Die Relevanz persönlichen Glücks auf dem Pfad


Das ist es, was ich von Buddha Shakyamuni erfuhr: Er lernte in den sechs Jahren seines Ausprobierens viele spirituelle Gruppierungen kennen, die extreme Praktiken und extremen Verzicht in den Mittelpunkt stellten. Und er ging seines eigenen Weges, weil er sie als nicht zielführend erkannte. Wenn ich vom "Mittelweg" höre, der im Buddhismus eine große Rolle spielt und der die letztliche Erkenntnis Buddha Shakyamunis transportiert, dann assoziiere ich Begriffe wie "Ausgewogenheit", "Gleichgewicht", "Jenseits aller Extreme". Dies ist ein ganzheitlicher Ansatz, der alle Aspekte des Seins ausbalanciert.  

Dazu gehören auch die eigenen Bedürfnisse, körperlicher, psychischer und spiritueller Natur.

Als ich mich ein wenig mit dem Vinaya befasste, lernte ich einiges über die Wichtigkeit und Wirksamkeit von Gelübden. Und ich denke heute oft, dass es viel leichter ist, in das extreme Befolgen aller dieser Regeln zu fallen, als sich wirklich auszubalancieren.

Auszubalancieren in den Veränderungen, denen wir ständig unterworfen sind.  

Unter diesem Fokus sind eben Gelübde nicht für die Ewigkeit gemacht, sondern können und sollen aufgegeben werden, wenn sie dazu führen, dass eine Frau oder ein Mann sie zur Selbstgeißelung benutzt.

Während  meines Studiums habe ich mich mit extremen Ausformungen des Glaubens im Christentum befasst, wie zum Beispiel die Jesuiten, die sich selbst mit einem Dornengurt um den Oberschenkel züchtigen, um die Reinheit Christi durch extreme Reue und Bestrafung zu erreichen. Damals kannte ich den Buddhismus noch nicht, doch spürte ich stets, dass dieser Weg nicht wahrhaftig ist. Denn das einzige, was er den Übenden lehrt, ist die Erfahrung, dass nur durch Selbstverachtung der Weg zum Herrn geebnet werden kann. Hier wird in meinen Augen Selbstverachtung mit Demut verwechselt. Dass die Jesuiten sich heute noch als besondere Leibgarde des christlichen Glaubens betrachten, ist für mich nicht akzeptabel, weil sie eine in meinen Augen extreme Sicht als Weg zum Herrn verfestigt.

Wir sind eben nicht nur "arme, elende, sündige Menschen", sondern vor allem Wesen, die ihre Herzensheimat vergessen haben. Und ich glaube nicht daran, dass irgendjemand von uns dies mit Absicht getan hat. Wir alle suchen unsere Heimat.  Und da der Schlüssel zu dieser Heimat in uns selbst liegt, werden uns unser innerer Durst und innerer Hunger den Weg zurück zur Heimat weisen.

Wenn wir achtsam mit unserem Hunger und Durst umgehen und ihn achtsam stillen, finden wir unser inneres Gleichgewicht und dadurch zurück zu unserer innigsten  Gewissheit, was „Heimat“ bedeutet. 
 "Heimat" oder „Zuhause“ ist für mich der Ort, an dem ich mich ganz natürlich und frei fühle, wo alles mit dem, was ich bin, harmoniert und ich mich nicht zu einem Verhalten zwingen muss, was mir eigentlich Schmerzen bereitet. Und die "Heimat" ist etwas, die ich gerne mit anderen teile, weil ich mir bewusst bin, wie wohl sie mir tut.
In den buddhistischen Gelübden ist die Idee des "Verzichts" für mich wesentlich.  Für manche Menschen mag dieser Verzicht unterstützend wirken, um sich dem Wesentlichen nähern zu können. Doch sobald diese buddhistischen Gelübde und Regeln fanatisch gepredigt und verteidigt werden, sind sie schädlich und verzerren Buddha Shakyamunis Erkenntnis des mittleren Weges.

Und in jeder Form des fanatischen Predigens und Verteidigens irgendwelcher Regeln oder persönlicher Erkenntnis liegen die Übel dieser Welt.  

Ich bin zum Beispiel kein Freund des allzu vehementen Idealisierens des Weges von Milarepa, der oft ausgemergelt und grün dargestellt wird, weil er tapfer Brennessel essend in einer Höhle ausharrte, um seinen Weg zu vollenden. Dabei wird selten hinzu gefügt, dass diese Form der Praxis allein Milarepas persönliche Entscheidung war. Für ihn mag dieser Weg angemessen gewesen sein. Deshalb ist dieser Weg noch lange keine universale Lösung.

Meine Erfahrung lehrt mich täglich, dass den eigenen mittleren Weg zu finden nicht so einfach ist, weil es dafür eben keine vorgefertigte Lösung gibt, die man mal eben adaptieren kann. Darin liegt oft genug die Täuschung aller dieser Praktiken, die im tibetischen Buddhismus als Stufenweg oder als "Voraussetzung" für dieses und jenes gepriesen und gelehrt werden. Und das betrifft natürlich auch alle möglichen Gelübde. 

Wie oft in den letzten Jahren geriet ich ab einem gewissen Punkt der Entwicklung mit meiner inneren Stimme in Konflikt: Ich hatte mir fest vorgenommen, diese oder jene Praxis durchzuführen und mich mit Feuereifer in die Arbeit gestürzt, wie immer treu meinem Motto: "Entweder ganz oder gar nicht, keine halben Sachen". Das ging eine Weile lang gut, bis erste innere Widerstände auftauchten. Ich höre schon den spirituellen Lehrer sagen: "Ja, das ist ganz normal. Höre nicht auf deine Gefühle, sondern mache einfach weiter, was du dir vorgenommen hast." Also tat ich es ebenso. 
Doch welcher Lehrer ist nah genug an dir dran, um dir zu sagen, wann eine Praxis nicht mehr zu deiner Entwicklung passt? Wer lehrt uns, den inneren Lehrer wirklich wahrzunehmen, wenn wir für ihn bereit sind? Wer nimmt uns die Zweifel, dass wir nicht zu faul sind und zu große abzutragende Hindernisse haben, die uns Widerstände gegen diese oder jene Praxis oder Gelübde empfinden lassen, sondern dass die Praxis oder das Gelübde nicht mehr zu unser Entwicklung passt? Wer lehrt uns den Sinn für das Extreme?

Die Antwort ist: Die wenigsten! Dass die buddhistische Praxis eigentlich eine individueller Weg ist, und nichts, was nach "Schema F" für alle gleich funktioniert, das scheint mir unterwegs, im Laufe der Jahrhunderte, irgendwie verloren gegangen zu sein.  

Nichts anderes hat Buddha Shakyamuni ohne äußeren Lehrer gemacht: Er hat genau nachgespürt und analysiert, was stimmig für ihn ist und sich richtig anfühlt. Er hat die Hoheit über seinen Weg keinem äußeren Lehrer abgetreten. Doch wir tibetischen Buddhisten tun das, ohne uns an den einen kleinen Hinweis in den Lehren zu erinnern: Irgendwann müssen wir unser "Vaterhaus" verlassen und unseren eigenen Weg suchen. 

Wenn ich auf meinen Weg zurück schaue, so hat es mich viele Jahre schlechtes Gewissen gekostet, bis ich gewisse Praktiken lockerlassen konnte, denen ich mich doch mit Herzensfeuer einst verpflichtet hatte. Und schlechtes Gewissen ist immer gekoppelt an Angst. Angst, etwas falsch zu machen. 

Nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung entsteht aus inneren Zuständen der Angst unmöglich irgendwann Glück.

Und wenn ich den buddhistischen Weg vollenden will, so lehrte Arya Maitreya, muss ich mein persönliches Glück als auch das Glück der anderen vollenden.

Wenn aus Angst kein Glück entsteht, so aus dem sturen Befolgen von Regeln dann auch keine Vollendung des Weges.

Deshalb begann ich irgendwann auf die Angst zu achten. Und auf deren Gegenteil, die freudige Gewissheit, die beinahe schon Glück ist.
 Und ich prüfte stets, ob ich aus der Angst, einen Fehler zu machen oder mir irgendwelchen Ärger einzuhandeln bei alten Regeln und Vereinbarungen blieb, oder ob ich da einen Impuls hatte, etwas zu ändern, an der Routine. 

Ich probierte aus, was geschah, wenn ich diesen neuartigen Impulsen zu folgen begann, die in mir Enthusiasmus, Aufbruchsstimmung, dieses innere Empfinden eines mutigen "Ja, das ist es!" verursachten. Und siehe da, diese führten mich zu Wachstum, Grenzerweiterung und dem Aufgeben falscher Ansichten über mich und die Welt. Dadurch begann ich zu vertrauen, dass diese Impulse des "Ja, das ist es!" die Stimme meines Herzens oder inneren Lehrers sind. Und die Momente persönlichen Glücks, die daraus erwuchsen, brachten mich nicht auf dumme Gedanken und machten mich nicht egoistisch. Ganz im Gegenteil: Sie stärkten in mir immer nur den Wunsch, dass doch alle sich so weit, frei, natürlich und glücklich fühlen könnten, wie ich mich in diesen Momenten des inneren Wachstums fühlte. 
Und mehr noch: Diese Glücksmomente generierten neue Lebensenergie, die ich nun mit Feuereifer in meinen weiteren Fortschritt investierte. Wäre ich weiter dem angehangen, was ich einmal hörte, dass man das als tibetischer Buddhist den Regeln und der Reihenfolge nach macht, wäre ich sehr oft weiter meiner Angst nachgegangen, einen Fehler zu machen.

Wir sind alle unterschiedlich und haben ganz verschiedene Erfahrungen in diesem und in anderen Leben gemacht. Und diese zu bereinigen, zu verstehen und zu transformieren, erfordert nun einmal individuelle Maßnahmen und nicht "Schema F". Buddhas Weg war der yogische, individuelle Weg, nicht die Massenware. Doch in gewisser Hinsicht ist der tibetische Buddhismus in seiner Regel- und Abfolgegläubigkeit nicht mehr für Yogis geeignet, wie Buddha Shakyamuni einer war.
Es gibt nur verschwindend wenige Praktizierende, die einen herausragenden, äußeren Lehrer haben, der sie zur Individualität ihres Weges durch gezielte Lehre und Anleitung ermutigt und dabei unterstützt.

Ich erkenne dies immer daran, dass viele tibetische Lehrer durch die Welt reisen und immer das Gleiche lehren, die gleichen Einweihungen geben, die gleichen Drupchöds und Retreats abhalten. Immer das Gleiche. Und dort sitzen auch immer die Gleichen. Alle Jahre wieder praktizieren sie das Gleiche, wiederholen das Gleiche. Nichts Neues kommt dazu. Die Lehren werden nicht individuell angepasst, variiert oder erweitert. Alles gleicht dem ewigen Drehen einer Gebetsmühle. Sicher, das kann man als Praxis bezeichnen, aber nicht jedes Wesen braucht diese ständige Wiederholung.

Ich behaupte sogar: Nicht jeder Praktizierende braucht das Ngöndro oder das dreijährige Retreat in diesem Leben, um seinen Weg zu vollenden. Und jetzt dürft ihr mich als tibetisch-buddhistischen Ketzer steinigen... ;-)

Für mich bedeutet persönliches Glück, diesem inneren Kompass zu folgen, der in diese Weite hinein leben will. Diese Weite, die irgendwann alle Wesen ohne Ausnahme umfasst. In irgendeinem Leben. Dazu ist es mir ein Bedürfnis, über meine Grenzen hinaus zu wachsen, zu lernen, zu erkennen. Und dafür muss ich Lebenserfahrung sammeln. Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass mir das so vielfältig und schnell in einem Kloster gelingen würde. Das ist nicht mein Weg. Ich spüre das von Tag zu Tag deutlicher. Ich möchte und muss dicht an den fühlenden Wesen dran sein, möchte ich etwas über die Befreiung lernen. 

Das eine ist, die Schriften zu kennen - und das andere, sie so zu übersetzen, dass deren Essenz die Herzen der Wesen um mich erreicht. Diese Übersetzungsleistung ist für mich das größte Abenteuer und die größte Herausforderung des heutigen Zeitalters des "global village" und ich wollte, ich könnte das. Die richtigen Worte zu finden, für dieses Wesen dort, damit es in diesem unmittelbaren Moment Erleichterung spürt - das ist für mich das größte Erfordernis des heutigen Zeitgeistes. Und dafür ist es in meinen Augen sogar hinderlich, immer traditionell, spirituell-buddhistisch daher zu reden.
Zu diesem  persönlichen Glück, von Nutzen für die Wesen um mich herum zu sein, dorthin weist mich mein Herz. Indem es mich lehrt, was die Extreme von Nihilismus und Eternalismus in meinen persönlichen Ansichten und in meinem alltäglichen Leben sind. Indem es mich lehrt, mich in deren Mitte auszubalancieren und auch dann noch die Balance zu halten, wenn meine Lebenswelt mich vor ungeahnte Herausforderungen stellt.
Ich glaube, dass die Botschaften irgendwelcher Märtyrer uns hierbei nicht führen und unterstützen werden, sondern die Worte derjenigen, die uns wirklich Beispiel für unser Leben hier und jetzt bieten.  Was hat denn ein ausgemergelter Yogi im Himalaya mit uns hier wirklich gemeinsam? Wer kann das Leben Milas so erklären, dass wir hier und jetzt daran anknüpfen können?

Diese Anknüpfung kann uns am besten derjenige bieten, der sich auch mit Haut und Haar auf die Erfordernisse des hiesigen Lebens einlässt. Ein solcher Mensch wird sehr schnell herausfinden, dass die Erfordernisse unseres Lebens hier kein "Schema F" zulassen werden - und damit auch keine Pauschal-Verehrung alter Meister.

Der Weg zum persönlichen Glück, das die Voraussetzung auch für das Glück der anderen ist, kann so viele Veränderungen in einem Leben umfassen, wie es die langwierigen Praktiken im tibetischen Buddhismus eben gar nicht nahe legen. Und muss deswegen nicht weniger buddhistisch sein. Und die persönliche Herausforderung und das daraus erwachsende persönliche Glück, zum Beispiel eine Familie zu haben und ihnen gegenüber die sechs Vollkommenheiten zu üben, ist nicht minderwertig im Vergleich zum Leben eines Menschen, der eine rotbraune Robe trägt.  
Ganz ehrlich: Ich halte das Tragen einer Robe sogar für den bequemeren Weg, als sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, sich um die Familie zu kümmern und zusätzlich Buddhismus zu praktizieren.  Das Leben in Robe kommt  dem Leben im so genannten "Elfenbeinturm" gleich. Es hält die Trennung zwischen der Mehrzahl an fühlenden Wesen und einer Elite des Wissens, gering an Zahl, aufrecht. Ja, „Wissen ist Macht“ und in der derzeitigen Konstellation dient es eben nicht der Befreiung der Masse an Wesen, sondern dem Aufrechterhalten der Kontrolle über eine Institution, die nur einigen wenigen dient.

Und so, wie dieses traditionelle Wissen derzeit häufig geteilt wird, ist es weder der Vollendung des persönlichen Glücks irgendeines Praktizierenden, noch des Glücks der anderen Wesen in vollumfänglichen Maße dienlich. So sehe ich das - aber lasse mich gern eines Besseren belehren.



Eines jedenfalls weiß ich sicher: Selbst wenn ich auf meinem Weg, der das persönliche Glück inneren Wachstums und äußerer Veränderung einschließt, nicht dem mir bekannten „Schema F“ der tibetisch-buddhistischen Tradition folge, so trete ich dennoch
täglich in Buddha Shakyamunis Fußstapfen. 


Kommentare

  1. Liebe Josephine,

    du bist ein leuchtender Stern der Inspiration.

    Danke!

    Alles Liebe
    Anna

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  2. Liebe Anna,

    vielen Dank. Ich freue mich sehr, dass dich mein Schreiben inspiriert!


    Viel Freude, Selbstvertrauen und alles Gute für dich
    Josephine

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