Konsens oder das Gesetz des Stärkeren?

Ich denke, dass ich mit Fug und Recht behaupten kann, dass Frauen der Umgang mit oder der Kontakt zu ihren Gefühlen leichter fällt, als Männern. Ebenso ist es mit dem Wunsch nach und die Einsicht in die Notwendigkeit von Konsens, als wichtiger Wert für das Zusammenleben. Und die Bereitschaft zu Konsens wird für mich persönlich immer bedeutsamer. Auf der Basis von Konsens entwickeln sich Kooperation und positive Resonanz.

Als ich vor einigen Tagen jenen Kollegen wieder traf, den ich im letzten Beitrag erwähnte, traf ich auf einen völlig veränderten jungen Mann. Plötzlich wirkte er auf mich präsent, im Hier und Jetzt. Alle Gehetztheit war verschwunden und er blickte mich mit freundlichen, warmherzigen Augen an. Natürlich fragte ich, wie es ihm jetzt geht.

Nach unserem Gespräch hatte er noch einmal mit seinem besten Freund über meine Worte gesprochen. Und dieser hatte ihm genau auf das Gleiche aufmerksam machen wollen, wie ich. Doch seine Worte waren einfach nicht zu ihm durchgedrungen, erzählte er mir. Er wisse nicht, warum ich es geschafft hatte, ihn zu erreichen, aber er habe sich nun vorgenommen, sich Zeit zu lassen. In vielen Dingen. Bis er sicher weiß, was richtig und gut für ihn ist.

Mir fiel ein Stein vom Herzen, ihn so zu sehen und zu spüren. Denn es ist nicht so, dass ich von mir und meinen Erfahrungen denke, sie seien der Weisheit letzter Schluss und müssten deshalb von anderen übernommen werden. Sehr oft sage ich Dinge, die tief aus meiner Fürsorge für andere entspringen. Dazu fühle ich mich verpflichtet, doch nicht immer stoßen diese direkten, klaren Worte auf Gegenliebe.

Und in den Situationen, wo ich mich also mein Herz aussprechen höre, weiß ich nicht, wie das Gegenüber reagieren wird. Ich bin oft genug schon auf aggressive Gegenwehr und Ablehnung gestoßen.

Ich spreche dabei möglichst aus einem Gestus des Respekts und der Wertschätzung des Raums und der Zeit Anderer heraus. Mir steht es nicht zu, mich in die Lebensweise Anderer einzumischen und ihnen mit erhobenem Zeigefinger zu predigen, wie das rechte Leben zu führen sei. Und ich erwarte auch nicht, dass meine Worte beherzigt werden. Wenn ich aber die Gefahr sehe, dass sich jemand in äußeren Erwartungen selbst zu verlieren droht, muss ich handeln. Ich kann nicht anders, als mein Herz hier gewähren zu lassen.

Ja, ich glaube zutiefst daran, dass jeder Mensch so gemeint ist, wie er von Natur aus auf diese Welt gekommen ist. Und dass diesem natürlichen Potential gemäß zu leben, der größte und beste Beitrag ist, den wir in diese Welt hinein geben können.

Nun sagte mir dieser junge Mann in dieser erneuten Begegnung auch, dass er als Mann nicht bei jeder Gelegenheit, die ihn emotional berührt, in Tränen ausbrechen will. Und dass er daran arbeite, dies auch nicht mehr zu tun. Zugleich räume er sich aber jetzt durchaus Phasen ein, in denen er seine starken Gefühle zulasse. Und darin bestätigte ich ihn.

Ich dachte mir aber meinen Teil dazu. Zum Beispiel dachte ich daran, wie absurd und hartnäckig dieses männliche Konzept ist, was jede patriarchale Gesellschaftsstruktur nachhaltig prägt, dass Männer keine Gefühle zeigen dürfen. Das hat immer etwas Anrüchiges, ist ein Zeichen mangelnder Kontrolle. Und in anderen Beiträgen erwähnte ich schon öfter, dass Frauen gerade deshalb als »schwaches Geschlecht« gehandelt werden, weil sie ihre Gefühle oft genug nicht filtern, rational aussortieren oder unterdrücken. Innerlich schüttel ich dazu den Kopf, weil ich mich mit diesen Frauenbild nicht identifizieren kann und will. Und das schließt letztlich auch dieses künstliche Männerbild ein.

Irgendwann hat sich diese, meine Gesellschaft, in der ich lebe, einfach zu stark auf ein darwinistisches Weltbild eingeschworen: das Gesetz, dass nur der Stärkere überlebt. Und irgendwo gab es meiner Meinung nach in der Geistesgeschichte des Menschen einen äußerst heftigen Kurzschluss, der da hinein mündete, Gefühle als Schwäche abzuwerten. So viele Probleme resultieren bis heute aus diesem verzerrten Weltbild. Verzerrt deshalb, weil diese Sicht künstlich zurecht argumentiert erscheint, jedoch meiner Ansicht nach ganz und gar nicht auf der Natur beruht. Viele Darwinisten würden diese meine Sicht sicher abstreiten.

Hier driften wir vielleicht kurzzeitig etwas in Richtung Anthropologie und Soziologie und dem Thema »teilnehmende Beobachtung« ab, vielleicht sogar etwas in die »Quantentheorie« hinein, von der ich wirklich keine Ahnung habe. Vom Hörensagen meine ich jedoch zu erinnern, dass der Beobachter stets das Beobachtete beeinflusst, ganz gleich, ob er dazu eine Absicht hat, oder nicht. Allein die Tatsache, zu beobachten, verändert das Beobachtete.

Was also die Darwinisten für Beobachtungen von Naturgesetzen erachteten, war am Ende eben nicht Natur, sondern das von ihnen in der Natur Beobachtete. Jede Schlussfolgerung, die sie daraus ableiteten, war also schon »verfälscht«. Sie durchlief die ganze Bandbreite von Prägungen und Verhaltensweisen, in die hinein diese Männer sozialisiert worden waren. Die Natur vollständig in ihren Gesetzmäßigkeiten zu analysieren, wahrzunehmen und zu verstehen, ist, ganz weit gedacht, dem Menschen gar nicht möglich.

Größenwahn ist es also, der uns letztlich unsere Vorstellungen vom rechten Leben und den dahinter stehenden Gesetzmäßigkeiten diktierte. Und ich erachte es als zwingend notwendig, dass wir wieder zur Bescheidenheit unserer Wahrnehmungsmöglichkeiten zurückkehren. Und diese Bescheidenheit wird allein durch die Eingeschränktheit unserer Wahrnehmungsorgane definiert, die uns Menschen natürlich gegeben sind.

Ja, das ist der Grund, warum ich meine Erfahrungen nicht für der Weisheit letzten Schluss halte. Und so nehme ich auch unsere Denkmodelle und Rollenbilder wahr, denen wir in unserer Kultur und unserer Gesellschaft zu oft blind folgen.

Fast jede Kultur auf dieser Erde kennt diesen Größenwahn. Interessant oder bemerkenswert finde ich vor allem, dass gerade der Größenwahn des patriarchalen Denkens sich so hartnäckig und nachhaltig auf dieser Erde ausbreiten konnte. Das macht Männer zu Machos mit Allmachtsphantasien und Frauen zu emotional überreagierenden Dummchen, die von den Machos kontrolliert und im Zaum gehalten werden müssen.

Und Männer, die starke Gefühle haben, tun demnach tunlichst gut daran, sie abzuschalten?

Ich kann nur von mir als Frau sagen, dass ich Machos nicht beeindruckend finde. Ganz im Gegenteil: Sie schrecken mich nicht nur ab, sondern ich hüte mich vor ihnen. In meinen Augen haben sie sich gefährlich weit von ihrer Natur entfernt. Und das führt dazu, dass sie anderen Wesen Gewalt antun.

Das Gesetz des Stärkeren beruht auf dem Missverständnis, dass nur Stärke ein bleibendes, nachhaltiges Prinzip auf dieser Erde wäre. Ich dagegen halte es da mehr mit Konsens, beruhend auf Respekt vor der Zeit und den Raum anderer Wesen.

Ein nachhaltig gutes Miteinander auf dieser Erde kann nur auf der Basis von Konsens entstehen. Denn der Konsens, der anders tickende Uhren und andere Werte, als die eigenen, einbezieht, wird zu Kooperation und positiver Resonanz führen. Nur aufgrund dieser gegenseitigen Wertschätzung und Rücksichtnahme ist ein Miteinander in aller Buntheit möglich, für die diese Erde in ihrer Vielfalt aller Klimazonen, der Flora und Fauna exemplarisch ist.

Die Gesetze der Kultur, in der ich lebe, präferieren hingegen allzu oft Gleichmacherei, anstelle den Respekt vor der Vielfalt.

Wodurch definiert sich die angenommene Stärke, die dieses »Gesetz des Stärkeren« ausmacht? In der Arbeitswelt, die ¾ unseres täglichen Lebens hier bestimmt, ist es zum Beispiel das Prinzip der »Effektivität«, anstelle des Konsens.

Konsens wird als unattraktiv und nicht effektiv betrachtet, denn Konsens braucht Zeit, während effektives Handeln schnell ist. Womit wir beim nächsten, modernen Wert wären, der Schnelligkeit. Schnell und effektiv ist gleich stark und fortschrittlich?

Ja, Konsens braucht manchmal sehr viel Zeit, weil er zum Beispiel von den unterschiedlich tickenden Uhren der Teilnehmer jener Gruppe abhängig ist, die einen Konsens anstreben. Die für den Konsens zu treffenden Entscheidungen können für den einen mehr Zeit erfordern, um klar erkannt und bejaht zu werden, als für den anderen. Zeitdruck kann für das Erreichen eines echten Konsens tödlich sein.

Und ein innerer Konsens zwischen Denken und Fühlen ist es, den auch ich täglich versuche anzustreben, wenn ich jenen inneren Konflikt in mir erlebe. Der Konflikt zwischen dem, was mir diese Gesellschaft als Werte und daraus resultierender Lebensweise diktiert, und dem, was in mir natürlich atmen und lebendig sein möchte. Als Kinästhet und Empath bin ich mit einer innerlich langsam tickenden Uhr ausgestattet. Diese Uhr tickt mit meinen Gefühlen, mit meinem Körpergefühl und dem Geerdetsein in genau diesen Gefühlen und meinem Körper. Will ich nicht selbst ein von äußeren Erwartungen gehetzter Zombie werden, muss ich auf diese Langsamkeit Rücksicht nehmen.

In meiner Arbeitswelt handele ich dieser Natur zuwider, wenn die Vorgaben der Chefs auf Effektivität und Schnelligkeit getrimmt sind.  Während mir der Konsens, sowie Respekt und Wertschätzung des Raums und der Zeit meiner Kollegen wichtig sind, mit denen ich täglich arbeite, tickt da im Hintergrund eine Uhr, die nicht die meine ist.

Im letzten Beitrag verwendete ich nur einen lapidaren Satz darauf, dass wir unsere Werte ändern müssen. Alles, was ich heute schreibe, ist nun die nähere Erläuterung dazu. Ich glaube wirklich, dass ich so lange diesem Konflikt ausgeliefert bleiben werde, solange sich nichts an unseren Werten ändert.

Und eine Änderung der Werte bezieht sich nicht zuletzt auch auf die Vorbilder, die ich insbesondere als Frau in der heutigen Zeit habe. Viel zu wenige, wie ich finde. Und beziehe ich mich hier auch auf meinen spirituellen Weg, reduzieren sich diese Vorbilder umso drastischer.  Die tibetisch-buddhistische Kultur, wie ich sie bis dato erlebe,  ist frauenfeindlich, wenn sie sich zu stark auf traditionelle Werte bezieht.  Darin finde ich mich, mit allem, was ich mit in dieses Leben gebracht,  und inzwischen an Erfahrungen gemacht habe, bisher nirgendwo wieder.

Wirklich grausam empfinde ich oft an der heute nachlesbaren Geschichte, dass Männer so häufig die Macht hatten, aufgrund ihres patriarchalen Größenwahns, über Frauen und ihre Bedürfnisse bestimmen und verfügen zu können.  Frauen waren Freiwild und hatten, wollten sie Yoginis sein, gleichrangig zu Yogis, niemals die Chance auf einen gleichen Rang. Wenn sie nicht einen Mann als Beschützer vor eben den Männern hatten, mussten sie ungleich mehr erdulden, als jemals ein Mann.

Wo der Mann weisungsbefugt ist, muss die Frau sich selbst untreu werden. Ob sie will oder nicht. Wo der Mann nach seiner  erdachten Natur entscheidet, was die Natur auch der Frau ist, muss eine Frau sich minderwertig fühlen. Ob sie will oder nicht. Und wo das monastische Prinzip die einzige Möglichkeit ist, um innerhalb vieler Regeln doch noch so etwas wie Freiheit und Bildung zu erfahren, bleibt der Frau keine Wahl, als Nonne zu werden. Ob sie will oder nicht. Heute ist das wohl in Asien häufig noch so.

Für mich ist die relative Unabhängigkeit der Frau als Nonne dennoch nicht mehr als ein Kompromiss, innerhalb der patriarchalen, buddhistischen Strukturen. Kein Konsens, als Basis für Kooperation und positiver Resonanz.

Daher bin ich der Meinung, dass die ganze Arbeit noch vor uns liegt: bisher hoch gehandelte, elitäre Werte überprüfen, eventuell unseres Leitkultur ändern, neue Werte in den Fokus nehmen. Und uns nachhaltig wirklich zu unserer Natur zurückzubewegen, so gut wir sie eben, als Menschen mit eingeschränkten Wahrnehmungsorganen, erfahren können.

Und hätte ich hier irgendwo ein Wörtchen mitzureden, außer in meinem persönlichen Leben, so legte ich dabei eben Wert auf Konsens, Kooperation und positive Resonanz. Manch einer mag dies auch, um des Labelns willen, gerne mit dem Etikett »weibliche Werte« versehen.

Die Krux daran wäre dann nur, dass sich Männer damit nicht identifizieren könnten. So, wie mein Kollege es als unmännlich empfindet, gefühlvoll zu sein.

Wollen wir das?

Ich, als Frau, will das ganz sicher nicht.


:-)




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