(M)eine neue (Leit-)Kultur

Hinter mir liegen anstrengende Wochen, in denen ich mich unausgesetzt mit dem „Schwarzen Rauschen“ in meinem System konfrontiert sah. Als hätte mein Herz sich entschlossen, alles erneut aufzuzeigen, was mich in meinem bisherigen Leben zutiefst negativ beeinflusste. Ich ging durch intensive Phasen der inneren Auseinandersetzung mit allem, was mich in eine Richtung gezwungen hatte, ohne die mindeste Chance auf Selbstwirksamkeit.

In der letzten Woche schien das Ganze seinen Kulminationspunkt zu erreichen: Ich steckte täglich in Situationen fest, die ich als massiv vereinnahmend, fremdbestimmt und demotivierend erlebte. Ich sah mich mit der Tatsache konfrontiert, mich in andere Gegebenheiten ein- und unterordnen zu müssen, die ich nicht gut heiße. Von anderen manifestierte Wirklichkeiten schienen um ein Vielfaches wert- und bedeutungsvoller zu sein, als meine.

Letzten Endes ist es wahr, dass „meine Welt“ bisher zu wenig Raum hat. Ich hatte gelernt, dass persönlichen Raum zu beanspruchen, egoistisch und unangemessen ist. Ja, ich hatte aus dem Schaden, den der aggressiv verteidigte und beanspruchte Raum anderer an mir verursachte, falsch schlussfolgernd abgeleitet, dass „meiner Welt“ Wirklichkeit zu verleihen, unverschämt und unsozial sei. Und so wollte ich nicht sein.

Der Kern meines spezifischen, in meinen Zellen Kraft gewonnenen „Schwarzen Rauschens“ war genau der: „Entweder, du bist, wie wir dich sehen und haben wollen, oder du bist nicht willkommen.“ Und ein zweiter, wichtiger Leitsatz: „Deine gegenwärtigen Umstände zeigen dir, wer du wirklich bist. Deine Umstände wären anders, wärst du jemand anderes. Akzeptiere also den Platz, der dir durch deine Lebensumstände vorgegeben wurde. Mehr ist nicht drin. Sieh das Gute darin und ignoriere das Schlechte. So ist das Leben.“

Genau das macht also „mein Samsara“ aus, das ständige Kreisen in diesen Zirkelschlüssen, der mein Inneres „Nein“ zu dieser Situation keine Kraft gewinnen und in Veränderung bringende Handlungen übergehen ließ. Ich fühlte mich immer wieder in die Rolle des ewigen Erduldens gedrängt.

Während ich also in den vergangenen Wochen genau diese Prinzipien meines bisherigen „Schwarzen Rauschens“ immer wieder vor die Nase gesetzt bekam, verstand ich sehr wohl, wie ich über viele Jahre meines Lebens, aus innerer Unsicherheit heraus, mein aus meinem Herzen aufsteigendes „Nein“ selbst entkräftet hatte. Obwohl ich im Inneren anders denke und fühle, hatte ich mich an die Übermacht des Außen gewöhnt und deshalb knickte ich in vielen Momenten meines Lebens kraftlos ein und gab nach, anstelle beharrlich auf die höhere Ebene zu streben und Distanz zu gewinnen.


In unserer westlichen Kultur lernen wir, uns viel zu sehr am Außen zu orientieren und davon bestimmen zu lassen. Und genau mit dieser Kultur fühlte ich mich von Kindesbeinen an konfrontiert. Früh lernte ich die schmerzhaften Folgen kennen, wenn ich meinem inneren „Nein“ Ausdruck verlieh. Für das eigene Innere Raum haben zu dürfen und darin Wahrheit, Richtung, Echtheit und Sinn zu finden, das brachte mir niemand bei.

Diese Tür öffnete sich mir erst, als ich begann, zu meditieren und buddhistisch zu praktizieren. Und alles, was ich ab diesem Moment aus meinem Inneren heraus erkannte und lernte, hütete ich wie einen kostbaren Schatz. Ich hielt ihn hartnäckig und sehr verschwiegen vor anderen verborgen.

Ich erkannte und entwickelte so meine innere Parallel-Wirklichkeit eines inneren Wertesystems. In Teilen spiegelt diese „innere Kultur“ sicherlich auch mein Elternhaus und Erziehung, aber zugleich strebte sie weit darüber hinaus, je mehr ich meinen inneren Raum erweiterte.

Die schädlichen Einflüsse meines persönlichen „Schwarzen Rauschens“ zwangen mich im ersten Schritt in ein verborgenes Leben, um mich von seinem negativen Einfluss abnabeln zu können. Und ich lernte dadurch, meine Lebenskraft nicht mehr in die Belange und Ziele anderer fließen zu lassen. Ich möchte ab sofort bewusst entscheiden und bestimmen, wohin ich meine Energie investieren will.

Damit ist es an der Zeit für eine neue (Leit-)Kultur. Ja, Leitkultur war ein Wort, was in den letzten Tagen öfter, im Rahmen politischer Debatten, durch die Medien geisterte. Ich registrierte am Rande, wie Politiker sich über ein neues Wertesystem austauschen.

Und ich dachte mir, als relativ unpolitischer Mensch: „Was ist eigentlich mit meiner persönlichen Leitkultur? Meinem persönlichen Wertesystem? Wie greifbar lebe ich es? Wie manifestiert es sich in meinem Leben? Wodurch lasse ich mich innerlich leiten und wie stark gebe ich immer noch der Leitkultur nach, die andere mir aufdrängen wollen? Ist immer noch das „Schwarze Rauschen“ der uneingeschränkte Herrscher über mein äußerlich manifestiertes Leben?“

„Wo atmet und inspiriert mein innerlich kultiviertes Wertesystem, inmitten dieser Gesellschaft, in der ich lebe?“ Schließlich leben wir in einem freien Land und ich bin frei darin, diese Gesellschaft mit meinem Raum zu ergänzen oder zu bereichern.


Von Parallel-Wirklichkeiten, die ein in sich abgeschlossenes Wertesystem zu bewahren suchen, ohne an der Gesellschaft Anteil nehmen zu wollen - davon halte ich nichts. Deshalb ist es nur konsequent, dass ich mich selbst frage, inwieweit ich derzeit etwas in die Gesellschaft hinein investiere. Ich tue das bei Weitem nicht so, wie es mein inneres Bedürfnis ist. Und ich strebe zuversichtlich an, dies zu ändern.

Betrachte ich unter diesem Blickwinkel den tibetischen Buddhismus, der meine innere Leitkultur mit bestimmt, so zeigt er sich mir noch nicht ausreichend gesellschaftsfähig. Meiner Wahrnehmung nach haben die frühen Anhänger sich genau so ein- und untergeordnet, wie das von mir in meiner Kindheit verlangt wurde. Heute noch zeigen sich viele Anhänger extrem unterwürfig, anstelle kritisch konstruktiv.


Aus oben genannten, persönlichen Gründen reagiere ich auf das Einfordern von Unterwerfung extrem allergisch. Ich erinnere die erlebten Schmerzen gut, die daraus entstehen, die eigene Lebenswirklichkeit dauerhaft zu unterdrücken. Es gibt nichts Wertvolleres, als sich frei, kritisch, direkt und auch spielerisch mit unterschiedlichen Wirklichkeiten und Wertesystemen auseinandersetzen.

Ich verstehe nicht, warum ein Wertesystem, wie das des tibetischen Buddhismus, es so häufig nötig hat, sich hinter einem sklavisch einzuhaltenden Bollwerk an kulturellen Regeln zu verbarrikadieren. Wovor haben viele Vertreter des Buddhismus Angst, wenn sie vor allem und zuerst auf das Einhalten dieser Regeln pochen? Den Verlust ihrer Kultur? Dann aber sind sie in meinen Augen keine Buddhisten, die auf die buddhistischen Wahrheiten vertrauen, sondern in erster Linie und vor allem Tibeter.

In den Satzungen tibetisch-buddhistischer Vereine ist vom „Bewahren der tibetischen Kultur“ die Rede. Vielleicht kann ich mich mit den Interessen und dem Programm solcher Vereine deswegen kaum identifizieren. Ein solches Vereinsanliegen greift für mich und für das Land, in dem ich lebe, zu kurz. Sind solche Satzungen noch zeitgemäß?


Aus meiner eigenen Geschichte heraus kann ich den Reflex gut verstehen, sich erst einmal, in Folge einer lebensbedrohlichen Katastrophe, zurückzuziehen und den eigenen Raum zu pflegen und zu bewahren. Muss nicht irgendwann der Tag kommen, an dem ich aus meiner persönlichen Agonie erwache und beginne, mich umzuschauen: Wo bin ich? Komme ich mit dem noch mit, was „da draußen“ vor sich geht?

Was ist das für ein Volk, was mir gütig Zuflucht gewährte, als ich Zuflucht suchte? Diese Gesellschaft, die mich erst einmal „mein Ding machen“ ließ, um mich in meiner kulturellen Wertekraft neu zu konsolidieren? Brauchen sie das exotisch wirkende „Little Tibet“, was ich hier aufgebaut habe? Ergibt das für uns alle, innerhalb einer einander wechselseitig stützenden und nährenden Lebensgemeinschaft, Nutzen und Sinn?

Ich persönlich bin dankbar, für das Leben in diesem Land, das frei ist, und damit auch ich frei war, ein vernachlässigtes, inneres Bedürfnis nachzuholen. Das Bedürfnis, ich selbst zu sein und das Kennenlernen meiner „inneren Welt“. Trotz dessen, dass diese Gesellschaft bisher nicht allzu viel von Innerlichkeit hält.

Der nächste Schritt auf meinem Weg besteht für mich darin, das Doppelleben aufzugeben und eine Realität in die andere zu integrieren. Ich überprüfe meine innere (Leit-)Kultur, justiere, passe an und konsolidiere eine neue, die mit der sich verändernden Realität „da draußen“ mithalten kann. Nichts anderes tut dieses Land damit, indem einige Politiker versuchen, eine Diskussion über Leitkultur anzustoßen.

Dabei muss diese Kultur nicht stromlinienförmig sein. Sie kann Werte in den Fokus rücken, die keine Lobby haben, aber Sinn ergeben, wenn man darüber diskutiert und nachdenkt. Ja, da kommen wir zur deutschen Streitkultur, die zutiefst darauf vertraut, dass Wahrheit und Wirklichkeit jeder heißen, sachlichen Diskussion standhält.

Die letzten Wochen fordern von mir massiv und aktiv eine Untersuchung meiner inneren Einstellung, meines Wertesystems, meiner bisher getroffenen Vereinbarungen mit meinem Leben. Zum Glück registriere ich da bei mir inzwischen die stabile Kraft des inneren „Neins“ zu allem, was mir kontraproduktiv und schädlich erscheint. Ich erlebe mich nicht mehr als Opfer meiner Umstände. Von oben auf das Geschehen schauend, kann ich genau sehen und sortieren, was ich davon in meinem Leben haben will - und was nicht.

Jedes Herz will wachsen. Und so verdeutlichte mein Herz mir in den letzten Wochen nicht nur „mein Samsara“, sondern beginnt, mich darüber hinaus zu weisen. Wenn das „Schwarze Rauschen“ nicht mehr im Verborgenen sein zerstörerisches Werk tut, sondern alles klar und deutlich ausgebreitet auf dem Tisch liegt, ergibt sich Perspektive. Und mit ihr eine ungeahnte Freiheit, neue Richtung zu nehmen.
 

Neue Entscheidungen entstehen, wenn ich alles neuwertig sehe. Ich habe die Möglichkeit, einen inneren Reset-Knopf zu drücken, um alle meine bisherigen Überlebensstrategien neu zu betrachten und über ihre Wirkungen zu reflektieren. Ich frage mich, ob deren Auswirkungen in mein Wertesystem passen, ob ich mit einer Wirkung leben kann und will, ob ich manche Wirkungen und Einflüsse in Kauf nehmen muss und kann.
Von meinem heutigen Erkenntnisstand aus betrachtet, fange ich durch überlegt und begeistert getroffene Entscheidungen neu an.

Wird das Justieren meiner inneren (Leit-)Kultur mich jetzt vollständig aus „meinem Samsara“ befreien können? Wahrscheinlich nicht. Mein Fokus liegt nicht darauf, auf Nummer sicher zu gehen. Für mich ist entscheidend, das zu unterlassen, was ich für mich und andere als schädlich erkenne. Und das für mich und andere als heilsam Erfahrene, beginne ich stärker zu mir einzuladen. Ich schaffe dem Guten großzügig Raum, in dem es, über die Grenzen aller Kleingeistigkeit hinaus, wachsen und gedeihen kann.

Schauen wir mal, was sich daraus ergibt.

Und wenn erneut der mich ernüchternde Tag kommt, wo ich erkenne, dass ich mich geirrt habe und den Werten in meinem innigsten Herzen untreu geworden bin, kalibriere ich freudig nach.

Kommentare

  1. Liebe Josi,

    es ist mein 3. Versuch, dir ein Kommentar zu schreiben. Ich weiß, um was es geht, aber ich finde keine richtigen Worte für das, was ich in diesem Zusammenhang selbst erlebe.

    Seit ca. einem Jahr werde ich intensiv mit dem Thema "Verlust des Anstands" konfrontiert. Ich benutze hier bewusst keine buddhistische Begriffe, sondern einen Begriff, den hier im Westen jeder kennt. Intensiv beobachte ich wie oft ein unanständiges Verhalten unter meiner Kollegen wie die Pest um mich greift. Alles was früher selten war, ist heute an der Tagesordnung: Mobbing, Eifersucht, Raffgier, Gemeinheit, ja sogar Heimtücke...

    Wenn ich früher noch Hoffnungen hatte, weil ein neuer Chef kam oder die Sparmaßnahme abgeschlossen war, dann dachte ich, jetzt geht es besser. Aber nun hoffe ich nicht mehr: die Personen, die früher zu mir freundlich waren, verhalten sich nun subtil aggressiv und hasserfüllt. Eben ohne „Anstand“.

    Ganz bestimmt haben sich unsere Lebensbedingungen hier im Westen de facto nicht viel mehr negativ verändert, aber gefüllt schon ziemlich stark! Ich beobachte einen gewissen Identitätsverlust bei meinen Mitmenschen und des „Wir-Gefühls“. Es ist nicht mehr da. Und damit spielt der Anstand keine Rolle mehr im Alltagh.

    Genauso wie du, so könnte ich ein politisches oder gesellschaftliches Phänomen beschreiben, aber es ist im höchsten Maße psychologisch und spirituell. Wir beide sehnen uns nach einfacher, bodenständiger Lebensart, wohl wissend, das viele Strukturen komplex und schwierig geworden sind. Der Anstand geht verloren, weil der Mensch und seine Identität verloren gehen. Wir sind darauf reduziert, gute Dienstleister zu sein oder bonitätsfähige Ratenzahler, gute Sachbearbeiter und fleißige Arbeiter. Wir sind Fachidioten geworden und verlieren oft den Blick auf das Ganze. Wir fühlen uns nicht mehr sicher. Wir sind globalen Umwälzungen ausgeliefert und die Konsequenzen greifen tief in unser Bewusstsein hinein und verändern uns von Grund auf.

    Du weißt wie oft ich wie ein Kind geweint habe, obwohl ich die Hälfte meines Lebens bereits hinter mich gebracht habe! Ich weine, weil ich mich hintergangen fühle, oder wie Fußvolk behandelt werde. Da hilft kein Altruismus im allgemeinen Sinne, denn die „Täter“ waren für mich früher – noch vor ein paar Jahren – anständige Leute und heute benehmen sie sich wie der letzte Dreck!

    Deswegen sage ich oft, wenn ich mir ein Auto kaufe, dann ein anständiges – ohne dieses Schnick-Schnack! Wenn ich ein Laptop kaufe, dann auch einen anständigen, der möglichst das Wichtigste leisten kann und keinen Schnick-Schnack mitliefert. In der letzten Zeit denke ich auch oft daran, auf Smartphone zu verzichten, weil so viele im Hintergrund schon mitlesen und ich mich von Cookies verfolgt fühle.

    Sogar in den letzten Tagen erzählte ich dir von meinem Bedürfnis in einer echten alten anständigen Unterweisung zu sitzen und einem alten und anständigen Meister bei zu wohnen... Diese Schlichtheit und Anstand, Bodenständigkeit und Zuverlässigkeit vermisse ich. Es verschwindet langsam aber sicher aus meinem Alltag. Es wird zu einer Rarität. Wir begegnen vielen Rednern, vielen Sachbuchautoren, vielen Verkäufern von irgendetwas und Marketinghelden, doch mein Herz sehnt sich nach so etwas langweiligem und unauffälligem wie Anstand, Ehre, Treue und Gemeinschaftssinn.

    Ich weinte wie ein Kind, weil ich verraten wurde von denjenigen, denen ich stets gut gedient habe. Sie griffen gern nach meiner Hilfe, doch jetzt brauchen sie mich nicht mehr und haben mich fallen lassen. Wie das Bauernopfer im Schach.

    Ich erinnerte mich auch an ähnliche Situationen aus meiner Kindheit. Doch heute bin ich nicht so hilflos den äußeren Umständen ausgeliefert. Nein! Ich bin aufrichtig und habe den Mut, mich zu wehren. Diese Courage und dieser alte, unpopuläre Anstand sind meine Leitkultur.

    Sollte mir morgen wieder irgendeine Niedertracht begegnen, werde ich wieder weinen...

    Ich möchte mich nicht mehr in dieser Gesellschaft ohne Anstand zu bewegen.

    Deine treue Heulsuse
    Jampa Lhats

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    1. Meine liebe Freundin,

      ja, auch bei mir wird es komplexer und komplizierter im Arbeitsalltag, spitzt sich zu.

      Im Buddhadharma ist so viel enthalten, was eine Stütze sein könnte, für unseren Umgang mit den Umständen in unserem Arbeitsleben, für die Verlust unserer Identität als "einfacher Mensch". Ich bin weit davon entfernt, darüber alles zu wissen. Zum Beispiel über das Gesetz von Ursache und Wirkung, dem abhängigen Entstehen, über die Leerheit und der Umgang mit Emotionen. In unserer Nähe gibt es keinen buddhistischen Ort, wo wir regelmäßig wiederkehrend und qualifiziert diese "buddhistischen Basics" lernen, vertiefen und diskutieren können. Pures Rezitieren von Mantras hilft hier nicht weiter.

      Daher sprach ich etwas provozierend von "Little Tibet" in buddhistischen Vereinen. Dort findet kein Austausch mit "unserer Welt hier" statt. Solche Lehren, was für mich den Kern des Dharma ausmachen, sind nicht zugänglich. Regelmäßig, bodenständig, anständig.

      Andernorts geht es besser, tiefgründiger, fundierter und in einem fairen Austausch "zwischen den Welten", wo man sich einander zuneigt und so zusammen wächst. Wo ich Gehör finde, für schmerzhaft erlebte Veränderungen im Arbeitsumfeld. Das wäre für mich "Sangha" im besten Sinne: Miteinander Lernen, das Anwenden des Gelernten auf die eigenen Erfahrungen, sowie der Austausch darüber. Und dieser Gemeinschaftssinn würde ganz nebenbei noch dazu führen, dass wir allmählich Buddhadharma tiefgründig und echt mit unserem Alltag verbinden werden.

      Langwierige Sadhana-Praxis kann ich zum Beispiel schon lange nicht mehr mit meinem Arbeitsalltag vereinbaren. Selbst wenn ich mehr praktizieren wollte, hätte ich keine Gelegenheit dazu. Ich muss hier ständig Abstriche machen. Umso bitterer ist es, zusätzlich noch kaum eine Chance auf regelmäßige Begegnungen mit einem qualifizierten Lehrer zu haben, den ich genug kenne und er mich, dass seine Antworten auf Fragen nicht mehr nur im Vorbeigehen geäußerte Allgemeinplätze sind. Der fähig ist, sich in unsere Lage zu versetzen oder zumindest bereit ist, sich ihr anzunähern.

      In der Tradition, in der wir uns seit Jahren bewegen, fehlen diese Basics. Gottheiten-Retreats kann ich mehr als genug machen, aber das bringt mir keine unmittelbare Hilfe im Versuch, meinen Alltag als anständiger Mensch mit aufrechtem Rücken zu meistern - und dabei mich ständig mit dem Dharma, den Segen der Buddhas und den grundlegenden Prinzipien des Dharmas verbunden zu fühlen.

      Ich sehe manchen buddhistischen Verein als eine verpasste Chance, so viel Gutes in diese Gesellschaft zu investieren. Die Interessen eines solchen Vereins erscheinen mir, aus meiner Perspektive betrachtet, vollkommen eigennützig, aber nicht gemeinnützig. Und wirklich besorgniserregend wird ein solches Zentrum für mich dann, wenn alles Handeln und Streben, zunehmend fanatisch und ausschließlich auf das Verewigen eines einzigen Lehrers ausgerichtet wird. Wo man sich nur dann dem Verein treu ergeben erweist, wenn man Zuflucht zu eben diesem Rinpoche nimmt. Da geht etwas in eine befremdliche Richtung - und wenn das mit "tibetischer Kultur" gemeint ist, verzichte ich gerne darauf, diese noch näher kennenzulernen. Doch dabei blutet mein Herz, das sich genau so nach der Verlässlichkeit und Stütze des Buddhadharma sehnt, wie deines.

      Es gäbe so viele fruchtbare Optionen auf dankbaren, bereichernden, willkommenen, gegenseitigen Austausch, von denen viele Menschen etwas hätten. Da könnte es das perfekte Geben und Nehmen geben. Viel mehr als jetzt ...

      Meine liebe Schwester, ich finde es gut, dass du dir diese Trauer um den Verlust guter Beziehungen zu deinen Kollegen zugestehst und um das, was du vermisst. So, wie ich dich kenne, wird dich das nicht davon abhalten, aufrecht deinen Weg weiter zu gehen. Du zeigst damit ehrlich, was das mit dir im Inneren macht. Danke für deine Offenheit und Ehrlichkeit - und einen erholsamen Feierabend noch!

      Herzlichst,
      deine Jampa Dekyi

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    2. Liebe Josi,

      wie oft bringst du es auf den Punkt: Wir beide vermissen leidenschaftlich diesen ERFAHRENEN Lehrer oder Lehrerin, der oder die gründlich studiert hat und gleichzeitig ausreichend Lebenserfahrungen aufweist, um die Theorie auf den Alltag zu brechen. Der oder die uns hier im Westen TÄGLICH BEGLEITET.

      So einen guten Lehrer hatten wir früher in Hamburg - er atmete den (alten anständigen) Buddhismus regelrecht ein- und aus und tat alles, um die theoretischen Grundlagen zu schaffen und sie populär zu machen. Er arbeitete bescheidend, aber zielstrebig an seinen Zielen und schaffte dieses Grundlagenwerk doch. Trotz aller Widrigkeiten und Streit, die ihm diese fremde westliche Kultur lieferte!

      Aber leider ist er ja dann – plötzlich - von uns gegangen und hat eine große spirituelle Lücke hinterlassen... Und eine BRÜCKE! Eine spirituelle Brücke, die hier im Westen zur Hälfte besteht und die andere Hälfte will zu Ende gebaut werden. Ein originelles philosophisches Bauwerk, so zu sagen...

      Ich sehe das so:

      Diese Brücke will zu Ende gebaut werden und wir wollen hoffentlich mit dabei sein! Denn warum vermissen wir diesen täglichen spirituellen Background?!.. Weil nur diese echte anständige und sicherlich mühsame Integration des Dharma unserem Leben den tiefen Sinn verleiht. Und Glück!

      Habe ich Recht?!. :-)

      Bitte entschuldige mich dafür, dass ich das Wort „anständig“ so oft benutze...

      Deine Jampa Lhatso

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    3. Liebe Jampa Lhatso,

      ich weiß genau, was du mit "anständig" meinst - und dass dieser Begriff in diesem Zusammenhang vollkommen richtig gewählt ist:

      Wir haben uns beide die günstige Gelegenheit nicht entgehen lassen, einmal hinter die Kulissen eines Dharmazentrums zu schauen, als sie sich bot. Ich kann sicher mit Fug und Recht für uns beide in Anspruch nehmen, dass wir das einst mit reinem Herzen taten. Aus dem ehrlichen Bedürfnis heraus, für die Hilfe, die wir durch den Buddhadharma erfahren haben, etwas zurückzugeben. Und beide lernten wir am eigenen Leib, dass diese "reine Intention" unseres Herzens fruchtlos verpuffen muss, wenn diese nicht von allen Beteiligten geteilt wird.

      Wie will jemand einen solchen spirituellen Verein gut führen, der die Menschen nicht kennt, die sich beteiligen wollen? Schwierig. Insbesondere, wenn man sich nicht sprachlich austauschen kann und auf Dritte angewiesen ist, erscheint es mir nahezu unmöglich, "eines Geistes zu sein". So zersplittern sich die Interessen und Energien. Viel mehr noch, wenn der Lehrer nicht ständig anwesend ist.

      Mein und dein Wurzellehrer war glücklicherweise fast immer vor Ort. Sein Nachfolger ist es nicht mehr. Und aus der Ferne beobachte ich, wie die Marketingmaschine sich jetzt richtig warm gelaufen hat, rund um dieses Zentrum. Und der Nachfolger wird stärker hofiert, als derjenige, der klein angefangen hat, täglich und beständig präsent war und den Grundstein für alles gelegt hat, mit dem das Zentrum heute glänzt.

      Zu seinen Lebzeiten war ich schockiert darüber, mit was für Hindernissen er es vor Ort und täglich zu tun hatte. Ich zolle ihm immer noch vollen Respekt dafür, wie diszipliniert, ethisch und unerschütterlich er innere Haltung bewies. Wie sollte ich nicht dieses Beispiel immer vor Augen haben und nichts Geringeres als das wieder suchen und haben wollen?

      Deine Erfahrungen, die du in einem anderen Zentrum machtest, unterscheiden sich darin, keine solche starke,konsequente, gelehrte Persönlichkeit vor Ort zu haben. Dort wird ebenso ein Marketing und eine knallharte, interne Strategie betrieben, um mehr aus dem "Resident Lama" zu machen, als tatsächlich da ist. Da ist jede Menge Unaufrichtigkeit im Spiel. Und er befürwortet und verlangt genau das, von seinen "treuen Anhängern". Das ist unanständig. Wie sollte ich das übersehen, ignorieren oder tolerieren können?

      Diese spirituelle Brücke des östlichen Dharma in den Westen, von der du sprichst, soll in dem Sinne "anständig" oder "ethisch" sein, als dass sie uns ermöglicht, uns auf den wesentlichen Kern des Dharma nutzbringend zu fokussieren. Und im Mittelpunkt steht dabei immer, dass wir uns im Grunde unseres Herzens von den anderen Menschen "da draußen" keine Sekunde unterscheiden.

      Das Ziel eines jeden Buddhisten kann und sollte in meinen Augen sein, tatsächlich ohne Ausnahme allen Wesen dienlich zu sein. Ja, diesen "anständigen" Geist atmete unser Lehrer tatsächlich ein und aus.

      Heute verstehe ich, wenn ich an ihn zurückdenke, sehr wohl, warum er sich immer jeglicher "Guru"-Verehrung verweigerte. Nun gehen andere aber mit dem Buddhadharma hausieren. Und das entfernt uns sehr weit von allem, was den Buddhismus universal und im grundlegend menschlichen Sinne "anständig" macht.

      Seit Jahren schüttele ich immer wieder den Kopf darüber, dass viele westliche Buddhisten die Ansicht äußern, ich solle dankbar sein, dass ich überhaupt das gute Karma habe, in Kontakt mit dem Dharma gekommen zu sein. Übersetzt heißt das für mich: "Sei mit den Brotkrumen zufrieden, die vom Tisch des Königs fallen und stelle keine Ansprüche". Hier geht es aber nicht um persönliche Ansprüche meinerseits, sondern darum, was die wahre Anständigkeit der Lehre Buddhas ausmacht.

      In diesem Sinne halte ich, genau wie du, an nichts Geringerem, als dem klaren, reinen Herzenwunsch nach einer "anständigen" Brücke fest, die tatsächlich noch nicht zu Ende gebaut wurde.

      Liebe Grüße
      Jampa Dekyi

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