Über die Relativität von Ansichten

Einige kennen die berühmte tibetisch-buddhistische Geschichte über das Verhältnis von Marpa und Milarepa. Milarepa wurde ziemlich hart heran genommen, bevor Marpa sich entschloss, ihm die tiefgründigsten Unterweisungen zu geben, nach denen es Milarepa verlangte. Und da gab es auch noch Marpas Frau, Dagmema, zu der Milarepa lief, um sich über diese, in seinen Augen ungerechte Behandlung zu beschweren. Er soll damit Dagmemas Herz erweicht haben und sie hat so Einiges für ihn getan, als sie die Verletzungen sah, die Milarepa beim tapferen Befolgen der Anweisungen Marpas davon getragen hatte.

Aus heutiger Sicht frage ich mich, warum sie sich für Milarepa einsetzte. Denn, genau genommen, ist es Milarepa gewesen der die Härte seiner täglichen Arbeit bestimmte. Oder hat ihn Marpa einen strengen Zeitplan gegeben, wie es heute üblich wäre, bis wann genau er das Haus gebaut haben solle?

Folgen wir doch mal einem kurzen Moment genau diesem Gedankenspiel: Meinem Wissensstand nach gab es für den Bau keine Deadline. Wäre es dann nicht eigentlich Milarepas Verantwortung gewesen, besser auf sich zu achten und Rücksicht auf seinen gesundheitlichen Zustand zu nehmen? Warum tat er das nicht und jammerte stattdessen Marpas Ehefrau etwas vor, um ihre Unterstützung zu gewinnen?

Egal, wie ich es drehe und wende, komme ich nur zu einem Schluss: Ihm ging es einfach nicht schnell genug, weil er so danach gierte, die Unterweisungen zu bekommen. Und vielleicht musste Milarepa deshalb von vorn mit dem Bauen beginnen, weil er während des Bauens nicht richtig bei der Sache war und gepfuscht hat. In dieser weltlichen Tätigkeit sah er keinen tieferen, spirituellen Sinn und er achtete, wie später auch noch des Öfteren, nicht gut genug auf seinen Körper.

Jetzt stelle ich mir weiter vor, wie er Dagmema ständig in den Ohren lag, mit seinen Anliegen - und sie ihm letztlich nachgab. Irgendwie fühlte sie sich verantwortlich. Sie übernahm eine ausgleichende Funktion für Milarepa: Sie glich seine Unfähigkeit, seine körperlichen Grenzen zu achten, durch ihre Interventionen aus. Aus einem gewissen Blickwinkel war das sehr mitfühlend. Aber ob das wirklich so weise war?


Ja, in gewisser Hinsicht ist das typisch Frau: Ab einem gewissen Punkt kann sie die Selbstzerstörung, die andere an sich ausüben, nicht länger mit ansehen - und sie interveniert. Milarepa aber hat genau diese Fähigkeit, die gesunde Mitte, ein gesundes, ausgeglichenes Verhältnis zu seinen körperlichen Bedürfnissen zu finden, aufgrund dessen in diesem Leben nicht ausgeprägt.

Und so ging jemand als großer Held in die Geschichte des tibetischen Buddhismus ein, der seinen Körper missachtete, um der spirituellen Verwirklichungen willen. Genau genommen widerspricht das, wie von mir schon oft thematisiert, den Weg der Ausgeglichenheit, den Buddha Shakyamuni für sich verwirklichte.

Auch ihn betreffend ist die Form der Mitte, der Ausgeglichenheit wiederum relativ: Nachdem sein Aufwachsen in einem Palast ihn von klein auf über die Stränge hat schlagen lassen, distanzierte er sich von einem solchen Leben recht radikal, indem er seine Familie komplett hinter sich ließ. Hätte eine Frau das so getan? Ihr Kind verlassen? Sicher nicht. Buddha Shakyamunis Frau glich hier ebenfalls ein Extrem aus, was sich insbesondere Männer gerne leisten: Einfach alles stehen und liegen lassen, ohne über die Konsequenzen für beteiligte Personen nachzudenken.

Eine sehr generalisierende Aussage, nicht wahr? Richtig. Relativiere ich auch hier, so gibt es natürlich mitunter sehr, sehr gute Gründe, alles stehen und liegen zu lassen. Schließlich war ja Buddha Shakyamunis Familie gut versorgt und nicht auf sich allein gestellt. Und wenn die Lebensumstände zu leidvoll waren - warum sich selbst nur der anderen wegen quälen? Am Ende ist der Schaden, der aus dieser Quälerei entsteht, größer, als der Nutzen. Insofern achtete Buddha Shakyamuni durchaus seine Bedürfnisse.

Vergessen möchte ich aber auch hier nicht, dass dies Buddha Shakyamunis persönliche Bedürfnisse waren. Etwas, was im Nachgang zu seinem Leben dann jedoch Standard wurde: Entsagung als Mönch oder Nonne.

Ebenso der Standard, der durch Milarepas Unausgewogenheit entstand: Wer sich für den Dharma nicht quält, macht irgendetwas falsch. Der will den Dharma nicht wirklich. Derjenige hat nicht genug Schneid. Wer für den Dharma nicht bereit ist, innerlich und äußerlich ordentlich zu bluten und draufzuzahlen, der hat nicht die rechte Hingabe.

Diese extreme Sichtweise treffe ich unter tibetischen Buddhisten allerorten. Das Wort »draufzahlen«, hat natürlich so gut wie immer auch mit Geld zu tun. Wenn du bereit bist, deinen ganzen Besitz wegzugeben und in einer ärmlichen Hütte zu hausen, gar nichts mehr für dich haben zu wollen und in Lumpen herumzulaufen und ständig die niedrigsten und unangenehmsten Aufgaben zu verrichten, dann bist du jemand, vor dem tibetische Buddhisten Respekt haben. Vorher bist du ein Weichei und hast ein dickes Ego. So jemand hat selbstverständlich auch keine Voraussetzungen, auch nur annähernd für den Vajrayana-Pfad vorbereitet zu sein. Geschweige denn, ihn auch nur ansatzweise zu verstehen.

Relativ gesehen ist das absoluter Blödsinn. Tibet war, im Vergleich zu heutigen, westlichen Verhältnissen, ein wenig entwickeltes und armes Land. Aber sicher ist es sehr einfach, dies jetzt zu heroisieren und etwas einen spirituellen Anstrich zu geben, was kulturell und sozial bedingt war. Und was ist denn heute so schön daran, dass die Menschen auch dort verhungert sind, Epidemien schutzlos ausgeliefert waren, oder alte Menschen auf Pilgerreisen einfach zurückblieben und dem sicheren Tod überlassen wurden, wenn sie nicht mehr weiter konnten?

Ich finde es von vielen buddhistischen Lehrern ziemlich arrogant und verlogen, ein solches archaisches Weltbild heute von Praktizierenden einzufordern, während man selbst den Komfort und Luxus des westlichen, aber ach so verpönten Lebensstandards genießt.

Meine relativ gültige Ansicht ist diese: Meine Weltsicht muss mitwachsen und sich weiterentwickeln, mit dem Gang der Geschichte und der Kultur und der Erweiterung unserer Informationsgrenzen. Auch mit der Tatsache, dass der Untergang eines Systems nicht immer nur schlecht ist. Genauso wenig, wie jedes neue System nur Gutes bringt. Irgendwo in der Mitte liegt die Wahrheit. Und was der eine als universale Wahrheit festschreiben will, kann in anderen Augen relativ uninteressant oder sogar unmenschlich sein.

Indem ich so über gewisse überlieferte Sichtweisen nachdenke und sie mit meinen persönlichen Erfahrungswerten in Beziehung setze, finde ich mich selbst und meinen Platz in dieser Welt.

Denn alles, was ich derart durchdenke und versuche, aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, durchläuft dabei mein innigstes Herz. Je öfter ich dies tue, desto sicherer werde ich darin, mir oft kein Urteil über die Entscheidungen anderer erlauben zu können.

Keiner von uns steckt im anderen Menschen drin und weiß genau, was diesen im Innersten bewegt. Schon gar nicht, wenn es um jahrhundertealte Geschichten geht. Diese werden immer nur für mich und im Augenblick lebendig, wenn ich mich mit dieser Überlieferung ganz persönlich in Beziehung setze.

»Was bedeutet mir das? Was macht das mit mir heute? Was hat das mit mir zu tun?«. Drei sehr wichtige Fragen, die ich mir dabei stelle.

Du wirst dabei auf andere Antworten kommen, als ich, während wir die gleiche Legende hören. Und das war Sinn und Zweck des Geschichtenerzählens in früheren Zeiten: Jeder zieht sich aus dem Gehörten das für ihn Relevante.

Heutzutage bekommen wir aber zu jeder Legende die »richtige« Lesart gleich dazu geliefert. Und wehe, wir denken etwas anderes darüber, als vorgesehen - dann haben wir einfach nichts verstanden.

Genau hier beginnt die Gehirnwäsche. Die Ideologie. Die geistige Diktatur. Schema F. Etwas, von dem ich meinte, dass es der Buddhismus gerade hinter sich lässt. 

Doch gelebt wird es in meinen Augen selten. An den Grenzen der geschichtlichen Überlieferung hört die Erlaubnis zu denken auf.

Ja, es ist schwierig, über die Grenzen der eigenen Kultur hinaus zu denken. Unser Gehirn lässt es generell  aber zu. So etwas fällt uns nicht zu, sondern muss wirklich erarbeitet werden. Dafür muss ich im Hirn eben auch neue Synapsen bilden. Und dies tue ich nur, wenn ich einen wirklichen, mich begeisternden Grund habe, voller Neugier auf das mir Fremde zuzugehen. Ist dieser mich zutiefst belebende und aktivierende Sinn der ganzen Grenzüberschreitung nicht vorhanden, werde ich innerhalb der erlernten Grenzen verharren und darin die universale Richtigkeit und Wahrheit vermuten.


Und dann kommt jemand von außen, mit seiner so anderen Sicht der Welt und der Dinge - und zerstört diese Wahrheit als Illusion... Heiße ich den dann herzlich willkommen? Oder ist es nicht bequemer für mich, ihm stattdessen aggressiv nachzuweisen, dass er auf dem Holzweg ist, ich aber richtig liege?

Spätestens diese Situation ist für mich der echte Prüfstein, wie gesund und sicher die innere Basis ist, auf der ich stehe. Und wie gut ich diese menschliche, universale Basis von erlernter Kultur unterscheiden kann. Wie mutig bin ich wirklich, mich aus dem eigenen Terrain heraus zu wagen? Oder zumindest meine Demarkationslinie zu verschieben oder aufzulösen, um alles, was mich im Inneren bisher definierte und ausmachte, komplett zur Disposition zu stellen?

Das ist für mich der wahre, buddhistische Heldenmut: Keine Angst davor zu haben, alles preiszugeben. Ich meine das, anders als oben erwähnt, nun nicht auf Geld und äußeren Besitz bezogen. Ich meine tatsächlich unsere Ideen, unseren kulturell und sozial induzierter geistiger Besitz, unsere selbstverständlichen Annahmen, wie Leben funktioniert und wie wertvoll unsere Werte wirklich sind. Da beginnt für mich die wahre yogische Praxis, der eigenen, inneren Dekonstruktion vollständig zuzustimmen.

Die Betonung liegt für mich hier auf »der eigenen, inneren Dekonstruktion vollständig zuzustimmen«. Das ist eine innere Arbeit, eine persönliche, private, selbstverantwortliche Angelegenheit. Und sie beginnt dort, wird dort durchgeführt und auch dort vollendet, wo sie als notwendig erkannt wurde: im eigenen Inneren und Geist. Nirgendwo sonst. Und hoffentlich mit einem dafür geeigneten Sparringpartner, der einen auf die Notwendigkeit zur Grenzerweiterung aufmerksam macht. Denn ganz ohne Spiegel geht es nicht.

Diese Arbeit erfolgt schrittweise, in Übereinstimmung mit den eigenen Einsichten in deren Notwendigkeit, mit der eigenen Zustimmung zu einzusetzenden Mitteln, zu gehender Wege und des Maßes an Angst, das unterwegs auszuhalten man sich zutraut. Unter Berücksichtigung der eigenen Konstitution, der psychischen und physischen Bedürfnisse und der Umstände, in denen man lebt oder bereit ist, zu leben. So baut man angemessen und stabil ein sicheres Haus. Ohne unter der Diktatur des geschichtlich und kulturell heroisierten »Schema F« zu ersticken und dem eigenen Herzen Gewalt anzutun. Ohne dieses Haus später wieder einreißen und neu erbauen zu müssen.

Auch das könnte, neben Milarepas Hang zum Gewaltmarsch, ein gangbarer, unspektakulärer, skandalfreier, verlässlicher und sehr freudvoller Weg sein. Einer von 84.000 möglichen Wegen - und 84.000 relativen Ansichten.








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