Buddhistische Alltagsweisheiten

Im letzten Beitrag schrieb ich darüber, dass mir buddhistische Alltagsweisheiten beim Umgang mit Zuständen der Kaltherzigkeit nicht geholfen haben. Denn wäre ich dieser oberflächlichen Sicht des Karmas auf die Dauer meines Lebens nachgegangen, hätte ich heute noch eine schwere Depression und Minderwertigkeitskomplexe. Ich hätte mich niemals als selbstwirksames, herzliches, gut motiviertes Wesen erfahren. Andere hätten jederzeit wahllos über meine Lebenskraft verfügen können, um ihre Ziele zu erreichen.

In den letzten Jahren habe ich sehr oft kritisch betrachtet, was an meinem Verhalten die Auslöser für diese kaltherzigen Momente gewesen sein könnten. Denn sicher gibt es dafür auch einen initialen Augenblick, wo innere und äußere Gegebenheiten und Umstände zusammenkommen und als Resultat diese Kaltherzigkeit hervorbringen. Und ich bin zum gleichen Schluss gekommen, nach langem Prüfen und Nachspüren: Wann immer ich mich anders verhielt, als gewünscht oder erwartet, traten diese Momente auf. Und wenn ich dann noch bekräftigte, dass ich das gewünschte Verhalten auch nicht zeigen würde, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen.

Das erwartete und erwünschte Verhalten jedoch lag nicht in meinem Ermessen, sondern in dem des jeweils anderen, der mir dann die kalte Schulter oder das kalte Herz zeigte. Und diese Dimension der Interaktion bleibt in dieser erwähnten alltagsbuddhistischen Sicht eben gehörig auf der Strecke.

Vorsicht also, mit allen Alltagsweisheiten.

Ein mögliches Szenario hätte sein können, dass das Gegenüber hinterfragt, warum ich mich weigere, das gewünschte Verhalten zu zeigen. Doch das hängt eben im gehörigen Maße auch davon ab, ob der mich Kritisierende überhaupt Interesse daran hat oder einfach nur will, dass etwas getan wird, wie er sich das vorgestellt hat. Selbst wenn es solche Gespräche manchmal ansatzweise gab, verlor das Gegenüber allzu oft die Geduld mit meinen Erklärungsversuchen und schaltete stur auf die Frage um, wer denn hier eigentlich das letzte Wort hat.

Mit anderen Worten: Es ging um Macht. Ich wollte Freiheit, das Gegenüber meinen Gehorsam. Ich bestand auf meinen Freiraum, also wurde ich abgestraft und abgewiesen ... Und da kein geduldiger Austausch bis zum Ende stattfand, wurde mein Freiheitswillen als Sturheit und Aufwieglertum interpretiert. Ich fühlte mich missverstanden und abgestempelt. Zum sturen Widerspruch hatte ich aber gar keine Motivation, deshalb konnte und wollte ich diese Fehlinterpretation meiner Einstellung auch nicht einfach stehenlassen: Ich leistete gegen diese Abweisung Widerstand.

Und ich träumte sehnsuchtsvoll davon, dass eines Tages der Moment kommen würde, wo ich bis zum Ende angehört und verstanden werden würde. Ich versuchte weiter, mich zu erklären, um dann doch das kaltherzige Gegenüber dazu zu erweichen, mich wieder lieb zu haben. Ein aussichtsloses Unterfangen.

Auch hierzu hätte der kleine Alltagsbuddhist wieder jede Menge zu sagen. Und ich bin mir sicher, dass er die Ursache allen Übels wieder in mir, meinem Verhalten und meinem Geist finden würde. Und darin liegen die Schwierigkeiten, die ich persönlich mit dem kleinen Alltagsbuddhisten habe: Sie geben dem, der Anweisungen gibt und Ratschläge erteilt immer die Macht, die Schuld meistenteils dem Frager oder Ratsuchenden in die Schuhe zu schieben. Und hier haben wir es wieder, das Wort »Macht«: Es geht um Regelkonformität, um Gehorsam.

Der kleine Alltagsbuddhist betrachtet die Dinge nicht differenziert genug. Er bezieht innere und äußere Ursachen und Umstände aller Beteiligten einer Situation nicht ein, sondern urteilt platt aus dem ethisch-moralischen Lehrbuch. Und hier unterscheidet sich die buddhistische Alltagsweisheit nicht von christlichen oder eben rein hobbypsychologischen Alltagsweisheiten.

Doch im Buddhismus finde ich diese Plattitüden ganz besonders unverzeihlich, denn keine Lehre rückt das Gesetz von Ursache und Wirkung, das Gesetz der Leerheit so in den Mittelpunkt, wie die buddhistische Psychologie und Philosophie. Jemand also mit derlei Oberflächlichkeiten abspeisen zu wollen, empfinde ich als respektlos und schädlich. Daher rührt mein hoher Anspruch an buddhistische Lehrer: Es sollte ihnen ein Anliegen sein, ihrer Lehre alle Ehre zu machen und den Schülern in differenzierter Betrachtung ein Beispiel sein. Doch »von der Kanzel sprechend« ist das nicht möglich.

Was es hier braucht, ist der Dialog, der Austausch, um eben mehr über innere und äußere Umstände aller Beteiligten einer Situation erfassen und nachvollziehen zu können. Kein Frontalunterricht erlaubt so etwas. Und so werden nur wenige Lehrer ihre Schüler dazu erziehen, bezüglich ihrer Interaktion mit anderen, innere und äußere Verhaltensmuster einzubeziehen und genauer hinzuschauen. Sie erziehen ihre Schüler nicht dazu, vorsichtig über sich und andere zu urteilen.

Manchmal hört man nur den platten Satz, man solle überhaupt nie urteilen. Sich aber kein Urteil zu bilden, heißt, sich in der gegebenen Situation nicht klar zu positionieren. Und das macht handlungsunfähig. Sicher betrachtet der Übende dann immer alles als »Traum, Fata Morgana und wie eine Halluzination«, jedoch macht das eben entscheidungsunfähig, also passiv. Für jemanden, der gerne und freudig sein Leben aktiv gestaltet, ist eine solche Sichtweise keine Option.

Mit anderen Worten: Für mich ist das keine Option. Und sicher würde es an diesem Punkt manchen Lehrer reizen, zu sagen, ich hätte die Metapher, "nach der Sitzung alles als Traum zu betrachten", in diesem Zusammenhang missverstanden. Genau darum geht es: Wer macht sich die Mühe, so etwas differenziert zu erklären und zu erläutern, um Missverständnisse zu vermeiden? Dies geht nur im regen Austausch, nicht jedoch ex officio.

Ja, was ich hier äußere, ist Kritik. Kritik daran, dass oberflächliches Lehren weder mich noch andere angemessen in unserem Weg zum Erwachen unterstützen wird.

Und auch hier bin ich gern bereit, differenziert zu betrachten: Sicher hängt es von jedem buddhistischen Lehrer ab, mit welcher Motivation er in die Welt geht. Der eine mag den ganz bescheidenen Anspruch haben, einen gewissen Segen in die Welt und in die Herzen der Wesen zu tragen.  Dieser kann vielleicht nicht mit dem Verstand analysiert und erfasst werden, aber irgendwann  wird er seinen Nutzen entfalten. Irgendwann und irgendwie werden die durch Einweihungen, Verteilen von gesegneten Bildnissen und Mantras gesäten heilsamen Samen in den Herzen der Wesen, die mit diesem Lehrer in Kontakt kommen, zu keimen beginnen ... 

Das ist in Ordnung, mir aber nicht genug. Meine Bedürfnisse trifft dieser Lehrer nicht und mein Leiden wird dadurch nicht gestillt. Ich will mehr. Ich will nicht darauf warten, dass irgendwann einmal in Leben XYZ irgendwas mich die Erleuchtung erreichen lässt. Denn bis dahin leide ich weiter an meiner Unwissenheit. Bis dahin kann ich weiter keine Erlösung und keinen angemessenen Umgang mit kaltherzigen Wesen finden. Bis dahin liege ich brach.

Ich bin genau deswegen an diesem Punkt unerbittlich: Die wichtigsten Lehren bleiben mir verschlossen, durch einen solchen Lehrer mit diesem sehr schlichten Ansatz. Und das finde ich unfair, weil ich persönlich nur über einen Lehrer Zugang zur Essenz des Dharma habe. Und die Essenz des Dharma ist eben kein diffuser Segen, sondern dass jemand das Gesetz des abhängigen Entstehens als Voraussetzung und begleitenden Umstand für zum Beispiel auch das Gottheiten-Yoga erklärt. Und zwar so lange, bis in mir ein richtiges Verständnis entstanden ist. Differenziert, akzentuiert, auf meine Situation bezogen. Oder mir zumindest Bestätigung gibt, falls ich das richtige Verständnis habe.

Hier erinnere ich mich an einen Lama, der im vergangenen Jahr davon sprach, dass es für Westler nicht ganz einfach ist, mit dem dreijährigen Retreat. Er sagte etwas salopp, dass man nie weiß, wie diese nach dem Retreat drauf seien. Und er erwähnte, dass letztens in Lerab Ling ja alles nochmal gut gegangen sei, da alle »normal« aus dem Retreat gekommen wären. In solchen Momenten frage ich mich sehr, sehr häufig, ob die Lehrer eigentlich mal reflektieren, was sie da sagen. Denn da ist eine eindeutige Wertung drin, oder nicht?


In diesem Zusammenhang ist eine wichtige Frage für mich: Wer ist verantwortlich dafür, in welchem Zustand jemand aus dem Retreat kommt? Was für eine Verantwortung hat der Lehrer, welche trägt der Schüler? Welche Ursachen und Umstände müssen gegeben sein und, von welcher guten Basis ausgehend, sollte ein Schüler ins Retreat gehen?

Diese in der Aussage des Rinpoches gespürte, mitschwingende Wertung deutet an, dass alles das, was bei Asiaten/Tibetern usw. in der Regel gut funktioniert, es bei Westlern offenbar nicht oder nur selten tut. Die gute Trefferquote ist geringer. Liegt es dann nicht in der Verantwortung derjenigen, die über Quellen, Mittel, Erfahrung verfügen, gegebenenfalls Adaptionen in der Herangehensweise vorzunehmen, um die Trefferquote auch bei Westlern zu erhöhen? Stattdessen wird sich meiner Meinung nach oft genug nur mit einem Aburteilen der Westler zufriedengegeben.

Und, so betrachtet, hat das auch ein gewisses Maß an Kaltherzigkeit an sich. Oder nicht?

Kaltherzigkeit, die sich aus Interesselosigkeit und daraus resultierenden Missverständnissen ergibt. Ich könnte auch sagen, da strengt sich der Lehrer nicht genug an, uns hier kennenzulernen und zu verstehen. Wenn ein solcher Lehrer behauptet, er kenne uns und unsere Psychologie in- und auswendig, nachdem er sich mal oberflächlich damit beschäftigt hat, finde ich das sehr gewagt. Welcher Psychologe, der jahrelang studiert hat, würde so etwas für sich in Anspruch nehmen? Nur sehr wenige, denke ich.


So, wie die kaltherzigen Peiniger mich nicht verstanden haben, weil kein offener, fairer, gutmütiger Austausch über die Situation stattgefunden hat, findet auch hier keine wirkliche Interaktion, kein Austausch statt. Oder, falls er stattfindet, so geht er mir noch nicht weit genug.


Ich persönlich finde meine Bedürfnisse durch die meisten buddhistischen Lehrer weder getroffen, noch erfüllt. Andererseits habe ich nicht ausreichend Zugang zum Buddhismus, um sie mir selbst zu erfüllen. Das ist ein Dilemma, das ich nicht lösen kann, hier bin ich auf ein Entgegenkommen von jenen, die über das machtvolle Wissen verfügen, angewiesen. Und ich möchte keinen oberflächlichen Alltagsbuddhismus, der mich immer zum Verlierer, zum Schuldigen, zu dem macht, der sich einfach noch nicht genug angestrengt hat. 

Ich sehe das so: Ein Schüler kann immer nur so gut sein, wie der Lehrer ist. Und ein Lehrer sollte sich unterstehen, über seinen Schüler so zu urteilen. Es könnte sein, dass er damit nur die Wahrheit über sich selbst ausspricht.


Die Macht der buddhistischen Alltagsweisheiten ist tatsächlich Macht. Sie spielt jenen in die Hände, die über etwas oder jemanden Kontrolle haben wollen. Sie tragen nicht zu einer Atmosphäre des Wachstums, der positiven Resonanz und der Kooperation bei. Daher betrachte ich sie als schädlich und äußerst kritisch. Wachstum, positive Resonanz und Kooperation entsteht aus wechselseitiger Interaktion, aus Austausch miteinander und übereinander. Nur im fruchtbaren Dialog kann Verständnis, Respekt, Toleranz und Kreativität entstehen, die für alle Nutzen bringt.

Doch solange die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler als Einbahnstraße und als solche aufgrund jahrhundertelangem, gewohnheitsmäßigem Lamaismus als selbstverständlich erachtet wird, entgehen einigen vielleicht die Strukturen der Macht und Kontrolle, die dahinter stecken. Macht und Kontrolle schließt Augenhöhe, positive Resonanz, aufrichtiges überzeugtes Vertrauen und Kooperation aus. Deswegen kann ein Lehrer, der vom Lamaismus infiziert und vereinnahmt ist, uns meines Erachtens nichts Gutes bringen. Von so jemandem werden wir die Essenz des Dharma nicht überliefert bekommen, sondern nur buddhistische Alltagsweisheiten, die seiner Gier nach Macht und Kontrolle in die Hände spielen.

Alltagsweisheiten, egal welcher Couleur, sind das Pendant zu Folklore. Mit anderen Worten: Folklore greift den oberflächlichen Anschein von etwas auf. Kultur hingegen reicht tiefer, ist vielschichtiger, differenzierter, tiefgründiger, historisch gewachsen und erprobt.


Und diesen Vergleich auf den im Westen gelehrten Buddhismus anwendend, sage ich:  Das oberflächliche Lehren und Praktizieren des Dharma ist reine Folklore, an der ich kein Interesse habe. Ich möchte die wahre Kultur des Buddhismus kennenlernen, um dann zu schauen, wie und was davon zu mir und meiner Kultur passt und wirksam ist. Hier sind wir, bis auf wenige Ausnahmen einiger qualifizierter Lehrer, noch nicht angekommen. Was ich sehr schade finde. Und nicht jeder hat Zugang zu diesen guten Lehrern.

Zurück zu meiner letztens sehr scharfkantig gezeichneten Wahrnehmung von Kaltherzigkeit: Ich habe für mich Erklärungen für die Ereignisse in meiner Vergangenheit gefunden. Den Wahrhaftigkeitstest haben sie nicht durchlaufen, weil leider mit den involvierten Personen nicht immer ein klärender Dialog zustande kam. Doch ohne den geht es nicht. Ohne diesen Austausch bleibt es mir leider verwehrt, eventuelle Fehlannahmen und Fehlurteile über mein Gegenüber zu revidieren. Denn in den Geist der Beteiligten kann ich natürlich nicht schauen.

Ich habe mir lange Zeit die Mühe gemacht, mein Gegenüber auch in dessen Abwesenheit zu verstehen und sehe bis heute keinen Anlass, deswegen mein Verhalten ihm oder ihr gegenüber für falsch zu halten. Denn dass die gute, meinen Handlungen zugrunde liegende Motivation nicht immer wahrgenommen wird, ist eine akzeptierte Wahrheit. Und dass Verhalten auch täuschen kann. Das einzige, was uns aber eine angemessene Prüfung des Gegenübers erlaubt, ist nun einmal sein Verhalten in Worten und Werken. Und die Selbstprüfung, als verlässlichster der »beiden Zeugen« (Lojong).

Nicht anders wird gelehrt, einen guten Lehrer zu prüfen und ob ich oder du bereit sind, sich mit diesem in ein Lehrer-Schüler-Verhältnis zu begeben. Nicht anders prüft jeder von uns jedwede Form von Beziehung, auch eine Liebesbeziehung: am äußeren Verhalten.

Darum bitte ich, darauf zu achten, was die buddhistische Alltagsweisheit, die Unfehlbarkeit von Lehrern betreffend, nahelegt, zu glauben: Ist wirklich alles nur »Display« und »Crazy Wisdom«, anstelle unangemessenes, bei uns nicht kulturell anerkanntes, nicht tolerierbares, undemokratisches Verhalten?


Warum also sich immer alles zurecht interpretieren, als manchmal die anhand des Verhaltens eindeutig ablesbaren Anzeichen, als das zu sehen, was sie sind: Anzeichen einer fehlenden Basis für eine fruchtbare, heilsame, förderliche Beziehung?

Als Kind war ich auf den guten Willen, die Unterstützung und den Schutz meiner Familie und Umgebung angewiesen. Ich hatte nur die Freunde und Angehörigen, die ich hatte, und ich kämpfte sehr um ihre Liebe und Aufmerksamkeit. Jahre der inneren Auseinandersetzung mit den Folgen dieser Beziehungen haben mich nun verstehen lassen: Ich konnte unter den gegebenen Umständen nicht bekommen, was ich brauchte. Doch die Schuld dafür lag weder bei mir noch bei ihnen. Da spielten jede Menge Faktoren mit und ich musste alles das aushalten, solange ich nicht meiner eigenen Wege gehen und meine eigenen Beziehungen knüpfen, prüfen und eingehen konnte. Heute ist das anders.

Und ich nutze diese Freiheit, notfalls meiner Wege zu gehen, als eine nicht fruchtbare oder schädliche Beziehung künstlich aufrechtzuerhalten, wenn ich sie als solche erkenne. Eine solche Beziehung beizubehalten, schafft nur ungesunde Co-Abhängigkeiten, die Wachstum verhindern und unterschwellig wütend machen. Jedes Herz spürt die fehlende Erfüllung. Und genau unter diesem Fokus prüfe ich auch buddhistische Lehrer.

In meinen Augen kann es nichts Absurderes geben, als eine buddhistische Lehrer-Schüler-Beziehung, die auf dem Lamaismus innewohnender Macht und Kontrolle, daraus resultierender Co-Abhängigkeiten und spirituellem Stillstand beruht. Das ist eine meiner Auffassung nach schädliche Absurdität, weil die Essenz des Dharma uns doch den Weg zur Befreiung zeigen sollte, oder nicht?







Kommentare

  1. Liebe Josephine,
    das ist eine der besten Beschreibungen meiner eigenen Lebenssituation bis vor wenigen Jahren. Ich zitiere :

    "Andere hätten jederzeit wahllos über meine Lebenskraft verfügen können, um ihre Ziele zu erreichen."

    Sich dessen bewußt zu werden, dem ein Ende zu bereiten und dann nicht in feindliche Stimmung zu verfallen oder sich aus dieser zu erheben, ist harte Arbeit. Aber es lohnt sich sehr, diesen Weg zu gehen, immer wieder, immer neu!
    Durch Deine Beschreibungen habe ich sehr viel Unterstützung bekommen, mich selbst und mein Leben anzuschauen und kennenzulernen.
    Danke!

    Herzliche Grüße
    Beate

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  2. Liebe Beate, ich freue mich, von dir zu lesen!

    Ja, in diesem einen Satz, so leicht dahin geschrieben, steckt ein ganzes Universum des Leids und ein langer Weg zur Beendigung des Leids. Und wenn ich schreibe und später nochmal nachlese, bin ich stets mein schärfsten Kritiker und war mir im Nachklang dieses Satzes sehr wohl bewusst, dass ich auch meinen Weg hier noch keineswegs vollständig zu Ende gegangen bin. Zwar verstehe ich heute die Zusammenhänge sehr gut und bin einem krankhaften Helfersyndrom gerade nochmal von der Schippe gesprungen. Aber ich habe sehr wohl damit heute noch Schmerzen, wann immer eine ähnliche Situation die emotionalen Erinnerungen daran wieder aktiviert.

    Achtsamkeit und das Verständnis geben mir die Möglichkeit, im Moment des Auftretens der bekannten Emotionen innerlich ein, zwei Schritte zurückzutreten und bewusst zu entscheiden, wie ich damit umgehen möchte. Ich fühle mich weniger ausgeliefert.

    Dass mich das friedlicher stimmt, glaube ich nicht. Ich habe früh gerade dadurch gehorcht, dass ich jede Auseinandersetzung vermeiden wollte. Meiner Meinung nach muss meine Reaktion auf denjenigen, der mich vor seinen Karren spannen möchte, angemessen stark sein. Da habe ich ganz klar meine inneren Eskalationsstufen: Zuerst sage ich freundlich Nein. Wenn das Gegenüber nicht darauf eingeht, werde ich nachdrücklicher...Und wenn gar nichts hilft und ich ignoriert werde, flippe ich schon mal aus und mache keinen Hehl mehr aus meiner Verärgerung.

    Die letzte Stufe fällt mir sehr schwer. Weil ich leider so erzogen wurde, dass Verärgerung generell nur selbstsüchtige und böse Menschen zeigen. Das erachte ich per se schon als Manipulation, denn in Wahrheit macht deine Motivation erst eine Handlung gut oder schlecht. Und was ist schon schlecht daran, sich nicht ausnutzen lassen zu wollen? Das übe ich noch ein wenig :-)

    Ich teile mein Erleben weiterhin wirklich gerne, weil ich glaube, dass wir Menschen uns alle gleichen, in unseren Empfindungen und Erfahrungen. Ich schätze es auch sehr, von den Erfahrungen anderer zu lesen und freue mich, wenn es dir nützt.

    Liebe Grüße und ein schöne Wochenende,
    Josephine

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