Mitten durch das eigene Herz

Der Weg wird nur echt, wenn er vollkommen vom eigenen Herzen durchdrungen ist. Dies intuitiv verstanden habend, gab ich mir vor vielen Jahren dieses Versprechen, nur noch den Impulsen folgen zu wollen, die aus meinem Herzen kommen.

Am Anfang des Weges steht ganz sicher die Nachahmung. Wir machen uns vertraut, mit etwas, was wir intuitiv als dasjenige erkennen, was uns befähigen wird, ein authentisches Leben zu führen. Wir hören Erklärungen, investieren Vertrauen und Lernbereitschaft, folgen den Anweisungen, wie wir zum Beispiel eine spirituelle Praxis anwenden sollen. Und dann kommt die lange Zeit des nachahmenden Übens. Doch wir verstehen noch nicht und wir erfahren nicht.

Wenn ich mich zurückerinnere, kostete mich meine Kennenlernphase einiges an Zeit und Geduld. Sie war aber vergleichsweise kurz. Ein, zwei Jahre lang hielt ich mich für vollkommen unfähig, diese Visualisationen durchzuführen. Die Bilder und Symbole des tibetischen Vajrayana erschienen mir so fremd. Ich musste Kraft aufbringen und alle inneren Einwände, dass ich dazu hoffnungslos unbegabt bin, ignorieren. Oft genug wusste ich nicht mehr, warum und wozu ich das eigentlich tat.

Damals war mein Kopf sehr laut und mein Herz zu leise. Viel zu leise. Da war nicht mehr als das starke, manchmal mich ängstigende Gefühl, diese Übung unbedingt tun zu müssen, koste es, was es wolle. 


Und ganz unbemerkt begann sich dann, im Laufe der Zeit, etwas zu verändern.

Heute sage ich: Wenn diese Veränderung nicht eintritt, stimmt etwas nicht. Dieser leise, beinahe unbemerkte Wandel, dass die Phase des Anstrengens und willentlichen Befolgens und Applizierens einer vorgebenen Abfolge von Schritten und zu denkender Gedanken  in eine Phase des Geschehenlassens übergeht.

An diesem Punkt des Übens schlägt etwas in dir um und dein Herz übernimmt dort die Führung, wo der Verstand bisher nur das Erlernte nachahmte.  Dieser Ort auf der Reise ist wichtig und kostbar. Dies ist der Beginn des Erwachens deines Herzens. In dieser Phase ist dein Herz offen und bereit, dein Leben ganz und gar erobern und durchdringen zu wollen.

Bei mir geschah das unbemerkt. Ich merkte nur, dass mein Verstand gegen etwas rebellierte. Wenn während des Übens in mir von der vorgegebenen Agenda ganz von alleine etwas abwich, griff mein Verstand korrigierend ein. Und er hielt dieser neuen Instanz, die ich damals noch nicht als »mein Herz« identifizierte, lange Vorträge, wie das Training eigentlich korrekt und richtig sei.

Eine Zeitlang stand in mir Einiges auf Messers Schneide. Dies war eine innere Wegkreuzung auf meiner Reise, die darüber bestimmen sollte, ob ich weiter mit dem Nachahmen des Erlernten zufrieden bin, oder das Abenteuer wagen würde, eigene Erfahrungen zu machen. 

Ich sehe das heute so: Gibst du dich mit dem Nachahmen zufrieden, wird die spirituelle Praxis dich im Status quo verharren lassen und festhalten. Übergibst du dich der Führung deines Herzens, wird Wandel auf Wandel folgen.

Und ich spürte Fragen in mir aufkommen: Suchtest du nicht einst einen Lehrer oder eignetest dir neue Gedanken und Übungen an, weil du dich selbst in dem, was du bis dato gewesen bist, nicht mehr ertragen konntest und wolltest? Oder das Leben, das du bis dahin führtest?

Hoffst du nicht auf den Wandel?

Jetzt, wo er dich ganz durchdringen und verändern will, überlässt du dich aber nur dem Nachahmen und Bewahren dessen, was du lerntest?

Solche Gedanken hegte ich bis dahin meistens nicht. Ich dachte, indem ich nachahme, habe ich schon genug getan. Dass ich unbekannte Gebete, Praktiken und Rituale in mein Leben übernehme, das ist es. Das ist die Fahrkarte in das Leben, das ich endlich reinen Gewissens führen kann. So dachte ich und hätte es vielleicht noch sehr lange weiter gedacht, wenn es funktioniert hätte.

Als mich jemand vor nunmehr 22 Jahren fragte, was ich mir für ein Leben in der Zukunft wünsche, so hatte ich aber eine ganz andere Vision. Ich träumte von einem Leben, was keinen Unterschied kennt, zwischen Beruf und Alltag. In der Zukunft sah ich mich in einer Situation, die ganz und gar getragen und durchdrungen war, von nur einer Lebenseinstellung und einem Ziel. Da gab es keine Getrennthaltung zwischen dem notwendigen Übel, den Lebensunterhalt zu verdienen, sowie einem Privatleben, in dem ich alles das machte, was mich sonst noch interessierte. 

Und als ich zwei, drei Jahre später zu meditieren anfing und mich wenig später freudigen Herzens für den Dharma entschied, prägte diese Vision meiner Zukunft mein ganzes Wünschen und Wollen. Ich wollte die Trennung nicht, zwischen Dharmapraxis und Alltag. Ich wollte, dass sich beides ergänzt und durchdringt. Das prägte von Vornherein meiner inneren Reise einen gewissen Stempel auf.

Auf lange Sicht bildete für mich diese Trennung, zwischen dem im tibetischen Buddhismus Erlernten und Geübten und meinem alltäglichen Leben, keinerlei Option.

Und wenn du mich fragst, worunter ich heute noch am meisten leide, so ist es genau dieser Bruch in meinem Leben: In dieser deutschen, westlichen Gesellschaft ist mir diese wechselseitige Durchdringung noch nicht tiefgründig genug möglich. So empfinde ich das.

Ich leide an diesen zwei Seelen in der Brust und habe meinen Weg immer als den zur Versöhnung dieser beiden Dimensionen in mir verstanden. Folge ich den Erfordernissen, die diese Trennung mit sich bringt, gestatte ich meinem Herzen, dieses Leben in allen Facetten zu durchdringen. Und indem ich meinem Herzen diesen Freiraum gewähre, empfinde ich mein Leben als tiefgründig und echt.

Das Herz ist nicht etwas, was erst durch den Buddhismus entdeckt wird. Das Herz ist schon immer da. Die Mittel des Buddhismus aber gestatten mir, diese tiefste Dimension meines inneren Erlebens bewusst in das äußere Leben hinein wirken zu lassen. Und das macht mir den Dharma so kostbar. Die Dimension des Herzens wird mit buddhistischen Mitteln aus ihrem gesellschaftlich determinierten Gefängnis befreit.


Und daher ist der Punkt, wo die eigene Übung im bloßen Applizieren von Mitteln übergeht, zu echter Herzenslebendigkeit, ein alles entscheidender Punkt der Wandlung. Von hier aus will unser Herz beginnen, unser tägliches Leben zu durchdringen und zu bereichern. Und weil das Herz so still und leise fühlend sich den Weg ertastet, überhören wir es leicht, im alles durchdringenden Lärm unnötiger Gedanken.

Letztlich ist alles, was ich denke, nicht viel mehr als ein Sammelsurium an Regeln, Erwartungen, Hoffnungen und Ängsten, die durch das äußere Erleben geprägt werden. Unsere Kultur und Gesellschaft und ihre Struktur des Überlebens zwingt mir dies auf. Und das ist es, was ich zuerst mitbrachte, als ich in Kontakt zu einer spirituellen Praxis ging.

Das nachahmende Kennenlernen bestand vorrangig darin, die Regeln, Erwartungen, Hoffnungen und Ängste europäisch-deutscher Prägung durch genau adäquate Regeln, Erwartungen, Hoffnungen und Ängste tibetisch-buddhistischer Prägung zu ersetzen. Ich dachte, wenn ich diese austausche, hätte ich es geschafft. Dann wäre ich aus dem Schneider und würde mich glücklicher und besser fühlen.


Doch der oben erwähnte Lebenstraum war schon zuvor aufgetaucht. Und er zog mich in seine Bahn, ob ich wollte, oder nicht.

Die Last, die sich mir auf die Schultern zu legen begann, nunmehr zwei Rollen erfüllen zu müssen, machte mich darauf aufmerksam, wie wenig das funktioniert: Nun war ich gezwungen, in meinem Arbeitsalltag hiesige Regeln zu befolgen und sobald ich meinen Fuß über die Schwelle des Buddhistischen Zentrums setze, diese neu erlernten, anderen Vorgaben.


»Absurd. Unerträglich. Schwierig. Belastend. Nicht heilsam.« So dachte und so fühlte ich das. Ab einem gewissen Punkt meines Weges waren sich hier mein Kopf und mein Herz einig.

»Und nun, wie geht es nun weiter?«, dachte ich dann.

Das war die Zeit, als ich tiefer auf mein Herz zu lauschen begann. Als ich tiefer nachspürte und zum ersten Mal sehnsüchtig wünschte, mich in meinem intuitiven Wollen ernst zu nehmen.

Als mich damals vor 22 Jahren jemand nach meinem Lebenstraum fragte, stand da dieses innere Bild spontan vor meinem inneren Auge. Ich konnte nicht anders, als dieses Vorstellung für meinen echten Herzenstraum zu halten. Denn diese Vision zu betrachten, fühlte sich wach, lebendig, authentisch, so beglückend und warmherzig an.

Wollte ich mir in diesem Bild nun vertrauen oder »mich dem echten Leben stellen« und zu der pragmatischen, weit verbreiteten Entscheidung kommen: »Träume sind Schäume«? Diese Frage war für mich ab diesem Punkt des Schmerzes, den diese beiden Seelen in mir erzeugten, von existentieller Bedeutung. Und ich dachte lange nach, lauschte und fühlte mich durch alle Optionen.

Über Jahre hinweg hatte ich mir immer von anderen Menschen (gefühlt tausend) Ratschläge angehört, was der richtige Weg für mich ist, wie das rechte Verhalten sei, was die einzig wichtigen Lebensziele sind usw. usf. Alles das hatte keinerlei wahrhaftige Resonanz in mir erzeugt. Bei diesem undefinierbaren Bild meines zukünftigen Lebens jedoch gab es so viel Herzblut, so intensiv lebendige Beteiligung meines Herzens. Und ich konnte nicht anders, als dieser Lebendigkeit nachzugeben.


Im Moment der bewussten Entscheidung für mein Herzversprechen, bekräftigte ich nur etwas, was eigentlich schon ins Rollen gekommen war. Unbewusst steckte ich bereits mittendrin. Ich entschied mich nun auch mit meinem Tagesbewusstsein, diesen lebendigen Impulsen, dieser wachen, positiven Resonanz des Herzens mein ganzes Vertrauen zu schenken.

Nach diesem Eid gestattete ich meinem Herzen sehr bewusst Raum, auch in der zuvor formal nachahmend durchgeführten Praxis. Und ich brachte den korrigierend eingreifen wollenden Verstand damit zum Nachgeben und Schweigen.

Von diesem Moment an ging ich nicht mehr im Kopf mühsam und mit Anstrengung die erlernten Gedanken, Visualisationen und Schritte durch, sondern ich achtete auf die Resonanz, die dies in meinem Herzen erzeugt. Ich ließ in mir Geschehen zu, als dass ich bewusst gewollt etwas tat. Ich entspannte mich, zuerst zaghaft, in das hinein, was stattfinden wollte, als dass ich im Kopf memorierte und nach Anweisung vorging.

Und allmählich veränderte sich etwas. Nach diesem bewussten Versprechen nahm etwas mit großer Kraft Fahrt in mir auf und verselbständigte sich. Intensive Zeiten des fortwährenden, inneren Wandels brachen an.

Was genau machte da mein Herz mit mir, meiner Praxis, meinem Weg? Das hier. Alles das, was ich bisher in Worten teilte, bezeugt diesen Weg.

Noch immer ist da diese gefühlte Trennung. Zwar bin ich auf dem Weg, diese beiden Seelen in mir zu versöhnen, doch noch immer unter den Schmerzen des Getrenntseins. Ich nehme heute diese Herzschmerzen als meine wichtigsten Wegweiser an.

Und indem ich dem Herzen zu lauschen, es zu spüren und über es nachzudenken begann, lernte ich seine Grundsätze und Gesetze kennen. Diese stehen für mich über den Regeln, die mir bisher sowohl meine europäisch-deutsche Prägung, als auch die tibetisch-buddhistischen Regeln vorgaben. Und das ist auch gut so, sonst hätte niemand von uns eine Aussicht auf Heilung und Frieden. Und eine Integration des Buddhadharma im Westen wäre unmöglich.

Rein alte Normen durch neue (oder andere) zu ersetzen, befreit nichts und niemanden. Davon bin ich überzeugt.

Die Welt des Herzens ist immer das Sowohl-als-auch. Das Herz ist fähig, eine Einigkeit zu schaffen, wo vorher keine war. Und ich sehe es als lebensfüllende Aufgabe, diese Umarmung in mir und durch mich lebendig werden zu lassen. Diesen Weg gehe ich, indem ich meinem Herzen gestatte, seine Arbeit zu verrichten. Und die Herzensarbeit besteht darin, alles, was ich erlerne, erlebe, wahrnehme und fühle in mein Herz zu nehmen und diesem innigsten Herz zu erlauben, daraus das Beste zu machen.

Das ist für mich der einzige Weg, meinen Frieden mit diesem Leben zu machen.

Und wenn ich die Tendenz in mir verspüre, einen Grund zum Aufgeben zu sehen, holen mich folgende Worte in mein Herz zurück und bringen alles Negativdenken zum Schweigen:

»Let yourself be
silently
drawn
by the stronger pull of
what you really love«

(Jelaluddin Rumi)




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