Von meinem augenblicklichen Weg des Herzens

Vieles, worüber ich schreibe, klingt manchmal so »fertig«. So, als gäbe es da einen geheimen Plan, mit abzuarbeitenden Teilschritten. Und dann kommt da der Tag X, an dem alles perfekt ist. Ein Tag, an dem ich mir plötzlich gewahr werde, mein Herz ganz verwirklicht zu haben.

Diesen Tag gibt es nicht.

Das ist das Trügerische an allem, was ich in Worte fasse: Worte geben nicht den Raum, diese beständige Weiterbewegung meines Herzens darzustellen. Ich schreibe da eine Momentaufnahme, dort eine weitere. Vielleicht böte Lyrik den besseren Raum, um dieses Unfertige abzubilden. Meine Beiträge tun dies mit Sicherheit nicht. Sie sind Bruchstücke, Metaphern, Verweise, Möglichkeiten ...

Für den Moment des Schreibens bin ich ganz im Fluss. Spätestens, wenn ich grob Korrektur lese, merke ich, wie das lineare Beschreiben immer wieder scheitern muss, an der eigentlichen Vielschichtigkeit und Komplexität meines inneren Erlebens. Und doch kann dies hier manchmal ein Fingerzeig sein.

Worauf auch immer, wofür auch immer, für wen auch immer.

Es gibt diesen »Tag X« nicht. Das innere Entfalten meines Weges mit und zu meinem Herzen setzt sich fort. Unaufhaltsam. Und wo ich ein Ende vermutete, tut sich unversehens ein neuer Horizont auf.

So entdeckte ich vor Wochen etwas in mir, als ich davon erzählte, dass ich den Rückzug brauchte, um mich meines Weges zu versichern. Um ein achtsames Auge auf die schnelllebigen Geschehnisse meines Erlebens zu werfen. Da bemerkte ich etwas am Rande meines Bewusstseins, während ich zu zielstrebig den inneren Fokus auf ein konkret gewünschtes Ziel gerichtet hielt.

Heißt nicht ein Sprichwort so ähnlich, dass die wichtigen Dinge geschehen, derweil wir mit etwas anderem beschäftigt sind? Genau.

Ja, ich erreichte sehr ergebnisorientiert mein Ziel - wie so oft, wenn ich mir etwas hartnäckig vorgenommen habe. Doch dem Gefühl nach passte daran etwas nicht. 


Das Fühlelement ist eines der wichtigsten Kommunikationsmittel meines Herzens. Wenn ich bisher bemerkte, dass etwas nicht stimmt oder mit einer Person etwas nicht harmonisch ist, bewahrheitete sich dieses Empfinden. Also werde ich hellhörig, sobald ich nachspürend zu mir selbst sage: »Hier ist etwas nicht in Ordnung.«

Stimmigkeit ist es, was mir die Gewissheit gibt, dem Weg meines Herzens zu folgen. Da ist dieses harmonische Fließen, mit einer gewissen Spur Begeisterung und Freude - dann bin ich auf der richtigen Fährte. Wenn das fehlt, bin ich nicht ganz aufrichtig bei der Sache. Diese gefühlte Inkonsequenz führt mich zielsicher dort hin, wo ich meinem Herzen untreu bin.

Ich vollendete in diesen Tagen des Rückzugs zwar das, was ich mir vorgenommen hatte, doch das Ergebnis rührte nicht mein Herz. Und so verbrachte ich die Wochen nach diesem Retreat damit, noch tiefer nachzuforschen, wo der Selbstbetrug lag. Und das brauchte seine Zeit.

Als ich vor 14 Jahren zum ersten Mal mir selbst versprach, nur noch den wahrhaftigen Impulsen meines Herzens zu folgen, lernte ich zuerst, was nicht meinem Herzen entspricht. Ich ging den Weg des Ausprobierens und Verfehlens. Und gerade in den falschen Spuren erkannte ich ein Muster. Eines, das ständig wiederkehrt. Ich nenne es zumeist, dass ich »zu früh aufgebe«. Ungeduld ist ein anderes Wort dafür.

Diese Formulierung verwendete ich im letzten Beitrag, als ich die Vermutung aufschrieb, dass viele vor den Konsequenzen ihrer Wünsche und Entscheidungen zurückscheuen und »zu früh aufgeben«. Sie flüchten zurück in vertraute Strukturen, bevor der innere Wandel vollendet ist. Diese Tendenz ist eine für mich grob offensichtliche, doch es gibt da auch ein sehr feines, subtileres Aufgeben.

Die subtilere Form des Kapitulierens ist meine Tendenz, etwas gedanklich festschreiben und fassen zu wollen, bevor ich es ganz erspürt habe. Spüren ist etwas Nonverbales, nicht in Worte zu Fassendes. Manchmal braucht etwas, was aus dem Herzen aufsteigt und sich mir zeigen will, Zeit und Raum. Mehr davon, als ich erwarte. Und wenn dieses Nuance, die sich aus meinem Herzen erheben will, noch nicht sein vollumfängliches Wesen gezeigt hat, kann es passieren, dass ich es zu früh in Gedanken und Worte kleiden will. Indem ich diese Spur zu früh festschreibe, missverstehe ich. Oder erkenne und erfasse nur oberflächlich und interpretiere etwas hinein, was dieses seinem Wesen nach nicht ist.

Das passiert besonders schnell dann, wenn die Thematik, mit der ich innerlich beschäftigt bin, mit Schmerz verbunden ist. Ich gebe einfach zu früh auf, erkläre mir innerlich etwas zurecht und verpacke es in gut portionierbare Einheiten, die leicht verdaulich sind. Folge ich diesen Interpretationen davon, worum es meinem Herzen wohl gerade geht, gehe ich in die Irre. Zum Glück erdet mich immer dieses diffuse, nicht erklärbare Gefühl, dass diese Situation nicht stimmig ist.


Als ich also mit meinem tollen, gewünschten Ergebnis aus diesen wenigen Tagen des Retreats kam, merkte ich schnell diese gefühlte Unstimmigkeit. Was fehlte in diesem Bild, was ich da von mir und meinem Weg zeichnete? Was ergab diese Unschärfe? Was daran ist sperrig und ermüdend, anstelle inspirierend, fließend?

Aus den Tagen wurden Wochen. Und erst heute wird das Unstimmige für mich so erkennbar und fassbar, dass daraus ein Aha-Erlebnis werden konnte.

Nein, in einen einzelnen Satz kann ich dieses Aha nicht fassen. Wäre dies möglich, hätte ich es nicht übersehen. Und weil es so tiefreichend und komplex ist, wollte ich es mir damit auch unbewusst leicht machen. Doch so einfach ist es eben nicht, will ich mein Versprechen, mir selbst gegenüber, weiter aufrechterhalten und ganz wirklich und wahrhaftig den Weg meines Herzens gehen.

Allein diese Wahrheit über den Weg meines Herzens anzunehmen, hat mich etliche Jahre gekostet: Einfach, leicht, oberflächlich und schnell durchs Leben gehen - das bin ich nicht. Schon von Kindesbeinen an denke ich über alles sorgfältig nach. Und brachte damit insbesondere meine Familie oft an den Rand ihres Verständnisses: Regeln, die ich nicht nachvollziehen konnte, wollte ich auch nicht einhalten. In anderen Beiträgen schilderte ich schon, wie solche Auseinandersetzungen endeten ...

Und später entdeckte ich, dass ich ebenso präzise fühle und zuhöre. Bevor nicht alles diese drei Instanzen der Wahrnehmung in mir durchlaufen hat, komme ich zu keinem klaren Urteil einer Situation oder gegebener Umstände und Phänomene. Gerade die Ebene des Fühlens ist im Vergleich zum Hören und Denken ein langsamer Kanal. Das braucht Zeit, Zeit, Zeit, bis ich innere Gewissheit habe.

Das ist unmodern und unpassend, für die heutige Schnelllebigkeit. Ich bin kein Freund spontaner Entscheidungen.

Heute sehe ich in meinem Sosein einen Vorteil: Wenn ich mir einer Sache gewiss bin, dann ist dieses Wissen absolut unerschütterlich und über Zweifel erhaben.

Weil ich in meiner Essenz nicht stromlinienförmig und spontan mit allen Vorgegebenen mitgehe, macht mir das zuweilen Schwierigkeiten. Ich ordne mich zum Beispiel nur schwer bis gar nicht einer so genannten Autorität unter, die ich nicht als solche anerkennen kann. Wenn meine sorgfältige, innere Prüfung ergibt, dass jemand zwar Autorität vorgibt, in meinen Augen aber nicht hat, dann ... Den Rest könnt ihr euch denken. Ich gliedere mich also nicht einfach in gegebene Strukturen ein.

Und mein Herz tut es auch nicht. Es geht seinen ganz eigenen Weg. Sobald ich mir im Herzen nicht treu bin, bekomme ich Herzschmerzen.

Viele Schmerzen meiner Vergangenheit resultieren daher. Und wenn ich mir heute vergegenwärtige, wie viele Jahre ich mit diesen Schmerzen lebte, weil ich ihr Entstehen, ihre Ursachen und den Weg zu deren Heilung nicht verstand, dann fühle ich großes Bedauern. Und im nächsten Moment zugleich Dankbarkeit, dafür jetzt Abhilfe zu kennen.

Zurück zu diesem Aha-Erlebnis, von dem ich sprach. Natürlich handelt das Aha von meinen Herzschmerzen. Das wochenlange Innehalten und sorgfältige Nachfühlen ergab, dass ich den Wichtigsten meiner Seelenschmerzen verdränge.  Jenen, der am profundesten hinabreicht. So tief, dass ich manchmal denke, dass er in dieser Welt keine Heilung kennt.

Und er steht für ein Bedürfnis, das nach Erfüllung strebt. Doch ich lasse es sich nicht in seiner vollen Bedürftigkeit zeigen. Ich empfinde, sowohl den Mangel als auch den daraus resultierenden Schmerz zu betrachten, als zu bedrohlich, für das Leben, das ich im Moment führe. Ich war bisher nicht bereit, für erneuten, grundlegenden Wandel.


Im Laufe der Wochen hatte ich ehrlich, schonungslos und genau aufgeschrieben, was zu diesem Schmerz beiträgt. Alles, was ich bisher ab und an gedacht, aber weggeschoben hatte. Jegliche bewusst gemachten Erfahrungen meiner Vergangenheit, die mich glauben lassen, dieses Leben gäbe niemals her, das dieses Bedürfnis Erfüllung findet. Was für machtvolle Zuschreibungen können aus schmerzhaften Erfahrungen erwachsen!

Das, was ich als seelische »Herzschmerzen« bezeichnete, wuchs sich im Zuge dieses Prozesses zu physisch spürbaren Schmerzen aus. Und das machte mir bewusst, wie fahrlässig ich mich, mir selbst gegenüber, verhielt und wie kritisch meine verdrängte Herzenslage ist. 

Beinahe hätte ich mich oberflächlich darum herum laviert. Weil das leichter gewesen wäre. Einfacher und oberflächlicher. Doch zugleich der größte Selbstverrat.

Der Weg meines Herzens ist nicht einfach. Das war er nie und wird er nicht ohne Weiteres werden. Nicht unter den gegebenen Umständen und Bedingungen. Das lerne ich daraus. Und da mich das Versprechen von vor 14 Jahren immer noch bindet, bleibt mir nur übrig, als diesen Weg in aller Konsequenz und Tiefe weiterzugehen. Mit allem notwendigen Wandel. Unter erneuter Preisgabe falscher, selbstverurteilenden Zuschreibungen.

Was bringt mich stets von Neuem zurück auf diesen Pfad? Warum gelingt es mir nicht, mir »es einfach zu machen« und »zu früh aufzugeben«? 

Ganz ehrlich: Ich habe keine Erklärung dafür. Ich muss. Ich kann nicht anders. Mein Herz zwingt mich dazu.

In dem Moment, wo ich weiß, dass dieser Weg meinem Herzen entspricht, obwohl er nicht leicht ist, fühle ich mich dennoch erleichtert. Ich spüre, dass mein Weg authentisch, echt, wach und wahr ist. Und dass jedes meiner Herzensbedürfnisse zu etwas Gutem bestimmt ist und deshalb wie von selbst nach Erfüllung strebt.
Und ich übe, mich darin ernst zu nehmen. Und das Herz seinen uneingeschränkten Weg ziehen zu lassen.
Nach langem und sorgfältigem Lauschen, Erspüren und Nachdenken setze ich Zuversicht da hinein, dass kein Stück auf diesem Weg umsonst gegangen sein wird.

Und der Weg geht von einer Bodenlosigkeit zur Gewissheit, vom Wissen zum nächsten Abstieg. Von einem Umweg um den notwendigen Sturz herum, zur gespürten Unstimmigkeit. Und von hier aus zurück, in die Spur und zum Wandel.

Und dann das Ganze von vorn, bitte!

;-)










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