Kooperation und positive Resonanz

Wenn das Ego nicht in Beziehungen zu unseren Mitmenschen involviert ist, streben wir automatisch nach Kooperation und positiver Resonanz. Wir begegnen einander auf Augenhöhe und sind bereit, eine grundlegend gute Motivation im anderen anzunehmen, bei allem, was er oder sie tut.

Wenn das Ego nicht involviert ist, begegnen wir einander wirklich offenherzig. Wir sind neugierig, bereit zu geben, aber auch zu nehmen. Wir vermuten nicht hinter jedem Busch einen Verbrecher und kennen keinen Neid, dass der andere etwas besser kann oder besser weiß. Im Gegenteil: Wir würdigen das, was der andere besser kann, denn wir wissen, dass wir in Kooperation voneinander profitieren werden.

Wirklich in positive Resonanz zu gehen, bedarf vielleicht etwas Übung, denn diese lebt davon, sich auf das Positive so freimütig auszurichten, dass es uns gelingt, dieses Positive wechselseitig zu potenzieren.

Viele betrachten eine solche Ebene des Miteinanders als idealistisch, wenn nicht gar utopisch. Denn ein solches Miteinanders bedarf wirklich bedingungsloser Liebe und wirklichen Vertrauens. Einfach so, oft genug ohne vorher einen Beweis dafür erhalten zu haben, dass dieses Vertrauen nicht enttäuscht und die Liebe nicht ausgenutzt wird, zum Vorteil eines einzeln Gebenden.

Ich bin so eine Idealistin, die einzig diese Ebene des Kooperierens und des sich gegenseitig positiv Stärkens und Verstärkens als anstrebenswert erachtet. Diese Ebene ist der Ebene von Macht und Kontrolle meilenweit überlegen, weil sie einzig zu "win-win"-Situationen führt.

Ich glaube fest daran, dass in uns allen diese Ebene als ursprünglichste und vertrauteste Ebene des Seins fest programmiert ist. Doch diese in dieses Leben hinein zu entfalten, erfordert, sein Herz wieder zu finden, zu entdecken und ein festes Commitment mit diesem einzugehen. Das feste Commitment, den eigenen Gefühlen zu trauen und ihnen zu folgen, anstelle nur den Worten und Regeln, die wir irgendwann einmal erlernt haben. Denn das Fühlen ist das Herzstück des eigenen inneren Erlebens. Und das innere Erleben ist das, was allem in unserem Leben Sinn gibt - ich nannte es daher auch "das Maß aller Dinge".

Wirklich positive Resonanz entsteht nur über das Fühlen. Wenn das positive Fühlen alles begleitet, was wir tun - auch unsere Worte, die wir mit anderen wechseln, entsteht Kooperation. Die Frequenz des positiven Fühlens ist untrügerischstes Indiz beginnender Kooperation. Und an uns liegt es, wenn wir am Beginn einer positiven Resonanz zu jemand anderem diese Kooperation nähren, wachsen lassen und uns ihr mit Haut und Haaren anvertrauen - oder sie wieder verwerfen.


Zugegeben, meine Erfahrungen mit positiver Resonanz sind nicht sehr idealistisch, wenn ich betrachte, wie selten diese Erfahrungen sind. Weil sie so sehr unserem wahren Herzen entsprechen, sind sie mir die kostbarsten Begegnungen. Beziehungen, die auf dieser Ebene atmen, werde ich in meinem Herzen bewahren, über alle Entfernungen und Zeiten hinweg.

Und solche Beziehungen der positiven Resonanz zu verwerfen, kurz, nachdem man sich auf dieser Ebene begegnet und berührt hat, ist viel einfacher, als sie zu nähren. Denn wir alle wissen, was in unserem Kopf los ist. Wir sind darauf geschult, den inneren Text oder die Wortwahl des anderen viel wichtiger zu nehmen, als unser Herz zu öffnen, um mit dem Fühlen in Resonanz zu gehen, das diesen Menschen und seine Worte begleitet.

Ich erinnere mich, wie sehr ich in meiner Jugend darunter gelitten habe, dass die meisten Menschen nicht fähig waren, diese Fühlsprache zu bemerken. Wie oft endeten herzlich gemeinte Kontakte in einem Streit über Worte, auch innerhalb der Familie, weil ich Worte gebrauchte, die das Gegenüber nicht hören wollte. Wie oft quälte ich mich damit herum, die richtigen Worte finden oder mich für die falschen Worte rechtfertigen zu müssen. Und dabei ging so viel verloren - so viel Wichtigeres. Doch damals hatte ich für das, was verloren ging, eben auch keine Worte.

Viele fühlten sich von mir sogar verbal in die Ecke gedrängt, weil ich nichtdestotrotz, dass Worte mir nicht die liebste Ebene sind, niemals um Worte verlegen war. Dass ich nicht die Motivation hatte, jemanden in eine Ecke zu drängen, das spürte manches mir wichtige Gegenüber nicht.

Ja, selbst wenn ich eine noch so gute Motivation hatte, in Kooperation zu gehen, fand das beim Gegenüber nicht immer Erwiderung. Nicht jeder findet diese Ebene der positiven Augenhöhe in sich. Nicht jeder kennt sie und nicht jeder weiß, wie sie zu betreten ist.


Es gibt zwei Verhaltensweisen des Gegenübers, die ich häufig erlebte und die stets an wahrer Kooperation vorbei führten. Beide scheitern bereits an der Tatsache, dass das Gegenüber nicht offenen Herzens ist. Auf dieser Ebene sieht der andere entweder in mir Freund oder Feind - und zwar zu ganz klar definierten Bedingungen. Nimmt er mich als Freund wahr, ist dies stets geknüpft an bestimmte Erwartungen, dass ich diese Freundschaft stets wieder neu unter Beweis stelle, indem ich mich genau dieser Bedingungen gemäß verhalte.

Tue ich nicht alles gemäß der Erwartungen des anderen, gibt es Diskussionen, die Beziehung wird ständig in Frage gestellt, weil ich mich nicht genau so verhalten habe etc. Leider funktionieren auch viele Partnerschaften und Liebesbeziehungen auf diese Art und Weise und ich frage mich oft, was daran gut ist. Eine solche Beziehung ist nicht mehr als eine Zweckgemeinschaft, die regelmäßig in einen Krieg um Wissen und Ressourcen mündet und man nach erneutem Schulterschluss ständig neue Bedingungen aushandeln muss, mit denen beide bis zum nächsten Krieg eine zeitlang leben können.

Diejenigen, die in mir einen Freund erwarten, selbst aber ihr Herz nicht völlig öffnen, schätzen sehr, dass ich fähig bin, in positive Resonanz zu gehen, denn sie wissen, dass ich sie nie im Regen stehen lassen würde, wenn sie mich brauchen. Und sie genießen es, dass ich oft genug - im Gegensatz zu ihnen - eben keine Bedingungen stelle. Dass eine solche Beziehung nicht ausgeglichen ist, liegt auf der Hand. Letztlich habe ich nämlich nur Chancen auf manchmalige Kooperation, wenn ich die Bedingungen des anderen genau nach dessen Vorstellungen erfülle - ob mir das gefällt, oder nicht. Dies ist eine sehr unruhige, unausgeglichene Art der Beziehung, die meinem Herzen keinen Freiraum lässt, auch mal bedingungslos leben und reagieren zu wollen. In einer solchen Beziehung ist es unsicher, wann das nächste Gewitter heraufzieht, denn ich vergaß zu erwähnen, dass eine der Bedingungen für Kooperation seitens des anderen oft ist, Gedanken lesen zu können ;-).

Und es gibt noch solche Beziehungen, wo das nicht offenherzige Gegenüber Freundschaft generell damit verwechselt, seine Freunde / Angehörigen / Mitmenschen wären dafür da, ihm bedingungslos zu dienen. Diese Menschen haben nicht nur kein offenes Herz, sie sind auch vollständig unter dem Bann des Egos und richten alle ihre Aktivitäten auf Macht und Kontrolle aus. In diese Kategorie zählen für mich, als Buddhistin, übrigens auch alle ungesunden Beziehungen zu einem geistigen Lehrer. In einer solchen Beziehung glaubt dieser Machtmensch, dass er das Recht hätte, maßlos von mir als seinen Schüler / Unterstützer / Freund / Angehörigen / Mitmenschen zu nehmen und das, was er dafür gibt, ebenso maßlos zu überschätzen. Dieser Mensch beansprucht für sich, etwas besser zu können oder zu wissen als ich und besteht darauf, dass ich ihm dafür Anerkennung zolle.


Schlimmstenfalls ist ihm jeglicher Sinn für kritische Selbstprüfung abhanden gekommen oder er meint, Selbstprüfung nicht mehr nötig zu haben. Er bildet sich ein, aufgrund seiner Stellung in der Familie, in der Gesellschaft, in der Firma, im Verein, aufgrund seiner Leistungen in der Vergangenheit oder seines Titels per se Respekt verdient zu haben, egal wie er sich benimmt. Vielleicht hält er schlechtes, ungeduldiges und herrisches Auftreten sogar für sein Vorrecht aufgrund seiner Machtposition. Typisch für einen solchen Menschen ist nicht nur sein verschlossenes Herz, sondern dass er anderen vorhält, sie seien nicht offenherzig, gütig, freigiebig und sie wüssten nicht zu schätzen, was er alles für sie tut oder getan hat. So versucht er seine "Freunde" oder "Angehörigen" emotional zu erpressen und sie dazu zu zwingen, dass sie genau das zeigen, was er haben will: Gehorsam.

Eine solche Beziehung einzugehen, kommt für mich kategorisch nicht in Frage. Dieser Ebene entziehe ich mich stets auf die eine oder andere Weise. Das heißt nicht, dass ich jede Beziehung zu einem solchen Menschen verweigere - ich vermeide aber sehr bewusst diese Machtebene und lasse mich nicht instrumentalisieren.

Und manchmal kann es passieren, dass dann genau so eine Beziehung umschlägt, in Feindschaft. Dann werde ich dafür bestraft und abgewiesen, dass ich das Monopol der Macht und des Wissens eines solchen Menschen in Frage stelle oder nicht anerkenne.

Was die Ebene des Herzens von diesen Spielchen unterscheidet, ist zum Beispiel der echte Hang zu unverbrüchlicher Treue und der Wunsch, das Vertrauen und die Liebe, die mir vom Gegenüber entgegen gebracht wurde, nicht zu verraten. Das mag nicht immer einfach sein, aber zumindest ist man sich darin einig, genau dies von Herzen anzustreben.

Die Ebene der Kooperation und des positiven Miteinanders ist bedingungslos und Raum gewährend. Ein unerwartetes Verhalten des Gegenübers wird nicht als Bedrohung der Beziehung erlebt, sondern als Wunsch, sich gemäß der eigenen, grundlegend guten Herzenswünsche zu verhalten, zu leben und weiter zu entwickeln.

Eine Herzens-Beziehung lebt von einer natürlichen Anziehung der Herzen und der echten Gewissheit, dass der andere genau so, wie er ist, richtig und wunderbar ist. Wenn manches, was der andere tut, mir als Umweg erscheint, so lasse ich Raum für diesen Umweg, weil ich respektiere, dass der andere sich nach allem Für und Wider eben letztlich genau für diesen Weg entschieden hat.





Kommentare

  1. Liebe Josephine,
    herzlichen Dank für diese Ausführung und das gleich zu Anfang des Jahres, denn die Geschenke für mich darin: Motivation und Bestätigung.

    Beate

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    1. Liebe Beate,
      ich freue mich sehr, dass ich dir etwas schenken konnte, von dem ich gar nicht wusste, dass es für dich ein Geschenk sein würde ;-)

      Vielen Dank auch für dein Geschenk, mir gleich Feedback zu geben, denn damit gibst du mir genau das auch zurück: Motivation und Bestätigung.

      Herzliche Grüße
      Josephine

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