Die Bedeutung inneren Friedens


Wenn ich von Balance, von Ausgewogenheit schreibe, dann meine ich auch Ausgeglichenheit. Ausgeglichenheit, die ich auch »innerer Frieden« nennen könnte. Letztlich ist das ein großes, großes Ziel, auf dem Pfad. Und ich erreiche es nur, wenn ich mich selbst in- und auswendig kenne.

Mich kennen zu lernen, das war schon sehr früh mein Wunsch, als ich nach einiger Zeit der Meditation erkannte, wie wenig von mir eigentlich nach außen dringt, wie ich nach Außen hin agiere als ein von Konventionen, Verhaltensmustern, Erwartungshaltungen, Ängsten und Wünschen anderer bestimmtes Wesen. Ein Wesen, was ich nicht als »Ich« empfand.

Vor Jahren traf mich ein tiefes Entsetzen über diese plötzlich auftauchende Erkenntnis, dass das, was ich liebe, zu sein, in mir drin völlig verschüttet zu sein schien, dass es weder atmete, noch spross, noch etwas zum Leben beitrug.

Eine lange Zeit des Erforschens, Ausprobierens und Verstehens folgte damals. Eine Zeit des mich Beschreibens, des Spiegelns in meinen Notizbüchern. Des Nachlesens, des Erkennens dessen, was »mich« ausmacht.

Jener Teil, der gerne am Leben ist und seine Gründe dafür hat. Jener Teil, der eine Motivation und ein Ziel hat. Und den ich freundlich und strahlend fühlen konnte, wenn ich mit ihm eins war. Jener Teil also, den ich heute »mein Herz« nenne.

Ich lernte erst allmählich meine wahren Bedürfnisse kennen. Zum Beispiel, dass ich als stark empathisches und hochsensibles Wesen anders funktionierte, als ich das von Außen oft suggeriert bekommen hatte. Das Verhalten, was von mir erwartet wurde, zu zeigen, mochte ich nie. Ich wollte diese Person, die von mir erwartet wurde, nie sein. Und je mehr ich aus Unwissenheit angestrebt hatte, diese Fremde zu sein, desto mehr hatte ich meine wahren Bedürfnisse verkannt, vernachlässigt, unterdrückt und verdrängt.


Erst, seitdem ich quasi »den Spieß umkehrte« und nun diesen lang vernachlässigten Bedürfnissen nach ging, hatte ich da diese deutliche Gewissheit in mir, was gut und richtig ist. Ich konnte an meine Wertschätzung, meine inneren Werte und meine innere Vision eines rechtschaffenen Lebens anknüpfen, die immer schon da war.

Diese aufkeimende innere Gewissheit in meinem Herzen von richtig und falsch hatte mich diese Persönlichkeit hassen lassen, die andere von mir forderten, zu zeigen. Denn im Herzen hatte ich schon immer gespürt, dass sie unecht war.

Eines schönen Tages war ich so schonungslos ehrlich zu mir (und damit zutiefst gütig), dass ich schon immer eine andere war. Und dass dieses authentische Ich zu leben, mir niemand von außen würde zeigen können. Nur ich könnte sie ins Leben und zu Atem bringen. 

Das war sehr ernüchternd, eine hart zu akzeptierende Einsicht, aber logisch: Hätte diese wahre Josephine schon jemals einer in meiner Umgebung wahrgenommen, hätte er dann nicht diese gefördert und mich unterstützt, diese ins Leben zu bringen?

Heute denke ich, dass dies die typische Herausforderung für eine introvertierte Person ist, wie ich im tiefsten Inneren eine bin: Das wahre Ich einer Introvertierten gibt sich nicht ohne Weiteres im Außen zu erkennen. Mein wahres Inneres hatte das bisherige Leben lang geschwiegen.

Es bedurfte Jahre (und viele weitere werden folgen), in denen ich meine Bedürfnisse erforschte und mir nach und nach einen diesen introvertierten Bedürfnissen zuträgliche Umgebung schuf. Viele Jahre des Trial and Error, die meinem Wunsch Rechnung trugen, meine Stärken endlich ans Tageslicht zu fördern und nicht immer schwach zu sein.

Indem ich lange Zeit versucht hatte, diese Fremde in mir zum Leben zu erwecken, hatte ich tagtäglich meine authentischen Stärken geschwächt.

Klar, dass »den Spieß umzukehren«, nicht von jetzt auf gleich Erfolge zeitigte.

Auf der Suche nach der inneren Balance verlor ich sie häufig. Ich rutschte in zahllose Extreme ab, wie zum Beispiel die innere Selbstanklage, die an Selbstvernichtung grenzte. Und ich rutschte auch in Extreme ab, die ich schon als Kind intuitiv von meiner Umgebung übernahm, in der ich aufwuchs, wie das aggressive Ausagieren meiner Depression, wenn ich mir nicht mehr zu helfen wusste und mich im Stich gelassen fühlte.

Alle diese Extreme geschahen ab einem gewissen Punkt meiner Entwicklung nicht mehr einfach. Früher hatte ich häufig kopfschüttelnd neben mir gestanden und mich gefragt: »Wer, um Gottes willen, ist nur diese Person?«. Dank der Reflexion, die ich in der Meditation erlernte, dank des bewussten, distanzierten Blicks und des gründlichen Nachspürens lernte ich das Schädliche an diesen Extremen kennen. Ich lernte, genau zu fühlen, wenn die innere Amplitude zu stark in ein Extrem ausschlug und diese Amplitude sanft auszutarieren.

Mit geschärftem Gefühl und Blick für die Extreme navigierte ich mich Richtung innerer Balance. Ich beobachtete, dass meine innere Balance mich in meiner Kraft stehen ließ, während die Extreme mich auslaugten und hilflos machten.

Je deutlicher ich im inneren Frieden mit dem war, was ich bin, was ich brauche und was ich will, desto stärker und stabiler stand ich in meiner Mitte, egal, was für äußere Umstände da waren.


Und ich bin ein hochsensibler Empath, jemand, der mehr von seiner Außenwelt mitbekommt, als er manchmal will, mehr die inneren Extreme im anderen spürt, als der andere oft selbst. Je schwächer ich bin, also entfernt von meiner Mitte, desto größer die Gefahr, dass ich diese Wahrnehmungen meiner Umgebung mit meinem momentanen Befinden verwechsle. Je weniger ich in Balance bin, desto mehr Fremdwahrnehmung halte ich für mich selbst.


Zwar hilft mir auch hier der distanzierte Blick oft, mich dabei zu ertappen, wie ich das empathisch Übernommene für das Eigene halte, aber ab einem bestimmten Erschöpfungslevel nützt mir diese Erkenntnis herzlich wenig. Dann habe ich nicht mehr genug Energie, um mich aus dieser Übertragung heraus manövrieren zu können und ich muss mich zurückziehen und abwarten, bis wieder genug Kraft da ist, mich in meiner Mitte zu finden.

Dank dieses Bewusstseins von meinen inneren Mechanismen gelingt es mir heute, meiner Umgebung - und insbesondere den fühlenden Wesen darin, so zu begegnen, wie ich es gerne möchte.

Ich halte es für meine ethische Pflicht, den anderen Raum und Aufmerksamkeit zuzugestehen und sie nicht zum Spielball meiner Leidenschaften zu machen. Ich möchte mich nicht an ihnen abreagieren, wenn es mir nicht gut geht und nicht weiß, wohin mit meinem schlechten Befinden. Genauso wenig will ich diejenige sein, die Gegenstand des Abreagierens einer anderen Person wird. Für mich spielen Fairness, Augenhöhe und Gerechtigkeitssinn eine große Rolle, in der zwischenmenschlichen Kommunikation.

Und ich kann diesem Anspruch an mich inzwischen öfter und besser gerecht werden, je mehr ich auf meine innere Balance achte. Ich kann gegensteuern und für gerechten Ausgleich sorgen oder mich rechtzeitig zurückziehen, wenn eine Begegnung keine Fairness auf Augenhöhe bietet. Ich setze klare Grenzen, signalisiere deutlich, wann meine Aufnahmefähigkeit für den anderen erschöpft ist. Und alles dies brauche ich auch für meine innere Balance. 

Indem ich diesen inneren Frieden anstrebe, gehe ich den »Mittleren Weg« Buddha Shakyamunis. Ich schöpfe aus dieser Balance die größte Kraft für das, was in meinem Leben großen Raum einnimmt: die zwischenmenschliche Kommunikation. Ein gutes Miteinander in Kooperation und positiver Resonanz wächst und gedeiht auf diesem inneren Nährboden. Nur aufgrund dieser Kraft des inneren Friedens fühle ich mich in der Lage, Menschen wirklich auf Augenhöhe - oder auf Ebene des Herzens - zu begegnen.

Alles das, was ich in mir selbst erforsche, erkenne und verändere, und was infolgedessen in mein Verhalten einfließt, bildet den Weg zu diesem Frieden.

Ich schreibe heute darüber, um mich an die Wichtigkeit dieser inneren Ausgeglichenheit zu erinnern. Sie ist die stille Grundlage meiner inneren Herzensethik, die ich ins Außen hinein leben will. Sie ist das zentrale Lebenselement für mich.

Letztes Jahr war für mich eine große Herausforderung, in Sachen innere Ausgeglichenheit. Ich hatte wenig Energie und Zeit, mich dieser Arbeit an meiner Balance zu widmen. Ich funktionierte an der Grenze des Machbaren, weil mein Job erforderte, eine Arbeit allein zu bewältigen, die für drei Personen ausgelegt ist. Ich beschränkte mich natürlich auf das Nötigste und versuchte meinen persönlichen Anspruch auf ein zwischenmenschliches Miteinander aufrecht zu erhalten, so gut es ging. Doch meine Freizeit reichte oft nicht aus, um meine innere Mitte in der Intensität aufzusuchen, die es meinem Naturell nach eigentlich erfordert hätte, um vollständig aufzutanken.

Ich hangelte mich Monat für Monat von einem Wochenende zum nächsten. Mehr oder weniger aufrecht, geduldig und gut. Und spätestens dann bedarf ich manchmal für die Wiederherstellung der inneren Gewissheit und Balance einer besonderen Form des Retreats. Nicht eines traditionellen, tibetisch-buddhistischen, sondern eines persönlichen Rückzugs. Einer Klausur, in der ich Bilanz ziehen kann, wo ich auf meinem Weg stehe und hinsichtlich allem, was mir bedeutsam ist. 

Dies tue ich immer durch verschiedene Arten der Meditation. Schreiben in der Art, wie ich es seit Jahren pflege, ist Meditation, Brainstorming auf einem großen weißen Blatt ist Meditation, das innere Ausrichten auf die Buddhas und das mich ihnen Anvertrauen ist Meditation. Innerlich um Unterstützung zu bitten für das, was mir problematisch und manchmal unlösbar erscheint, ist Meditation. Das bewusste Aufschreiben von Intuitionen, Ideen und Lösungsansätzen... alles ist eine Form der Meditation. Und diese Formen der Meditation auszuüben ist meine bevorzugte Art des Retreats. Ja, darin kommen auch Gebete und gesprochene Mantras vor, aber sie bilden nicht den Hauptfokus. Mein Leben und die Ausrichtung auf meinen persönlichen, alltäglichen, buddhistischen Weg bilden den Hauptfokus.

Ich vergewissere mich wieder neu, warum ich diesen Weg einst begonnen habe zu gehen, ob die Ziele sich geändert haben oder im Herzen immer noch die gleichen sind. Ob ich meiner Motivation noch treu bin und was mich eventuell davon abhält, dieser Motivation treu zu sein. Was ich an Ansichten, Zuschreibungen, Erwartungen und Ängsten innerlich aussortieren muss, um meinen inneren Frieden zu finden und meine Ziele fokussiert anzustreben.

Und ich stelle hier und heute fest, dass diese Art des Retreats für diese Tage gewählt zu haben, weitaus besser war, als zu buddhistischen Belehrungen gereist zu sein. Genau dies hatte ich ursprünglich vor gehabt. Doch weil ich mir meines inneren Friedens, meiner Ausgeglichenheit und inneren Richtung nicht mehr klar und sicher war, habe ich diese Pläne gecancelt.

Zum Glück! Denn, wie ich oben schon schrieb: Es gibt niemandem, der mich dabei unterstützt, dieses wahre Ich, dass ich »mein Herz« nenne, zum Leben und Leuchten zu bringen. Das ist meine persönliche Aufgabe, meine Lebensleistung.

Kein äußerer Lehrer wird mir genau sagen können, wie ich die dafür notwendige innere Balance finde. Seine Worte können mir manchmal inspirierender Wegweiser sein, doch den Weg  muss ich allein beschreiten. Ich muss das rechte Maß - mein Maß - kennen. Ich muss lernen, wann meine Amplitude zu sehr in ein Extrem ausschlägt und rechtzeitig gegensteuern und mich erneut austarieren, in meiner Mitte.

Kein äußerer Lehrer hat die goldene Lösung für mich, das »Schema F«, was 100% zu mir passt. Diese innere Arbeit muss wieder und wieder in mir und durch mich persönlich geschehen.

Mein Anspruch an mich fordert von mir, zu erkennen, wann ich Raum und Zeit brauche, um mich durch diese innere Arbeit wieder in die richtige Spur zu bringen. Um aus dem inneren Frieden heraus, mit voller Kraft voraus, mit anderen zu kommunizieren und für andere da zu sein.

Ja, keiner kann mir diesen Weg abnehmen. Dieser Weg der konstanten, inneren Arbeit. Niemand ging ihn für Buddha Shakyamuni und folglich geht ihn auch keiner stellvertretend für mich.

Und wisst ihr was:
Ich liebe es, diesen Weg zu gehen! Dieser Weg ist das Beste, was mir im Leben passiert ist. Und ihn auf diese,  »meine« Art zu gehen, macht mich glücklich.

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