Wenn der Boden nachgibt

Ich schrieb oft von Grenzerweiterung, von Fortschritt, Entwicklung und Zuversicht. Davon, in die zunehmende Weite des Herzens hinein zu leben und dafür Barrieren sprengen zu wollen. Ich berichtete davon, warum dies für mich essentiell ist. Doch ich fasste nicht in Worte, was jedem Hinauslangen über eine Grenze unmittelbar folgt und dem erst später spürbar erweiterten Territorium vorangeht.

Dies ist die Zeit der Verwirrung, ein Zwischenzustand, in dem der Boden nachzugeben scheint, wo nicht nur diese eine Schranke verschwindet, sondern sich dadurch plötzlich innere und äußere Bezugspunkte auflösen. Womit ich mich bisher auf selbstverständliche Weise in meinem Reich in Beziehung setzte, erscheint unvermittelt in einem anderen Licht. Die Wertigkeiten und Bedeutungen, die ich bis dato der Welt beimaß, passen nicht mehr und ich frage mich verwundert, wieso ich diese Zuschreibungen nur für real und gewiss hielt.


Ja, nicht nur der Boden unter mir gibt nach, sondern ich empfinde diese Bewegung, in der sich alles anders ausrichtet und sortiert, so, als drehte sich die Erde in eine ganz ungewohnte Position. Die Karten werden gemischt, die Luschen aussortiert, neue Joker tauchen auf. Mein Ich, mein Körper, mein Sein ächzt unter dem Druck einer Metamorphose.

Und das, was da geschieht, lässt sich nicht greifen, nicht benennen, nicht klar erkennen, kontrollieren oder strukturieren. Alte Kategorien passen nicht mehr, neue sind noch nicht entstanden. Um meiner Position bewusst zu sein und adäquat zu handeln, bräuchte ich sie aber. Ich erwähnte, dass Aktivität und Tun Bezugspunkte bedarf. Doch da solche nicht vorhanden sind, ereignet sich im Auge des Tagesbewusstseins oder Intellekts also nichts Greifbares.

Da geschieht etwas rasend schnell und doch gar nichts.

Das ist für den Intellekt untragbar.  Je stärker der Intellekt ungeduldig seinen Hang zum Werten, Kategorisieren, Festschreiben und Erklären nachgeht, greift er ins Leere. Je länger dieser Zustand währt, desto mehr beginnt er sich zu ängstigen.

Mit der Furcht vor der Unfassbarkeit des Geschehens kommen die Zweifel. Ist es gut, was ich da angestoßen habe? War der Schritt vorwärts richtig? War mein Wunschgebet verfehlt? Was, wenn alles das, worein ich Zuversicht setzte und deshalb über die Grenze schritt, sich als nichtig und unzuverlässig erweist? Was, wenn ich im Jenseits das Erhoffte nicht finde? Was, wenn der Schritt über mich selbst hinaus, auf den anderen zu, vom Gegenüber nicht willkommen geheißen und von ihm nicht offenherzig erwidert wird?

Und mit diesen Sorgen und Zweifeln ist es um meine Zuversicht geschehen. Ich verfalle plötzlich der wahnwitzigen Idee, einen Rückzieher zu machen und mich hinter altbekannte Begrenzungen zurück zu begeben. Denn dort ist doch alles so beruhigend berechenbar. Oder nicht?

Was glaubt ihr, wie viele diesen Schritt rückwärts bevorzugen? Und ihn, in meinen Augen, zu früh gehen, weil sich nicht zutrauen, aus diesem Nebel der Verwirrung und Neuorientierung mit weiter gewordener Brust hervorzugehen und befreit aufzuatmen? 

Ich habe diese Stadien in den letzten Jahren sehr häufig durchlaufen. Und ich konnte und wollte mir stets den Rückzug abschneiden. Ich wollte auf keinen Fall mehr zurück, egal, wie unangenehm diese Phase ist. Und auch gleichgültig, wie lange sie dauert. Eine jede war ein hartes Brot für mich.
 
Genau jetzt spüre ich wieder, wie die Erde unter meinen Füßen sich bewegt, ein Eigenleben entwickelt und sich verändert. Und noch weiß ich nicht, welche Gestalt sie zeigen wird, wenn der Nebel meiner Verwirrung sich lichtet.

Ich gebe zu, ich bin dieser Zeiten müde. Nach so viel innerem Wandel in wenigen Jahren beginne ich mich allmählich nach Verlässlichkeit, nach Verankerung zu sehnen. Ich habe mich genug gedehnt, gestreckt, auf den Kopf gestellt, zerlegt, wieder zusammengesetzt und dann, nach dem Lichten der Nebel, geschaut, was sich daraus ergeben hat. 

Doch ich stecke trotzdem mittendrin, in diesem Schleudergang und brauche jetzt die Geduld eines Buddhas, mich nicht mit Ausflüchten, Hoffnungen und Ängsten zusätzlich zu überfordern.

Meine innere Situation ist unsicher genug, hat in ihrer Schein-Verlässlichkeit unwiederbringlich nachgegeben. Sie fühlt sich instabil an und das einzig Gewisse an ihr scheint diese Wundheit zu sein. Als hätte jemand mein Herz von innen aufgeraut. Kennt ihr das?


In unserer Natur liegt es, genau in Zuständen der Verwundung nach Sicherheit zu streben, uns zu schützen, nicht wahr? Doch selbst dafür scheint in aller Wundheit und Instabilität augenblicklich nicht genug Energie vorhanden zu sein.


Gütig ist, deshalb nicht sogleich alle zuvor getroffenen Entscheidungen in Frage zu stellen. Gütig ist, ein wenig Vertrauen zu investieren, dass auch diese Metamorphose mich nicht töten wird. Gütig ist, abzuwarten. Die Situation auszusitzen. Nicht zu handeln, bevor keine Klarheit eingetreten ist, was zu tun ist. Hinzunehmen, dass vielleicht nichts zu tun ist. Die Angst fallen zu lassen, wieder und wieder im Augenblick des Auftauchens. Die Angst davor, dass ich zu wenig tun und zu passiv sein könnte. Oder Chancen außen unbemerkt an mir vorbei rauschen, die eigentlich meiner Intervention bedürften, während ich im Inneren keinen klaren Gedanken fassen kann.

Ja, dem Ganzen liegt tiefe Sehnsucht zugrunde. Und aus diesem Begehren entstehen Hoffnungen und Ängste. Wenn das Herz wund ist, kommt die leiseste enttäuschte Erwartung einer Guillotine gleich und die sich als berechtigt bestätigte Sorge einem köpfenden Schwertstreich. Was also tun? Kann man sich dagegen stählen? Sich selbst abrichten, alle Konnotationen eines Wandels cool und tough hinzunehmen? Ja, das täte ich manchmal gern.

Im Zuge des mich dem Schmerzen entwinden Wollens aber erinnere ich mich unvermittelt an etwas anderes. Und ich erkenne darin plötzlich die Antwort auf die soeben gestellten Fragen:


Wenn ich dem inneren Geschehen sehr aufmerksam nachspüre und lausche, dann höre ich wie ein Flüstern, von allen Wesen, die im Moment genau das Gleiche erleben.  Die verloren, wund, verlassen und haltlos, voller Panik und Verwirrung sind. Die in der Fremde, fern des verlässlichen Zuhauses sind. Die nicht wissen, was sie morgen erwartet, geschweige denn, warum ausgerechnet sie dies jetzt durchleben müssen. Die sich gequält fragen, warum ihre Sehnsüchte sich nur vertiefen, aber nicht erfüllen. Die Angst davor haben, dass jemals wieder ihr Schicksal selbst gestalten können. Die an ihren früheren Entscheidungen verzweifeln wollen und drückende Schuld fühlen. Die sich fragen, was genau sie eigentlich verbrochen haben, in eine solch verwirrende Situation zu geraten.

Und während mein Inneres mir dies leise zuraunt, dehnt sich mein wundes Herz klammheimlich weiter und weiter aus. Es schließt die Wesen ein, von denen es sprach. Es knüpft unbesehen ein Band, das uns alle aneinander bindet. In unserer Schmerzensgleichheit gibt es keinen Grund mehr, Grenzen gegeneinander zu ziehen.

Da tut das Herz auf mein Fragen hin das, was der Intellekt sich doch vorhin noch entschieden hat, zu verweigern.

Trotz aller Wundheit und Unsicherheit zieht es sich nicht in alte Begrenzungen zurück, sondern weitet sich.

Trotz aller Müdigkeit, rafft es sich auf, um wenigstens in der Stille des Fühlens des inneren Erdbebens nicht fixiert auf sich zu bleiben.

Entgegen dem Verdacht des Intellekts, in diesem Schlamassel allein dazustehen, spendet es ihm Erleichterung.

Indem ich im Herzen innehalte, obwohl alles in mir durcheinander geht, dem Chaos gleicht und kein Boden oder Himmel erkennbar ist, bin ich plötzlich wach und klar. Nur in meinem Fokus anders, als erwartet: Zwar weiß ich nicht, was kommt, nach dem gerade verlässliche Bezugspunkte und innere Gewissheiten wegbrechen. Doch ich weiß in diesem Moment ganz klar und sicher, dass solche Zustände uns allen gemeinsam sind.

Grenzen bewusst erweitern zu wollen, bedeutet in gewisser Weise Wohlstand. Ich nenne es den Luxus derer, die gute Umstände für spirituelle Entwicklung haben. Auf diese Weise Fortschritte zu machen, ist mein Wunsch. Wäre ich dann nicht dumm, machte ich mir nicht auch die Vorteile meines chaotischen Zustands bewusst? Nicht zu vergessen, dass diese Wesen, von denen mein Herz mir da flüsterte, diesen Komfort der gewollten, sicheren Entscheidung für Veränderung zum größten Teil nicht haben?

Spätestens jetzt weiß ich, wie leichtfertig verzagt ich mich verhalte: Da bitte ich unentwegt um innere Grenzerweiterungen, doch wenn sie an meine Tür klopft oder mich eigenmächtig aus meiner Komfortzone reißen will, ducke ich mich davor weg? Flüchte freiwillig mit wehenden Fahnen zurück ins vertraute Elend? Das scheint mir plötzlich vollkommen kleingeistig zu sein. Ein bisschen schäme ich mich sogar ...

Ja, urplötzlich bin ich sehr, sehr wach. Inmitten der Verwirrung. Und entscheide mich, diese anderen Wesen, unumstößlich großzügigen Herzens zu mir einzuladen und kraft meiner verstehenden, mitempfindenden Präsenz wenigstens für einen Augenblick von ihrer Agonie zu befreien.

Möge dies im Moment meines inneren Beschlusses wahr werden. Und mögen dies der Befreiung aller fühlenden Wesen gewidmet sein.

Also richte ich mich nun ganz willentlich und bewusst auf mein Herz aus. Da ist es immer noch wund und roh. Da ist noch immer niemand, der mir sagte, was als Nächstes kommt. Für einen Moment bin ich wieder verwirrt und erschöpft, sobald ich die Aufmerksamkeit auf mein Inneres lenke. Da ist definitiv kein neuer Boden da.

Doch ich lasse zu, dass mein Herz kraft meiner Sammlung und meines Fokus in allem Chaos tut, was es inniglich tun will.

Ich sitze mit der heftigen Verwirrung, lasse mich mitten hinein- und hindurchfallen.

Ich denke an alle, die sich in diesem Moment genauso fühlen.
Ich spüre  hinein, in die allmählich innen einkehrende Stille.

Und, zutiefst entspannt und erleichtert aufatmend, höre ich irgendwann, geduldig, sanft und liebevoll in mir: »Geteiltes Leid ist halbes Leid. Genau so ist es«.






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