Und mein Herz soll brennen!

Ich denke heute an die oft gehörten Worte seiner Heiligkeit des Dalai Lama, dass jeder am besten bei der Religion bleiben sollte, in die er geboren wurde. Und ich stelle mir die Frage: Warum ist mir dies nicht gelungen?

Irgendwann, vor Jahren schrieb ich bereits darüber, dass ich aus einem durch und durch christlichen Umfeld stamme: Mein Vater war evangelischer Pastor und dessen Vater ein Prediger. Auch meine Mutter stammte aus einer seit Generationen stark christlich geprägten Familie.

Meine Kindheit verbrachte ich in der DDR, in einem kleinen Dorf. Und wenn ich mich heute frage, wann ich mich eigentlich von meiner eigenen Religion zu distanzieren begann, so war das schon sehr früh. Als ich mit 14 Jahren konfirmiert wurde, also mich aus eigenem Willen noch einmal zum christlichen Glauben bekannte, so war das für mich kein Schritt aus innerer Überzeugung, sondern ein familiärer Kompromiss und ein Politikum.

Damals hätte ich das nicht so genannt und ich empfand große Wertschätzung gegenüber dem, was die Konfirmation wohl für meinen Vater bedeutet haben mag. Ich spürte die Liebe und Sorgfalt, mit der er meinen Konfirmationsspruch gewählt hatte.

»Nähme ich Flügel der Morgenröte und bleibe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten«. (Psalm 139/9f.)

Diese Worte haben mich sehr lange begleitet, ebenso wie die Bibel, die ich damals geschenkt bekam. Und diese habe ich wirklich von vorne bis hinten gelesen. Ich zweifelte damals nicht an Jesus. Dahinter lagen aber über Jahre hinweg schon Gefühle des Unwohlseins und des Zweifels, die nicht zuletzt im ganz täglichen Erleben meines Glaubens in der Gemeinde gewachsen und genährt worden waren.

Den in der Gemeinde gelebten Glauben empfand ich extrem zwiespältig: Die andachtvolle Stimmung und die salbungsvollen Predigten am Sonntag, wo alle brav in ihren Bänken saßen und den Worten meines Vaters ergeben lauschten, auf der einen Seite. Und dann, die aufgeregten Stimmen und lauten Worte, die aus den Kirchenvorstandssitzungen aus dem Gemeindesaal nach oben, in unsere Wohnung drangen. Und später hörte ich, wie auch inhaltlich wieder gerade dort um jede Mark gefeilscht worden war und insbesondere jeder Wunsch unserer Familie nach Verbesserung unserer sehr schlichten Wohnsituation giftig und aggressiv von diversen Leuten abgewiesen wurde. Und das waren nicht zuletzt die, die bei jedem kirchlichen Ereignis mit strahlend lächelndem Gesicht im Vordergrund und mit ihren organisatorischen Fähigkeiten und Verdiensten im Mittelpunkt standen.

Ständig spürte ich kritische Blicke, wie ich mich verhielt. Oft erfuhr ich von Freundinnen oder Bekannten, wie mein Auftreten oder mein Aussehen entweder abschätzig oder übertrieben positiv kommentiert wurde. Oder es wurde mir direkt ins Gesicht gesagt. Dabei ging es jedoch selten tatsächlich um mich, sondern vielmehr darum, ob die betreffende Person Wertschätzung für meinen Vater als Pfarrer empfand, oder nicht. Ich verstand schnell, dass am Ende des Tages vollkommen egal ist, wie ich mich verhielt: Es würde immer jemanden geben, dem irgendetwas nicht gefiel oder der meinen Vater in meinem Auftreten und Verhalten überidealisierte.

Als Pfarrerstochter, die nicht in sozialistischen Organisationen integriert war, beobachtete ich dieses zwiespältige Verhalten auch täglich in der Schule. Lehrer, die mir aus politischen Gründen wohlgesonnen waren, weil mein Vater sich auch sachte als Friedensaktivist engagierte, wie damals seitens der Kirchen üblich. Oder eben Lehrer, die mir zusetzten, mich kritisierten oder immer etwas schlechtere Noten gaben, als dem korrekten Pionier neben mir in der Schulbank, weil ich eben kein Pionier war.

Ich empfand das schon sehr früh als verlogen. Ich sah allerorten Menschen mit zwei Gesichtern. Und ich fragte mich oft ergebnislos, was Jesus mit ihnen und sie mit Jesus zu tun hatten. Oder was das ganze Theater im Sonntagsgottesdienst eigentlich sollte, wenn dieser nicht mehr als eine Alibi-Veranstaltung war. Und, weiter gedacht, was das alles wirklich mit mir zu tun hatte, wie andere Menschen mich betrachteten oder sich über mich äußerten. Sie projizierten irgendetwas auf mich und urteilten dann danach. Doch mit nichts davon konnte ich mich wirklich identifizieren.

Als ich damals also mit 14 Jahren zur Konfirmation ging, tat ich es mit sehr gemischten Gefühlen. Leider fühlte ich mich nicht in der Lage, geschweige denn eingeladen, über meine generellen Zweifel mit meinen Eltern zu sprechen. Es war einfach selbstverständlich für mich als Pfarrerstochter, diesen Schritt zu gehen. Und so war es mit Sicherheit mein schlechtes Gewissen, das mich dazu veranlasste, mich im Anschluss noch einmal ausführlich mit meinem Glauben und der Bibel auseinanderzusetzen.

Ich wollte damals nichts lieber, als mich mit ganzem Herzen und ohne ein zweites Gesicht spirituell zu bekennen - und dafür brennen. Doch ich konnte es nicht, ging zur Konfirmation, um insbesondere meinen Vater nicht zu enttäuschen. Und das generelle Unbehagen mit meinem Glauben, und wie er täglich auch in unserer Familie gelebt wurde, blieb.

Ich weiß heute, dass mein Vater sehr enttäuscht war, dass nicht nur ich, sondern alle seine Kinder sich letztlich von ihrem christlichen Glauben abgewandt haben. Wann immer ich mich seiner erinnere, tut mir das sehr, sehr Leid, dass er das so sah und fühlte. Dabei bin ich ein durch und durch spiritueller Mensch schon als Kind gewesen und auch geblieben, wenn es auch einiger Zeit meinerseits bedurfte, die dafür passende Grundlage gefunden zu haben. Und mir überhaupt über Jahre hinweg so viel Gedanken über Religion, Religiosität und Spiritualität gemacht zu haben, habe ich letztlich auch dieser christlichen Herkunft zu verdanken.

Denn woher ist dieses sehr kraftvolle, innige Bedürfnis nach einem aufrichtigen, unzweideutigen Herzensbekenntnis gekommen und woran beständig gereift, wenn nicht gerade an diesen Lebensumständen und Erfahrungen meiner Kindheit und Jugend. Und ich bin dem akribisch nachgegangen.

Im Zuge dessen traf ich immer neu auf mein Unbehagen, einem strafenden Schöpfergott oder dem martialischen Alten Testament gegenüber. Ich konnte und wollte nicht glauben, so wenig Einfluss auf mich und die Welt zu haben. Hiob war für mich die Herausforderung per se und ich dachte häufig, sein Jammern nicht mehr aushalten zu können. Kirche und Gottesdienst erschienen mir oft so dunkel, so wehmütig, so wenig lebendig und frei. Und am Ende meiner Auseinandersetzung war ich von mir selbst enttäuscht, keinen liebevollen, freudigen, vertrauensvollen Zugang zu Glauben und Kirche gefunden zu haben.

Gebrandmarkt von den zwei Gesichtern in meiner kirchlichen und sozialen Umgebung hatte ich mir aber schon sehr früh eines geschworen: Ich wollte unter allen Umständen nur ein Gesicht haben und mit Begeisterung eines klaren, aufrichtigen Herzens sein. Und da ich das mit meiner Religion nicht konnte, distanzierte ich mich innerlich langsam und leise davon. 


Zu Zeiten meines Studiums hatte ich bereits alles rund um den Glauben locker gelassen. Es zog mich nichts in die Kirche, doch ich fühlte mich nicht wohl damit.

Erst allmählich begann mir zu dämmern, dass mir meine persönliche Spiritualität fehlte. Und indem mir Spiritualität fehlte, fehlte ich mir im höchsten Maße selbst. Als dies in mir »Klick« gemacht hatte, begab ich mich gezielt auf die Suche.

Ich spreche in diesem Zusammenhang von Spiritualität.  Letztlich endete die Suche aber ganz klar, und entschiedenen Herzens, bei einer spezifischen Religion. Aufgrund meiner Kindheitserfahrungen bin ich bestens gebrieft in allen Oberflächlichkeiten und Äußerlichkeiten, denen man erliegen und es mit Spiritualität verwechseln kann. Und in meiner Wahrnehmung unterscheidet sich das Christentum darin zu keiner Sekunde vom Tibetischen Buddhismus.

Im Erleben meiner Religion der Kindheit fehlte mir aber vor allem das Herz und wahre Innerlichkeit. Das Bewusstsein davon, wie wichtig es ist, zuerst und vor allem an sich selbst zu arbeiten, das fand ich in meinem christlichen Umfeld nicht ausreichend. Und an effektiven, nachhaltigen Mitteln dafür mangelte es mir ebenso. 

Und mein Herz kann zu Abhängigen Entstehen, zu Reinkarnation und dem Daseinskreislauf vollkommen leicht und überzeugt »ja« sagen, als zu einem Schöpfergott. Und im Laufe der Annäherung an den Buddhismus stellte sich letztlich heraus, dass ich tief in Resonanz mit Bodhichitta und dem Vajrayana gehe.

Aufgrund meines Kontakts zu diesen zwei »religiösen« Welten bin ich vielleicht oft kritischer, als manch anderer, auch mit mir selbst. Regelmäßig frage ich mich, was die Triebkraft, was die Motivation in mir ist, zu praktizieren, über die Glaubenssätze meiner Wahlreligion zu kontemplieren oder in meinen eigenen Geist zu fühlen.

Ich frage mich häufig, ob mein Herz brennt und wofür es brennt - und was aus diesem Feuer Gutes für dieses Leben und die Welt erwachsen will. In diesem Punkt bin ich dem Schwur, den ich vor mir selbst in meiner Kindheit geleistet habe, durch und durch treu geblieben.

Zugleich konfrontiert mich das auch täglich mit den Herausforderungen, die daraus entstehen, dass Spiritualität in Religiosität und Religion übergeht, diese wiederum in Kultur und Gesellschaft. Und dass wir in einer Zeit sich auflösender Grenzziehungen befinden, zwischen dem einen und anderen. Das kann eine Chance sein, zugleich ist es aber auch Fluch: Sich auflösende Grenzen lassen Paradigmen, die bisher als eindeutig galten, zweideutig erscheinen. Man kann sie so offensichtlich auch anders sehen, dass sie den einstmals festen Halt heute nicht mehr bieten können. Und zugleich ist das eine gute Gelegenheit, nicht tragfähige Paradigmen und Strukturen loszulassen.

Gerade jetzt bedarf es daher des inneren festen Halts. Den Halt eines eindeutigen, klar und ausgerichtet brennenden Herzens. Doch wie kann ich diese feste Verankerung finden, in einer zunehmend egalitär erscheinenden Welt? Die innere Ausrichtung, der Fokus in einem selbst, erfordert mehr Kraft, Initiative und Aufwand, als in den früher sicheren Strukturen einer auch kulturell und sozial verankerten Religion. Ich kann mir vorstellen, dass es viele Menschen angenehmer und erleichternd empfinden, sich von »der Welt da draußen« abzukapseln und in einer Parallelwirklichkeit »gemäß der eigenen Façon selig zu werden«.

Für mich war das, aus oben genannten Gründen, nie so einfach. Wer ein brennendes Herz wünscht, wie ich, der will keine Narkose, sondern fühlen, dass es brennt. Nichts könnte für mich tödlicher sein, als dieser Selbstbetrug der zwei Gesichter, also das oberflächliche Befolgen der von anderen gemachten Regeln, um den kurzweiligen Vorteil des Dazugehörens und/oder Erfolgs zu haben. Da muss schon noch mehr dahinter stecken, nämlich ein ehrlich engagiertes Herz.

Wenn mein Herz also brennen soll, so muss ich es mit der inneren Arbeit der Auseinandersetzung mit dem Außen kräftig anheizen. Und gelegentlich weiß ich in meinem Großhirn und Tagesbewusstsein auch nicht, was richtig und falsch ist. Für viele Fragen gibt es keine vorgefertigten, traditionellen und heute noch umfassend greifenden Antworten mehr. Das ist ein fortwährender, lebendiger, unvorhersagbarer Prozess.

Das Brennen des Herzens ist für mich zugleich der Schmerz jeder neuen Generation, sich mit dem eigenen, spirituellen Erbe und der eigenen Identität wach auseinandersetzen zu wollen. An manchen Tagen überwiegt der Schmerz, dass Altes nicht mehr greift, an anderen Tagen die freudige Gewissheit und die Risikofreude, dass der echte Kern, das »Spirituelle« seinen Weg trotzdem findet.

Zwar habe ich somit keine zwei Gesichter, aber das Feuer im eigenen Herzen nährt sich fortwährend aus einem inneren Zwiespalt. Und der Gewissheit, dass eine klare, innere Heimat ebenso kostbar und zerbrechlich sein kann, wie für Viele auf der Welt inzwischen auch die äußere. Sie will bewahrt werden, doch zugleich muss sie immer neu geschaffen werden. Und für beides gibt es zwar patente Mittel und Methoden, aber in Sachen Zukunftsfähigkeit in unserer Gesellschaft und Kultur deswegen kein »Patentrezept« mehr.

Ja, dieses Brennen ist zugleich beides - Freude und Schmerz. Und deshalb ist dieses Brennen so lebendig: weil es das Leben so spiegelt, wie es ist und uns, als solches, gemeinsam ist. Und manches Mal gilt es, eben auch alles zu verbrennen, was uns nicht eint, sondern trennt und uns mit zwei Gesichtern um des persönlichen Vorteils willen leben lässt.

Vielleicht habe ich, in den Augen meines späten Vaters, meine spirituelle Heimat verloren oder aufgegeben. Und im schlimmsten Fall hat er sich dafür verantwortlich gefühlt, mir diese womöglich nicht nahe genug gebracht zu haben. Doch genau das ist für mich nicht der springende Punkt und auch noch nie gewesen.


Es konnte keine bessere Herkunft für mich geben, um zu lernen und ständig danach zu streben, aufrichtigen und ausgerichtet brennenden Herzens zu sein, sowie Werte und Paradigmen zu hinterfragen.

Und ich bin mir sicher: Jesus hat letztendlich genau das Gleiche gewollt. Ob mit oder ohne Vater Schöpfergott, Dreifaltigkeit und ganz anderer kultureller Prägung, als wir sie heute haben. Trotzdem bin ich mit dem Christentum nie richtig warm geworden.

Ich bin zutiefst dankbar und froh, die mit mir in Resonanz gehende Ausdrucksform eben in einer anderen Religion gefunden zu haben, selbst wenn diese meiner kulturellen Herkunft noch fremd ist.


Wenn ich über die eingangs erwähnten Worte Seiner Heiligkeit des Dalai Lamas nachdenke, so hat das, was sie mir sagen wollen, etwas mit der Verankerung von Religion in Kultur und Gesellschaft zu tun. Und wirft für mich die Frage auf: Ist es leichter, angesichts unserer Beziehungen und Herkunft bei der angestammten Religion zu bleiben? Und sich vielleicht stattdessen auf deren Kernbotschaft zu besinnen und diese mit Leben zu füllen?

Ich verneine das eindeutig. Denn die Spiritualität, die mein Herz brennen macht, reicht meinem Empfinden nach tiefer und weiter, als nur in das soziale Umfeld meines jetzigen Lebens. Dieses Brennen im eigenen Herzen ist etwas, was seinen eigenen Gesetzen folgt, und mehr von gefühlter, als logisch-rational begründbarer Qualität ist. Für mich ist es kein Gewand, was ich anziehen und wieder ablegen kann - in jedem Leben neu. Und daher gibt es für das, was mein persönliches Brennen nährt, auch keine beliebig austauschbare Alternative.

Manchmal erscheint es mir ein Akt der Gnade zu sein, mit dem tibetischen Buddhismus und diesem inneren Wunsch, zu brennen, mehr mir selbst treu geworden zu sein, als jemals in meinem Leben davor. Und zugleich ist es ein Fluch, mich damit dennoch gesellschaftlich nicht integriert und komfortabel zu Hause zu fühlen.

Doch mein Herz will brennen. Und so soll es das - mit einem inneren, zeitgemäßen Zwiespalt zwar, aber mit heller Flamme.

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