die Reaktionen aller Beteiligten, ob Führungskraft oder normaler Angestellter. Weil sie als „nicht rationalisierbar“ ausgeblendet werden, bleiben sie häufig unbedacht. Je weniger sie einbezogen werden, desto höheres Frustpotential erwächst aus ihnen.

Der Frust entlädt sich in etwas, das gewöhnlich „Befindlichkeiten“ genannt wird. Ein „bottom up“-Phänomen, will mir scheinen, die die Führungsebene wiederum durch eine machtvolle Ansage von oben zu deckeln versucht. Solche emotionalen „Befindlichkeiten“ werden  als „nicht professionell“ gebrandmarkt und nach unten zurück delegiert.

Meine erhöhte Frustration damit, diese intuitiven Dimensionen auszublenden, führte dazu, dass ich in meiner Arbeit nicht mehr einfach weitermachen konnte und wollte. Hätte ich mich weiter da hinein gefügt, wäre ich mir zu stark untreu geworden, als ich es in manchen Situationen ohnehin schon bin. Oder aus oben genannten Gründen glaube, sein zu müssen.

Ich nahm dafür in Kauf, als hochgradig frustriert wahrgenommen zu werden, selbst wenn dies bedeutet hätte, als „nicht professionell“ zu gelten. Ich ließ mich durch dieses negativ besetzte Prädikat nicht davon abhalten, die Frustfaktoren hartnäckig anzusprechen und meinerseits nach oben zurück zu spiegeln. Und ich hatte für keines der benannten Phänomene auch nur den leisesten Lösungsvorschlag.

Das, was ich schilderte, war das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses. Ein Prozess, für den es keine schnelle Lösung gab, nach der man wieder zum operativen Tagesgeschäft übergehen konnte. Ein Prozess, der bisher scheinbar nur in „Befindlichkeiten“ und „Animositäten“ bestand. Und die Situation würde wiederum einen Prozess, also Raum und Zeit erfordern, die Lage tiefgreifender zu sondieren.

Ich konnte für dieses Phänomen schon deshalb keine Lösung liefern, weil zu viele Schnittstellen involviert sind, auf die ich keinen Einfluss habe. Geschweige, dass es mein Aufgabengebiet zuließe, mich damit auseinanderzusetzen. Täglich muss ich dennoch mit dem Frust klarkommen und idealerweise motiviert arbeiten.

Im ersten Moment wurde ich damit der Führungskraft unbequem. So spürte ich es, im Augenblick des Aussprechens und Thematisierens. Und indem ich sagte, dass die von mir gewünschte Haltung in der Arbeit unter den gegebenen Umständen nicht machbar ist, näherte ich mich dem Verdacht, ich sei „ausgebrannt“. Ebenfalls ein wenig schmeichelhaftes Prädikat für einen Mitarbeiter eines Unternehmens. Mein Empfinden, unbequem zu sein, unterstrich meine Führungskraft in Form genervter und impulsiver Reaktionen auf das Geschilderte. Da befand sich heftiger Unwillen im Raum, sich mit etwas auseinandersetzen zu wollen, was nicht fassbar oder greifbar war, sich der Belegbarkeit in Zahlen, Daten, Fakten entzog.

Als empathischer, intuitiver Mensch und als Frau habe ich persönlich kein Problem damit, täglich in Prozessen zu denken und mich in solche involviert zu erleben. Frauen kommunizieren vorrangig miteinander, um Informationen auszutauschen. Informationen, die dann in laufende Prozesse integriert werden. Frauen neigen nicht dazu, zuerst alles auf dem Reißbrett zu entwerfen und einen Vortrag zu formulieren, dessen Thesen in Stein gemeißelt sind und für alle Ewigkeit gelten. Das Leben ist prozess- und nicht ergebnisorientiert. Alles lebt und bewegt sich - und nur durch lebendigen, ständigen Informationsaustausch sind Prozesse in Harmonie mit natürlichen Abläufen zu bringen. Nicht jede Information muss schon im vornherein für etwas geeignet erkannt werden und nur projektbezogen benutzt werden.

Manchmal ist es gerade eine Fülle bunter, ungefilterter, scheinbar unwichtiger Informationen, die ungeahnte Kreativität und neue Ideen aus und in einer Gruppe generieren. Frauen wissen das. Intuitiv. Männer verkennen den Sinn dieses scheinbar ungeordneten Chaos und warten lieber zuerst mit einer Struktur auf.

Gelegentlich habe ich sogar das Gefühl, Männer wollen gar nicht zuhören und wehren Informationen ab, deren Relevanz sie nicht sofort erkennen können. Frauen hingegen sammeln und brüten darüber. Mir geht es sogar so, dass mir erst viel später anhand einer zufällig erhaltenen Information Wichtiges klar wird oder ich darin unverhofft Inspiration finde.

Der Chef zum Beispiel versteht nicht ohne Weiteres, dass wir Kolleginnen meines Teams ihn über Dinge nur informieren möchten, ohne daraus gleich ein ergebnisorientiertes Projekt generieren zu wollen. Wir haben Vertrauen, dass die Fülle an nicht zielgerichteten Informationen ihm ein „Gefühl“ vermitteln wird, womit wir täglich zu kämpfen haben - oder welche Erfolge wir feiern. Hat eine solche „gefühlte Richtung“, ein „gefühlter Prozess“, der sich im ständig sich erneuernden Informationsfluss verbirgt, in männlichen Hirnen keine Schnittstelle? So kommt es mir vor. Und Herz und Bauchhirn sind ebenfalls wenig aktiv.

Ich ertappte mich diese Woche dabei, dass ich mich für die intuitiven Dimensionen meiner Wahrnehmung vor meiner Führungskraft rechtfertige. In Antwort auf eine seiner Fragen an mich, schloss ich entschuldigend: „Das ist wieder nur eine gefühlte Wahrnehmung." Als ich mich des Satzes wieder erinnerte, dachte ich verärgert: „Was sucht denn dieses „ wieder nur“ in diesem Satz? Wieso „nur“? Ich ärgerte mich nicht darüber, diplomatisch formuliert zu haben, sondern darüber, dass eine vermittelnde Sprache in Sachen Intuition und Gefühl in dieser Gesellschaft so unabdingbar ist.

Wie eingangs erwähnt, ist Hyper-Rationalisierung in unserer Welt gesellschaftlich und kulturell gewachsen. Sie presst Männer und Frauen in vereinseitigende Rollenbilder, denen keiner sich entziehen kann. Wenn ich beobachte, worauf Männer in Führungsebenen gedrillt werden und Frauen sich anpassen müssen, erachte ich diese Bi-Polarität unnatürlich.

In meinen Augen müssen Frauen sich stärker verstellen, als Männer, weil patriarchal geprägtes Denken seit Jahrhunderten unsere Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft durchdringt. Frauen müssen sich für ihre natürlichen Anlagen schämen, da sie den intuitiven, sich der Rationalisierbarkeit entziehenden Prozessen ihrem Naturell nach näher sind. Auch Männer werden dazu gezwungen, die intuitiven Tendenzen, die sie haben, zu verleugnen, um den eigens gesetzten Ansprüchen zu genügen.

Kommt ein beschränkter Horizont hinzu, also das Fehlen von Offenheit, Toleranz und Ausprobierfreude, vereinseitigt das innere Erleben immer mehr. Wir werden unfähig, menschlich, herzlich und gutmütig miteinander in fruchtbare Resonanz zu gehen und dann auf uns zukommen zu lassen, was sich daraus ergibt.
Als ich vor Jahren begann, zu meditieren, hatte ich fast vollständig das Gespür für mein Inneres verloren. Ich fühlte, wie tot dieses Leben, das von mir gesellschaftlich verlangt wird, in Wahrheit ist. Und wie glücklich mich die unscheinbaren Momente machten, in denen ich offenen Herzens mit anderen in nicht zielgerichteten, von innen motivierten Austausch ging. Danach dürstete es mich.

Ich weiß um die Kraft positiver Resonanz, die durch ehrlichen, offenen Austausch entsteht. Ein Austausch, der eine Fehlertoleranz hat. Der, wenn das Unerwartete eintritt, weiter fließt, im Vertrauen darauf, dass der ungerichtete Prozess etwas Fruchtbares, Unvorhersagbares, Neues in Gang setzt.

Im ersten Moment der Begegnung mit meinem Chef, in der ich nicht länger über die „gefühlten“ Faktoren meines täglichen Erlebens schwieg, spürte ich wenig Fehlertoleranz, respektive Offenheit. Mochte er erst einmal abwehren, was ich da Unangenehmes für ihn hatte, vertraute ich trotzdem darauf, dass ihn etwas davon erreichen und in ihm nachwirken würde. Ich hielt nicht hinter dem Berg damit, dass ich keine Lösung sah, weil es ein gewachsener Prozess ist, der sich über Jahre vollzogen hat. Oder dass die Menschen an den Schnittstellen das auftauchende Problem nicht sehen oder nicht sehen wollen. Und dass alles definitiv nicht meine Baustelle ist und ich deswegen massiv Frustfaktoren dahin „bottom up“ delegiere, wo sie hingehören: zu meiner Führungskraft.

Und seither setzte fruchtbarer Dialog ein und setzt sich fort. Wir und andere beginnen, ins Detail zu gehen und im Gesprächsprozess auseinanderzudividieren, welche Faktoren wo und wie beeinflussbar sind. Da sind Hypothesen und keine Lösungen. Zugleich kreiiert der Dialog intuitive Eingebungen und Ideen, wie man die Thematik angehen könnte. Das eine oder andere probiert man aus - und vielleicht verändert sich dann etwas. Dazu bedarf es gesprächswilliger Teilnehmer, eines lebendigen Dialogs und des offenen Austauschs von Informationen, Erfahrungen und gefühlten Wahrnehmungen.

Ich persönlich bin offen dafür, dass der in Gang geratene Prozess nicht sofort greifbare Ergebnisse oder „die Lösung“ bringt. Das sagt mir meine Intuition. Die lebendige Kommunikation, zu der dieser Prozess mit vielen Menschen beiträgt, führt dennoch zu etwas rational Unfassbarem und unendlich Kostbaren: Die involvierten Menschen fühlen sich. Sie fühlen sich gehört, abgeholt, ernstgenommen, verstanden, einbezogen und vieles mehr. Und können motivierter weiterarbeiten.

Meiner Erfahrung nach kann in diesem Setting des ebenbürtigen Austauschs eine Absage an einen Wunsch besser angenommen werden. Ganz anders, wenn das Ergebnis als „Ansage“ oder „Direktive“ von oben verkündet wird. Sich dafür Zeit und Raum zu nehmen, erachte ich als wertschätzend. Eine gefühlte Dimension, die in der Jahresbilanz meines Unternehmens sicher nicht sichtbar werden wird, noch belegbare Relevanz dafür hat, ob das definierte Zahlen-Ziel erreicht wurde.

Was ich hier „Intuition“ nenne,  ist nicht mehr und nicht weniger als die gefühlte Summe an Wissen, Erfahrungen und Einfühlungsvermögen. Jeder von uns hat sie, in unterschiedlich ausgeprägter Form. Und sie auf Dauer auszublenden, schneidet von der inneren Quelle persönlicher Lebendigkeit ab. Sie nicht in Entwicklungsprozesse einzubeziehen und zu bedenken, heißt, den Menschen auszuschließen und zur Maschine zu degradieren. Heißt, am wahren Leben und seinen Herausforderungen vorbei zu navigieren.

Noch träume ich von einem Leben, wo diese Intuition die maßgeblichste Quelle täglichen Handelns ist. Ihr gemäß zu handeln, bedeutet, mir treu zu sein. Ich lerne täglich, dass ich in der Hand habe, sie zur Sprache kommen zu lassen, oder sie weiter zu verschweigen, weil ich befürchte, sonst nicht gehört zu werden.

Ich bin davon überzeugt, dass alle Veränderungen in der Welt nur jenen Menschen zu verdanken sind, die innerlich ganz und mutig genug waren, sich  vertrauensvoll auf ihre Intuition zu stützen. 


Sich dieser wegweisenden Menschen täglich zu erinnern, kann ein erfrischender Wachmacher sein.

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