Ein zu deklarierendes Ende, um des neuen Anfangs willen

Gestatte mir, noch einmal zurückzukehren, mein lieber Freund. Zu jener Zeit, als ich dich zum Reiten über die Steppe einlud. Als du mein bangendes Herz erfreutest, indem du schweigend mit mir gingst. Ins Ungewisse, dennoch seltsam Vertraute, jenem Horizont entgegen, der dich in die Heimat gleichermaßen wie in die Fremde zog.

Oder ging es nur mir so? Dieser ständige Zwiespalt, zwischen Heimat und Fremde? Zwischen alt und neu?

Oh nein, uns geht es immer noch beiden so, nicht wahr? Keine Zeit zuvor hat diesen Widerspruch, den fortwährenden Konflikt, je so deutlich gezeigt, wie diese. Eine breite Lücke, einem tiefen Graben gleich, zwischen traditionell Vertrautem und dessen Fremdheit in dieser neuen Welt.

Wir ritten gemeinsam auf dieses Gebirge zu, wir wagten den Aufstieg. Und dann kam jener Moment, wo ich, allen vorangehend, jenes Land betrat, in dem wir unser neues Zuhause fanden.
 
Drei Jahre vergingen. Konstruktive, kreative, unsere Bedürfnisse sichtende und sichernde Jahre. Die Gemeinschaft wuchs, Infrastruktur und Schulen entstanden, Aufgaben und Ämter wurden verteilt und wahrgenommen. Werte wurden gesichert und gestärkt.

Doch ganz angekommen fühlte ich mich nicht. In mir schmerzte und blutete weiter mein Herz und fand keine Ruhe. Ich fand keine Ruhe, nicht wissend, wieso. Also zog ich mich langsam aus der Mitte an den Rand des Geschehens zurück, um mein Herz zu erforschen. Täglich kostete es mich Überwindung, mich dem andauernden Schmerz zu stellen. Ein Schmerz, der mir manchmal älter als die Menschheit schien, so schwer war er einzuordnen und zu verstehen.

Es gab in diesem Land nirgendwo eine Leinwand, die dieses auf besondere, sich Leben für Leben wiederholende, gebrochene Herz hätte abbilden können. Doch die Bilder zu betrachten und die dadurch sich manifestierenden Gefühle und den Schmerz zu verstehen, ist notwendig für jeden liebevollen Wunsch nach Heilung. Lange Zeit kam ich nicht weiter, bis ich aus der Ferne Unterstützung und Hilfe fand. Und dafür bin ich heute sehr dankbar und entschloss mich, dieser Hilfe Rechnung zu tragen.

Doch bis zu dieser Entscheidung vergingen Monate, genau bis heute. Monate, um das volle Ausmaß des Schadens zu ermessen und die Wichtigkeit der jetzt einzuleitenden Heilung in Gänze zu akzeptieren. Oft wollte ich mich vor ihm davonstehlen oder neigte dazu, ihn zu verharmlosen. Irgendwann konnte mein tägliches Scheitern am Fortschritt mich nicht länger darüber hinwegtäuschen, dass hier und heute die unschätzbare Chance auf Heilung ihr Recht fordert.

Ich muss nun den vehementen Ruf meines gebrochenen Herzens erneut folgen. Und dazu erneut auf den Rücken jenes Pferdes steigen, das am Fuße unseres Gebirges friedlich grast, und auf Reisen gehen.

In den letzten Tagen ging ich in die Mitte meiner Stadt, noch einmal auf den Thron steigend, der als rechtmäßiger Platz mir damals zuerkannt wurde, und habe die Niederlegung aller meiner Ämter verkündet. Ich lasse alles erneut hinter mir und lege alle übernommenen Verpflichtungen in die Hände meiner Liebsten und Nächsten, die ich heute reif dafür weiß.

„Ich bin schon lange überflüssig, inmitten unter euch.“, sagte ich in die versammelte Menge.“Nur habt ihr nicht bemerkt, dass ich als stille Platzhalterin für einen anderen, besseren Anführer diente. Ich bereitete seinem Kommen den Weg. Nicht mehr und nicht weniger. Und wer ist er? Wem mögt ihr nun die Ehre eurer Gefolgschaft erweisen?“

Und ihr, mein Volk, erkanntet sofort Jenen an, den ihr in der Mehrheit für viel geeigneter für diesen Thron erwählt habt, als ich es jemals hätte sein können. Denn sein Herz ist ungebrochen. Ehre, wem Ehre gebührt!

Ich erklärte mich zum erneuten Reisen bereit, ohne jemanden mitzunehmen. Es sei denn, es schlössen sich Freiwillige meinem Weg an.

Und ich bin sicher, dass viele mit mir gehen werden, die für Haus und Hof nicht zu begeistern sind.

So will ich nun auch dir den Stand der Dinge anvertrauen, denn vielleicht erreichte die Verlautbarung meines Aufbruchs dich noch nicht. Und jeder soll, wie immer im Imperium der Herzen, Gelegenheit und Zeit haben, eine bewusste Entscheidung zu fällen.

Und zugleich dient dieser Brief als offiziell deklarierter Endpunkt einer Entwicklung. Ich schließe diese notwendige Phase ab, um erneut über alle Grenzen zu gehen. Jene Grenzen, hinter denen ich dennoch alle Schutzbefohlenen sicher weiß.

Sobald der letzte, gesetzte Punkt auf diesem Brief getrocknet ist, breche ich auf, hinunter, zum Fuß des Gebirges. Wo unsere Pferde sich schon vermehrt haben und zu einer großen Herde angewachsen sind. Ich bin gespannt, wie viele Rücken sich dieses Mal mit abenteuerlustigen Vertrauten füllen werden.

Und dies wird infolgedessen geschehen: Die Welten werden sich verschieben. Ich erinnere den Abend genau, vor einer Woche, als ich den leisen Wind zum ersten Mal über mein Gesicht streichen fühlte, der anlässlich meiner Entscheidung aufkam. Ein Zeichen dafür, dass sich die Sphären leise gegeneinander zu drehen begannen.

Die einen Welten-Sphären rücken näher zueinander, die anderen entfernen sich. So sei es. 
Sie werden sich, in neuen Konstellationen zueinander, irgendwann zur Ruhe begeben. Doch bis es soweit ist, werden noch ein paar Tage vergehen. Sie halten still, wenn sich alle Reisenden zusammengefunden haben werden. Und dann werde ich im Herzen wissen, dass das Ende des Sammelns gekommen ist und wir losreiten werden.
Genauso sei es.

Möge es dem Nutzen und Fortschritt aller dienen, dass ich mich meinen eigenen Wunden stelle und alles tue, was für deren Heilung zu tun ist. Mögen aufgrund dieses Schrittes und durch diesen Schritt alle anderen, die ähnliche Schmerzen leiden, gleichzeitig mit mir davon erlöst werden. So sei es.
Mögen alle hilfreichen Kräfte, Schutz, Nahrung und Geleit, jederzeit für diese Reise zur Verfügung stehen. Genau so wird es sein.

Dies ist das letzte Mal, dass ich mich von dieser Ebene, in diesem Medium, auf diese Art und Weise, bei dir zu Wort melden werde.
  
Andere Länder und Gegenden brauchen andere Worte und Medien. Um der Herzen ihrer Bewohner Willen, passe ich mich an.
 
Und nun, bist du bereit? Reitest du mit mir?


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Für jene, die, gleichgültig und kalt, lieben und teilen wollende Herzen zu brechen und für ihre Zwecke zu missbrauchen, zur obersten Strategie ihres Überlebens gemacht haben, sei jenes angekündigt:

Dies ist der Weg der über Jahrhunderte hinweg gebrochenen Herzen, den ich im Sturmwind zu nehmen bereit bin:

Ich werde deine Erwartungen nicht erfüllen.
Ich werde nicht tun, was du mir sagst.
Ich werde nicht dorthin gehen, wohin du mich sendest.
Ich werde nicht freundlich sein, sondern streiten.
Ich werde das Territorium nicht räumen, sondern für mich beanspruchen.
Ich werde nicht tatenlos zusehen, sondern dich mit deinen eigenen Mitteln schlagen.
Und mir wird dabei vollkommen gleichgültig sein, ob du mich dann noch für eine „echte und gute Frau“ hältst.

Ich werde nur eins immerfort verlässlich tun: Lichterloh brennen.

Letztendlich werde ich genau das für dich sein, was du aus mir gemacht hast, in den vergangenen Jahrhunderten schmerzvoller Ignoranz.

Und doch so Vieles mehr. Doch das Viele, was ich stets geduldig für dich und alle anderen war und immer sein werde, das nimmst du nicht einmal mehr wahr. Wie alles, was leise, unaufdringlich und unscheinbar ist. Dem sei nun ein Ende bereitet.

Ich werde dich zwingen müssen, endlich zu sehen, zu hören und zu fühlen, was dir so lange selbstverständlich zu gehören schien und gefällig war. Jetzt rückt an den richtigen Platz, den lange Zeit die Falschen sich zuschrieben: 


Die Wirtin kündigt denen das Gasthaus, die meinten, es zu besitzen. Und mit kraftvollen, knappen, zielgenauen Schlägen schmiedet sie einen jeden Heuchler an die Felsen, vor dem das Monster, genüsslich seine Lefzen leckend, auf seine nächste Mahlzeit wartet...

Dies ist mein Schwur, den ich leiste, für eine neue Ewigkeit. Und wer immer diesen Schwur mit mir gemeinsam bekräftigen möchte, der tue es genau jetzt: So sei es!

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