Über Integration des Dharma, Mitgefühl und Respekt

Aufgepasst: Vielleicht ist das Folgende eine wahre Geschichte - vielleicht auch nur die Ausgeburt meiner Phantasie. Das mag jeder von euch am Ende für sich entscheiden.

Zu Lebzeiten meines Wurzellehrers wurde mir Folgendes berichtet: Auf die Frage, ob es denn hier auch unsichtbare Wesen gäbe, wie lokale Gottheiten usw., antwortete er mit Ja, aber es wären nur wenige, weil niemand mehr an sie glaubt.

Was wäre, wenn es sie immer noch gäbe? Was wäre, wenn sie sich einfach nur in höhere Sphären zurückgezogen hätten? Jedoch nicht, weil niemand mehr an sie glaubt, sondern weil vor Jahrhunderten schon der Bund gemeinsamen Zusammenlebens zwischen Menschen und unsichtbarer Wesen gebrochen wurde? Was wäre, wenn sich diese Wesen dennoch nach einem gesunden Miteinander sehnten und danach, respektierter Teil unserer Welt zu sein?

Was wäre, wenn sie Hoffnung schöpften, dass die guten alten Zeiten wieder auf einem neuen Niveau beginnen könnten - gerade weil im tibetischen Buddhismus die schamanische Bön-Kultur erfolgreich integriert wurde und auch hiesige unsichtbare Götter und andere Wesen, für die wir hier schon gar keine Namen mehr haben, sich nach dem Dharma sehnen? Denn sie leiden seit Jahrhunderten unter Krieg, Verfolgung, Zerstörung ihrer Welt und dem Vergessen.

Stell dir doch einmal vor, wie sie also Hoffnung auf Hilfe schöpften, zugleich aber vorsichtig und skeptisch sind und wie sie sich Menschen nähern, die die Fähigkeiten besitzen, sie wahrzunehmen ...

Die langlebigen Götter und Halbgötter haben nicht vergessen, was in Europa einst im Mittelalter geschah, als die Kirche sich erdreistete, den alleinigen Anspruch auf Wahrheit und Überleben an sich zu reißen und ganz Europa mit Hilfe der Inquisition in Brand zu setzen. Jeder Mensch, der die Gabe der Kommunikation mit geistigen Welten besaß, wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt - und das waren insbesondere Frauen. 

Der Begriff des Schamanen, wie er heute dank anthropologischer Forschung Verbreitung fand, war damals in unseren Breiten unbekannt. Man sprach von Hexen und Hexern und ihre Fähigkeiten wurden verteufelt und per se zu etwas Schlechtem erklärt. Dass sie die Gabe der Heilung besaßen, weil sie in Harmonie mit der Natur und der sie beseelenden Wesen standen, wurde von der Kirche nicht anerkannt. Überleben durfte nur das, was im Namen des Herrn für richtig erkannt wurde. Und wenn Hildegard von Bingen nicht immer wieder beteuert hätte, eine treue Christin zu sein - wer weiß, ob wir heute noch von ihrem Wissen über Pflanzen und Kräuter profitieren könnten ...

Die ältesten der Götter und Naturwesen, die heute noch leben, erinnern sich gut daran.

Das Verrückte an der europäischen Geschichte aus Sicht der unsichtbaren Wesen ist eigentlich, dass so vieles, was die Kirche als das Gute verkaufte, Tod, Zerstörung und ungewollte Isolation für sie brachte.

Auch diese Wesen haben Ehre, Anstand, Gewissen und einen Sinn für ihre Traditionen, die, ebenso wie sie selbst, viel langlebiger sind, als die der Menschen. Diese Traditionen sind nicht weniger gebunden, an die Echtheit und Wahrheit in ihren Herzen, als unsere. Sie streben nicht weniger danach, der grundlegenden Ethik in ihren Herzen die Ehre zu erweisen, als wir. Und sie möchten dafür akzeptiert und respektiert werden.

Dass die Inquisition gerade in den unsichtbaren Welten großes Leid brachte, verstehen wir Menschen nicht, seitdem der damalige Krieg uns mit der wahnsinnigen Selbstüberschätzung nährte, wir seien der Mittelpunkt des Universums und dürften die Erde ausbeuten, wie es uns passt. Infolge dessen wurde nicht nur die Natur sinnlos ausgebeutet und zerstört, sondern diese unsichtbaren Wesen, für die wir keine Namen mehr haben, wurden ihrer Wohnorte und ihrer Kinder beraubt. Ja, seit damals grassiert das auch für die unsichtbaren Wesen unerklärliche Phänomen, dass über Nacht ihre Kinder verschwinden. Also blieb ihnen nichts anderes, als die Verbundenheit zur Mutter Erde aufzugeben und in höhere Sphären  umzuziehen. Doch die Hoffnung, dort ihre Kinder vor dem Verschwinden zu bewahren, erfüllte sich nicht.

Hat jemand von euch auch nur annähernd eine Vorstellung, was das für unsägliches Leid über diese Wesen brachte?

Sie suchen nach einer Lösung, nach Frieden, Harmonie und dem Recht, leben zu dürfen. Und so schöpften sie Hoffnung, dass vielleicht jenes Volk, das mit dem Zusammenleben mit unsichtbaren Wesen über Jahrhunderte vertraut ist, Antworten und Lösungen für sie zu bieten hätte. Schließlich hatten sie gehört, dass auch so viele ihresgleichen zu Buddha Shakyamunis Zeiten schon genauso zu dessen Füßen saßen und seinen Worten lauschten, wie Menschen. Welcher Christ hätte über seine Religion schon jemals so etwas gehört? 

Wer unter einem solchen Leidensdruck steht, dessen Hoffnung auf Linderung der Jahrhunderte alten Schmerzen ist unermesslich groß. Und wenn diese enttäuscht werden, so ist die Abwehrreaktion ebenso unermesslich stark. Weil für sie die Erinnerung an die im Mittelalter einsetzende Dunkelheit noch so frisch ist, werden sie dieses Mal eine Vereinnahmung genauso wenig dulden, wie erneute Vertreibung.

Sie stehen im Zwiespalt, eigentlich Vertrauen investieren zu wollen und zugleich ihr Volk schützen zu wollen. Sie sind bereit, um ihres Überlebens Willen Neues zu wagen. Manches Mal sind sie schon bereit gewesen, etwas von dem wenigen Terrain dieser deutschen Erde, auf das sie sich zurückgezogen haben, auch dem Buddhismus zur Verfügung zu stellen. Ja, hier lassen sie durchaus mit sich reden und führen Verhandlungen. Mancher Vertrag konnte so geschlossen werden und der Schaffung von Dharma-Zentren wurde mancherorts zugestimmt. 

Doch wehe dem buddhistischen Lehrer, der meint, er könne machen, was er will und solche Verträge missachten oder brechen. Wer in der inneren Haltung der Selbstüberschätzung hierher nach Deutschland kommt, weil er meint, er sei ein Nachkomme von Padmasambhava und könne tun, was ihm beliebt. Der denkt, er könne hier in Europa wie ein Berserker hausen und im Stile der Inquisition alles nieder walzen, was nicht nach seinem Kopf geht. Der hat wohl vor allem seinen Padmasambhava deutlich missverstanden!

Wer sagt denn - und wo lässt sich der Gang dieser Geschichte wirklich nachvollziehen - dass Padmasambhava alle unsichtbaren Wesen bekämpft hätte und unter seinen Bann gestellt hätte, weil er stärker war, als alle anderen örtlichen Wesen zusammen? Wenn dem so gewesen wäre, gäbe es keinen tibetischen Buddhismus. Stattdessen wäre der Buddhismus in Tibet deckungsgleich mit der indischen Kultur geworden und keine lokale Tradition und kulturelle Vereinbarung hätte jemals im tibetischen Buddhismus Fuß gefasst.

Wenn also ein buddhistischer Rinpoche glaubt, er könne hier in Deutschland durch herrisches und gebieterisches Auftreten uns diktieren, wie wir Dharma zu integrieren hätten, dann zettelt er einen Krieg an.

Wie ich schon in früheren Beiträgen schrieb, hat jedes fühlende Wesen ein gesundes, liebevolles Herz. Und alle fühlenden Wesen spüren, wann sie belogen und betrogen und versklavt werden sollen. Empörung, Gegenwehr und zunehmende Aggression sind eine verständliche und natürliche Reaktion, die auf der gefühlten Wahrheit beruht, dass es hier jemand nicht gut mit ihnen meint.

Jeder von uns spürt die Abwesenheit von Verständnis, von Mitgefühl, von Respekt und den Schmerz, der daraus entsteht, nicht gesehen, nicht gehört und nicht geschätzt zu werden. Warum sollten die fühlenden Wesen der unsichtbaren Welt hier anders sein? Nach den Lehren des Buddhismus sind wir uns in diesen grundlegenden Bedürfnissen alle gleich.

Wenn also ausgerechnet ein Vertreter des tibetischen Buddhismus meint, er müsse nicht kooperieren, weil er die universale Wahrheit, die im Buddhismus steckt, als Waffe benutzt, um andere zu knechten, so kann ich darüber einfach nur den Kopf schütteln und sagen: Dann ist es richtig so, dass diesem Rinpoche Hindernisse widerfahren.

Einen solchen Rinpoche will auch ich hier in Deutschland nicht haben. Ich will ihn nicht haben, wenn er uns nicht kennenlernen will, wenn er nicht einmal Interesse zeigt, unsere Sprache vernünftig zu verstehen und zu sprechen, wenn seine einzige Erläuterung zu Fragen, warum etwas so und nicht anders gemacht wird, lautet: »In Tibet macht man das so.« Sind wir hier in Tibet?

Ich will ihn nicht haben, wenn er nicht einmal genug Bildung zu haben scheint, um wenigsten so weltmännisch zu sein, der eigenen Tradition des Nicht-Sektierertums sein Haupt in Respekt zu beugen. Ich will ihn erst recht nicht haben, wenn er auch noch anfängt, von »Dharma-Politik« zu sprechen. Denn dann begibt er sich auf historisches Glatteis: In Europa nannte man das einst »Kirchen-Politik«.

Wenn dieser Rinpoche dann noch behauptet, wir hätten keinen Respekt und keine Ahnung von Dharma und nur er wisse Bescheid, dann setzt das dem Ganzen nur die Krone auf. Wer hier offenbar aus den dramatischen Ereignissen in dem Land, aus dem er stammt, nichts gelernt hat, sind ganz offenkundig nicht wir. Gerade wir Deutschen nicht.

Wenn schon ich, als Mensch, nichts dergleichen bereit bin, zu dulden - wie sollte es dann ausgerechnet jenen Wesen ergehen, die schon so viele Jahrhunderte ungehört und in Verbannung hier in Europa leben und nach einem Weg suchen, endlich wieder dazuzugehören?

Ich kann über so viel Dummheit und Selbstüberschätzung nur den Kopf schütteln. Manchmal macht es mich wütend, manchmal traurig - und da bin ich wohl von den Gefühlen dieser anderen Wesen nicht sehr weit entfernt. Und ich erweise genau diesen Wesen hier meinen herzlichen Respekt, indem ich ihnen heute eine Stimme gebe.

Soll sich die Hoffnung dieser Wesen, einstmals wieder mit Mensch und Natur, die sie bevölkern, zu harmonieren, tatsächlich nicht erfüllen? Um den Dharma als Weg auch ihrer Befreiung in ihr Leben und ihre Welt integrieren zu können, brauchen diese Wesen, für die wir in Europa keine Namen mehr haben, genauso Lehrer, wie wir Menschen. Lehrer - und keine Despoten.

Wir brauchen jemanden, der unsere Befindlichkeiten verstehen will und den Punkt in unseren Sichtweisen, Traditionen und Herzen findet, an dem die Essenz des Dharma wirklich einrasten kann. Dafür müssen die Grundlagen des Dharma gelehrt und nicht nur Rituale übernommen werden.

Wir brauchen wieder Vermittler zwischen Menschen und den unsichtbaren Wesen. Sie sind jederzeit bereit, mit uns zu kooperieren und in positive Resonanz zu gehen. Das, was sie als wahr und richtig erkennen können, weil sie es geprüft und ausprobiert haben, sind sie auch bereit, zu unterstützen. Sie wollen vertrauen, sie wollen verstehen, sie wollen Befreiung. Dazu muss man sich nur voller Mitgefühl und Respekt zu ihnen hin neigen - und nicht selbstgefällig auf einem erhöhten Sitz hocken und Unterwerfung erwarten.

Und falls ein solcher Rinpoche meint, er könne jetzt über ganz Europa seine tibetischen Gottheiten verteilen und allen anderen den Krieg erklären, dann hat er leider auch nichts von Kalachakra verstanden.

Kein Buddha würde jemals so respektlos oder herzlos gegenüber irgendeinem Wesen sein.

Nun bleibt es jedem Leser selbst überlassen, ob er dies für die Wahrheit hält - oder für eine unglaubliche Geschichte, die einem verrückten Geist entsprungen ist.  ;-)

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