Wenn die Welt größer und weiter wird

Ich bin noch in der DDR aufgewachsen und führte ein sehr übersichtliches Leben. "Meine Welt" war klar bestimmt, durch begrenzende Regeln und begrenzte Möglichkeiten. Seit jeher betrachte ich die Tatsache, dass die Mauer fiel, als großen Segen, denn ohne dieses Ereignis wäre ich sicher nicht so tolerant, großzügig und freiheitsliebend, wie ich es heute bin. Und, am wichtigsten von allem: Ich hätte niemals den Buddhismus kennengelernt.

In all den Jahren des Suchens und Prüfens konnte ich wachsen: Über die Grenzen meiner familiären, christlichen, realsozialistischen Prägungen hinaus, in Richtungen, die ich in großer Freiheit wählen und bestimmen konnte.  Ich durfte mich ausprobieren und auch während meiner Studienzeit meinen Horizont in Regionen ausdehnen, die zu Zeiten der Mauer undenkbar waren.


Ich schätze diese geistigen Freiheiten. Und im Zuge dieser Freiheiten habe ich Toleranz und Respekt vor Andersartigkeit gelernt. Diese Freiheit des selbstbestimmten Denkens, der sorgfältigen Prüfung, was ich annehme und in mein Leben integriere, und was nicht, möchte ich nicht mehr missen. Und der Nebeneffekt meines inneres Wachstums ist einer, den manch einer auch als Nachteil werten könnte. Im Laufe der Zeit ist so auch der skeptische und kritische Geist gewachsen. Ich habe mir meine eigene innere Struktur erarbeitet, nach der ich auch ethisch handle.

Die tiefgründigen Lehren des Buddhismus haben es in mein Lebenskonzept geschafft, weil sie mich dabei unterstützen, diesen Prozess des Heranwachsens zu einer ethisch reifen Person zu durchlaufen, ebenso wie meine Sehnsucht nach einem höheren, vollkommeneren Ich zu stillen. Ja, dass es ein "Ich" gäbe, verneint eben diese Lehre. Doch wenn ich jetzt sage, ich verwende dieses Wort "Ich" für die Bezeichnung derjenigen, die gerade hier schreibt und lebt, innerhalb dieses relativ eigenständigen Wesens "Mensch", der ich bin, wird vielleicht etwas plastischer, was ich meine.

In dieser Zeit habe ich erfahren, wie wenig fest alles gefügt ist, wenn ich mich öffnen kann. So, wie "ich" durch so viele Faktoren in meinem täglichen Erleben beeinflusst und in meinen Entscheidungen und Handlungen bestimmt werde, so ist es jedes Volk, jede Gemeinschaft.

Auch sprechen wir schon länger nicht mehr nur von den Dimensionen Deutschlands, sondern inzwischen von der EU. Und schlussendlich gibt es nun einmal dieses Etwas, was aus bestimmten Entwicklungen ökonomischer, sozialer, monetärer, reisespezifischer, internettechnischer und mobilfunkgesteuerter (und was weiß ich noch alles welcher) Natur besteht, das man auch gerne "global village" nennt.

Alles wird durchscheinender, weniger scharf abgegrenzt. Da gibt es eben die Menschen, denen das Angst macht und die daher zurück streben in alte, Sicherheit suggerierende Grenzen. Und es gibt auch die Menschen, die in dieser Auflösung fester Strukturen durchaus eine Chance sehen.

Ich sehe in der Globalisierung eine Chance, weiter in Toleranz und Respekt für die Vielfalt an Kulturen und Menschen zu wachsen. Im verbissenen Verteidigen alter Begrenzungen sehe ich die Gefahr, irgendwann den Anschluss zu verlieren. Daran, was die Menschen und fühlenden Wesen wirklich um treibt und bewegt, was sie für Sehnsüchte, Bedürfnisse und Wünsche haben. Und was für Sorgen und Nöte.

Ich sehe eine große Chance, ethisch, moralisch und spirituell zusammen zu wachsen. Ja, hier bin ich ein unverbesserlicher Optimist, wenn nicht gar Visionär. Und treibe mich selbst Tag für Tag neu über meine angenommenen Begrenzungen hinaus, so gut ich kann.

Diesen Weg des Auflösens an Kategorien und Grenzen zu wagen und immer weiter zu gehen, ist das Herz der Lehre Buddhas. Sie führt dorthin, wo wir alle Wesen mit unserem Herz umfassen können, ohne Ausnahme. Und dies ist das Herz von Bodhichitta - oder das Herz der Bodhisattvi oder des Bodhisattvas. Letztlich hat mich das starke, innere "Ja" zu Bodhichitta erst wirklich auf den Pfad gebracht.

Ich bin wirklich jede Sekunde und jeden Atemzug davon überzeugt, dass das Zementieren von Grenzen dem nach diesem Erwachen strebenden Herzen widerspricht.

In bestimmten Relationen sind Entscheidungen für etwas natürlich auch immer Grenzziehungen und Abgrenzungen von etwas. Doch auch hier gilt, hinzuschauen, mit welcher Intention ich diese aus der Entscheidung resultierenden Abgrenzungen vornehme: Weil ich für das Leben, für Wachstum, für Herzlichkeit, für Toleranz und für Weite bin, oder weil ich Angst habe, den Boden unter den Füßen zu verlieren und die Sicherheit altbekannter Regeln und Rituale brauche, um dieser Angst Herr zu werden? Die persönliche Selbstprüfung ist hier das richtige Mittel, um sich der eigenen Beweggründe bewusst zu werden.

Auch gibt weder unsere physische, psychische noch geistige Konstitution her, wirklich über alle Grenzen zu gehen. Ein bestimmter Bezugsrahmen des täglichen Überlebens bleibt immer. Wir sind nicht unendlich anpassungsfähig und keine Amöben.

Ich treffe immer wieder, täglich sehr häufig, neue Entscheidungen, um, meiner Motivation treu bleibend, durchs Leben zu gehen. Ich grenze mich dabei davon ab, was meiner Motivation, weiter und toleranter zu werden, entgegen steht. Und der Vollständigkeit und Fairness halber muss ich dazu erwähnen, dass Gleiches natürlich auch jene Wesen und Menschen tun, deren Triebkraft und Reaktionen provozierende Grundstimmung beispielsweise die Angst ist. Auch diese treffen ihre Entscheidungen und Abgrenzungen. Und auch diese haben die Freiheit dazu, mögen sie sich vielleicht, in ihrem Erleben und ihrer Welt auch eher dazu gezwungen fühlen.

Alles ist eine Frage des Blickwinkels, sagt die Toleranz in mir. Zu allen Positionen im Leben gibt es noch zig andere. Und so, wie ich mir auch die Freiheit nicht nehmen lassen möchte, mir eine angemessene Position zu erarbeiten, mag ich sie anderen nicht nehmen. Schon allein die Frage, was "angemessen" eigentlich bedeutet, lässt sich nur schwer so erörtern, dass mit der Antwort darauf alle einverstanden sind. Fragst du zehn Leute, bekommst du zehn Antworten.

So wird auch die Frage, was ich unter "Respekt" verstehe, von mir anders beantwortet werden, als von jemandem aus einer anderen Kultur. Doch indem wir lernen, uns im "global village" über solche Fragen auszutauschen, erweitern wir automatisch auch unsere bisherige Definition von "Respekt". Austausch, Kommunikation, Neugier auf die Andersartigkeit - das ist der für mich einzig denkbare Nährboden, auf dem Toleranz  - und später auch Respekt - füreinander entstehen kann.

Ich schreibe heute in dieser Ausführlichkeit noch einmal über die wachsende Weite, in die hinein ich leben möchte, weil mich das Nachdenken über sie, das Anstreben dieser und das manchmalige Vorausspüren, wie wohl sie sich anfühlt, zutiefst glücklich macht. In mir ist ein starker Kompass, dessen Nadel immer und immer wieder auf diese innere Weite hin strebt, die sich in jeder Faser meiner derzeitigen Existenz hinein entfaltet und entfalten wird. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Und aus Gründen, die näher zu erläutern mir nur bedingt möglich ist, muss ich, mit buddhistischen Seelenaugen geschaut, an Maitreya und Kalachakra denken. In meinem Gespür für sie, sehe ich sie immer verbunden mit dieser Weite dort, nach der meine innere Kompassnadel strebt. Und ich spüre dort nicht nur Weite, die so großzügig bemessen ist, dass alles, alles, alles sich einfach zutiefst entspannen und zur Ruhe finden kann, sondern auch alles durchdringende Wärme, Verständnis und Freude. Und, daraus resultierend, Fürsorge füreinander und die Welt, die uns umgibt. Wertschätzung und Demut... und vieles mehr.

Ja, das ist eine Art Vorstellung von einem Paradies, nach dem ich strebe. Und ich zweifle nicht daran, dass dieses Paradies möglich ist, wenn ich nur mutig und zuversichtlich genug auf dieses zu strebe - egal, wie viele menschliche Lebensspannen es auch bis zu dessen Wirklichkeit und Wahrheit dauern möge.  Und ich strebe dahin, je mehr ich bereit bin, meine verinnerlichten Definitionen davon, wie das Leben zu sein hat, oder gar, was das einzig rechte Leben sei, kraftvoll zu erweitern und zu sprengen. Oder auch manchmal einfach sanft zu beobachten, wie sie von selbst verschwinden, je mehr ich in Kommunikation mit der sich um mich täglich erweiternden Welt gehe.

Strebt nicht jeder nach solch einer Art von Paradies, das unser Herz so deutlich erinnern kann? Spürt nicht jeder diese gewisse, unerklärliche Sehnsucht?

Und was ist ein jeder von uns denn bereit, dafür zu tun, dass dieses Paradies entstehen kann? Was braucht es dafür? Was tue ich täglich dafür, dass mein Geisteskontinuum sich an eben dieses Gespür für dieses Paradies so sehr gewöhnt, dass dieses Paradies nicht anders kann, als durch uns Menschen lebendig zu werden? Hier und Jetzt, Morgen, Übermorgen bis zur Vollendung, irgendwann dann, in der Zukunft?

Ja, auch hierzu gibt es viele Antworten. Auch die, dass dies alles Humbug ist.

Doch ich sagte ja, dass mein Herz für etwas sein möchte, nicht dagegen.
Ich habe gar keine andere Wahl, als den inneren Kompass sein Werk verrichten zu lassen und seinen Weisungen zu folgen. Weil durch die Zuversicht, die ich darein setze, meine Zuversicht wächst. Und durch die Freude wächst die Freude. Und durch die Toleranz wächst die Toleranz. Und durch die Weite wächst die Weite. Und durch Wärme wächst Wärme.

Ich lasse mich von dieser Fürsprache meines Herzens für das, was es so innig wünscht, nicht abbringen. Im festen Vertrauen auf dieses Gesetz, was sich das Gesetz von Ursache und Wirkung nennt. Von diesem Gesetz bin ich, genau genommen, so überzeugt, dass ich nicht einmal Vertrauen in es setzen muss. Ich habe keinerlei Zweifel, dass es wahr ist. Ich habe keine Zweifel, dass dieses Paradies einst Wirklichkeit werden wird. Und weil ich keine Zweifel habe, lasse ich mich von meinem täglichen Befolgen der Weisungen meines Kompasses nicht abbringen. Das macht mich zutiefst glücklich, jeden Moment wo ich diese innere Gewissheit meines Herzens spüre.

Mag der diskursive Verstand auch manchmal anderer Meinung, schwarzseherisch, deprimiert und unmotiviert sein, so sind mir inzwischen längst die glaubhaften Alternativen zum Streben nach mehr Weite ausgegangen. Denn in einem jedem Moment, wo ich mich der Depression überlasse, gewöhne ich mich an sie. Und vergesse die wahre Zuversicht meines Herzens. Das kann ich inzwischen nicht mehr zulassen.

Ist es nicht wirklich allein eine Frage der inneren Positionierung, worauf ich mich konditioniere? Ist in der Freiheit, mich selbst zu konditionieren, nicht unendliches Potential?

Früher, als Angst, Depression, Scham und Schuld noch so viel Macht über mich hatten, als die innere Waage noch nicht zugunsten meines Herzens umgeschlagen war, hätte ich jeden, der so etwas zu mir sagt, für komplett verrückt und "high" gehalten. Etwas zu spirituell abgehoben und unrealistisch. Auch diese innere Position hat sich im Zuge der Grenzerweiterung, kontinuierlich und leise, in mir verändert.

Jetzt, hier und heute möchte ich wach, aufrichtig, sorgfältig, kompromisslos und ehrlich die guten Samen für das Gute säen, was ich für mich und gleichberechtigt auch für andere, einst ernten möchte.

Und daher wird es genau so sein.



 

Kommentare

  1. Ich bin sehr dankbar für Deine Fähigkeit Dir selbst und anderen diese Zuversicht zu geben, wo sonst dem Argwohn Tür und Tor geöffnet ist. Es ist eine hohe Kunst immer wieder den Glauben an das Gute im Menschen aufrecht zu erhalten und selbst danach zu denken und handeln.
    Nur aus Gutem erwächst Gutes. Das hat allerdings mit Naivität nichts zu tun. Wir werden sehen und mit Aufmerksamkeit beobachten, wie sich die Dinge entwickeln, denen sich Niemand entziehen kann, auch wenn er das wollte.

    Herzlich
    Beate

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  2. Liebe Beate,
    vielen Dank für deine Bestätigung, gerade in dem Punkt, dass diese innere Haltung der Zuversicht in das Gute eben nicht naiv ist. So wird schnell geurteilt, bei oberflächlicher Betrachtung. Diese zuversichtliche Haltung ist das Resultat einer ständig bewusst getroffenen Entscheidung, in Auseinandersetzung mit allem, was nicht gut und heilsam ist. Ich kapsele mich dabei nicht in meine eigene, heile Welt ab, wo alles in Ordnung ist, deren Grenzen ich womöglich aggressiv verteidige und suche nicht mein persönliches Nirvana. Ich bin mir des Schmerzes, des Schlechten in der Welt bewusst und erfahre täglich neu, dass das Gesetz von Ursache und Wirkung alternativlos ist. Will ich kraftvolle, gute Samen säen, muss ich sie auch kraftvoll und kompromisslos säen.

    Herzliche Grüße für dich und alles Liebe,
    Josephine

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