Die Tür nebenan oder das "fremde Zimmer"

Manchmal reicht ein kleiner Auslöser, ein unvermutetes Zusammentreffen diverser Umstände und Begebenheiten - und schwupps, bin ich wieder der Mensch, der ich nie mehr sein wollte. Der Mensch, den ich hinter mir lassen wollte. Der Mensch, der mich zurückwirft, auf all die Verzweiflung und das Entsetzen, das ich transformiert glaubte.

Der Mensch, der mich zugleich auch aufstehen und neue Lebenswege suchen ließ.


In einem Augenblick war ich eine andere. Und dieser Augenblick dauerte fast 14 Tage.

Ich war in meinem Inneren in ein anderes Zimmer gegangen. Das Zimmer, dass mir inzwischen schon fremd geworden ist. Doch plötzlich war ich dort, gefangen, den Ausgang nicht mehr findend. Und so wurde mir klar, dass dieses Zimmer eben nichts ist, was ich hinter mir lassen werde. Dessen Tür ich abschließen und den Schlüssel dazu so ohne Weiteres wegwerfen kann.

Dieses Zimmer nehme ich immer mit mir, wohin ich auch gehe. Und noch bin ich nicht so weit, dass ich vollkommen freiwillig entscheiden kann, ob ich es betrete und wann ich es wieder verlasse. 


In diesem Zimmer herrscht eine vollkommen andere Wirklichkeit, als mir lieb ist. Dort habe ich meine Kindheit und Jugend verbracht. Und das, was ich dort erlebte, nenne ich jetzt, hier und heute, »Depression«.

Ja, mich traf tiefes Entsetzen, dass alle Gedanken und Empfindungen, alle Dunkelheit wirklich nur diese eine Tür von meinem heutigen Ich entfernt ist. Und dass es immer wieder Trigger gibt, die mich diese Tür durchschreiten lassen. Das ist auch eine Wahrheit.

So unversehens, wie ich in diesem Zimmer erwachte, so fand ich mich nun wieder in meinem heutigen Ich, will mir scheinen. Schnell könnte ich anhand dieses Erlebens meinen, dass ich keinerlei Einfluss auf diesen Vorgang habe. Doch akzeptiere ich dies als Wahrheit, verzichte ich auf meine aktive Möglichkeit zur Selbstwirksamkeit und zum Handeln.

Stattdessen entscheide ich mich, aus der Perspektive dieses aktiven, nicht deprimierten Ichs heraus, näher hinzuschauen. Noch einmal zu spüren und zu betrachten, was genau der Auslöser war. Zu prüfen, was genau mich in diesen so fremden, kalten, dunklen Raum befördert hat, ist jetzt meine selbstwirksame Option. Und welche Schlussfolgerung ich jetzt und heute für meinen Weg der Aktion daraus ziehen kann.


Denn ein Anteil meines Geistes ist in beiden Zimmern aktiv. Jener, der genau spürt und registriert, was passiert. Der trotz aller Depression die Mechanismen und alle depressiven Phasen kennzeichnenden Gedanken, Gefühle und Verhaltensmuster erkennt. Dieser aktive Beobachter bietet mir die Chance, mich aus der vermuteten Endgültigkeit und Ewigkeit des Vorhandenseins dieses grausigen Zimmers zu befreien.

Und das erste, was dieser gütige Beobachter, der mein Herz ist, immer tun wird, nenne ich das große Verzeihen. Das Herz ist niemals nachtragend, verurteilend oder diese andere Realität verneinend. Es schreibt diesem anderen Zimmer nichts Verwerfliches zu, obwohl ich in jedem Moment, den ich mich gefangen in diesem unaussprechlich engen, das Atmen schwer machenden Raum befinde, mich selbst dafür hasse, überhaupt dort zu sein.

Nein, mein Herz versteht, dass dieses Zimmer in mir existiert. Es weiß um die Ursachen und Umstände, die es geschaffen haben und das Herz will gar nicht trennen, zwischen diesem Raum und dem, was ich heute bin. Das Herz weiß, dass ich heute bin, was ich bin, gerade weil dieser Raum existiert. Und am liebsten würde es zwischen diesem Raum und mir die Mauern einreißen.

Doch jener Anteil in mir, der so lange unfreiwillig gefangen war, in dieser anderen, schrecklichen Realität, will diese Wirklichkeit nicht mehr. Er will weg und ein für alle Mal frei und davon auf ewig unbeeinflusst sein.

Und schon beginnt mein Herz mit diesem Anteil gütig und liebevoll zu sprechen und zu verhandeln, ihn sanft zu ermuntern, weiterzugehen:

»Du bist noch nicht so weit. Du bist noch mitten auf dem Weg und noch nicht am Ende. Ich weiß, dass du dir das so innig wünschst, aber kenne deine Grenzen. Die Grenzen und Mauern, die du selbst immer wieder ziehst. Zum Beispiel zwischen dem, was ist und nicht ist. Zwischen dem, was du wünschst, wofür aber noch nicht genug getan ist. Akzeptiere die wahre Realität, in der du momentan stehst.«

»Du musst noch ein wenig weiter wachsen, bis du vollkommen eins mit mir bist. Und dies erkennst du daran, dass in deinem Geist einstmals keine von einander getrennten Räume mehr existieren werden.«

Einen Teil von mir abzuspalten und in diesem fremden, schrecklichen Zimmer einschließen zu wollen, was könnte es Brutaleres geben? Wer führt hier das Regiment, bereit, eine so gewaltvolle Entscheidung zu treffen?

Das sind gute Fragen, nicht wahr? Und sie kommen, in ihrer Güte, Warmherzigkeit und Großzügigkeit, immer aus dem Herzen.

Diesen einen Herzensraum erkenne ich an der Offenheit. Offenheit, auch meiner Dunkelheit gegenüber. Einer Dunkelheit, die ich nicht verschuldet habe - und du auch nicht. Dennoch existiert sie. Immer. Genau jetzt. Es ist nur eine Frage des inneren Fokusses, ob ich sie registriere, oder nicht. Und sie ausschließen zu wollen, sie nicht als ganz und gar parallel, zeitgleich und immer vorhanden annehmen zu wollen, verschließt mich vor einem Teil der Realität. 


Beides zugleich aushalten zu können, Licht und Dunkelheit, bedarf eines großen, mitfühlen wollenden Herzens. Doch in dem Moment, wo ich mich selbst in jenem nunmehr schon fremd gewordenen Zimmer unerwartet wiederfinde, grenze ich die Dunkelheit aus. Ich kämpfe gegen sie. Ich will sie nicht haben. Ich suche nach einem Schuldigen. Und gemäß meiner psychischen Konstitution bin das in jedem Falle ich. Das habe ich verinnerlicht und gelernt, als ich klein war. Und der Teenager in mir, der sich von dieser ungebetenen Schuld freikämpfen wollte, ist wütend über diese falsche Schuldzuweisung und schiebt sie stattdessen anderen zu.

Wann immer ich mich in diesem unendlichen Pingpong in meinem Inneren wiederfinde, weiß ich zugleich, dass ich nicht mehr offenen Herzens bin. Dem Schmerz gegenüber. Und das macht ihn stark und machtvoll und zwingt mich in die Knie. Ich bin gelähmt, eingefroren, unfähig etwas zu tun. Das ist das heftigste Kennzeichen meiner Depression. 

So stecke ich in dieser Pattsituation fest: Eingefroren - und weil ich paralysiert bin, öffne ich mein Herz nicht. Vor allem nicht für mich.

Manchmal lenke ich mich in diesem Zustand ab. Ich bin es zwar, die mein offenes Herz vermisst, doch stattdessen öffne ich es anderen. In diesem Zustand meine ich, dass mich um andere zu kümmern mein »schlechtes Gewissen«, nicht für mich da zu sein, beruhigen könnte. Das funktioniert jedoch nicht. Das ist nicht mehr als das Helfersyndrom, das ich in der Kindheit lernte.

Was ich nämlich in diesem Zustand als mein »schlechtes Gewissen« identifiziere, ist vielmehr mein Herz, was mir tausend Nachrichten schickt, wieder zurück in die Güte und Anteilnahme für mich selbst zu gehen. Mir dafür Zeit zu nehmen und mich zurückzuziehen, anstelle anderen im Außen zu beweisen zu versuchen, dass alles in Ordnung mit mir ist.
Nichts ist in Ordnung - dies sendet mir mein Herz. Doch ich dechiffriere die wahre Botschaft nicht. Und diese Botschaft funkt unverdrossen weiter, während ich versuche, mein »schlechtes Gewissen« damit reinzuwaschen, mich dazu zu zwingen, für andere da zu sein. »Das ist allemal besser, als eingefroren zu sein«, denke ich.

Weil das Herz funkt und auch dann die Fehlermeldung sendet, wenn ich mich mit anderen ablenke, erfasst mich sehr schnell Überdruss. Ich bemerke nämlich, dass diejenigen, um die ich mich da kümmern will, offenbar nicht zu erwidern wissen, was ich für sie tue. Beleidigt ziehe ich mich zurück, werfe ihnen sogar vor: »Schau, wie toll ich für dich da bin! Ich tue dies und das für dich, aber wenn es mir schlecht geht - und das tut es gerade - kümmert es dich überhaupt nicht!«

Ja, das entspricht so fast der Nachricht meines Herzens an mich. Doch ich projiziere sie nach außen, anstelle bei mir zu sein.

Der Überdruss, mich um andere zu kümmern, ist ein Teil der Botschaft. Dass sich keiner um mich bemüht, ist ein Teil der  Botschaft. Dass ich überfordert bin und furchtbar leide, ist auch ein Teil der Botschaft. Doch für wen genau ist diese Botschaft denn bestimmt? Immer nur für mich. Sagt das Herz. Und es meldet sich bei mir, um meinen Ablenkungswahn zu beenden.

Eines jeden fühlenden Wesens Herz ist zuerst immer nur für sich selbst da. Erst danach kommen alle anderen.

Ist das egoistisch? Nein. Das ist für mich Wahrheit.

Und, nur in einigen Nebensätzen erwähnt: Du erkennst den wahren »Spirituellen« immer daran, ob er um diese Wahrheit weiß und dich dazu ermuntert, zuerst mit dir und für dich da zu sein. Nur so lerne ich, es auch für andere zu sein: An mir und durch mich. 


Zu früh nach außen zu gehen, bedeutet immer, in den sogenannten »Weltlichen Dharmas« steckenzubleiben. Und diese erkennst du am inneren Pingpong: Helfersyndrom vs. Selbstmitleid sind beides Strategien des Egos und weit entfernt von der wahren Großzügigkeit unserer Herzens.


Die Großzügigkeit des Herzens wird nur dann ihre volle Wirkung entfalten, wenn ich innerlich vollkommen stabil in meiner Mitte stehe. Beide Beine standfest auf der Erde verankert und unerschütterlich, unbetroffen und unbeeindruckt von inneren und äußeren Zuständen.


Und wer vermag absolut zu trennen, was Innen und Außen ist? Wo fängt die Deutung, die Projektion, die Schlussfolgerung an und hört das pure, nicht auf irgendetwas hindeutende Vorhandensein von etwas auf? Ja, wieder eine sehr philosophische Frage. Eine, aufgrund derer  vielleicht im Buddhismus verschiedene philosophische Richtungen entstanden sind.

Wo immer sich etwas zeigt, Existenz annimmt, deuten wir es - und zwar größtenteils unbewusst und unfreiwillig. Nicht wahr?

Die einen verwenden ihre Lebenszeit darauf, genau diese unsere Seins- und Reaktionsweise der Phänomene zu erforschen, zu benennen, greifen und festschreiben zu wollen.

»Am Ende aber zählt nur, was du daraus machst«, sagt dazu schnörkellos und unumwunden dein Herz.

»Und das, worauf du am meisten Einfluss hast, ist eben nicht das Außen, sondern der Widerhall aller Phänomene in dir selbst. Deshalb bist eben du der Anfang, die Mitte und das Ende aller Praxis. Du und das, was in dir geschieht. Nur du kennst dieses fremde Zimmer. Nur du kannst dessen Mauern niederreißen und dich endgültig mit deinem Herzen verbinden.«

»Alles andere, wie liebevolle Menschen, die dich unterstützen und ermuntern, helfen zwar, vollbringen aber für dich nicht jene gütigste und liebevollste Tat.  Die immer wieder aufgrund bewusster Entscheidung entsteht: Dir dieses großzügige Wachstum in dein grenzenloses Herz hinein täglich neu zu gönnen und zu erlauben.«

»Und dafür höre bitte zuerst auf dein Herz, bevor du nach außen eilst. Lasse nicht zu, dass anderer Menschen Erwartungen an dich diesen Weg vereiteln. Denn wer sagt dir denn, dass sie mit ihren Erwartungen nicht gerade ihr Helfersyndrom oder ihr Selbstmitleid an dir ausleben wollen?«

Für mich persönlich ist das immer wieder eine schwere Übung, bei mir zu bleiben. Auch im schrecklichsten aller schrecklichen Vergangenheit wachrufenden Moment. Dann bin ich so dünnhäutig, so erstarrt und hilflos im erlernten Minderwertigkeitskomplex, dass ich mich leicht verstricken lasse, in Hoffnungen und Ängste anderer. Dann stehe ich nicht mit beiden Beinen, stabil und zum Handeln bereit, auf der Erde.

Aus der inneren Stabilität und Klarheit über diese kann ich wirklich aus dem Herzen handeln. Und erkennen, was im Moment zielführend und das Richtige ist.

Wofür ist es denn gut, die Hoffnungen und Erwartungen anderer zu erfüllen, wenn diese damit doch nicht mehr wollen, als ihre eigenen Ängste abzuwehren? Ist es nicht sinnvoller und besser, ihnen die eigene Selbstwirksamkeit aufzuzeigen? Und wie will ich das tun, wenn ich mir dieser Option im Moment so gar nicht sicher bin?


Andere nicht in ihrer Selbstwirksamkeit zu ermuntern und zu unterstützen, erzeugt »Abhängigkeit«, die per se schon ein Synonym von »Unfreiheit« ist. Selbst wenn im Buddhismus davon die Rede ist, dass alle Phänomene abhängig entstanden sind und dies die Wahrheit ist, finde ich es unethisch, Abhängigkeiten zu erzeugen. Andere von mir abhängig zu machen, ist für mich gleichbedeutend mit einem Verrat am Herzen.

Ja, alles ist in Abhängigkeit entstanden, so auch unsere Schmerzen und unser Leid. Andere nicht von mir abhängig zu machen, bedeutet daher im Gegenzug, ihnen Freiheit zu ermöglichen, gewaltlos zu sein, keine zusätzlichen Schmerz zuzufügen. Zusätzliche Schmerzen dazu, dass Leiden unabwendbar sind. Die Paradigmen der Gewaltlosigkeit und des Gewährens von Freiheit sind daher meiner Meinung nach zwei der nachhaltigsten, edelsten und am höchsten geschätzten, im Imperium des Herzens.

Abhängigkeiten von Hoffnungen und Ängsten aufzulösen, die Schmerzen verursachen, beginnt in meinem Geist. Mir dieses fremden Zimmers bewusst zu sein und den Zusammenhang zwischen ihm, meiner Paralyse und meines geschlossenen Herzens zu erkennen, ist zugleich die beste Lektion darüber, wie unbewusst erzeugte Co-Abhängigkeiten uns einander verletzen lassen. Und deshalb übe ich mich darin, sie bewusst zu vermeiden.

Und je mehr ich die Wand zwischen »der Tür nebenan« und meinem Herzen durch uneingeschränkte Offenheit abzubauen beginne, desto präsenter wird täglich der im anderen Zimmer gefangene Schmerz im Hintergrund meines täglichen Erlebens sein.

Es könnte keinen besseren Wachmacher geben!

Ich brauche diesen Weckruf des Schmerzes, um anderen Wesen nicht ebensolches Leid zuzufügen, wie das Leid, das jenes "fremde Zimmer" in mir einst erschaffen hat.




Kommentare

  1. An dieser Stelle teile ich Dir gerne mit, wie genau Dein heutiger Beitrag auf meine derzeitige Lebenssituation passt. Besonders wegweisend ist für mich das Wort: "Selbstwirksamkeit" und zwar sowohl für mich selbst als auch für die, für die ich bisher da sein wollte (Helfersyndrom) und da sein sollte (Werkzeug).
    Ich sehe nun in den in meinem Leben aufgetreten Irritationen etwas klarer, wobei ich das Wort "Selbstwirksamkeit" noch viel mehr mit Leben erfüllen muss. Es fehlt teilweise an Verbindungen vom Verstand zum Herzen,so mein Gefühl.
    Ich werde mich damit befassen.

    Danke für diesen wunderbaren Hinweis, liebe Josephine
    Herzlichen Gruß
    Beate

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  2. Liebe Beate,

    ich wünsche dir für alles, was du für dich und die Selbstwirksamkeit tust, von Herzen das Beste und nichts Geringes als das Beste: die Gegenwart deines großartigen und großzügigen Herzens, Mut und Ehrlichkeit.

    Danke für das Lebenszeichen von deiner Reise :-)

    Liebe Grüße Josephine

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