Das verlorene Imperium - oder die Macht der Bilder

Die letzten Beiträge zu verfassen, ist mir schwergefallen. Ich quälte mich selten so, alles Wahrgenommene schreibend offenzulegen. Obgleich ich wusste, ich muss es tun, fühlte ich mich permanent so, als ginge ich zu weit. Und das alles nur, weil ich mir erlaubte, über die Geisteshaltung des »verlorenen Imperiums« zu schreiben. Des verlorenen und verborgenen Imperiums meines innigsten Herzens.

So viele äußere Imperien sind entstanden und wieder vergangen. Die Geschichte ist voll davon und viele gerieten in Vergessenheit. Einige ihrer gesellschaftlichen, kulturellen Errungenschaften blieben erhalten und begleiten uns bis heute, alles andere zerfiel zu Staub.

Jene, die sie aufbauten, waren stets äußerst geschickt darin, diese auf bestimmten Heldenmythen und Legenden zu gründen. Etwas oder jemand wurde verherrlicht und mit überirdischen Befugnissen versehen. Und alle lagen diesem Helden zu Füssen, sich treu ergebend und setzten seine Wünsche und Ziele in allen Lebensbereichen um.

Jeder, der sich je mit Geschichte befasste, weiß, dass die Überlieferung und Verlässlichkeit jeder Geschichte ganz klar vom Geschichtsschreiber abhängt. Und in Europa waren dies stets die vom Hofe bezahlten Schreiber. Andernorts auf der Welt wird es kaum anders gewesen sein. Das ist das grundsätzlich Trügerische an Geschichte und jeglicher linearen Beschreibung. In der heutigen Forschung begrüße ich daher jeglichen Versuch, die Geschichte einmal gegen den Strich zu kämmen und unter Berücksichtigung anderer Fundstücke die hochherrschaftlich beauftragte Lesart zu entmystifizieren.

Neulich war ich in Dresden und besuchte gemeinsam mit meiner Mutter endlich einmal das Panometer, wo derzeit ein Panorama des barocken Dresden zu sehen ist. Ich wollte mir diese Panoramen von Yadegar Asisi schon lange anschauen, bin aber nie dazu gekommen. Denn während des Studiums hatte ich mich bereits mit dieser Kunstform befasst, die zu Ende 19. /Anfang des 20. Jahrhunderts den Blick seiner Betrachter weit hinaus über das im Alltag Sichtbare erhob. Und mit dem Blick, so auch die Selbstwahrnehmung des Betrachters.

Alles, was wir betrachten und wie wir es sehen - und aus welcher Position wir es erblicken, wirkt in uns selbst zurück. Es wirft sein Abbild nicht nur auf unsere Netzhaut, sondern auch in unsere Psyche und Seele.  Der Sehsinn ist einer unserer dominantesten Sinne. Und er wirkt auf die Distanz - und hält auch auf Distanz.

Der gesellschaftliche Blickwinkel, den die 360° Rundum-Bilder zur Zeit der sich intensivierenden Industrialisierung in den Menschen erzeugte, war eventuell auch ein herrschaftlicher. Wenn die Menschen sich damals zum Beispiel das riesige Panorama der Stadt London mit unendlich vielen rauchenden Schloten anschauten, so nahmen sie zum ersten Mal diese Stadt vielleicht »von oben herab« wahr. Als etwas, was sie mit eigener Hände Arbeit erschaffen hatten. 

Und mit diesem, für Panorama-Bilder typischen Blick aus der Vogelperspektive, wurde unterstrichen, was die Menschen zunehmend dachten: Sie beherrschen die Welt, formten und schufen sie. Die Welt war ihnen untertan und sie begannen, sich quasi über sie zu stellen.

Bürste ich nun auch einen solchen Mythos gegen den Strich, so geben die massenhaft rauchenden Schlote auch noch über etwas anderes Auskunft: Den Preis, den die Menschen dafür gezahlt haben. Doch in solch erhabenen Bildern war dies nicht greifbar: Kinderarbeit, der 16-Stunden-Arbeitstag, Luftverschmutzung, die Unterdrückung der Arbeiter, Hunger, nicht vorhandene Frauenrechte, und Marx, der sich anschickte, mit Herzblut eine Lanze für die Sklaven der Industrialisierung zu brechen und die Welt zu verändern.

Mein Blick nun auf das barocke Dresden im Panometer bestätigte genau dies: Das bunte Treiben in der barocken Stadt, was ich von oben betrachtete, erzeugte ein mythisch reines, erhabenes Bild einer phänomenalen Zeitepoche, in der August der Starke ein einziges Bestreben kannte: möglichst viel Land gewinnen.

Und wenn ich in der Ausstellung nicht eine überaus kurzweilige Einführung erhalten hätte, vollgepackt mit diversen Entmystifizierungen, hätte mich dieser Blick auf dieses Kunstwerk den gewollt erzeugten Mythos sofort glauben lassen. August trug den Beinamen »Der Starke« vielleicht weniger aufgrund seiner inneren Stärke, sondern wegen seines umfänglichen Leibes. Er war ein geschickter Politiker und ließ seinen gesamten Hofstaat zum Katholizismus übertreten, damit er als König von Polen akzeptiert wurde. Alles dies für Macht und Ansehen.

Als ich, dort in Dresden, mit meiner Mutter lange Zeit das Panoramabild betrachtete, bis uns, wegen der dem Auge fehlenden Tiefendimension, allmählich schwindelig wurde, dachte ich eben daran, wie Geschichte doch aus solchen Bildern entsteht. Und aus der Politik, die darin besteht, die »richtigen Bilder« für das Geschichtsbuch herauszusuchen.


Jeder bewusst erzeugte Mythos dient Macht und Einfluss. Jedes Imperium der Weltgeschichte baut auf Legenden auf. Und jede Geschichtsschreibung, mit welcher Motivation auch immer getätigt, erzeugt wiederum Mythen und Legenden. Jede verschriftlichte Sicht, erzeugt starke Bilder und ich erachte es für extrem wichtig, umsichtig damit umzugehen.

Welches Bild will ich also erzeugen, wenn ich schreibe? Welches Bild von mir will ich zeigen? Wie viele von euch eventuell bemerkt haben, zeige ich mal ein Foto von mir, um mich dann wieder zu entziehen und es verschwinden zu lassen. Und das alles nur, weil ich sorgsam mit dem einzigen Imperium umgehen möchte, was mir wirklich etwas bedeutet: Das Imperium unserer Herzen. Nicht nur »meines« Herzens, sondern »unserer« Herzen.

Es ist schon zu lange verloren. Täglich ist es in Gefahr, durch die, im Äußeren von einigen bewusst errichteten Imperien, zerstört oder erneut in die Verbannung geschickt zu werden. Da werden ständig Mythen erzeugt, Throne errichtet, Terrains abgesteckt und Beweihräucherungen durchgeführt. Da werden starke Bilder erschaffen, um Macht und Kontrolle zu erlangen, über fühlende Wesen und ihre Bedürfnisse. Fortan wird der Imperator alle Lebensenergie für seine Zwecke zur Verfügung haben. Das ist das einzige Ziel aller Machtmythen.


Genau das will das Herz nicht. Genau diesen Bildern schwört es immer wieder ab, sobald es die Machtgier darin erkennt.


Das wahre, echte Imperium des Herzens kennt keinen Imperator. Exakt deswegen ist es das einzige Imperium, das für mich zählt. Und weil ich vor diesem so eine grundlegende Achtung und Wertschätzung habe, mag ich nicht zu viel darüber reden.

Andererseits findet man dieses Imperium nur mit Hilfe eines verlässlichen Wegweisers.

Und weil ich dieses verlorene Imperium so schmerzlich oft in dieser Welt vermisse, ist es gerade Schmerz, der den Weg dorthin weist. Mein Schmerz, den ich bewusst fühlen will, weil der Verlust der Herzen so offensichtlich ist. Also schreibe ich über meine persönlichen Schmerzgrenzen hinweg. Ich lasse zu, dass ich mich fühle, als zöge mir jemand die Haut ab, weil dieses wunde Gefühl der Istzustand meines Herzens ist. Ich schreibe so, wie mein Zustand in meinem Inneren tatsächlich ist.

Was bedeutet, dass dieser Herrschaftsbereich des Herzens keinen Imperator kennt?
Dass dieses »Imperium« ein unsichtbares Imperium ist. Da gibt es eben keinen, der über etwas steht. Wir stehen alle mittendrin. Wir sehen einander in die Augen. Wir packen alle mit an. Und die sanfte Abstimmung zwischen unseren Herzen wird beweisen, dass für alle Platz und ein jeder seine spezifische Aufgabe hat. Gemäß seiner Möglichkeiten und Fertigkeiten. Ein jedes Herz hat etwas beizutragen. 


Ja, es braucht diese zentrale, starke Figur, auf die sich alle Legenden und Mythen vereinen, nicht. Und keiner wird die Verantwortung mehr an diesen Herrscher abgeben - und damit auch nicht seine Lebenskraft und kreative Energie.

Jeder behält das, was das Seine ist und gibt, was er geben möchte.
Und das wird sehr viel sein.

Denn es liegt in der Natur unserer Herzen, uns ganz und gar verschenken und komplett hingeben zu wollen.

Und wenn alle sich hingeben, hat jeder, was er braucht.

Um diesem verlorenen Imperium in mir die Treue zu halten, muss also vor allem eines gewährleistet sein: Dass ich fern eines jeglichen impertinenten Mythenerzeugers bin, der von meiner Lebensenergie profitieren möchte.

Mein Herz wird von selbst geben wollen. Das braucht niemand von mir erpressen, einfordern, steuern oder erzwingen.

Mein Herz wird viel weiser geben können, als ein solcher Imperator nehmen. Denn es wird stets Sorge dafür tragen, dass wir dem Gesetz des Wandels und der Vervollkommnung folgen. Dem Imperator indessen geht es nur um die Verbesserung seines Status quo.


Ja, diese beiden Arten von Imperium definieren sich derart unterschiedlich, dass sie nie zusammenkommen können. Sie haben keine gemeinsame Basis, finden keine gemeinsame Strategie. Sie greifen nur oft genug auf die gleichen Worte und Bilder zurück. Oberflächlich gleiche Bilder und Worte, die sehr unterschiedliche Botschaften ergeben.

Und so gaukelt der Imperator uns in Bildern und Klängen so vieles vor, was dem Herzen einzig nur als Angst machend und dunkel erscheint. Es spürt die Manipulation, die Macht, den Missbrauch und die Intrige.

Oft meinte ich, ich müsste der Macht der Bilder und des Wortes nachgeben, weil die Kraft des Fühlens, die eine der mächtigsten Kräfte im Imperium unserer Herzen ist, so diffus und unkonkret scheint.

Doch bei näherem Nachspüren erweist sich das als genau verkehrt herum gedacht:

Was war zuerst da: Das Fühlen? Oder das Sehen und Sprechen? Und worauf gründen sich unsere Worte oder die Worte der Überlieferung?

Ich schrieb schon über das europäische Zeitalter der »Aufklärung«, in dem das Fühlen  endgültig exkommuniziert wurde. Was schleichend im Mittelalter begann, fand darin Triumph und Vollendung: Der Sieg des Großhirns über unser Limbisches System. Der Sieg der reinen Vernunft über jegliches ursprüngliches Fühlen.

Unsere Geschichte ist stets nur eine mögliche Lesart des Geschehens, das sich einfach durchgesetzt hat. Da ist jede Menge links und rechts davon heruntergefallen. Und so ging die Tradition der Herzensüberlieferung und des Imperiums des Herzens - verloren. Weil es schon immer still und unsichtbar war, für den sich sehend meinenden Blinden.

Im Laufe der Entwicklungen der Weltgeschichte kam es dazu, dass heute alles, worüber am meisten geschrieben wird, wovon es die meisten Fotos gibt und was am Lautesten daher kommt, für ganz besonders wichtig und maßgeblich erachtet wird. So werden Imperien errichtet. So wird Politik gemacht. Das ist ganz hervorragendes Marketing. Nicht mehr und nicht weniger.

Ganz besonders fatal und mir Herzschmerzen verursachend funktioniert das eben im spirituellen Bereich.

Nicht der »Guru«, über den am meisten gepostet und geschrieben wird und der am meisten reist, ist dadurch zugleich der Beste.

Doch wir lassen uns einfach täuschen. Durch die Macht der Bilder. Weil diese in uns hinein wirken und dadurch für echt erachtet werden, lassen wir uns einfach dazu hinreißen, diesen Mythos für wahr zu halten. Und bereitwillig beginnen wir, mitzumachen und diesen Mythos zu pflegen und zu befeuern. Wir heizen die Verherrlichung an, errichten noch höhere Throne und verfassen noch tollere Hymnen, feiern noch pompösere Feste usw. usf.

Das alles bedeutet dem Herzen nichts. Gar nichts.  Denn im Fühlen weist du um den Selbstbetrug. Im Außen scheint zwar alles toll, blendend und erfolgreich zu sein, doch im Inneren bist du deprimiert und leer, jenseits jeglicher Erfüllung.

Für mich gibt es keinen schlimmeren Zustand, als nicht zu fühlen.

Ich versuche mich daher dem gesellschaftlich und sozial induzierten Drang, äußere Imperien zu errichten, zu entziehen, weil ich um das Entweder-oder weiß. In diesem einen Punkt kann es niemals ein Sowohl-als-auch geben, denn wo das unverfälschte Fühlen verneint wird, da stirbt das Herz.

Die Gefühle, die von der Macht der Bilder erzeugt werden, sind nicht echt. Sie sind aufgesetzt, übertrieben, durch Sichtweisen und Worte entstanden und leer jeglicher wahrhaftiger Botschaft und Substanz.
Das genuine Fühlen des Herzens beruht nicht auf diesen willentlich und geplant erzeugten Manifestationen, sondern auf der ursprünglichen Wahrheit, die aus Stille und Leerheit spontan aufscheint.



Kommentare

  1. Liebe Josi,
    wie oft habe ich mich bei dir beschwert nichts fühlen zu können? Weil meine erste Reaktion auf den Schmerz des menschlichen Daseins bestand darin zu flüchten. Und wenn ich doch entschieden habe den Schmerz zu fühlen, war er entsetzlich groß. Er schnitt mich regelrecht in Stücke und ließ mich fast erstarren.
    Philosophie ist insofern nützlich, wenn sie mir hilft die Dinge von einander zu trennen, zu abstrahieren und das kann sehr unterstützend sein. Denn, wenn ein Bodisattva den wirklichen Weg des Nützlich-Seins geht, muss er lernen seinen eigenen Schmerz von den anderen erstmal zu unterscheiden. Da hilft mir die Analyse sehr.
    Aber du hast recht, Philosopie und die Mantra-Praxis als ein Gegenteil der Philosophie (gestern erwähnte ich, dass das blosse Beten auch nicht viel hilft) - pure Zeitverschwendung. Für mich jedenfalls. Es hat genau das gleiche Ergebnis, dass ich mich in irgendeinem Niemandland befinde. Aber nicht hier und jetzt. Auch nicht in meinem Leben. Das ist ebenso entsetzlich.
    Auch andere Wissensbereiche als Philosophie, z.B. Ökonomie, sind für mich bloß nur trockenes Wissen. Trotz der Anzahl vieler Experte rennt die Welt teilweise und temporär beinahe in eine Katastrophe... Diese wird kommen, wenn wir unsere Hände in Gebet schließen und den anderen, die noch mehr leiden, die Verantwortung für unsere Zukunft überlassen.
    Das ist unethisch. Lass Deine Inspiration meine Inspiration werden und uns weiterhin dabei zu unterstützen, möglichst viel zu geben, zu heilen, zu transformieren.

    In Liebe
    Deine Jampa

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    1. Liebe Jampa,

      danke, dass du dich auf diesen Beitrag und auf meinen frisch veröffentlichten, heutigen Beitrag zu Wort gemeldet hast.

      Ja, was ist der wahre Nutzen von Philosophie? Durch Abstraktion sowohl auf Distanz zu gehen, als auch den Horizont zu erweitern. Und durch den Prozess des Einfühlens, des Verortens im Hier und Jetzt, erwächst die Fähigkeit, sich zu entscheiden oder zu positionieren. Und daraus erwächst aktives Handeln.

      Wenn die Philosophie keine Anknüpfung in unserem Leben findet, ist sie tot. Wenn der Buddhismus und das Bodhisattva-Ideal sich nicht in mein Leben hinein in konkret beobachtbarem Verhalten manifestieren kann, ist beides tot. Tote Wissenschaft.

      Oder totes Ritual, wenn das Beten nicht dem Fokussieren unseres Herz-Geistes auf Vervollkommnung und Veränderung zielt. Dann ist Buddhismus als Religion tote Religiosität, statt gelebte Spiritualität.

      Wer will sich denn in dem entstandenen Dschungel an Lehrmeinungen zurecht finden? Wieviel Lebenszeit will ich dazu verwenden, das Wesentliche zu entdecken?

      Weil ich mir des Schmerzes bewusst bin, habe ich keine Zeit für so etwas. Mir erscheint alles verlorene Lebenszeit, was mich nicht im Hier und Jetzt weiterbringt, auf dem Weg, den Schmerz zu heilen.

      Und darin entdecke ich, wie im nächsten Beitrag verdeutlicht, das Empfinden meines wahren Herzens. Im Mahayana-Buddhismus nennt man es "Bodhichitta".

      Tatsache ist doch, dass der Schmerz und alle unsere Mechanismen, ihn zu vermeiden und zu entfliehen, sehr menschlich und universal sind. Oder? Nun birgt der Buddhismus für mich aber etwas unendlich Kostbares: Dass es möglich ist, Schmerz zu beenden. Das ist besser, als ihm zu entfliehen oder ihn zu meiden, oder?

      Und alles dasjenige am Buddhismus, was diesen Fokus verschleiert oder sich von diesem Fokus entfernt hat, ist für mich nicht die Essenz. Und die Essenz überliefert derjenige, der diesen Fokus niemals aus dem Herzen verliert, auch nicht dann, wenn er traditionelle Lehrinhalte vermittelt.

      Daraus erwächst das, was du Unterstützung, Freigebigkeit, Heilung und Transformation nennst. Alles andere ist überflüssig.

      Ja, mögen wir diesen Fokus immer in unserem Herzen halten.

      Alles Liebe,
      Josephine

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