Ich bin dafür — und nicht dagegen!

Als ich meinen Beitrag "Cross the border, close the gap" schrieb, machte ich den Graben spürbar, der sich mitten hindurch durch mein Herz zieht und es spaltet. Das ist nun vorbei: Ich bin mir zu 100% sicher, dass der Buddhismus meiner Herzensheimat entspricht. Und ich bin ebenso 100% sicher, dass ich diese Heimat nicht dadurch für mich lebendig machen kann, dass ich einfach die kulturellen Vereinbarungen und Regeln übernehme, wie ich sie im Rahmen des tibetischen Buddhismus kennengelernt habe.

Ein nunmehr ca. 15 Jahre dauerndes Dilemma kann nun ein Ende finden. Und wie immer gilt: Ich akzeptiere vollkommen, dass es dieses Zeitabschnitts bedurfte, um ein ausreichendes Maß innerer Gewissheit ansammeln zu können, dass meine zukünftigen Entscheidungen legitim sind. Legitim dafür, mein Herz zu leben und zu entfalten, wie es im Hier und Jetzt erforderlich und nötig ist. Und dies immer noch auf Basis meiner spirituellen Wahlheimat, dem Buddhismus.

Es gibt da tibetisch-buddistische Traditionen, die von sich als der Herz-Linie sprechen. Weil das Herz nun einmal jenseits der Worte schlägt, ist es schwer, das Wesen dieser Übertragungslinie auf den Punkt zu bringen.  Das Wesen dieser Linie hat viel damit zu tun, dass das Essentielle der Praxis auf einer nonverbalen, gefühlten Ebene geschieht. Nicht durch intellektuelle, philosophische Analysen, sondern durch etwas Unmittelbares, was im Moment der Begegnung entsteht, geschieht die Übertragung des Herzens der Übung und der Lehre. Von Herz zu Herz, ohne ein Wort zu wechseln.

Ich fühle mich dieser Linie verbunden, weil letztlich mein Weg genau dieses Geistes oder Empfindens war. Die wesentlichen Dinge geschahen ohne äußere Beobachter und Zeugen, ohne dass ich mich verbal mit jemandem ausgetauscht hätte. Und doch lernte ich in den letzten Jahren genau dadurch, dass diese Übertragungslinie die gefährdetste Linie von allen ist. Genau diese Herzenslinie ist für mich am stärksten vom Verschwinden bedroht.

Diese Linie ist es, die wir jetzt und hier am meisten brauchen. Ich sehe das Potential, das sie birgt, die Menschen wieder zurück in das wahre Selbstvertrauen ihrer Buddha-Natur zu führen und sie mit ihrem inneren Lehrer zu verbinden. Diese Linie würde einen jeden von uns autark und unabhängig von äußeren Umständen machen, wie zum Beispiel den Umstand, dauerhaft in der Nähe eines qualifizierten Lehrers leben zu müssen, um rechte Fortschritte zu machen.

Es müsste uns nur ein wahrer Vertreter dieser Linie das Wesentliche dieser Herzenslinie eröffnen und übertragen. Und dazu bedarf es eingangs auch der Worte, der buddhistischen Grundlagen und der verbalen Anleitung zu Praxis und Meditation. Doch irgendwann würden wir reif sein, im Vertrauen auf unsere Buddha-Natur unserer eigenen Wege zu gehen und anderen nützlich zu sein. Wir würden uns auf der Erde verstreuen und ein jeder an seinem Platz Gutes wirken und andere ebenso zu ihren Herzen leiten.


Was für eine positive Zukunftsvision, nicht wahr? Ja, um ehrlich zu sein, ist es genau diese Vision, die mich auf meinem Pfad gehalten hat. Ich bin für diese Vision. Wegen ihr brach ich auf und wegen ihr gebe ich mich nicht mit dem Offensichtlichen zufrieden.

Denn das Offensichtliche ist leider nicht sonderlich ermunternd, in Hinblick auf eine lebendige, frische, zuversichtliche und menschliche Herzenslinie. Ganz im Gegenteil: Sie erscheint mir vom Aussterben bedroht, da sie sich zu sehr auf das Offensichtliche und zu wenig auf die im Verborgenen zur Reife zu bringenden Qualitäten seiner Vertreter stützt.

Das Offensichtliche ist, dass jeder, der ein 3-Jahres-Retreat mit allem Drum und Dran absolviert hat, sich Meditationsmeister nennen darf und ab da per se als Instanz gilt. Wie er ab da praktiziert und was er weiter tut, um auf den Laufenden zu bleiben, interessiert niemanden mehr. Niemand prüft, ob sein Herz immer noch im Takt der anderen Herzen schlägt, die ihn umgeben. Und genau dies ist die Voraussetzung dafür, ein guter Lehrer zu sein.

Niemand prüft, ob er fähig ist, andere Herzen liebevoll zu ermuntern, zu pflegen, zu erweitern und wirklich in der Lage ist, diese nonverbale Herzens-Übertragung zu leisten, die dem Wesen seiner Linie eigentlich entspricht. Niemand hat geprüft, ob sich dieser Mann, der aus diversen Gründen sich auch Rinpoche nennen darf, überhaupt Ahnung davon hat, worum es im Wesentlichen bei der Herzenslinie geht und was es für einen Ehrenkodex gibt, um sich weiter als Teil dieser Übertragungslinie sehen zu dürfen und diese fortzuführen.

Solange ein anderer, für größer und mächtiger in der Linie gehaltene Rinpoche, schützend seine Hand über diesen "Meditationsmeister" legt, ist alles im grünen Bereich... Und doch so offensichtlich nicht in Ordnung.

Wenn eine Linie, die das Nonverbale, das rechte Fühlen des Pfades so zentral hält, an der eigens aufgestellten Bürokratie der Titel, Rangfolge, zu absolvierender Lehrjahre und amtlich gestempelter Zertifikate sein eigenes, warm schlagendes Herz für die fühlenden Wesen verliert, ist das ein Zeichen für den eigenen Niedergang. So sehe ich das.


Und dass die Herzen sich auch innerhalb dieser Tradition schließen oder längst geschlossen sind, lässt sich nicht nur an der Bürokratie ablesen, sondern auch daran, dass hier niemand wirklich in die Welt geschickt wird und sich in die Welt wagen will. Kaum einer traut sich heraus, aus der heimeligen Umgebung altbekannter Regeln und Traditionen und wagt etwas Neues.

Und wenn doch jemand länger in der Fremde ausharrt, dann womöglich nur, um mit Macht und Kontrolle die Bürokratie der eigenen Tradition durchzusetzen. Und dieser Mann disqualifiziert sich als Vertreter seiner Linie gerade dadurch, dass er diese Bürokratie über die Herzenskommunikation mit seiner Umgebung stellt. Obwohl er behauptet, sich in spezieller Berufung und Verantwortung seiner Tradition gegenüber zu sehen. In meinen Augen ist das absurd. Und das für mich Offensichtliche.


Vom nicht so Offensichtlichen der Herzenslinie darf man meiner Meinung nach jedoch keine wagen Vorstellungen haben. Bei der Öffnung der Herzens gilt es, präzise zu sein. Hier braucht man Übung und Schulung darin, was für Hindernisse in dieser Welt lauern, um ein sich gerade öffnendes Herz rechtzeitig vor dem Zerbrechen bewahren zu können. Es gilt, präzise und umsichtig vorzugehen, damit ein Herz sich unter Schutz öffnen und autark werden kann. Den Schutz gilt es aufrecht zu erhalten, bis dieses Herz bereit ist, auch allein stark zu sein.

Neue Abhängigkeiten durch Macht und Kontrolle zu erzeugen, hat eben gar nichts mit der Herzenslinie zu tun, sondern mit Ausbeutung, um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Und ein zu starker Fokus auf die eigenen Bedürfnisse entsteht, wenn man selbst nicht offenen Herzens ist. Dann fühlt man Mangel und Überlebensangst, statt Fülle und Großzügigkeit. Dann denkt man immer nur ans Nehmen, anstelle ans Geben, Schützen und Bestärken. Ja, dann ist man engherzig. Und alle, die mit dieser Person zu tun haben, werden nichts weiter als Engherzigkeit von so jemandem lernen.

Wird so die Tradition der Herzenslinie bewahrt werden? Natürlich ist das eine rein rhetorische Frage ...

Der Graben, den ich also in den letzten fünf Monaten ausgelotet habe, besteht darin, dass die Tradition, der ich mich im Herzen verpflichtet fühle, nicht rein bei mir ankommt. Das, was ich hier davon sehe, höre, schmecke und spüre, ist allzu oft kontaminiert durch die Unfähigkeit, das wahre Herz vom geschickt über Jahrhunderte gewachsenen Verwaltungsapparat zu unterscheiden.


Der Verwaltungsapparat, der notwendig war und organisch in der fernen Heimat gewachsen ist, sich harmonisch eingliedernd, in das Verhältnis von vorrangig Mönchen und Laien und der Notwendigkeit für alle, zu überleben. Doch hier und heute ist das alles ohne Grundlage. Die Ursachen und Umstände sind weggebrochen, die einen solchen Regelapparat der Verwaltung und des sozialen Zusammenleben rechtfertigen würden. Doch bei den meisten innerhalb dieses Systems ist das wohl noch nicht bewusst angekommen.

So lasse ich die Rädchen in diesem Getriebe sich also weiterdrehen und mache mich davon unabhängig, jeden Tag ein wenig mehr. Und dies tue ich mit der tiefen Gewissheit im Herzen, nicht gegen, sondern für etwas zu sein: Für die Herzenslinie. 
 Denn das Herz ist immer für etwas, nicht gegen etwas. Dies ist das Prinzip der Gewaltlosigkeit. Und genau hierauf zu achten, ist der einfachste Prüfstein, ob du unter Freunden bist: Schaue auf das, wofür jemand einsteht - und du kennst sein Herz. Ja, wenn jemand für etwas steht und eintritt, folgt er seinem Herzen.

Und wenn jemand seinen Lebtag damit verschwendet, kontra zu sein, kannst du sicher sein, dass sein Herz geschlossen, im Tiefschlaf und nicht lebendig ist.

Weil ich für etwas sein will, weil ich mit meinem Herzen gehen will, lasse ich immer wieder los, was dem Wesen des Herzens widerspricht. Denn dann gehe ich auch ohne Gewalt (d.h. ohne Gier nach Macht und Kontrolle) durchs Leben. Und dann besteht die Chance, dass mein Leben mit offenen Herzen vielleicht irgendwann von Beispiel ist.


Um den Fokus auf das eigene, lebendig schlagende Herz halten zu können, muss ich erkennen, was dem Herzen widerspricht. Und so habe ich in den letzten Beiträgen viel und zornig darüber geschrieben, was der Befreiung der Herzen widerspricht. Obwohl verbal die ganze Zeit von Befreiung die Rede zu sein scheint, passieren nonverbal ganz andere, schlimme Dinge. Doch es ist nicht an mir, den Kampf dagegen anzustreben. Denn ich möchte für etwas sein.

Ich weiß, dass es sich wie eine Kampfansage las, für den einen oder anderen. Doch weil ich den Weg des Herzens auch ohne offiziell dafür einstehende Übertragungslinie weiter gehen will, muss ich mir treu und für etwas sein.

Für mein Herz und das Vertrauen, dass ein jedes geöffnete Herz seinen Weg findet.
Und der Weg des Herzens ist der, der am Geeignetsten dafür ist, sich absolut an die gegebenen Ursachen und Umstände anzupassen. Das Herz ist eben kein Eroberer, der nach dem Prinzip "verbrannte Erde" alles Gegebene platt walzt, um dann sein eigenes System zu installieren. Nein. Das Herz ist ein Anpassungskünstler. Es nimmt das, was da ist, um auf dessen Grundlage sich selbst zu befreien.

Vorbei sei also die Zeit, dass ich dem, was nicht gegeben und nicht Hier und Jetzt ist, hinterher jammere. Ich versuche mein Herz und meine Augen des Verstandes ganz weit dem zu öffnen, was mich umgibt, um daraus das Beste zu machen. Das war schon immer mein Weg und wird er immer bleiben.

Ich werde mich nicht verbarrikadieren, gegen die Bedürfnisse dieses Lebens hier, im Westen. Ich werde keine Feindbilder pflegen.

Ich werde mich auf mein Herz besinnen und durch positive Resonanz und Kooperation meines Weges gehen. 

Denn ein weiteres, unumstößliches Herzensprinzip ist Folgendes: Das Herz kann niemals auf Kosten der anderen glücklich sein.

Es kann nur im kooperativen Miteinander mit anderen glücklich sein. Und um dies zu erreichen, wendet das Herz sich dem anderen innig zu. Und lieber verzichtet es auf etwas, um sich dann an der Freude und dem Glück des anderen zu freuen, als dass es anderen die eigenen Bedürfnisse aufzwingen würde.

Ja, wenn man die Sprache des Herzens versteht, ist es am Ende ganz einfach, den wahren Praktizierenden vom Scharlatan zu unterscheiden, nicht wahr? Und ich habe gelernt, dass ein "Rinpoche"-Titel nicht nur täuschen, sondern leider auch zum Einschlafen des Herzens verführen kann.


Was bin ich daher froh, unerkannt meiner Wege zu gehen und stattdessen weiter mit euch zu sein. Mit euch, und euren ehrlichen, liebevollen, um Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit ringenden Herzen.

Ich möchte für euch und eure geöffneten oder sich öffnenden Herzen sein. Ich möchte für jede eurer aufrichtigen Anstrengungen sein. Ich möchte für diese universale Menschlichkeit und Ethik sein, die unseren offenen, freien Herzen so vertraut und heilig ist. 

Ich möchte für die Befreiung der Herzen sein, die ohne behäbige Regelapparate und Label auskommt. Und dazu bin ich bereit, neuer und nicht beschrittener Wege zu gehen, anstelle die Spaltung meines Herzens weiter zu ertragen. Schon lange sagt das Herz "Es ist Zeit, aufzubrechen!"

Doch am Ende war jener Teil, der noch zu pauschal an der alten Tradition hängt, einfach zu rückwärtsgewandt und in die Vergangenheit gerichtet. Lange Jahre mochte er nicht hören. Doch nun sind die letzten Informationen gesammelt, der alte Schmerz zum hundertfünfundsiebzigsten Mal gefühlt, die alten Hindernisse zum achzigsten Mal betrachtet worden... Und in fünfzehn Jahren hat sich daran nichts bewegt.

Also bewege ich mich jetzt... Weiter auf euch zu, um für euch und mit euch zu sein. Weiter, dem Ruf des Herzens folgend, das unentwegt sanft zu flüstern scheint: 


"Es ist Zeit, für etwas zu sein. 
Es ist Zeit, für dein Herz und alles, was es so liebevoll herbeisehnt, einzutreten.  
Lass uns aufbrechen, aus der Gegenwart in eine unbekannte Zukunft... So sei es!" 
So sei es...
So sei es...

Kommentare

  1. Das ist etwas Liebe-volles, das Du Deinen Weggefährt/Innen und Leser/Innen in dem Beitrag sagst, ermutigend, wärmend auch. Danke von Herzen dafür, liebe Josephine.

    Herzliche Grüße
    Beate

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Beate,

    gerne. Und vielen Dank dafür, dass du dies in meinen Worten und aus dieser Perspektive liest. Das ist nicht selbstverständlich.

    Alles Liebe
    Josephine

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  3. Liebe Josi,
    wenn ich ein Buddha wäre, würde ich das gesamte Höhere und Geheime Wissen an alle Frauen der Erde übertragen. Unabhängig vom Kontinent, Stellung und Tätigkeit, die sie gerade ausüben. Damit würde ich sie befähigen, den Schmerz dieser Erde sehr effizient zu heilen. So wie sie das schon JETZT tun, wenn sie ihren Kindern ihre Lieblingspeisen kochen, gute Nachtlieder singen, mit ihnen spielen, Hausaufgaben machen etc. So wie sie schon JETZT tun, wenn sie für ihre Männer da sind, ihre Hemden bügeln und ihnen die Hausschuhe bereit stellen, wenn diese heim kommen, und ihnen ihre Leibgerichte servieren. So wie sie schon JETZT tun, indem sie ihre alten und kranken Eltern zu hause pflegen... Und - weißt du was Josi? - nachdem die Buddhas all das Heilige Wissen den Frauen übertragen würden, werden die Frauen all diese Tätigkeiten weiter ausüben und während dessen werden sie ihren Liebsten das Wissen weiter geben - ohne Paläste, ohne Regelwerk, ohne Unterricht. So wie der Moment es im JETZT erfordert. Das wäre sehr effizient!
    So bitte ich Dich, wer immer du bist, die Quelle der Schöpfung und Weisheit, beschenke alle Frauen dieser Erde - bevor diese von (überwiegend) Männern dieser Welt zerstört wird - mit Deinem Heiligen Wissen und gib uns, den Frauen, die MACHT diese Welt NEU zu schaffen! So sei es.

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    1. Ja, liebe Jampa, möge dir "die Quelle" diesen Wunsch erfüllen. Mögen alle dafür notwendigen Ursachen und Umstände gegeben sein oder rasch zusammen kommen.

      Danke und liebe Grüße
      Josephine

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