Ernüchterung als Vorbote des Handelns

Bin ich wirklich zu weit gegangen, indem ich schrieb, was sich richtig anfühlte? Wer oder was ist es denn, der dieses Urteil fällt, was »zu weit« oder »nicht weit« ist? Wo positioniere ich mich, wenn ich »zu weit« als Wahrheit akzeptiere? Und wo stehe ich, wenn ich diese Position aufgebe? Außerhalb der Wahrheit? Oder nur außerhalb dieser spezifischen Realität eines, auf bestimmte Art und Weise definierten Bezugsrahmens? Wo fängt dieser Rahmen an und wo hört er auf?

Und - letztlich die Wichtigste aller Fragen: Was hat das alles mit mir zu tun?


Ja, das sind philosophische Fragen, die auch Immanuel Kant sicher gut geheißen hätte. Er, als Verfechter der  so genannten »reinen Vernunft«, die letztlich unser Abendland so zielsicher eroberte, irgendwann über die Stränge schlug und »zu weit« ging. Ja. Dieses in diesem Kontext geäußerte »zu weit« definiere ich. Einer mag dieser Definition folgen, der andere dies vollkommen anders sehen.

Wenn das eigene Herz bei der Sache ist, so hat es uns allen gemeinsam, dass es uns in allem philosophischen Kontext in das reale Leben hinein erdet. Also behaupte ich, dass das Herz in aller Hinterfragung letztlich immer die Masterfrage stellt: »Was hat das alles mit mir zu tun? Mit mir, in diesem Körper, diesem Leben, diesen Lebensumständen? Was wollen die Antworten, die ich fragend erhalte, mir sagen? Welche Maxime meines Handelns im Hier und Jetzt leite ich daraus ab?«

Am Ende bleibt dem, der mit dem Herzen dabei ist, nicht mehr viel übrig, von den tausend Fragen und Antworten. Das Herz dampft gnadenlos ein, was der unmittelbar mit uns in Beziehung stehenden Realität nicht standhält. Denn nur dieses Konkrete wird mich zum Handeln führen. Und dies niemals herzlos, nur rational, rein sachlich und ohne Gefühl. Sondern immer mit dieser fühlenden, wachen Sehnsucht versehen, nur das Beste für sich und andere verwirklichen zu wollen. Und wenn das Beste heute noch nicht möglich ist, dann will das Herz in das Beste hinein wachsen.

Das ist aktives Bodhichitta. Nichts anderes. Und solange du innerhalb deines ganz spezifisch, konkreten, manchmal langweilig alltäglichen Bezugsrahmen nicht diesem Herzen gemäß hinterfragst, schlussfolgerst, aussortierst und handelst, bist du in meinen Augen nicht auf dem Pfad der Bodhisattvas. Dann wartest du passiv darauf, dich eines solchen Pfades einmal, irgendwann, in ferner Zukunft als würdig zu erweisen - bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag, wie der Deutsche sagen würde. Denn auch hier gilt: Handeln entsteht aus Aktion, nicht durch Abwarten und Teetrinken.

Bist du aktiv?

Sicher gibt es hier verschiedene Aktivitäten zu unterscheiden: Nachdenken ist aktiv, Schlussfolgern ist aktiv, deinen eigenen Schlussfolgerungen nach Veränderungen in dir und deiner Umgebung einzuleiten, ist aktiv - und dies aktiv versehen mit dem Herzenswunsch, damit anderen zu nützen, ist Bodhichitta. Und das konkret, konkret, konkret, dich selbst, deine Umgebung, deine Familie und Freunde und dein Leben betreffend.


Alles sture Ausüben von Ritualen, denen man nachsagt, dass sie seit Hunderten von Jahren so wirksam sind, ohne dass sich dies unmittelbar auf dein Dasein als Mensch auswirkt, ist passiv. So sehe ich das.

Ist dein Herumsitzen im Retreat nun aktiv oder passiv? Ist dein philosophisches Studium nun aktiv oder passiv? Was sagt dein Herz dazu? Frage es, denn es wird mit dir gnadenlos ehrlich sein. 


Während dein Intellekt, der dem Ego so nahe steht, sich darin gefallen wird, einen ganzen Wasserkopf überflüssigen Wissens anzusammeln, was keinem deiner dich unmittelbar umgebenden Mitmenschen nützen wird. Schon deshalb nicht, weil sie kein Wort davon verstehen werden, was du da redest. Wem nützt das also? Es sei denn, du befindest dich gerne in irgendeinem »Elfenbeinturm«, abgeschottet von der Welt und den fühlenden Wesen.

Das ist die pragmatische Weisheit des Herzens.

Ich habe es zu zwei Gelegenheiten mal mit »echter« Philosophie versucht. Leider kannst du gerade mein Augenzwinkern dabei nicht sehen... »Echt« meint hier Hardcore-Philosophie, an der Uni und Hardcore-Philosophie in der tibetischen Gelugpa-Schule. Das, was ich bei letzterem als Hardcore benenne, war da allerdings schon die Light-Version. ;-)

Und die »echte« Philosophiestunde an der Uni vor ca. 20 Jahren, die besuchte ich nur, weil eine Freundin, die Philosophie studierte, mich einfach mal in eine Vorlesung mitgenommen hat. Ich war entsetzt. Alles war so blutleer, so unkonkret, nicht mit dem Leben und dem Menschen verbunden, dass ich wirklich heilfroh war, als ich wieder gehen durfte. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich in diesem Fall das Ende der Vorlesung nicht abgewartet.

Und was den Buddhismus betrifft, so erschloss sich mir nie, was der Mehrwert davon ist, unbedingt die Vaibashika-Lehrmeinung von der der Chittamatrins und sonst noch was unterscheiden zu können.

Wo soll ich hin, mit dieser Theorie, im realen Leben?

Ich habe trotzdem Philosophie studiert, allerdings im Rahmen der Kulturwissenschaften. Da erkannte ich einen realen Bezug, zum Menschen, zu Kunst, zu Kultur, zur Gesellschaft, zu Geschichte, zu Religion, zum menschlichen Miteinander. Da konnte ich die Realität und den Nutzen darin teilweise wiederfinden. Und letztlich hat mich dies zu denken und hinterfragen gelehrt.

Dennoch ging ich enttäuscht von der Uni. Weil ich trotz dieses Praxisbezugs nicht wusste, was ich mit diesem Master-Abschluss anfangen sollte. Und so ruht er in der Schublade, mittlerweile so lange schon, dass er keinen Menschen mehr interessiert. Mich auch nicht.

Zum Glück fand ich in dieser Ernüchterungsphase den Buddhismus. Genau genommen, traf ich auf »Bodhichitta«. Das schlug bei mir ein, wie eine Bombe. Und deshalb ist genau dieses ominöse Bodhichitta auch heute noch der Prüfstein für das, was ich am Mahayana-Buddhismus essentiell finde.

Philosophie ist Theorie, Bodhichitta ist Praxis. Beides gehört zusammen. Doch das eine ohne das andere ist kein Mahayana-Buddhismus. Bodhichitta ist immer aktiv, Philosophie kann durchaus sehr langweilig, trocken und passiv sein. Und vielleicht ist es gar nicht mal so verkehrt, zu behaupten, dass die Philosophie auch im tibetischen Buddhismus etwas zu stark ein »Wasserkopf« geworden ist. Und das Kommentieren des Kommentars vom Kommentar zum Kommentar der Schrift von XXX, der diese vor mindestens 500 Jahren schrieb.

Genau das hat mich auch schon an der Uni-Philosophie gestört: So viel Blabla um nichts. Solange mich alle diese Worte nicht dazu führen, aus dem Herzen zu handeln und für andere da zu sein, was hat dann das Ganze bitteschön mit Bodhichitta zu tun? Aber sicher können wir uns auch hier in Rage reden, wann ein Bodhisattva oder eine Bodhisattvi überhaupt sagen kann, eine solche in Wirklichkeit zu sein, wenn man in Betracht zieht, dass das relative Bodhichitta dies und das endgültige Bodhichitta jenes ist.  Und erst wenn der Pfad des Sehens erreicht ist, dann...

Ich will das gar nicht fortführen, weil dies dein wahres Herz in Wahrheit nicht interessiert. Und wenn es dein innigstes Herz nicht interessiert, hat dies alles auch nichts mit dem Wirken und Handeln eines Bodhisattvas zu tun. Denn dieses, ich erwähnte es schon, ist spezifisch, konkret, mit dir und deinem unmittelbaren Leben verbunden. Mit dir und durch dich wird dein Weg Realität. Und er besteht immer im Handeln.

So schreibe ich meine Beiträge als Verweis über mich hinaus und mein momentanes Befinden, mein Denken, mein bisheriges Handeln. Denn diese Entwicklung strebe ich an, diese Entwicklung ist per se der »Weg«.  Und so ist es natürlich, dass ich »zu weit« gehe, weil ich diese Grenzerweiterung in Wahrheit vollkommen bejahe und will. Meine Wahrnehmung zwingt mich inzwischen über die Grenze hinaus, weil es für mich vollkommen inakzeptabel geworden ist, fruchtlos über irgendetwas zu jammern.

Womit wir wieder bei der oben erwähnten Ernüchterung wären. Ernüchterung muss sein.  Sie ist ein Kennzeichen meines und deines Wachstums. Was du bisher als selbstverständlich genommen und nie in Frage gestellt hast, siehst du nun plötzlich völlig nüchtern, vollkommen frei von Illusion, als zu kurz gedacht, zu eng, zu wenig großzügig, vielleicht sogar als schädlich. Und du tust dies, weil du dich anders als bis dato zu dieser Binsenweisheit  ins Verhältnis gesetzt hast. Dein bisheriger Bezugsrahmen ist zu eng geworden.
 Das ist ein Gutes Zeichen. Genau das will Bodhichitta. Wie solltest du sonst jemals in der Lage sein, wirklich alle fühlenden Wesen in dein Herz zu schließen?

Genau das ist der Weg.

Und so komme ich nicht umhin, zu schlussfolgern, dass es ganz ohne analytisches Denken, ohne Meditation, die auf deine Grenzziehungen im eigenen Geist gerichtet ist, nicht geht. Da hilft kein reines Mantrazählen und sich als Gottheit visualisieren. Tut mir leid, so läuft das nicht.

Es sei denn, du willst gerne in der Theorie des Nicht-Handelns steckenbleiben. Und das meine ich hier wörtlich, im Sinne von Passivität, nicht im Sinne des »Nicht-Handelns«, das keine Planung und bewusste Absicht kennt.

Es sei denn, du hast nicht wirklich Lust darauf, dich mit dem Schmerz der Wesen um dich herum auseinanderzusetzen und für sie und dich Hilfe und Fortschritt zu wünschen. Wenn du also den »heiligen Schein« wünschst...

Ernüchterung tut weh. Der damit verbundene Herzschmerz ist echt und will konkret gemacht werden. Denn nur, wenn du dir absolut die Unerträglichkeit dieses Zustands bewusst machst und dir diesen Schmerz zugestehst, wirst du bereit sein, zu handeln. Und zwar unvergleichlich mutig und frei, adäquat, aus der gegebenen Situation heraus.  


Und das Wort »unvergleichlich« bezieht sich dabei auf deine bisherige Komfortzone. 

Wenn dir dein Herz wirklich weh tut und du dir bewusst bist, wie viele andere diese Schmerzen erleben, dann interessiert dich dein eigener Komfort in der Regel herzlich wenig. Sonst ist es kein Bodhichitta, sondern Mitleid.

Ernüchterung ist unentbehrlicher Vorbote deines zukünftigen Handelns. Bist du nicht ernüchtert, dann auch nicht über deine gedachten Grenzen hinaus gewachsen. Bist du nicht ernüchtert und desillusioniert, dann hast du dein Herz nicht genug für andere geweitet. Du bist irgendwo, aber nicht in der knallhart geerdeten Realität, die besagt, dass Leiden keine Grenzziehungen kennt und zugleich durch die fortwährenden Begrenzungen, die wir produzieren, erst entsteht.

Daher ist es folgerichtig und gütig, über alle Grenzen gehen zu wollen und dafür die eigene Komfortzone zu verlassen. Alles andere ist pure Theorie, aber kein gelebtes Leben.

»Om gate gate paragate parasamgate bodhi svaha.«

Und so schreibe ich über meine Grenzen hinweg, über meine Ernüchterung, die ich als Vorbote zukünftigen Handelns sehe. Jeder Beitrag lässt mich selbst erdachte Grenzen entlarven. Und in den Tagen danach weiter über diese hinaus streben. Und schließlich, in einem Moment des Innehaltens, den nächsten Beitrag verfassen.

Ganz sicher ist das auch eine Wahrheit, in der ich mich hier, jetzt und heute positionieren kann: Es war genau richtig, aus dem Moment heraus, über dieses »Imperium des Herzens« zu schreiben. Punkt. Denn mir dieses Imperiums bewusst zu sein, ihm nachzuspüren und seine Paradigmen zu erforschen und zu täglichen Maximen meines Handelns werden zu lassen, ist für mich gleichbedeutend mit gelebtem Bodhichitta. Zwischen diesem Imperium und Bodhichitta gibt es keinen Unterschied.

Nach Verwirklichung dieses Imperiums zu streben, ist mein Wunsch, mein Wille und mein Ziel. Nicht, weil es »Bodhichitta« ist. Dieser Begriff spiegelte nur zum ersten Mal, was ich als mein innigstes Herz empfand. Doch dieses Herz lebte und atmete im Verborgenen, getrennt von mir und der Welt. Der Mahayana-Buddhismus gab dem, was ich bisher spürte und nicht in Worte fassen konnte, eine Benennung und einen Weg zur Verwirklichung.

Ich betone noch einmal: Zuerst war mein bewusstes Empfinden für einen bestimmten, zutiefst beseelten, warmherzigen und großzügigen Zustand gegeben. Und danach erst fand ich den dafür passenden Begriff »Bodhichitta«. Nicht umgekehrt. Das Imperium meines Herzens war vorher schon da. Das musste mir keiner von außen einreden oder einpflanzen. Das ist es nicht, was Buddhismus will und tut.

Das Imperium des Herzens ist etwas ganz und gar Großartiges, Edelmütiges, Ehrenvolles und sagenhaft Echtes. Etwas, was ich unbedingt will, selbst wenn die äußere Realität oft genug so weit entfernt davon zu sein scheint.


Eine berechtigte Frage könnte sein: Ist die Tatsache, dass die äußere Welt diesem Imperium nicht entspricht, nicht gerade Anlass und Grund, dieses Imperium für nicht realisierbar zu halten?

Und sicher gibt es dazu viele Meinungen und Positionen. Die Antwort eines Bodhisattvas oder einer Bodhisattvi darauf  ist sehr einfach und sehr kurz. Sie lautet: »Ganz im Gegenteil!«

Lass uns also bitte, ab sofort, das Pferd nur noch von der richtigen Seite her aufzäumen!

Kommentare

  1. Liebe Josi,
    ergänzend zum 1. Kommentar, damit keine Missverständnisse entstehen:

    Am Anfang hatte ich Angst den Schmerz zu fühlen. Dann erstarte ich, weil er so unerträglich war. Heute mache ich mir Sorgen, darüber, wenn ich nichts fühle. Das ist so ungefähr wie die passende Kleidung aus dem Schrank holen: Was ziehe ich an? Was kann passend sein? - Wenn ich immer fortwährend in einem Zustand bin, den ich nicht benennen kann, dann ist das für mich die Stufe-Rot! Das Fühlen des Schmerzens - ob des eigenen oder des anderen - ist so fundamental wichtig, das Herzmuskel immer in Form zu halten. Dann teile ich alles mit meiner Umwelt und jeden Tag ein bischen mehr als gestern. Das ist für mich die Bedeutung des Herzsutra. Ich lasse es auf meinen Körper eintätowieren! ;-)

    Dein ewiger Begleiter
    Jampa

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    1. Liebe Jampa,

      den Herzmuskel in Form halten... Sehr präzise formuliert.

      Das Fühlen des Schmerzes ist für mich Motivation, Wahrheit, Bedingung und Prüfstein, noch lebendig und auf dem Weg zu sein.

      Wer den Schmerz nicht fühlen kann, wird keine Veranlassung sehen, sich über die Grenzen hinaus zu bewegen und seine bisherige Wahrnehmung dafür gründlich auf den Kopf zu stellen.

      Herzliche Grüße und bis bald
      Josephine

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    2. Liebe Freundin,
      by the way:
      Das Herzsutra für mich persönlich enthält auf aktivste Weise die vier Wahrheiten des Buddha. Aber eben nicht philosopisch, sondern praktisch - im Tun - erkannt! Dieses über die Grenze des Unmöglichen zu tragen und zu praktizieren verwischt alle Grenzen des Denkbaren. Für mich hat die Leerheit und die Form die gleiche Qualität und den gleichen Geschmack und die gleiche Zahl und das gleiche Ergebnis: Licht in der Dunkelheit oder E=mc².

      Etwas romantisch angehaucht heute
      Die Jampa

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  2. Ach Jampa, was du "romantisch" nennst, erscheint dem anderen als philosophisch oder poetisch... Kleiner Scherz...

    Das Herz versteht, was du sagen willst. Das ist die Hauptsache.

    Apropos Einstein: Sagte er nicht, das man eine Sache nicht verstanden hat, wenn man sie nicht in einfachen Worten erklären kann?

    In diesem Sinne hat der Buddhismus noch einiges vor sich. Und wir sicher auch :-)

    Schönen Abend noch, meine Liebe.
    Josephine

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  3. Sorry für falsches Deutsch teilweise....

    Gute Nacht!

    Jampa

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  4. Macht nichts - ich verstehe dich sehr gut.
    Gute Nacht!
    Josephine

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