Wenn alles erlaubt ist, was menschlich ist...

Wenn Meditation wirklich fruchten soll und uns tatsächlich mit unserem Inneren authentisch in Kontakt bringen soll, dann brauchen wir einen Schutzraum, in dem alles erlaubt ist. Ich brauchte viele Jahre, um mir diesen Raum wirklich vorbehaltlos zu gewähren.

Von diesem Moment an, wo ich diesen Raum zuließ, begann sich meine Welt komplett zu verschieben: Ich driftete weg von meinem jahrelangen, mich quälenden Bemühen, den Ansprüchen meines Umfeldes, der Familie, der gesellschaftlichen und kulturellen Erwartungen zu genügen - hin zu einem unersättlichen Wunsch, mir grundlegendes Gutsein und grundlegende Gesundheit zu erlauben sowie andere dazu zu ermuntern. Und von dieser Grundlage aus gestattete ich mir auch irgendwann eine gänzlich andere Idee davon, wie mein Leben zu verlaufen hat. Mit diesem Ankommen bei mir, stellte sich zunehmende innere Leichtigkeit ein.


Meine Voraussetzungen, unter denen ich Kind war, waren sehr weit entfernt davon. Dass dies nicht anders sein konnte, reicht weit zurück in die europäische Geschichte. Und dass ich dies heute so sehen kann, liegt vor allem daran, dass ich mir erlaubt habe, alle unterdrückten Empfindungen sich zeigen und alle daraus in den Zellen meines Körpers angestauten Energien sich entladen zu lassen. Größtenteils innerhalb dieses inneren weiten Schutzraumes, manchmal aber auch mit spürbaren Auswirkungen auf die Menschen in meinem Umfeld.

In meiner Kindheit fühlte ich mich von früh an bestraft dafür, wenn ich heftige Emotionen, insbesondere so genannte "negative" Emotionen zeigte. Für ein Kind ist es normal, dass es lautstark in Tränen ausbricht, wenn es Schmerzen fühlt. Doch ich lernte anhand der Reaktionen meiner Mutter und meiner Familie, beispielsweise auf mein Weinen, dass ich schlecht bin und Weinen nicht erlaubt ist.

Ich wurde weggeschickt, wenn ich weinte und mir wurde der Auftrag erteilt, mich zu beruhigen. Vorher brauche ich gar nicht wiederkommen. Weinte ich aufgrund des Gefühls, dass mir jemand aus der Familie weh getan hatte und wurde ich danach weggeschickt, verfestigte sich in mir zunehmend die Annahme, dass mir Recht geschieht. Ich kannte es nicht, in für mich entsetzlichen Momenten getröstet zu werden. Ich kannte es nicht, dass mir jemand sagte, es tut ihm leid, was er mir gesagt oder getan hatte. Das unangenehme Ereignis wurde dann, wenn ich mich beruhigt hatte, einfach nicht mehr erwähnt. Alle dieser "Zwischenfälle" wurden, meiner Wahrnehmung nach, tot geschwiegen. Dabei hätte ich es dringend gebraucht, im Nachhinein noch einmal darüber zu sprechen.

Da ich absolut abhängig von meiner Familie war - wie jedes Kind -, versuchte ich früh, gewünschtes Verhalten zu zeigen. Ich lernte, meine wahren Empfindungen zu unterdrücken und ein gutes Gesicht zu allem zu zeigen, was von mir erwartet wurde. Ich hatte damals nicht den Hauch einer Vorstellung davon, dass diese Tyrannei, der ich mich begann, zu unterwerfen, aus der eigenen Hilflosigkeit und Unkenntnis der Beteiligten, ihren Gefühlen gegenüber, geschah. Denn der Umgang mit Gefühlen in unserer Gesellschaft gehörte damals nicht zur Erziehung.


Was dies in mir verursachte, lässt sich am besten mit dem Wort "Selbstkasteiung" beschreiben. Ich entwickelte schon sehr früh eine Instanz in mir, die stets ein wachsames Auge auf meine Äußerungen und mein Verhalten hatte. Ständig glich dieser Anteil in mir ab, ob mein Verhalten richtig oder falsch, gut oder schlecht war. Ich konnte mich nur in dem verlieren, was ich liebte, wenn ich ganz allein war. Befand sich eine weitere, mir nicht nahestehende Person im Raum, erstarrte ich innerlich und wurde mucksmäuschenstill. Ich wagte nicht zu sprechen, noch sonst etwas zu tun. Und ich erlaubte anderen in diesem Zustand, mit mir zu machen, was sie wollten. Ich unterdrückte jede Empfindung, dass mir etwas unangenehm ist.

Somit verlor ich nach und nach meinen inneren Raum, in dem ich mich hätte selbst spüren und erleben können. Ich lernte, andere mit ihren Vorstellungen und Ansprüchen permanent über meine persönlichen Grenzen gehen zu lassen. Und ich fühlte mich insbesondere von Kritik oder Ideen anderer, was gut für mich ist, zutiefst verunsichert.


Als sich in meiner Jugend die Wut, die natürlicherweise daraus erwächst, niemals ich selbst sein zu dürfen, ab und an zu entladen begann und ich mich dagegen wehrte, bestraft zu werden, wenn ich Gefühle zeigte, eskalierte alles in einem Machtkampf. War es früher nur nicht erlaubt gewesen, dass ich herzhaft weine oder gar harmloses Interesse an Dingen zeige, die andere Leute meinen, dass sie mich nichts angingen, traf mich jetzt die volle Wucht der Aggression, weil ich wütend war und mich wehrte. Jetzt war es eine Frage der Macht, ob das Mädchen sich über die Mutter, den Vater oder den älteren Bruder erhob. Und das war seit Generationen nicht erlaubt.

Wer kennt nicht den allseits beliebten Spruch der Eltern gegenüber ihren Kindern: "Solange du deine Füße unter meinen Tisch steckst, machst du, was ich dir sage." Ich füge gerne ergänzend hinzu: "Und wenn du trotzdem nicht machst, was ich sage, ist der Rest der Familie und ich immer noch in der Mehrzahl, um dir zu zeigen, wo du hingehörst". Selbst, wenn dies selten verbalisiert wurde, benennt dies genau das, was ich  damals fühlte.

Allianzen wurde gegen mich gebildet, um mich mit Macht zum Schweigen zu bringen. Und je mehr Leute gefunden wurden, um gegen mich und mein impertinentes Auftreten zu sein, desto erfolgreicher ließen sich meine Gefühlsäußerungen abschmettern.


Das war psychische Gewalt, die ich in Kindheit und Jugend erlebte. Ich erlebte, dass jede lebendige, spontane Äußerung von mir sofort gewertet und, wenn als böse oder schlecht verurteilt, abgewiesen wurde.  Akzeptiert wurde nur Freundlichkeit, Zurückhaltung und Gehorsam sowie die Bereitschaft, sich von allen anderen belehren und mit guten Ratschlägen versehen zu lassen. Um diese Aggression mir gegenüber zu vermeiden, versuchte ich, größtenteils unsichtbar zu werden.

Diese stillschweigende Vereinbarung sich wirklich bewusst zu machen, war für mich unerträglich. Und so tat ich das, was die menschliche Natur immer tut: Ich verdrängte vollständig, dass dies Gewalt war, was ich erlebt hatte. Und ich verdrängte vollständig die dunklen Seiten der Beteiligten, die mich gequält hatten, und ich lobte vor mir selbst und anderen ausschließlich ihre Vorzüge. Spürte ich einmal Abneigung oder Wut ihnen gegenüber, wertete ich dies immerzu nur als Anzeichen meiner eigenen Schlechtigkeit.

Und diese Kombination aus der erlernten Annahme, dass ich böse, schwierig und rechthaberisch bin sowie der vor mir selbst erzeugten Geschichte, dass meine Familie die beste der Welt und alle toll und heilig sind, brachte mich in sehr große Schwierigkeiten. Sie traten im Laufe der Zeit auf, nachdem ich mit Meditation und den Grundlagen des Buddhismus begonnen hatte.


Wenn wir uns mit den Grundlagen des Buddhismus befassen, lernen wir zuerst etwas über heilsame und unheilsame Taten. Damit konnte ich spielend leicht konform gehen, denn die Achtsamkeit auf das Gute und Schlechte, was ich täglich tue, war mir von kleinauf vertraut. Aufgrund meiner Geschichte sah ich das Schlechte sofort, das Gute selten.

Dies passte alles spielend in meinen Selbstverfolgungswahn: Ich konnte mich weiter kasteien, als schlecht. Ich konnte weiter mit Feuereifer nach dem Guten streben, das ich aber merkwürdigerweise auch nie erreichte.

Je mehr ich meditierte, desto mehr kam ich jedoch auch mit der Angst in Kontakt. Mit der grundlegenden Angst, die der Motor dieses Verhaltens war. Ich setzte mich jeden Tag unter Druck, erwünschtes Verhalten zu zeigen und so dem Stigma, ein schlechter Mensch zu sein, zu entkommen. Ich kannte kein Verzeihen, ich verurteilte jegliche Schwäche und ich ließ mir nichts durchgehen.


Irgendwann kam der Tag, an dem ich erkannte, dass ich meine buddhistische Praxis die ganze Zeit nur auf einer Form des Egos aufgebaut hatte. Zwar hatte ich mich aufgemacht, endlich mein "böses Ego" zu entlarven, doch in Wahrheit war es das böse Ego was das böse Ego finden und töten wollte. Denn das Böse in mir war schließlich Schuld, dass ich so oft mit Liebesentzug bestraft worden war. Also galt es, um jeden Preis mich vorbildlich zu verhalten, vielleicht sogar besser als alle anderen, um endlich geliebt zu werden.

Ich versuchte also eine gehorsame Buddhistin zu sein, um endlich von meiner Schlechtigkeit und Wertlosigkeit erlöst zu werden.

Ja, das ist auch eine Form von Ego.


Und diese Form von Ego determinierte sehr genau, was in mir, meinem Leben, der Praxis und auch dem Sitzen auf dem Kissen erlaubt war und was nicht. Diese Form des Ego terrorisierte meine Gefühle, meinen Geist und meinen Körper, im Wahn, alles unter Kontrolle zu haben und ein ehrenwertes Mitglied dieser Gesellschaft zu sein. Dieses "Ich" setzte alles daran, dass ich bestimmte innere Räume gar nicht erst wahrnahm, geschweige denn, betrat. Denn es wusste ganz genau, dass dadurch sein eigenes Lebenskonzept aufs Heftigste ins Wanken geriet.

Doch irgendwann flog einfach der Deckel von der "Büchse der Pandora". Durch die Meditation und meine Praxis ließ sich der Prozess weder aufhalten, noch stoppen. Und während ich durch unendliche Wüsten inneren Schlammes und Morastes watete, im anhaltenden Entsetzen darüber, was plötzlich alles an unterdrückten, starken Gefühlen aus mir hervorquoll, bemerkte ich, dass das "böse Ego" auf gar keinen Fall der richtige Fokus für mich und meine Praxis war.

Der überlebenswichtige Fokus war ein ganz anderer, nämlich zuerst der, nach einem inneren Gleichgewicht zu streben. Hatte jahrelang mein innerer Blick immer nur darauf gelastet, meine Fehler zu sezieren, zu werten und vor mir selbst an den Pranger zu stellen, galt es nun viel mehr, die Buddha-Natur für möglich und lebbar zu halten. Und um dazu fähig zu sein, musste erst einmal hervorkochen dürfen, was meine innere Wahrnehmung dieses grundlegenden Gutseins versperrte.

Alle Interessen des Egos dienen meiner Erkenntnis nach gesellschaftlichen Ideen und Konzepten, niemals jedoch der Entfaltung des Individuum. Bei egoistischen Tendenzen dreht sich alles um Macht. Und Macht wäre niemals erreichbar, ohne die klare, dualistische Aufteilung in "winner" und "loser". So gibt es immer nur zwei Rollen, zwischen denen wir innerlich ruhelos hin und her pendeln, wenn wir unter der Herrschaft des Egos stehen: Die Rolle des unterlegenen, schwachen Opfers oder vielmehr Verlierers und die Rolle des Täters oder Siegers. Diese beiden Seiten sind voneinander abhängig und streben immer wieder nach Ausgleich. Hat mich einer unterdrückt und über mich triumphiert, reagiere ich die Wut, die daraus entsteht, an anderen ab, indem nunmehr ich sie unterdrücke, usw.

So bin ich mir heute wohl bewusst, warum sich die Mitglieder meiner Familie mir gegenüber so verhielten. Das ist es, was in unserer Gesellschaft täglich gelebt wird. Es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um weltliche oder überweltliche Lebensweisen handelt. In meiner Wahrnehmung handelt es sich um einen bestimmten, psychologisch erklärbaren Rhythmus, der sich in uns verfestigt hat und der auch von religiösen Denkweisen genährt wird. Derjenige, der in einem bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhang ein Opfer von Gewalt ist, wird automatisch in einem anderen sozialen Zusammenhang zum Täter werden. Und vice versa.

Im Buddhismus wird auch von den acht weltlichen Dharmas gesprochen. Und diese bilden dieses Perpetuum Mobile sehr genau ab. Gewinn - Verlust, Freude - Schmerz, Lob - Tadel, Ruhm - Schande. Beide Seiten sind Wahrnehmungen und Wertungen des Egos. Und ich kann das Spiel nur verlassen, wenn ich alle Machtspielchen hinter mir lasse. Sich auf eine der beiden Seiten zu stellen, bedeutet immer, den Konzepten des Egos zu dienen.

Deshalb kam ich zu dem Schluss, dass ein wahrer Ausstieg aus diesem Perpetuum Mobile nur bedeuten kann, mit meinen bisherigen Überlebensstrategien aufzuräumen und meinen Fokus ganz und gar in die Tiefe meines Herzens und wahren Wesens zu verlagern.

Doch das gebrannte Kind scheut das Feuer. Und so schreckte ich zuerst vor jeder Berührung mit der inneren Dunkelheit zurück. Je mehr ich den Mut fasste, mich mir selbst zuzuwenden, desto mehr traf ich auf Empfindungen, die plötzlich nicht mehr dunkel und böse erschienen, sondern nur natürliche Folgen vernachlässigter Flucht- und Angriffsmechanismen sind. Jedes Säugetier hat sie. Doch nur der Mensch hat die irreführende Fähigkeit, sie mental überzuinterpretieren und zu verteufeln.

In diesem Zusammenhang spreche ich auch oft von vernachlässigten Bedürfnissen. Bedürfnisse sind ja nichts willkürlich Gewähltes, Erdachtes oder Erwünschtes. Bedürfnisse zu haben, ist eben nicht impertinent, sondern menschlich und überlebensnotwendig. Jemanden für das Vorhandensein von natürlichen Bedürfnissen abzuwerten, zu hassen und im Zuge dessen vielleicht sogar zu bestrafen - das ist Gewalt.

Ich hatte schon sehr früh begonnen, mir mein Bedürfnis, zu trauern, zu flüchten und Zuflucht zu finden, mein Bedürfnis nach Nähe und sozialen Kontakt, mein Bedürfnis nach Liebe und Fürsorge, aber auch der Gegenwehr, wenn ich mich vereinnahmt fühle, mein Bedürfnis, Gefühle zu zeigen und auszusprechen, zu verbieten. Alle diese Bedürfnisse brachten mich ständig in Gefahr, hatte ich erlernt. Ich hatte gelernt, alles dies zu unterdrücken, um zu überleben.


Und zeigten sich die durch die Natur unseres Menschseins gegebenen Reaktionen auf die Unterdrückung, wie Angst, Wut und Aggression, unterdrückte ich diese natürlich auch. Denn diese Folgen der Unterdrückung machten mir nicht nur Angst, sie setzen dem Ganzen noch eins drauf: Sie verursachten Panik und grenzenlose Schuldgefühle.

Als also die "Büchse der Pandora" sich öffnete, geriet ich innerlich in grenzenloses Entsetzen und tiefe Überforderung. Doch zugleich spürte ich etwas Neues, was dahinter oder darunter zu liegen schien. Ich spürte plötzlich die Chance, dies alles loszuwerden und mich frei, gesund und glücklich - also normal - zu fühlen. Je mehr ich dieses Aufblitzen in der Meditation bewusst wahrzunehmen begann, desto mehr schöpfte ich Hoffnung, dass der Schmutz aus dem Gefäß geleert werden kann und ich endlich verlässlich und unerschütterlich mit der inneren Sonne in Kontakt treten würde - jene inneren Sonne, die ich in frühester Kindheit noch gekannt hatte.

Deshalb steht bis dato ein Bild aus meiner Kindheit mit auf meinem Altar. Über sehr viele Jahre ist dieses Bild stets Platzhalter für mein wahres Wesen und authentisches Erleben gewesen und geblieben. Ein Reminder daran, mein Streben nach einem gesunden inneren Gleichgewicht nicht aufzugeben. Denn was von Natur aus und von Beginn an da ist, kann nicht zerstört werden und nicht wirklich verloren gehen.

Ich ließ mich mehr und mehr auf diesen Raum ein, der in der Meditationspraxis entstand. Dieses Einlassen auf diesen Raum und das innere Gewährenlassen, entlarvte meine Egostrategie, die bisher alles Streben in meinem Leben durchdrungen hatte. Und ich bemerkte, dass nicht das Bekämpfen dieses Anteils zielführend sein würde, sondern vielmehr das Fördern dessen in mir, was jahrzehntelang vernachlässigt geblieben ist.

Und dazu gehörte auch dieses grundlegende Vertrauen in mich selbst und mein Herz. Sowie die Erlaubnis, sich alles in mir zeigen zu lassen und alles spüren zu wollen, weil ja letzten Endes nichts wahrhaft beständig davon sein würde, als das grundlegende Gutsein selbst. Ich entschied mich für einen gehörigen Vorschuss an Vertrauen in mich und diesen inneren Raum, in dem alles erlaubt ist.

Indem ich mir auch die Erlaubnis gab, aggressiv und wütend zu sein und somit die Beschaffenheit von Aggression und Wut zu spüren, konnte ich die Ereigniskette meines inneren Erlebens zurückverfolgen. 

Ich begann in der Meditation einfach tiefer zu gehen, um zu spüren und zu erkennen, worauf und warum ich eigentlich wütend und aggressiv bin. Je mehr ich also die Ereignisketten rückwärts aufdröselte, desto mehr Affekte traf ich. Vor der Wut und Aggression traf ich auf Trauer und Schmerz, vor Trauer und Schmerz spürte ich das heftige Erschrecken, mich bedroht und im Stich gelassen zu fühlen.

Und dieses heftige Erschrecken und darauf folgende mechanische Totstellen, Flucht- und Verteidigungsverhalten kann entweder zu gesunder Lebensrettung oder eben auch zu einem Trauma führen. Genau genommen ist jede lebensbedrohliche Situation, ob physiologisch oder psychisch empfunden, ein Trauma. Doch ob ein Trauma gesund verarbeitet werden kann oder daraus eine Störung (z. Bsp. PTBS) entsteht, ist davon abhängig, ob wir natürlich darauf reagieren können, oder nicht.

Je mehr ich also in diesem Raum mit mir arbeitete, desto mehr erkannte ich meine bisherige Lebenseinstellung als brüchig und sah meine hilflosen Versuche, mit dem, was für mich traumatisches Erleben war, weiter zu leben. Ich lernte, dass meine bisherige Lebensweise mich auf die Dauer umbringen würde, denn sie war nicht auf der Wahrheit aufgebaut.

Gewalt nicht als Gewalt zu erkennen, sondern als gute Erziehung zu werten, ist eine Lüge. Wenn ich mir die Seiten meiner "guten Erziehung", die auf Gewalt und Machtansprüche beruhten, nicht bewusst mache, weil ich sie verkläre und das Negative daran nicht differenziert betrachten will, werde ich diese Lüge weiterleben und an die nächste Generation weitergeben. 

Die instinktive Weigerung, auch das Negative kritisch anzuschauen, haben wir in unserer Gesellschaft der seit Jahrhunderten verwurzelten Angst, Scham und Schuld, alle gemeinsam.
Wenn jedoch alles erlaubt ist und ein Schutzraum existiert, in dem alles betrachtet, klar unterschieden, ins richtige Licht gestellt und letztlich im eigenen Herzen Ruhe finden kann, dann werden wir Menschen, die wirklich wissen, wie wir Gewalt und egoistisches Machtstreben vermeiden können.

Eins kann ich sehr deutlich sagen: Hätte ich mich nicht so ausführlich auf meine Wut und Aggression eingelassen und die Ereignisketten verfolgt, könnte ich heute auch kein Mitgefühl mit meiner Kindheit, meiner Jugend und allen Beteiligten haben. In meinem Erleben ist es tatsächlich so, dass ich nur durch die Bereitschaft, mir die Bandbreite aller menschlichen Empfindungen und Mechanismen zuzugestehen, diese zu erforschen und kennenzulernen, heute zunehmend in der Lage bin, mich selbst anderen gegenüber gesund und fair zu verhalten.

Insofern ist mir manche buddhistische Unterweisung zu oberflächlich, wenn sie mich einschwören will, auf ethisches Verhalten und das sklavische Einhalten von Regeln, die keine Fehler erlauben und sofort mit karmischen Strafen drohen. Alles das wird uns nicht dazu verhelfen, uns selbst wirklich kennenzulernen, geschweige denn, etwas sehr Wichtiges zu Üben und zu verinnerlichen: Verzeihen - vor allem uns selbst und unserem inneren Erleben gegenüber.


Sind diejenigen für irgendein Übel verantwortlich zu machen, die sich nicht an die herzlos gepredigten Regeln halten? Oder ist Gegenwehr nicht vielmehr eine gesunde, natürliche Reaktion des Individuums auf diejenigen, die ohne Liebe sind?

Wäre ich nicht an den Punkt gekommen, wirklich zu verstehen, dass ich gar keine andere Möglichkeit hatte, als gegenüber aller erlebter Pein grenzenlos wütend zu werden, hätte ich mich weiter für meine Regelverstöße bestraft. Und dann wäre ich noch wütender darauf geworden, wieder bestraft zu werden. Und dann hätte das noch mehr Lebensenergie von mir verlangt, auf allen diesen starken Affekten den Deckel fest geschlossen zu halten.

So ist das, mit blindem Gehorsam Verhaltensregeln gegenüber, die wir von außen vorgeschrieben bekommen und die uns als Rettung verkauft werden - vielleicht sogar mit dem Argument, dass sie schon tausenden anderen Menschen zu Glück verholfen haben. Daher denke ich:

Ein egoistisch motiviert gelehrter, erlernter und gelebter Buddhismus ist Gift und kein Heilmittel.

Spätestens dann, wenn das Individuum erkennt, dass Erwartungen, Vorgaben  und Regeln nur mit einem Wunsch nach Macht und Kontrolle gelehrt und weitergegeben werden, jedoch nicht mit der dringlichen Herzensmotivation, jedem Individuum Hilfe zur Selbsthilfe zu geben und jedes Individuum von Herzen wertzuschätzen, egal wie es sich verhält, wird dieses unterdrückte Individuum natürlich mit Wut auf diesen Übergriff reagieren und sich wehren.  Liegt die Ursache der Wut dann tatsächlich allein bei der Bosheit und Schlechtigkeit dieses Individuums? Ganz sicher nicht. So zu argumentieren, dient wiederum nur Macht und Kontrolle, entspricht jedoch nicht der Wahrheit.

Kommentare

  1. Das EGO hat die Weltgesellschaft in der Hand. Seine Scheinbarkeit versteht es prächtig mit Emotionen auszustatten und wir halten es für wahr.
    Ehrlichkeit mit sich selbst, mir fällt das immer wieder schwer, führt in kleinen Schritten zu dem, was uns wirklich ausmacht. Ein schwieriger Weg mit Hindernissen und Fallen. Und doch..
    es tut gut den Weg zu gehen. Trotz der Schmerzen gibt es zwischendurch dieses Gefühl weiter gekommen zu sein. Einen besseren Sinn des Lebens kenne ich nicht.

    ein weiteres Mal "danke" für Deine Ausführungen, liebe Josephine.

    Herzlichen Gruß
    Beate

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    1. Liebe Beate,

      ja, gerade zu unterscheiden, was ist mein wahres, inneres Bedürfnis? Und was tue ich aus "Reflex", weil ich es durch Erziehung, Teilhabe an unserer Gesellschaft und deren unausgesprochene Gesetze und Erwartungen oder durch einen unverarbeiteten Schmerz glaube tun zu müssen? Das ist sehr schwer.

      Insbesondere, weil wir in dieser Welt ständig "zugetextet" werden und spontan und schnell zu entscheiden als "smart" gilt...

      Ich denke sehr oft, dass die Kraft und Arbeit, die aufgebracht werden muss, um unter diesen Umständen zu sich selbst zu finden und dem Herzen treu zu sein, unterschätzt wird. Insbesondere sensitive Menschen brauchen dafür mehr Kraft, da sie auch viel mehr Beeinflussungen bewusst mitbekommen und diese "aussortieren" müssen.

      Meine goldene Regel lautet: Ich tue nichts, solange ich keine Klarheit habe. Nicht immer gelingt mir das, weil der Sog des Wünschens und Wollens anderer sehr stark sein kann und ich mir nicht genug Zeit nehme.

      Normalerweise vermeide ich es, viel über dieses Ego zu schreiben, weil diese Benennung oft den Eindruck vermittelt, dass es eine Macht an sich ist, eine "Gegenmacht"sozusagen, gegen unsere wahren Bedürfnisse, füreinander da zu sein. Und im Buddhismus wird das Thema bis zum Umfallen ausgereizt, doch in einer Art, die diesem "Ego der Weltgesellschaft" dient, nämlich in dem Sinne, wie ich es beschrieb: Indem alle "Schuld" dem Individuum zugeschrieben wird und die Last der Verantwortung jedem einzelnen "in die Schuhe schiebt" (Entschuldige die etwas polemische Formulierung).Vergessen wird dabei das, was ich "Gruppendynamik" und "historisch gewachsen" nenne. Das kann ein sehr vereinseitigendes Bild zeichnen.

      Ein gesundes Gegengewicht bietet der Buddhismus auch - dies wären Unterweisungen zum "Gesetz des Abhängigen Entstehens" (12 Glieder des abhängigen Entstehens, die Lehre von der Leerheit) doch solche philosophische Erklärungen zu geben, ist eine Eigenart der Gelug-Schule in der tibetischen Tradition. Viele andere Traditionen lehren darüber seltener.

      Ich könnte darüber noch mehr schreiben, doch das führt hier zu weit und handelt wieder vom Thema, inwieweit asiatische Traditionen uns hier wirklich "abholen" können. Sie sind generell mehr auf ein Kollektiv ausgerichtet, als auf das Individuum - und die Frage, ob dies hier kompatibel ist, schlösse sich dem an...

      Liebe Beate, ich wünsche dir alle Kraft und alle Zuversicht, trotz aller Schwierigkeiten auf dem Weg zu deinem wahren Herzen niemals aufzugeben. Auch wenn es manchmal frustierend sein kann, damit oft allein zu stehen, so ist es doch das, was eben weg vom einzelnen Ich, hin zur Verbundenheit mit allem führt. Und weil dies die Wahrheit ist, bringt es so viel Erleichterung von aller Täuschung und Schmerz.

      Ich wünsche dir einen schönen, ersten Advent.
      Von Herzen,
      Josephine


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