Vom Wahren und Echten in uns

Was ich in den letzten Jahren meines Weges gelernt habe, sind drei Dinge:

1. Vertrauen und Wunschgebete zahlen sich aus.
2. Es gibt kein Ende des Weges, sondern nur das persönliche Urteil, dass   ein Ende erreicht wäre und es von hier aus nicht mehr weiter ginge.
3. Die Illusion des Endes überwindet man am besten durch eine starke innere, persönliche und konkrete Motivation, den Weg zu gehen. Diese Motivation sollte sich nicht primär auf äußere Umstände und Faktoren beziehen, sondern auf etwas, was mich innerlich im Herzen erschüttert und berührt.


Um zu erläutern, was ich damit meine, stelle ich zuerst mal die Frage in den Raum:

Was ist der Weg?

 

Jeder assoziiert mit "dem Weg" etwas anderes. Ich verstehe unter dem Weg meine innere Reise zu meinem Herzen, weil ich darin grundlegend ethische Werte und den innigen Wunsch trage, für mich und andere nützlich zu sein. Ich betrachte es als mein Lebensziel, dieses nicht nur als Samen in mir zu tragen, sondern diese Samen auch zur Reife zu bringen und das in ihnen schlummernde Potenzial auszuschöpfen.

"Nützlich" definiert sich hier eben durch grundlegende Ethik, die in Liebe, Empathie oder Mitgefühl, dem Wunsch nach Unterstützung und Kooperation mit meinen Mitmenschen (und anderen Wesen) besteht, weil ich mir dessen bewusst bin, dass alle diese fühlenden Wesen auch mich dabei unterstützen, ein gutes und glückliches Leben anzustreben und zu führen. Ich bin mir bewusst, dass ohne wechselseitige Kooperation und Unterstützung niemandes Glück und Zufriedenheit möglich wäre.

Ich bin dann anderen nützlich, wenn ich ihnen kein Leid zufüge und, besser noch, sie dabei unterstütze, Leid zu überwinden. Und um Leid zu vermeiden, sehe ich es als meine Verantwortung an, mich mit der Beschaffenheit von Leid auseinanderzusetzen. Nur, wenn ich die Muster des Leids verstehe, kann ich für mich und andere vermeiden. Und je mehr ich das Leid studiere, desto mehr wünsche ich mein ethisches Potential zu entfalten, um anderen eine bestmögliche Unterstützung zu sein, anstelle Ursache oder Umstand für Leid.

In diesen Grundgedanken mündet für mich letztlich alles, was ich für relevant am Buddhismus halte. Für mich hält der Buddhismus die besten Mittel bereit, um mein Lebensziel zu erreichen. Und hier rede ich inzwischen nicht mehr von Buddhismus als religiöse Institution. Ich rede von "meinem Weg", für den ich mich an buddhistischen Methoden orientiere.

Ich probiere diese Methoden aus und prüfe, ob sie der Erreichung meines Lebensziels dienen. Und je mehr Methoden sich für mein Ziel als wirksam erwiesen, desto stärker fasste ich Vertrauen in die Methoden und Prinzipien. Je mehr Vertrauen ich fasse, desto rigoroser wendete ich die Methoden an und vice versa.

Das persönliche Lebensziel, meine ganz persönliche Motivation, mich vervollkommnen zu wollen, ist die allem übergeordnete Einheit, die ich auch nicht aus den Augen verlieren möchte, denn ohne ganz persönliche Gründe, dieses Ziel für erstrebenswert zu halten, werde ich unterwegs vergessen, warum ich mich überhaupt auf einen Weg gemacht habe. Ich werde irgendwann hinschmeißen und des Lebens überdrüssig werden oder meine Lebenszeit mit unendlichen Ablenkungen verbringen, die mein Herz nicht berühren und daher auch nicht erfüllen werden.

Das will und das kann ich nicht. Denn ich weiß, dass das Leben nur wahr und echt ist, wenn ich es ganz aus der Tiefe meines Wesens heraus lebe. Und dies zu wissen, ist uns allen angeboren. Ich will hier auf keinen Fall faule Kompromisse machen.

Und auch dieser Wunsch, keine falschen Kompromisse machen zu wollen, verstärkt sich von Tag zu Tag, je mehr ich Vertrauen in meinen Weg finde, dessen Ziel ich nicht kenne, obwohl ich mit einer Vorstellung von einem Ziel mich täglich wieder auf dem Weg mache.

Ich habe gelernt, dass wir die ganze Zeit innerlich von der Wahrheit und Echtheit in uns (oder im anderen) angezogen werden, ohne benennen und konkret aufzeigen zu können, was genau das eigentlich ist. Das kann nicht anders sein, denn das Herz hat es nicht so mit Benennungen und Kategorien. Aber wenn ich in der Wahrheit und Echtheit in uns ankomme, spüre ich das ganz genau. Ich fühle dieses "Ja!" und die leise Freude, die es begleitet. Das ist es. Nicht mehr und nicht weniger.

Und dieses "Ja!" nährt sich aus unserer Geschichte. Oder, um es buddhistisch-philosophisch zu benennen, aus unserem Geisteskontinuum und den Erfahrungen, die dort abgespeichert sind. Und ich habe persönlich erfahren, dass sich darin nicht nur Erfahrungen aus dieser physischen Existenz eingeprägt haben.

Dieses "Ja!" nährt sich genau genommen an einer Art inneren Plan, der sich aus diesen Erfahrungen rekrutiert. Wir streben zu diesem "Ja!" unaufhörlich hin. Dieser Wunsch, eins mit dem "Ja!"-Zustand zu werden, ist  an und für sich das, was uns zum Reisen veranlasst. Oder zu dem Drang, einen Weg gehen, irgendwo hin zu streben und uns so, wie wir sind, nicht auf Dauer stehenlassen zu wollen, sondern zu verbessern.

Wie stark uns der "Ja!"-Zustand fasziniert und anzieht, hängt maßgeblich von unserem Verhältnis zum Leid ab. Je mehr wir Leid begegnen, es ergründen und seine Muster verstehen, desto mehr wollen wir bei dem, was wir jetzt sind und jetzt können, nicht stehen bleiben. Um so mehr wollen wir den Weg gehen.


Gehen wir zu Punkt 1.)


1. Vertrauen und Wunschgebete zahlen sich aus.

 

Ein Stück weit habe ich also schon über Vertrauen gesprochen: Es erwächst aus meinem positiven Erfahrung mit etwas oder jemandem. Alle meine Vertrauensvorschüsse in Dinge, Methoden oder Personen haben sich bisher für mich ausgezahlt. Wirklich.

Manchmal sicher auch leidvoll, doch ich bin dankbar für jede Erkenntnis, die ich auch aus negativen Erfahrungen gezogen habe. Und diese konnte ich nur durch Hartnäckigkeit und wiederum einen Vertrauensvorschuss ziehen. Nämlich dem Vertrauen in meine "Wunschgebete".

"Wunschgebete" - zugegeben, ein wieder stark religiös klingender Begriff. Fakt ist, dass Wünsche den Geist stark fokussieren.

Meine aus meinem Vertrauensvorschüssen gezogenen Erfahrungen haben mich dazu geführt, dass ich von der Existenz von Buddhas und Bodhisattvas (oder wie immer man diese Wesen nennen will) überzeugt bin, die uns unsichtbar begleiten. Und zwar ganz persönlich und konkret durch unser Leben und das, was uns darin täglich zustößt.


Und jede ehrliche Frage, die ich hatte und die ich wünschte, zu klären und deshalb an sie richtete, habe ich bisher beantwortet bekommen. Und so wird es sicher auch in Zukunft sein, solange ich nicht aufhöre, zu forschen und zu fragen.


Die Antworten erreichten mich in Form von Begegnungen, Büchern, auch plötzlichen Ideen oder Einsichten. Ganz wichtig: Dafür war nötig, offen zu sein, dass alle meine bisherigen Ideen von der Antwort auf die Frage und meine Hoffnungen, was die Antwort wäre, auch falsch sein könnten.

Viele Antworten auf meine Wunschgebete habe ich im ersten Moment verflucht. Um es konkret zu machen: Aufgrund meines inneren Kontinuums beschäftigen mich schon immer Fragen nach dem menschlichen Miteinander, weil ich schon immer ein deutliches Gespür dafür hatte, wann dieses Miteinander von unserem wahren Herzen abweicht.

Logisch, dass ich fragte: Warum tun Menschen das? Warum gehen sie so miteinander um? Warum sind sie sogar zu ganz unglaublich grausamen Taten fähig? Wie kommt es, dass sie grausam sind, obwohl sie alle dieses unglaublich wunderbaren Herz haben? Sicher müssen sie doch spüren, dass sie sich selbst und anderen so weh tun? Oder spüren sie es tatsächlich nicht? Was ist da los? Was bedeutet das für mich? Was passiert in mir, wenn jemand grausam zu mir ist?  Und warum tun gerade Menschen, die behaupten, für das Wahre, Edle und Gute zu leben, anderen Unrecht und verhalten sich herzlos? Und warum sind gerade religiöse Institutionen meistens weit davon entfernt, das Wahre, Edle, Gute zu unterstützen und zur Blüte zu bringen?

Alle diese Fragen, als Wünsche formuliert, fanden Antwort und finden es teilweise immer noch: Das Erhalten von Antworten ist ein laufender Prozess.

Und: Je mehr Herzenskraft ich in meine Wunschgebete investiere, desto heftiger kommt meistens die Antwort zurück. Meine Herzenskraft ist also wie ein Bumerang: Ich schicke meine Wünsche aus voller Herzenskraft los und diese Kraft zieht in vergleichbarer Stärke Ereignisse und Antworten an. 

Anfangs war ich davon schockiert, inzwischen will ich es gar nicht anders. Dann brauche ich zwar ein paar Tage, um die Antworten auf mich wirken zu lassen und verarbeiten zu können, aber nur so komme ich schnell voran. Eins ist sicher: Selten sind die Antworten bequem und angenehm. Doch wenn die Frage keine andere Wahrheit zulässt, dann ist das so.

Und damit sind wir an Punkt 2) angelangt:


2. Es gibt kein Ende des Weges, sondern nur das persönliche Urteil, dass ein Ende erreicht wäre und es von hier aus nicht mehr weiter ginge.

 

Je mehr ich Leid ergründe und verstehen will und dieses Streben mit kraftvollen Wünschen unterstütze, desto öfter bin ich über die ungeschminkte Wahrheit schockiert, die mich als Antwort trifft.

Ich wünsche nicht nur Antworten, sondern natürlich auch, dass das Leiden, was ich wahrnehme, enden möge. Ich frage daher oft: Wenn ich schon dieses Leid so ungeschminkt wahrnehme und nachempfinden kann, dass es unerträglich ist - was kann ich dafür tun, es zu ändern? Und die Antwort lautet nicht: Tue dies, tue das... Die Antwort besteht zuerst einmal darin, dass ich erkenne, dass es mit dem Ändern oft nicht so einfach ist. Ich gehe auch in meiner Meditationspraxis immer tiefer in die Angelegenheit, erhalte mehr Infos über Ursachen und Umstände, Kräfteverhältnisse, involvierte Wesen. Und je tiefer ich die Komplexität der Angelegenheit verstehe, desto ratloser und auf verlorenem Posten fühle ich mich im ersten Moment.
Dann kommt es vor, dass ich mich eben vor einer unüberwindbar fühlenden Wand stehend wiederfinde. Eine Wand, die mein bisheriges Vorstellungsvermögen übersteigt. Und dann neige ich dazu zu sagen: "So. Das war's. Reise zu Ende!" 

... Wenn da nicht meine Erfahrung leise von innen anklopfen würde und mich erinnern und ins Vertrauen zurückbringen würde. Da bin ich gerade dabei, im Kokon meiner bisherigen Vorstellungen (Wahrnehmungsweisen und Beurteilungsweisen) steckenzubleiben. Doch genau diese immer wieder loszulassen und innere Denkgrenzen zu überschreiten, um offener, gütiger, innerlich weit und weiser zu werden, hat mich bisher auf meinem Weg weiter gebracht. Wie oft dachte ich schon, es ginge nicht weiter, nur weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass es weiter geht?

Wenn das bisher immer funktioniert hat, dass ich über die inneren Grenzen gehe und neues, inneres Terrain erobere, dann lohnt sich wieder ein Vorschuss Vertrauen, dass dies dieses Mal auch wieder funktionieren wird! Und auch die Erfahrung von der Wechselwirkung zwischen innerem Fortschritt und im Äußeren entstehenden Veränderungen ist schließlich reichlich vorhanden! Also: weiter geht's! Schließlich haben noch immer nicht alle Fragen und Wünsche Antworten gefunden!


Und ich versperre mir immer wieder ganz bewusst den Rückzug, indem ich Folgendes beherzige:

 3. Die Illusion des Endes überwindet man am besten durch eine starke innere, persönliche und konkrete Motivation, den Weg zu gehen. Diese Motivation sollte sich nicht primär auf äußere Umstände und Faktoren beziehen, sondern auf etwas, was mich innerlich im Herzen erschüttert und berührt.

 


Vor ein paar Tagen hat eine Freundin meinen inneren Antrieb so formuliert: "Du hast den Schmerz zu deinem Freund gemacht!". Ich hatte ihr das Geheimnis anvertraut, was es in Wahrheit ist, was mich morgens auf dem Meditationskissen bewegt, nicht innerlich einzuschlafen und einfach so vor mich hinzuleben.

Und ich gebe ihr Recht: Mein Weg lebt vom Schmerz und der Motivation, alles dafür zu tun, dass er endet - sei es für mich und andere. Welche Art von Schmerz gemeint ist, das könnt Leser auch immer wieder aus meinen Blogbeiträgen heraus spüren oder lesen.


Weil ich intensive Erfahrungen von Schmerz in meinem Geisteskontinuum trage, richten sich meine ganz konkreten Fragen und Wünsche auch immer wieder auf den Schmerz und so ist der Schmerz mein Fokus und mein Wachmacher. Und hier rede ich nicht vom formellen Sprechen von allgemeinen, buddhistischen Gebeten, sondern davon, dass ich mich immer auf mich und mein Leben beziehe. Jede spezifische und konkrete Frage bekommt eine spezifische und konkrete Antwort, habe ich erfahren. Je persönlicher und konkreter, desto effektiver lautet die Antwort und desto effizienter ist der Weg.

Meine Einsichten in vielfältige Formen des Leids auch anderer Wesen, die ich im Zuge meines Wünschens und Fragens erhielt, wecken mich jeden Morgen dazu auf, mich nicht mit Oberflächlichkeiten und Allgemeinplätzen zufrieden zu geben. Aber auch, mir und meinem Weg der Erfahrungen in diesem Metier täglich Respekt und Ehre zu erweisen und weiterzumachen.

Einer Sache bin ich mir sicher: Ich bin noch lange nicht da, dass ich die Leiden, die zu kennen mich täglich zutiefst erschüttert und bewegt, verhindern oder effektiv beenden könnte... so ist auch noch lange kein Ende meines Reisens abzusehen.


Also: Auf geht's! ;-)

Solange uns das starke, innere, freudige "Ja!" nicht deutlich spüren lässt, dass wir am Ziel angekommen sind,  lass' uns bitte weiterziehen, mein Freund! Treffen wir uns doch unterwegs und reisen ein Stück gemeinsam weiter. Zusammen geht es sich leichter... Egal, wie lange es dauert... 










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