Die "reine Sicht" oder die Illusionen der Anderen

Durch den Buddhismus habe ich gelernt, mit meiner Wahrnehmung und den Projektionen, die daraus entstehen zu arbeiten. Der Fokus liegt dabei immer darauf, zu achten, wie meine Wahrnehmung Realität formt. Doch im wahren Leben interagiere ich täglich mit den Realitäten, die aus der Wahrnehmung der anderen entsteht. Genauso wie meine Realität den Umgang und die Zusammenarbeit mit anderen beeinflusst, bestimmt die Wirklichkeit der anderen auch mich.

Schon immer fehlte mir diese Dimension der Anderen in der Betrachtung des Lebens, wie sie der Buddhismus lehrt. Spätestens dann, wenn man schmerzhaft betroffen ist durch die Realitäten, die sich andere schaffen, gerät man an die Grenzen dieser Sichtweise der buddhistischen Lehre.

Neulich geschah etwas Unerwartetes in einem meiner Coachings. 

Meine Aufgabe als Coach besteht darin, die Mitarbeiter meines Unternehmens in fachlichen Fragen und beim Erreichen unserer Qualitätsstandards zu unterstützen. In der Regel geht es dabei nicht um Persönliches. Zu Beginn jedes Coachings erkundige ich mich jedoch stets danach, wie es dem Mitarbeiter geht. An diesem Tag und zu dieser Stunde saß ein junger Mann, der mein Sohn sein könnte, vor mir.

Wir hatten uns wenige Tage davor bereits in einem Coaching gegenüber gesessen. Und er hatte mir erzählt, dass andere Kollegen sich Sorgen um ihn machten. Doch er meinte damals, dass es ihm gut ginge und alles super sei. In diesem zweiten Termin wollten wir alles das zu Ende besprechen, wofür das vorherige Coaching nicht ausgereicht hatte. Und so setzte er genau da wieder an, wo er das letzte Mal noch verwundert reagiert hatte, als Kollegen sein Unwohlsein bemerkt hatten.

In der nächsten halben Stunde sprudelte aus ihm heraus, was ihm in den letzten Tagen auf einmal realisieren ließ, dass die Kollegen richtig lagen. Für mich fühlte es sich wie ein langer Moment des erleichterten Ausatmens an, nachdem er sich selbst zugestanden hatte, dass es ihm nicht gut ging.


Ich hörte zu, um herauszufinden, was ihm so stark auf der Seele lag, dass es sich quasi nicht mehr zurückhalten ließ. Und ich gab ihm dafür den Raum, den er sich selbst offenbar vor allem in unserer Zwiesprache zugestand. Ich erlaubte diesen Raum, für alles, was so geballt aus ihm hervorbrach. Und spätestens dann, als er auf seinen bei der Geburt verlorenen Zwillingsbruder zu sprechen kam, wusste ich, warum ich es war, gegenüber der er sich öffnete.


Auch ich habe bei meiner Geburt meine Zwillingsschwester verloren. Und dieser junge Mann hatte mir, kurz nach seiner Einstellung im Unternehmen, bereits davon erzählt. Damals sagte ich ihm spontan, dass auch ich ein allein gebliebener Zwilling bin.

Bekanntlich gibt es keine Zufälle. Aber Koinzidenz. 

Wenige Tage davor hatte ich begonnen, diesem unverarbeiteten Trauma in mir wieder Aufmerksamkeit zu schenken. Lange Zeit hatte ich es komplett verdrängt, dass mein Start ins Leben nicht einfach gewesen war. Auf einmal dachte ich wieder an sie, diese unbekannte, und doch in neun Monaten mir sicher vertraut gewordene Schwester, die urplötzlich und unvorhergesehen aus meinem Leben verschwunden war.

In vielen Jahren der inneren Praxis habe ich gelernt, mit dem abrupten Auftauchen bestimmter Impulse und Ideen, Gedanken, Erinnerungen und Gefühlen, zu arbeiten. Gerade wenn etwas Langvergessenes wieder erscheint und Aufmerksamkeit fordert, gehe ich mit dem inneren Geschehen mit. 

Und so hatte ich mir ein Buch gekauft, und gerade begonnen, zu lesen. Darin geht es um neue Forschungen zum Thema des verlorenen Zwillings und des Einflusses, dass dieses frühe Trauma auf Persönlichkeit und Psyche des Betroffenen nimmt. Die Lektüre kostet mich täglich Überwindung, denn mein gesamtes limbisches System geht sofort in Alarmbereitschaft über, wenn ich mich diesen Teil meiner persönlichen Geschichte versuche zu nähern.

Aus Liebe und Fürsorge für das Unbewältigte in meinem Leben habe ich mich jedoch fest entschieden, durch diese Aufarbeitung zu gehen. Und so hatte ich schon ca. 60 Seiten des Buches hinter mich gebracht, als nun dieser junge Mann, mir gegenüber sitzend, diesen dargebotenen Raum für Schmerz mit dem seinen füllte.

Es gab so viele Parallelen in seinem Erleben und meinem. Und weil ich mir selbst bereits Raum für diese Verarbeitung gegeben hatte, war ich bereit dazu, ihn in seiner Realität zu erreichen und zu bestätigen.

Ich kannte alles das so gut, von dem er da sprach: Die starken Gefühle, jemanden ständig zu vermissen und zu suchen, das Unverständnis seitens Familie und Verwandter, die das nicht nachfühlen können und einen zu emotional finden, die Ablehnung, wenn man selbst aus innerem Schmerz Erklärungen sucht und einfordert, der Gefragte sich jedoch nicht zurückerinnern will. Und es berührte mich sehr, als dieser junge Mann davon sprach, dass er denkt, er werde noch verrückt.

"Nein, du wirst nicht verrückt und bist nicht verrückt", sagte ich. "Es kann nur niemand nachvollziehen, was du durchmachst, der das nicht selbst erlebt hat. Du hast Schmerzen, nicht sie." Ja, ja, er habe diese Schmerzen. Dass er verrückt wird, sei seine größte Angst, weil er denkt, nur ihm allein geht das so, dass er solche Schmerzen hat. So antwortete er.
Wie oft hatte ich so von mir gedacht? Dass mit mir etwas grundlegend falsch sein muss, wenn das, was ich sage, für wahr halte und fühle, von niemandem nachvollzogen werden kann? Und in dem Moment, in dem dieser junge Mann alles dies aussprach und ich ihn sein Gutsein bestätigte, wussten wir beide um die Verlässlichkeit unserer Realität.

In gewisser Weise stellt meine Lebenserfahrung die buddhistische Lehre an diesem Punkt der illusorischen, eigenen Realität auf den Kopf. Was gelehrt wird, als Illusion zu betrachten, war von früh an die Wahrheit, während das, was als Wahrheit von anderen übernommen wurde, sich nun als Lüge erweist. Und dieser junge Mann sprach genau von diesen frühen Verlust der eigenen Wahrheit, die dadurch entstand, dass sein Umfeld die Realität des Schmerzes verleugnete, um ihre Illusion einer heilen Welt aufrecht erhalten zu können.

Ich verstehe genau, was er meint, wenn er sagt, er wusste bis vor kurzem nicht, was seine Lieblingsfarbe ist. Oder er erfüllte seiner Mutter jeden Wunsch nach Unterstützung, obwohl er dies nicht für richtig hielt. Und absurd empfand ich sogar die Übereinstimmung unserer beiden Geschichten darin, dass ausgerechnet wir, die wir unseren Zwilling verloren haben, so wenig für uns selbst und zu viel für andere da sind.


Im Buddhismus scheint das auch ein Ideal zu sein. Doch unter den für uns gegebenen Umständen kam es einer kompletten Selbstverleugnung gleich.

Ich erkannte seinen Hunger nach Selbstverwirklichung, als den meinen, das Getriebensein durch den Schmerz, als meine Unrast, das Bedürfnis nach Heilung, als mein Bedürfnis, und den Zorn, damit an der Realität anderer zu scheitern, als ebenso meinen. Und dieser Raum für Schmerz, der zwischen uns entstanden war, füllte sich eine halbe Stunde lang mit Wahrheit, die ebenso real ist, wie die Realität der anderen, Illusion.


"Du hast ein Recht auf Heilung“, sagte ich zu ihm, und meinte damit zugleich alles, was ich in den letzten Jahren für meine Wahrheit und ihr Überleben getan hatte. 


Weil ich weiß, wie wohltuend und stärkend dieser Weg war und immer noch ist, konnte ich diesen Satz mit Herzblut sprechen und ihm so hoffentlich Gewissheit geben. Unter den uns gegebenen Lebensumständen ist alles richtig und in Ordnung, was wir für uns tun müssen.

Er erzählte mir, wie wütend seine Mutter werden kann, wenn er ihr Informationen entlockt, die ihm helfen, sein Schicksal zu verarbeiten. Auch diese Reaktion der Mutter, das Gegenüber lieber zu bekämpfen, als sich Schmerzen zu stellen, ist ein weit verbreitetes Phänomen. Deswegen geht für mich die im Buddhismus gelehrte Rechnung nicht auf, nur auf die eigene Wahrnehmung und die eigenen Projektionen zu schauen, wenn doch die Projektionen der anderen so viel mächtiger und schmerzvoller in das eigene Leben einbrechen können, als dass ich selbst anderen mit meinen Illusionen zu schaden imstande wäre.

Mein Leben war lange Zeit gekennzeichnet, durch diese, meine innere Wahrheit bekämpfende, verbale und psychische Gewalt. Und da saß er nun, der ebenso allein gebliebene Zwilling, und sprach genau davon.

Wie real ist Realität, wenn sie von mindestens zwei Menschen geteilt wird?

Wie gehe ich damit um, wenn die Illusionen der anderen mich so stark vereinnahmen und schädigen?

Wie kann ich mich selbst als wahr und wirksam erleben, wenn andere dies nicht zulassen?

In diesem Gespräch mit diesem jungen Mann hatte ich das Glück, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort zu sein und das Richtige zu tun. Wenn ich meiner inneren Wahrnehmung nicht vertraut, auf die auftauchenden Signale nicht geachtet und mir selbst keinen Raum für einen noch nicht überwundenen Schmerz gegeben hätte, wäre dieser Moment nie Realität geworden. Ich wäre nicht vorbereitet oder offen, nicht mitfühlend oder präsent gewesen. Und die wenigen Seiten, die ich im Buch gelesen hatte, haben mir ermöglicht, ihm zu berichten, wie weit die heutigen Forschungen sind, und dass es sich lohnt, für den eigenen Wunsch nach Heilung, diese Bücher heranzuziehen.


Zu jenen Zeiten, als ich noch in dieser falschen, fremden, mir durch andere aufgezwungenen Realität gelebt habe, wäre ich früher oder später am unverarbeiteten Schmerz erstickt. Deshalb gibt es für mich nichts Wichtigeres, als sich sein eigenes, gebrochenes Herz einzugestehen.

Und dieses Herz wird auf dem Weg seiner Heilung immer andere einbeziehen, denn nichts kennt und versteht den Schmerz so genau, wie ein gebrochenes Herz. Daran ist nichts Egoistisches und der Schmerz keine Illusion. Indem ich den Spuren meiner Schmerzen folge, erweitere ich den Raum für Schmerz nicht nur für mich, sondern auch für andere. Und bevor dieser Raum nicht gewährt wurde, gibt es keine Linderung.

Es könnte nichts Buddhistischeres geben, als sich mit Leiden zu beschäftigen. Und woran es im heute gelehrten Buddhismus noch fehlt, ist genau dies: Nicht nur nicht von sich auf andere zu schließen, sondern auch die Schlüsse der anderen auf mich zu betrachten. Sie sind ebenso Teil meines Lebens und erzeugen ebenso eine Form von Realität, die durch Schmerzen Fakten schafft.

Der Weg der Heilung ist ohne das Einbeziehen anderer nicht möglich. Er lässt sich nicht in ständiger Abgeschiedenheit gehen. Inzwischen finde ich es sogar vollkommen legitim, denjenigen, der mir Schmerzen schuf, notfalls auch schmerzhaft aus seiner Illusion zu wecken. Ich finde es gesund, dass dieser junge Mann sich, wenn es sein muss, gegen den Willen seiner Mutter holt, was er braucht. Doch die meisten Alltagsbuddhisten scheuen davor zurück, diesen Weg des Konflikts zu gehen. Viel lieber greifen sie auf diesen ominösen Rat zurück, das bei anderen Wahrgenommene als Illusion oder Projektion des eigenen Geistes zu betrachten.

Mit anderen Worten: Vom Buddhismus konnte ich mir für meine Heilung dieser Fremdbestimmung keinen Rat holen. Ich konnte mich nur auf mein eigenes gebrochenes Herz, und sein gesundes Bedürfnis nach Heilung verlassen.

Und gerade diese halbe Stunde mit diesem jungen Mann bestätigt mich darin, dass dies der Weg der Wahrheit ist. Meiner Wahrheit, die endlich leben und atmen darf. Und in diesem Jetzt, in diesem kleinen Zimmer in meiner Firma, nachmittags um 16 Uhr, auch der Weg seiner Wahrheit. Ich weiß zu 100%, dass ich in diesem Moment, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, das Richtige getan habe, indem ich dieses Gespräch zugelassen habe. In diesem Augenblick haben sich zwei Realitäten getroffen und in der Deckungsgleichheit als eins, real und wahr erwiesen. Dieser Moment hat Erleichterung und Hoffnung gespendet - und auch mir Bestätigung gegeben.


So erlebe ich die Auslegung des Buddhismus in vielen Aspekten als Illusion, die von nicht lebenserfahrenen Lehrenden erzeugt wird. Die Dimension des Du und der Interaktion mit außen scheint in dieser Illusion nicht zu existieren. Diese buddhistische Sicht geht davon aus, dass allein das Verändern der eigenen Wahrnehmung ausreichend wäre, um ein sinnvolles Leben zu führen. Unterschätzt wird dabei die Macht, die andere über uns haben, indem sie sich weigern, um der Fürsorge für den anderen Willen, die eigenen Illusionen aufzugeben.

Wer immer sich vor Schmerzen verschließt, sei es bei sich selbst oder bei anderen, um seine heile Welt zu haben, wird andere verletzen. Und wenn ich dieses schadenbringende Verhalten der anderen beobachte, erachte ich es als meine Pflicht, zu handeln und nicht tatenlos zuzusehen.


Eine Illusion, die durch buddhistische Lehrer erzeugt wird, ist daher auch die Auffassung, dass ein Lehrer immer als rein betrachtet werden sollte. Nicht selten begegnete mir die Ansicht, dass es des Schülers Aufgabe sei, die Aussagen des Lehrers als wahre, reine Lehre des Buddhas zu betrachten, um auch den reinen Segen des Buddhas aus seinen Unterweisungen zu empfangen. In diesem Zusammenhang spricht man gerne von der "Reinen Sicht". Der Schüler sei selbst schuld, wenn er zu dieser nicht fähig sei. Und er hätte die Pflicht dazu, um das Verhältnis zu seinem Lehrer gesund zu halten. Wenn der Schüler in seinem Lehrer und der Art zu lehren etwas Unrechtes und Unreines sehe, sei das letztlich nur des Schülers Projektion. Der Schüler hätte nur Schaden davon, aber keinen Nutzen. Wir, als Unwissende, vielleicht mit wenig Verdienst Versehene, sollten lieber davon ausgehen, dass wir den Lehrer sowieso missverstehen. Denn eine reine Sicht zu haben, erfordere schon einiges an Verdiensten. Also ist es wohl besser, trotz innerer Zweifel davon auszugehen, dass ich mich täusche, der Lehrer aber Recht hat.

So bestechend logisch diese Argumentationskette zu sein scheint, so zweckmäßig für den Lehrer ist sie auch. Sie spiegelt allein die einseitige Sicht und Bedürfnisse des Lehrers wider und dient diesen, während sie aber, nach Worten betrachtet, das Gegenteil zu propagieren scheint. Sie ist ebenso eine Einbahnstraße, wie die Anweisung „alles als Illusion und Projektion zu betrachten“.

Dies als Übungsanweisung zu nutzen, solange man auf dem Meditationskissen sitzt, kann durchaus nützlich sein. Aber für das wahre, interaktive tägliche Zusammenleben mit anderen, ist sie meines Erachtens sogar schädlich. Da brauche ich alle meine Sinne beisammen und die Signale, die sie und mein Herz mir senden, um nicht meine ungesunden Überlebensstrategien einfach nur schön zu reden und zu rechtfertigen, als sie ehrlichen Herzens auf Fairness, Rücksichtnahme und die gesunde Mitte zu prüfen.

Der tibetische Buddhismus scheint mir übertrieben voll, von allen diesen kulturellen Vereinbarungen, die nichts, gar nichts mehr mit Buddhas Weg zu tun haben. Sie dienen der Aufrechterhaltung des monastischen Systems, sind auf ein solches zugeschnitten, navigieren aber zielstrebig am „wahren Leben“ vorbei. Ich vermisse diese natürliche Bodenständigkeit, die nicht auf den eigenen Vorteil, Verehrung und die Schaffung von Verdiensten für arme Laien durch Annahme von Spenden aus ist. So oft muten Belehrungen plötzlich als Rechtfertigung eines Ablasshandels an, der bei uns, in Europa, archaisch und dem Mittelalter entsprungen scheint. 

Geht es nicht einfach darum, auf den Buddha im eigenen Herzen zu vertrauen, der selbst den Weg qualvoller Schmerzen zu nutzen versteht, um sich und anderen Erleichterung und Mut zu spenden? Für mich besteht der Segen der Buddhas genau darin, mich zu lehren, solchen Impulsen, wie dem oben beschriebenen, zu folgen, damit heilsame Koinzidenzen entstehen und ich zur richtigen Zeit, am richtigen Ort bin und das mir mögliche Richtige tue.

Und das immer wieder mir Ehrfurcht einflössende daran ist die Tatsache, dass das Heilsame in dieser Zwiesprache nicht einseitig ist: Ja, ich investierte die Bereitschaft, diesen Raum für Schmerz zuzulassen. Doch ich war nicht diejenige, die heroisch etwas Heilsames für den anderen tat. Er tat für mich ebenso etwas Heilsames, indem er auch meinem Herzen die Ruhe brachte, dass nicht nur mir es so erging.

Ja, vor dieser wechselseitig wohltuenden Koinzidenz habe ich Respekt. Sie zeugt für mich von der Existenz der Buddhas, die nichts anderes im Sinn haben, als einen jeden von uns seinen spezifischen Herzensweg zu eröffnen. Und dieser ist per se, sowohl das eigene Wohl als auch das Wohl der anderen zu verwirklichen. Dieses geschieht zeitgleich, nicht zeitversetzt. Und es geschieht nicht durch einen großen Knall, mit Pomp und Brimborium, sondern zum Beispiel durch ein kleines, halbstündiges Zusammentreffen zweier geöffneter Herzen.

Von Außen betrachtet sicher keine große Sache. Von innen betrachtet kann es lebensrettende Relevanz haben.

Das ist die Echtheit, Bescheidenheit und Wirksamkeit, die ich in Buddhas Denken, Sprechen und Handeln zu seiner Zeit ahne und vermute. Und was davon im tibetischen Buddhismus Gelehrte transportiert nun noch wenigstens einen Hauch dieser Echtheit, nicht kompromittiert durch Geschäftstüchtigkeit und Größenwahn? Wo ist die aktiv tätige Hinwendung zum Du, die andere wirklich so hoch schätzt, dass sie bereit ist, durchs innere Feuer zu gehen? Wo ist die Einsicht, dass genau darin, dem Ruf des eigenen, unbewältigten Schmerzes zu folgen, vielleicht die authentischste und höchste Praxis liegt?

Ich weiß nicht, woher ich sonst die Gewissheit nehme, dass dies kein egoistischer Weg ist, wenn nicht aus dem Herzen, das in sich die Buddha-Natur trägt. Und in genau diesem, manchmal blutenden Herzen, bin ich mir sicher, dass ich diese reine Herzenssicht auch dann noch habe, wenn ich einen Lehrer nicht als rein sehen kann. Dieses Faseln von einer reinen Sicht, die einseitig vom Schüler gefordert wird, während die Eigenverantwortung des Lehrers gegenüber dem unwissenden Schüler im Zusammenhang keine Erwähnung findet, ist nur argumentatorische Haarspalterei, um der eigenen Beweihräucherung und selbsterhaltenden Interessen willen. Das reale Leben ist jedoch keine solche Einbahnstraße.

Was jenen jungen Mann betrifft
, der sich nach dem halbstündigen Redeschwall wieder mit mir gemeinsam der eigentlichen Coachingarbeit zuwendete: Ich bin mir sicher, dass er alle guten Chancen der Welt hat, aus seinem großartigen, wenn auch gebrochenen Herzen, das Beste zu machen, indem er seinen Schmerz verarbeitet. Er ist mutig genug dazu, wild entschlossen und stark. Er hat sehr gute Chancen, diese Heilung viel früher zu schaffen, als ich. Und genau das hat er auch verdient.



Kommentare

  1. Liebe Freundin,
    es gibt meines Erachtens weder eine Reine noch eine unreine Lehre. Diese Definition kann ich beim besten Willen beim Buddha selbst nicht finden (wenn ich über ihn nachdenke).
    Wenn ich selbst die Differenziertheit des Nachdenkens anwende, ist ein Lehrer für mich persönlich und letztendlich ein Vermittler.
    Wenn er erfahren und begabt ist, kann er dann sogar ein Medium sein. Alles andere, was gewöhnlich behauptet wird, ist nicht mehr zeitgemäß. Jedenfalls für mich.
    Wie oft haben wir beide in der Vergangenheit gedacht, dass wir ohne die richtigen buddhistischen Übertragungen niemals, aber wirklich niemals, nicht annähernd noch in diesem Leben, wahre spirituelle Fortschritte erlangen werden?! Nicht wahr?
    Heute, hier und jetzt, muss ich darüber schmulzen, weil mein Blick wie vielleicht auch Deiner sich entschieden verschoben hat! Dieses gewöhnliche Streben nach Erleuchtung ist nicht mehr mein qualifiziertes Ziel. Nie mehr.
    Indem ich meine Unzulänglicheit akzepiert habe, bin ich eine von denen. Eine von ihnen. So bin ich geboren und so werde ich sterben. Wir sitzen alle in einem Boot! Wir alle erleben die gleichen Schmerzen und Traumatas, wir verlieben uns immer noch auf die gleiche Art und Weise und diese wird oft nicht erwidert, wir begegnet uns unseren Freunden und werden nicht erkannt, wir öffnen uns - und stehen vor verschlossenen Türen... So ist aber das Leben! Unser "normales" Leben ist so dramatisch, so gefährlich, so unzulänglich wie damals, als der Buddha noch lebte. Eben ganz normal, weder rein noch unrein.
    So wie du es gerade beschreibst und so wir wir oft gemeinsam diese Einheit im Moment des Erlebnis geteilt haben, mag er auch seine Entwicklung maßgeblich vorangetrieben zu haben. Das fällt eben aus unserem Blickwinkel heraus!
    Diesen Moment der Einheit (Koinzidenz halt) sehe ich als einen sehr-sehr kostbaren Zustand, als einen Moment des Urzustandes. Dank der lebendigen Wechselbezieung und der erreichten Koinzident finden wir einen Halt. Eine Stütze im Moment des Wehtuns. Eben gemeinsam.
    So ähnlich muss es, denke ich, auch damals mit dem Buddha gewesen sein. Er war, so wie du oder ich, einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort und sprach über das Richtige, indem er seine leidvolle Erfahurungen mit seinen sehr leidfähigen Zeitgenossen teilte oder einfach nur zuhörte. Das ist sehr schlicht. Sehr mitfühlend. Sehr großzügig. Nicht mehr und nicht weniger.
    Das gemeinsame Erlebnis der Einheit macht es erst möglich, dass wir "spirituelle" Fortschritte machen. Ansonsten idt die Lehre, gleich egal was für eine Lehre, bloß nur eine Übertragung der Worte ohne Ihnhalt und der Lehrer bleibt dann bloß nur ein Körper ohne Seele.
    Vielen Dank für deine Geschichte!
    Deine Jampa Lhatso

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    1. Meine liebe Schwester,

      danke für diese großzügige Antwort. Ja, es war ein langer Weg dahin, auch in diese Angelegenheit wirklich auf die eigene Wahrnehmung zu vertrauen und sich auf das fest verlassen zu können, was sich richtig, gütig und hilfreich für mich selbst und für andere anfühlt.

      Sicherlich sind wir beide den ganzen Weg aus Hoffnungen und Ängsten durchlaufen und den starken Wunsch nach Halt, der uns vielleicht ängstlich einiges mitmachen ließ, was sich nicht gut anfühlt. Auch in Sachen Hinwendung zum tibetischen Buddhismus. Und vielleicht kann ich auch für dich sprechen, wenn ich sage, dass wir dabei oft über die innere Schmerzgrenze gegangen sind, weil wir tiefes Vertrauen in den Buddhadharma im Herzen fühlen, obwohl wir ihn nach Lehren und Worten nicht kennen. Für mich bezieht sich das inbesondere auf zwei Aspekte: Bodhichitta und das Vajra-Fahrzeug.

      Ich habe einen langen Ernüchterungsprozess durchmachen müssen, indem ich dieses instinktive Vertrauen mit der mich umgebenden Realität abgeglichen habe. Häufig habe ich mir noch gedacht: Irgendwie liegt das doch an dir, irgendwas hast du nicht verstanden (und letztlich redet das einem auch jeder zweite Lehrer ein, das nur er... usw).

      Der Abgleich mit unseren derzeitigen Lebensumständen, den Alltag, den wir stämmen müssen, die Unwissenheit und das Desinteresse seitens der Lehrer, was das wirklich von uns abverlangt und was für neue Arten des Leidens daraus entstehen, wäre schon ausreichend gewesen. Letztlich wirklich entscheidend war, vielleicht auch für uns beide, als aus dem Mund eines "Dharmalehrers" das Wort "Dharmapolitik" fiel.

      Für mich ist es nach wie vor vollkommen unfassbar, wie wenig fühlende Wesen und ihre Leiden in dem ganzen Strategiespiel noch eine Rolle spielen, aber doch ständig heuchlerisch im Munde geführt werden.

      Wir beide haben uns schon sehr häufig über dieses Phänomen unterhalten, dass diese "Politik" genau dann funktioniert, wenn man genug "gläubige Schäfchen" um sich sammelt. Und was hält diese "gläubigen Schäfchen" in der Herde? Indem man sie klein hält, ihre Leiden nicht nimmt, sondern für deren Beseitigung hart arbeiten lässt, indem man subtil Ängste füttert und sich selbst als den Lebensretter verkauft. In diesem Zusammenhang kann also nie eine wechselseitige Koinzidenz entstehen, sondern nur eine "Einheit" innerhalb der durch den Lehrer vorab definierten Regeln. Und die Größe und Loyalität der Herde wird als Beweis der eigenen Großartigkeit unter dem Deckmantel Buddhas gefeiert. Ende der Geschichte.

      Das hat mit meinem täglichen, inneren Erleben nichts zu tun, da gibt es keine Berührungspunkte, keine offenen Herzen, keine Begegnung auf Augenhöhe, geschweige denn eine Ahnung, ein Gespür, wie sich ein Buddha in seiner großzügigen Güte anfühlen könnte. Oder die Erkenntnis, dass ich, als kleines Würmchen auf dieser Erde, dieses Empfinden sehr gut kenne. Und dass diese Güte, wenn ich ein wenig übe, aus meinem eigenen Herzen - ohne äußeren Lehrer - leise zu strahlen und sich in meinen Gedanken, Worten und Werken auf andere auszuwirken beginnt. Egal wo, egal wie, egal wann und egal, welchen fühlenden Wesen gegenüber.

      Genau so ist es,und genau so, wie du es beschrieben hast, stelle ich mir vor, dass eine Begegnung mit Buddha Shakyamuni gewesen sein könnte...

      Auf bald, fühle dich herzlich umarmt,
      deine Jampa Dekyi

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  2. Liebe Josi,

    lass mich noch einmal auf diesen Punkt eingehen - warum ich heute die Erleuchtung nicht als ein oberstes Ziel erkenne. Viele Jahre, ja, mein ganzes Leben lang war ich, genauso wie du, auf der Suche nach einem geistigen Zuhause. Irrtümlicherweise verband ich diese Heimat mit einem physischen Ort, gefüllt mit besonderen Menschen. Doch je fortgeschrittene die Suche war, desto mehr Enttäuschung erlebte ich. Die vermeintlich spirituelle Orte entpuppten sich als gefährliche Kraftzentren. Die besonderen Menschen als herzlos und kalt. Da draußen war leider nichts zu finden, bis der Blick nach einer gewissen Verdrossenheit einfach nach innen richtete. Nach so vielen Niederlagen und Verlusten blieb mir immer eine helfende Hand übrig – die von dir und von mir selbst. Jeden Morgen wachte ich auf und fühlte meinen Herzschlag.Es hörte nie zu schlagen!

    Aufgrund der hunderttausendfacher Reflexion der gemeinsamen Erfahrungen stellte sich diese innere Gewissheit des Angekommen-Seins. Wie oft erlitt ich Schmerzen und wurde getröstet. Wie oft begegnete ich Leiden in anderen und gab ihnen so gut es ging auch Trost. Wie oft halfen wir uns gegenseitig, egal zu welcher Uhrzeit oder egal mit welcher mentaler Verfassung! Während diesen Prozesses fand ich aber genau das, was ich suchte – mein wahres inneres Zuhause. Es ist immer bei mir, egal wohin ich gehe, egal mit wem... Mein Herz!

    Liebe Freundin, danke für deine Sturheit und deine Hartnäckigkeit im Nicht-Aufgeben und wenn wir damit fertig sind, unser Zuhause schön einzurichten, lass uns vielleicht mit neuen Freunden eine ganz neue Stadt bauen – ja gerade dort, unter den herrlichen Strahlen der beginnenden Morgenröte!

    In Liebe
    Deine Jampa Lhatso

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    1. Hallo und guten Morgen, meine Liebe!

      Danke für die kleine Hommage an unseren gemeinsamen Weg eines intensiven Erfahrungsaustauschs. Einer gemeinsamen Zeit, in der wir uns vergewissern durften, wo für uns Lebenslüge und Wahrheit liegt. Und dass wir uns auf unsere Wahrnehmung und die innere Wahrheit verlassen können.

      Du sagst mir des Öfteren, dass du dich jetzt angekommen fühlst. Und sicher spielt da dein großer Wunsch hinein, den du hast, seitdem wir uns kennen: Sicherheit in dir selbst zu finden, einen stabilen Grund, der dich unerschütterlich in der Mitte sein lässt, selbst wenn äußere Umstände und Menschen in deiner Umgebung nicht zuverlässig sind. Ich freue mich sehr für dich, dass du dieses Ziel erreicht hast!

      Du denkst, das sei vor allem mein Verdienst. Aber auch hier trifft zu, was ich oben beschrieb: Wechselseitige Koinzidenzen, die wir häufig erlebt und beide gebraucht haben.

      Nun ja, ich finde mich sehr oft viel zu intensiv, als nur hartnäckig oder stur. Nicht jeder kann diese Vehemenz und Konsequenz ertragen, mit der ich mich auch in meinen eigenen Geist bohre. So ist es auch dein Verdienst, dass du immer noch da bist und gerne mit mir sein möchtest. Letztlich wurde und wird diese Vehemenz vom Schmerz bestimmt, den ich häufig im Leben empfunden habe. Und wer die Resonanz des Schmerzes einmal zugelassen hat, der ist immer dafür empfänglich...

      Schauen wir mal, wohin das Leben uns treiben wird. Im Moment mag ich mich da auf nichts festlegen. Und ich bin mir sicher, dass diese Stadt, von der du sprichst, sich von ganz allein errichten wird, wenn das für irgendjemanden Sinn und Nutzen ergibt und gewünscht wird.

      Danke für deine Treue, die ich nicht immer verdient habe. Und wie du hoffentlich weißt, verpflichte ich dich zu nichts ;-)

      Herzlichst
      Deine Jampa Dekyi

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