Das kalte Herz - oder der negative Nutzen der "Aufklärung"

Als Kind schon las ich alles, was nicht niet- und nagelfest war. Ich schleppte, kaum dass ich lesen konnte, jede Woche Bücherberge aus der Bibliothek nach Hause - und ich war dabei nicht wählerisch. In den frühen Jahren waren es natürlich Märchen, die mich besonders faszinierten. Und eines davon war »Das kalte Herz« von Wilhelm Hauff.

So ähnlich, wie schon James Krüs »Timm Thaler oder das verkaufte Lachen«, erzeugte es in mir eine merkwürdige Resonanz. Ohne, dass ich Einfluss darauf hatte, verfolgte mich diese Geschichte wieder und wieder. Die Geschichte erfüllte mich mit Grusel und einer Art unerklärlichem Entsetzen: Da gab es etwas, was ich nicht verstand und daher zog es mich gleichermaßen an, wie es mich auch abstieß. Doch ich verstand sehr lange nichts.

Letztlich bilden beide Geschichten das gleiche Sujet ab. Sie erzählen die gleiche Geschichte, wie jemand um des äußeren Wohlstands willen seine Herzenswärme oder das, was diese Wärme erzeugt, hergibt, sich entäußert, zu leeren Hülle wird. Und sie sind für mich Parabeln dessen, was unsere Gesellschaft täglich abbildet: Eine unheimliche Form der Selbstentfremdung. Ja, ich finde sie immer noch erschreckend, wie damals, als Kind.

Und schon als Kind litt ich unter den Folgen kalter Herzen, obwohl ich das kalte Herz noch nicht als Ursache so viele Schmerzen verursachender Geschehnisse einzuordnen vermochte. Doch, wie so oft, sprachen diese Geschichten in der Stille mit mir, als wollten sie mir meine unentwegt innerlich gestellten Fragen, warum Menschen manchmal so kalt sind und woher das kommt, beantworten. 


Heute verstehe ich, warum diese kalten Herzen mir schon immer Angst machten. Sie waren so unbekannt und ungeheuerlich kalt, dass ich sie nicht mehr als menschlich sehen konnte: Menschen, die ich eigentlich mochte, verhielten sich so, als wären sie nicht wie ich. Ich weinte so viele Tränen darüber, nachts, allein in meinem Bett, manchmal hoffend, dass da jemand käme, um Trost zu spenden. Doch die kalten Herzen sahen dazu keine Notwendigkeit: Ich erlitt meine gerechte Strafe der Isolation und Gleichgültigkeit.

Ja, sie »sahen« keine Notwendigkeit, ist hier die passende Formulierung, denn sie hatten sich bereits vom Fühlen entfernt. Das kalte Herz »sieht«, »erklärt«, »erkennt« und ist »sachlich«. Es spürt den Schmerz nur für einen winzigen Moment, um ihn sogleich beiseite zu schieben und zu verdrängen. Das kalte Herz erhebt sich triumphierend über Gefühlsausbrüche und Emotionalitäten. Es verlacht ein Weinen als hysterisch und spürt den im Weinen sich äußernden Schmerz des zu Brechen beginnenden Herzens nicht mehr. Das kalte Herz umarmt nicht  - es will siegen. Das kalte Herz muss unter allen Umständen erhaben sein, über allem Gefühlssumpf.


Das Märchen Wilhelm Hauffs entstand in der Epoche der so genannten »Romantik«, die ich gerne als viel zu kurze Zeitspanne sehe, in der sich die Europäer des Verlusts ihrer Herzen bewusst wurden. Eine Zeit, in der sie auch den damit verbundenen Verlust des innigen Bezugs und Kontakts zur Natur wirklich sehnsuchtsvoll betrauerten, nur, um in zukünftigen Jahrzehnten um so mehr Abstand davon zu nehmen und dem so genannten "klaren Verstand" die Hoheit über alle menschlichen Regungen abzutreten.

Die "Romantik" war nur ein kurzes, folgenloses Intermezzo, verglichen mit dem Siegeszug der Epoche der "Aufklärung", die, aus heutiger Sicht betrachtet, beinahe nahtlos über diese kleine Zäsur hinwegzufegen schien. Die »Aufklärung« hat unseren Herzen alles andere als gut getan...

Auch heute hat das Wort »romantisch« in unseren Ohren einen kitschigen, abwertenden Klang. Daran schließen sich sogleich Worte wie »gefühlsduselig«, »emotional« und eben »hysterisch« an. In meiner Familie sprach man im gleichen Gestus von »zickig«. Und man könnte dies sogleich als Label für »Frau« verwenden. Das ist alles eine Soße - oder dieselbe Schublade. In dieser darin anklingenden Verachtung, die typisch für die Einstellung und Wahrnehmung kaltherziger Menschen ist, liegt dabei aber eine unerbittlich lebensverachtende Aggression, die ich für absolut entsetzlich halte.


Das kalte Herz lebt von einer Form der Aggression, die meistens gar nicht mehr als solche erkannt wird, da sie stattdessen mit als hochwertig gehandelten Etiketten versehen wird, wie »sachlich«, »objektiv« und »ruhig« oder »gelassen«. Nichts scheint ein kaltblütig aggressiven Menschen zu erschüttern. Er hat immer die besseren Argumente gegen einen Menschen, dessen Herz blutet. Und die besten sind immer die, dass er dem Menschen, der mit gebrochenem Herzen vor ihm steht, sachlich argumentativ dessen eigene, sich im Weinen äußernde Aggression vor Augen führt.
Das kalte Herz ist durch äußerste Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit und Desinteresse gekennzeichnet. Es gewinnt, indem es kaum  wahrhaftig kommuniziert und die Argumente anderer umkehrt und gegen seine »Gegner« verwendet. Das kalte Herz kann Menschen nicht als gleichgestellt oder verletzt und leidend erkennen, sondern sieht auf emotional reagierende Menschen immer nur von oben herab. Es lebt vom Triumph, sich das Gegenüber in seinem Schmerz suhlen zu sehen. Es lebt davon, seine »Gegner« zu isolieren, indem es sich gleichgültig und interesselos ihm gegenüber verhält.


Das einzige, was über die Aggression seitens des Kaltherzigen wiederum nicht hinweg täuschen kann, sind die kalten Augen und das verachtend verzerrte Gesicht des Kaltherzigen.

Wenn ich als Kind diese erschreckend grauen Schatten über die verzerrten Gesichter meiner kaltherzigen Peiniger huschen sah, hatte das stets etwas Dämonisches für mich. Und ich konnte den kaltherzigen Aggressor, in den sich so viele meiner Gegenüber wie aus dem Nichts verwandeln konnten, nie mit dem Menschen in Zusammenhang bringen, den ich sonst gerne in ihnen sah und deren Nähe ich gerne aufsuchte. Diese beiden Entitäten schienen unabhängig voneinander, nebeneinander, in ein und derselben Person zu existieren. Wie gräßlich.

Besonders entsetzlich für mich war, dass ich nie mit Sicherheit voraussehen konnte, wann diese kaltherzige Seite sich in diesen vertrauten Menschen aktivieren würde. Ich lernte nur zunehmend, dass sie sich vor allem dann zeigten, je bedürftiger ich mich zeigte.

Genau diese absurde Reaktion, auf das Gegenüber, wenn es Hilfe und Fürsorge brauchte, mit kaltherziger Abneigung zu reagieren, machte mir Angst. Und der andere Anlass dafür, dass die Aggressoren gegen mich agierten, war der, wenn ich ohne Grund glücklich war.

Der kleine Alltags-Buddhist hätte natürlich eine (für mich wenig glaubhafte) Erklärung für diese Geschehnisse der Abweisung, Isolation und gehässige Aburteilung meiner Person gehabt: Das ist natürlich das in der Vergangenheit verursachte, schlechte Karma, das ich nun ohne zu murren ableben sollte, damit es sich erschöpft. Doch genau dafür bin ich definitiv nicht gemacht. Ich werde einen Teufel tun und etwas, was ich als ungerecht erlebe, einfach so hinnehmen. Dass ich durch Widerstand die kalten Herzen nur noch aggressiver machte, lässt sich leicht nachvollziehen. 

Doch ich glaube daran, dass eine negative Verstärkung manchmal dazu führt, dass sich die Kraft eines Verhaltens schneller erschöpft. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken in homöopathischen Dosen ohne Ende. Ich schaue der Bestie lieber direkt ins Gesicht und greife sie ebenso an, wie sie mich angreift, als brav meine zweite Wange hinzuhalten.  

Und deshalb kam ich den Mechanismen, die weit hinter dieser Kaltherzigkeit stehen, auch rasch auf die Spur. Durch Konfrontation lockst du diese kalte, aalglatte, sich aus jedem persönlichen Bezug windende Aggression so an die Oberfläche, dass sie kippt, in ihrer Qualität umschlägt und plötzlich sehr heiß, fassbar und konkret persönlich wird. Ich tat das schon als Kind und Jugendliche zur Genüge und habe trotz allen Leids den Widerstand nie bereut, denn mit kalten Herzen kann man nicht leben. Man erfriert allmählich in ihrer gleichgültigen Gegenwart. 
  
Natürlichkeit und Menschlichkeit im Gegenüber wollte ich, und keine Aliens. Ich akzeptiere und respektiere kalte Herzen und den Schaden, den sie verursachen, nicht. Mit ihnen ist mir gar nicht nach Friede, Freude, Eierkuchen.
Kalte Herzen sind gar keine »Herzen«. Bei diesen Menschen gibt es gar keine Verbindung zwischen Herz und Verstand. Beides arbeitet unabhängig voneinander. Kalte Herzen fühlen nichts, wollen das auch gar nicht, weil Gefühle als niedere Instinkte betrachtet, der Verstand hingegen als höherentwickelt und evolutionär erachtet wird.

In dem Phänomen des kalten Herzen sehe ich die negative Folge der Epoche der "Aufklärung". Das ist der Grund, weshalb ich im Stillen sehr oft den damals verursachten Schaden für die fühlenden Wesen als schlimmer betrachte, als deren Nutzen. 

Die willentliche Abspaltung der Gefühle vom Verstand macht uns heute die meisten Probleme. Kein Mensch kann in diesem Zwitter-Dasein gesund bleiben, wo natürlich angelegte Empfindungen und Gefühle in der Verdrängung vor sich hinwildern und der Verstand auf Kosten anderer den Triumph über Bedürftigkeit und Hilflosigkeit davon trägt.
Die Hofierung des Verstandes  mündete durch diese Abwertung aller so genannten »niederen Instinkte« in dieser entmenschlichten Kaltherzigkeit. Und die »niederen Instinkte«, die das eigentliche Tor unserer Vervollkommnung sind und Hort unserer subtilsten Empfindungen von Moral und Ethik, bleiben ungeläutert.

Das kalte Herz ist für mich, als Kehrseite der "Aufklärung", ein Abbild eines Extrems. Beim kalten Herzen ist die Balance zwischen Herz und Verstand, zwischen eigener Natur und Verwirklichung im Außen, mächtig in Schieflage geraten. Sei es unbeabsichtigt, durch absoluten Verlust der Innerlichkeit zugunsten der vollkommenen Veräußerung, also Selbstentfremdung. Sei es durch Verlust der Innerlichkeit, weil Innerlichkeit aus dem Fokus unseres gesellschaftlichen Erlebens gerückt ist und weil es somit an gut ausbalancierten, menschlich greifbaren Vorbildern mangelt. Sei es durch kaltherzige Menschen, die einem den gesunden, inneren Bezug zur eigenen Natur erfolgreich ausgetrieben haben...

Meiner Wahrnehmung nach ist das »kalte Herz« ein zu stark vernachlässigtes Leiden auch im Fokus des Buddhismus, denn es hat nichts mit groben Leidenschaften zu tun, wie sie traditionell oft gelehrt werden. Hinter einem kalten Herzen steckt ein gut durchdachtes, dem Menschen jedoch oft unbewusstes Kalkül. Dieses aufzudecken, erfordert einiges an Raffinesse, die eigenen Gedankenketten und scheinbar logischen Schlussfolgerungen konsequent zu Ende zu betrachten. Dies erfordert mehr Analysekraft, als guten Willen zum Mitgefühl. Die "kaltherzigen Dämonen" im eigenen Geist sind nicht so ohne Weiteres zu erkennen und zu befreien.

Ein kaltes Herz kann kein wirkliches Mitgefühl empfinden. Ein Mensch mit erkaltetem Herzen kann sich aber sehr gut alles Wissen darüber aneignen und so sprechen, dass sowohl der Zuhörer, als auch der Sprecher meint, er verstünde etwas davon.


Als ich in der Kindheit die kaltherzigen Dämonen in den Gesichtern dieser Menschen sah und des Nachts, gelähmt vor Entsetzen, an Wilhelm Hauffs Märchen dachte, da ahnte ich noch nicht, wie sehr mich diese Wesenheiten begleiten würden. Da ahnte ich noch nicht, dass ich später, im Studium, die belächelte "Romantik" als vorübergehende Episode sich aufbäumender Herzlichkeit verkennen würde.

Doch weil ich damals schon dieses Phänomen »kaltes Herz« nicht begreifen, und diese nicht Greifbare nicht einfach so stehen lassen konnte, forschte ich, abseits irgendwelcher Geschichtsschreibung und  Lehrmeinungen, unbesehen weiter. Und leider ist diese kaltherzige, versteckte Aggression ein in unseren Breiten leicht anzutreffendes Phänomen. Daher gibt es an Studienobjekten keinen Mangel.

Mein Nicht-Begreifen-Können und Nicht-Akzeptieren-Können war zugleich ein Schmerz, ein tiefes Nein dazu, dass es kalte Herzen in dieser Masse überhaupt gibt. Eine starke Weigerung, die Tatsache des Vorhandenseins dieses Phänomens einfach so stehen und geschehen zu lassen.

Weil ich weiß und erfahren habe, dass ein kaltes Herz nur eine schreckliche Fassade ist, hinter der, tief verborgen, so viel Leid und Schmerz und Unausgeglichenheit wohnt. 
Weil ich weiß, dass diese kalte Fassade Zuneigung, Fairness und Menschlichkeit verhindert.
Weil ich weiß, dass ein kaltes Herz fühlende Wesen unwiederbringlich versklaven und zerstören kann.

Wie könnte man so etwas, obwohl wahrgenommen, einfach unhinterfragt, unerwähnt, gleichgültig und lieblos geschehen lassen?

Täte ich das, hätte auch ich nicht viel mehr, als ein kaltes Herz.


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