Das Maß aller Dinge

Das Maß aller Dinge ist unser inneres Erleben. Nicht die äußeren Gegebenheiten und Stimuli sind entscheidend dafür, wie wir etwas wahrnehmen oder wie wir das Wahrgenommene deuten. Allein unser inneres Erleben, unser  Denken und das Verhältnis zu den diesem Denken zugrundeliegenden Empfindungen, unsere Erfahrungswerte, unser verinnerlichtes Wissen sind das Maß, mit dem wir jedes äußere Erleben messen. 

 Dies für mich erkannt und verstanden zu haben, ermöglichten mir langjährige Meditation und die Grundlagen des Buddhismus. Sicher wurden grundlegende Fragen zur menschlichen Wahrnehmung auch in philosophischen Kursen abgehandelt, die ich in der Universität besuchte. Doch wirklich zu begreifen, was das für mich, mein Leben, meine Werte und meinen Anspruch an mich und ans Leben bedeutet, lernte ich nur im Eigenversuch. Und Zutrauen in diesen Selbstversuch fasste ich durch buddhistische Grundprinzipien.

Ich schrieb im letzten Beitrag, dass ich dem Buddhismus und Meditation verdanke, dass es "mich" wirklich gibt. Im ersten Moment scheint das widersinnig zu sein: Ist es nicht der Buddhismus, der lehrt, dass wir frei von einem Selbst sind? Und dennoch habe ich mich genau durch solche Lehren, wie die vom nicht inhärent existenten Selbst erst gefunden. Durch meine Erfahrung mit meiner eigenen Wahrnehmung und den Abgleich damit, wie sie nach buddhistischen Prinzipien funktioniert, durfte ich endlich "ich" sein.

Selbst wenn ich mich einst mit dem aus der Unwissenheit über Buddhismus geborenen Vorsatz ans Meditieren machte, mein böses Ego auszumerzen, kam ich nämlich schnell auf eine ganz andere Spur. Ich lernte, dass es vollkommen in Ordnung ist, nicht so fest gefügt zu sein, wie im Westen gemeinhin ein Mensch mit "Persönlichkeit" gesehen wird.

Ich war erleichtert, zu erfahren, dass unser Denken und Empfinden empfänglich ist und mitschwingt, mit den Impulsen und Einflüssen, die auf diese einwirken. Ich war regelrecht beruhigt, als ich lernte, dass starkes Mitempfinden mit anderen eine Tugend ist - und keine Schwäche. Ich fasste Vertrauen in mich und mein Vermögen, im eigenen Körper nachzuempfinden, wie es anderen gerade zumute war, während sie mit mir sprachen.

Ich lernte, auf diese empathische Warnehmung zu vertrauen und manchmal traute ich mich, zu verbalisieren, was ich gerade mit dieser Person fühlte. Ich erfuhr dadurch mehr und mehr, dass viele Menschen ganz und gar getrennt sind, von ihren Gefühlen und es ihnen schwer fällt, in Kontakt damit zu treten. Ich versöhnte mich mit meiner starken Sensitivität und damit, gar kein starkes Ego - und somit auch keine "starke Persönlichkeit" im westlich propagierten Sinne zu sein. Das machte mich glücklich.


Ich lernte auch, dass die Kehrseite dieser starken Sensitivität auch starke Leidensfähigkeit ist. Ich bestrafte mich nicht länger dafür, genau deshalb vielleicht das eine oder andere Mal sehr geduldig zuzuhören, wenn mir andere Belastendes erzählten. Was ich früher für Masochismus gehalten hatte, erkannte ich nun als meinen Herzenswunsch, wirklich Anteil am Erleben des anderen zu nehmen. Ich akzeptierte, dass mir dies sogar leicht fiel. Leichter, als vielen anderen, die lieber einen schnellen Ratschlag erteilen, als das gehörte, am eigenen Leib nachempfundene Leid, einfach wortlos ins Herz zu nehmen.

So Vieles in mir und meinem Erleben hatte bis dato keine Stimme, keine Fürsorge, keine Erklärung gefunden - und nun durfte es endlich lebendig sein. Ich schämte mich nicht länger für viele merkwürdigen, unerklärlichen Verhaltens- und Fühlweisen in mir, sondern sah den Nutzen, den Sinn und die Verantwortung darin. Genau in diesem, wertschätzenden Sinne konnte ich also endlich "Ich" sein.

Wenn ich von Leidensfähigkeit schreibe, so hatte auch ich bis dato viel gelitten. Ich trug schon sehr viele Jahre so viele "Wieso?"-Fragen in mir,  warum ich manchmal in innere Phasen stürzte, in denen ich so schrecklich litt. Ich schrieb bereits darüber, dass ich in früher Jugend ganz sicher depressiv war. Und nachdem ich ein paar Jahre meditiert hatte, ging ich durch langjährige Phasen von Angstzuständen verschiedenster Couleur. Auch hier fand ich immer Halt und Zuversicht, in den buddhistischen Erklärungen darüber, wie unser Geist funktioniert. Diese gaben mir Durchhaltevermögen und das Vertrauen in mein Herz, die Buddha-Natur.

Ohne diesen Halt, die Zuversicht und das feste Zutrauen in mich und mein Leben, das ich in meiner persönliche Meditationspraxis erlangte, wäre ich heute nicht die selbstbewusste, starke Person, als die ich mich heute wertschätze. Ich hätte den "falschen" Paradigmen aussichtslos weiter nachgeeifert und wäre daran zerbrochen. Das westliche Bild einer durchsetzungsstarken Person mit gesundem Egoismus hat in mir immer schon Abscheu erzeugt. Ich dachte immer: "Ein echtes, aufrichtiges, herzliches Leben muss auch anders gehen".

Dank des Buddhismus und meiner Praxis geht es auch anders.

Das Wichtigste an diesem Weg, den ich bis heute beschritten habe, ist zu 90% mein eigenes Erleben und meine eigene, ehrliche Auseinandersetzung mit buddhistischen Grundlagen und westlichen Werten gewesen. 

Nachdem ich auf der Suche nach meinem "bösen Ego" irgendwann sah, dass dies gar nicht der richtige Fokus für mich ist, brach ich strenge Regelgläubigkeit allmählich auf.

Je mehr ich Zutrauen in mein eigenes Herz fand, desto mehr ließ ich meinem Herzen auch die Zügel locker.
Meinen eigenen Schmerz zu bewältigen, den ich in der Meditation wahrnahm - dazu verhalf mir eben keine traditionelle, buddhistische Sicht. Ihn wahrzunehmen und auszuhalten schon, jedoch nicht, ihn einordnen zu können, in einen erklärbaren Kontext. Hier halfen mir andere, die sich auf die Erforschung des seelischen oder psychischen Schmerzes hier, in Europa und im Westen, spezialisiert hatten. Ich lernte, dass deren Forschungen nicht im Widerspruch zu meinem Erleben stehen - und damit auch nicht im Widerspruch zur buddhistischen Lehre.

Ich las Erstaunliches beispielsweise bei Arno Gruen, den ich inzwischen sehr verehre. Leider ist er vor wenigen Wochen verstorben. Er ist für mich jemand, der viel über den Schmerz geforscht hat, den wir im Westen so häufig erleben und gekonnt verdrängen. Er half mir dabei, mein persönliches Erleben von Schmerz zu verstehen. Und anzuerkennen, dass es gesund und richtig ist, ihn oft zu fühlen, sei es in mir selbst oder empathisch.

De facto ist Schmerz immer da, wir wachsen mit ihm auf und in ihn hinein, spalten ihn jedoch in der Regel mehr und mehr von uns ab. Und je besser wir das beherrschen, als desto normaler und überlebensfähiger gelten wir in unseren Breiten. Wichtig sind Arno Grüns Bücher für mich auch deshalb, weil er mir half, mich endlich als normal zu akzeptieren, gerade weil ich stark empathisch bin.

Heute gehe ich für mich und vor mir selbt so weit, dass ich behaupte, dass wir ohne eine Rückkehr zu unserem normalen Schmerzempfinden Buddhismus gar nicht grundlegend praktizieren können. Erst wenn wir Schmerz und Leiden als existent zulassen, sind wir bereit für die buddhistische Praxis. Denn das, was Gautama Buddha als ewig präsent beschrieb - das Leiden - versuchen wir hier, in der westlichen Gesellschaft, uns täglich aus den Augen und aus dem Sinn zu schaffen. Wir verlagern den Schmerz so stark ins  Unterbewusstsein, dass wahre Befreiung für uns in weite Ferne rückt.

In meinem Erleben - das das Maß alles dessen ist, was mir begegnet, verbleibt auf Grundlage dieser Verdrängung die buddhistische Praxis wirkungslos. Wir gehen den Übungen nach, die traditionell gelehrt werden, jedoch zeigen sie nicht schnell oder selten einen deutlichen Effekt. Uns fehlt im Wesentlichen der direkte Zugang zum eigenen Schmerz. Und diesen Zugang erlangen wir nur wieder, indem wir eine Verbindung zwischen Denken und Fühlen zulassen und erkennen.

Denken und Fühlen war noch nie das Gleiche. Im Buddhismus wird gelehrt, dass am Anfang der Wahrnehmung nicht mehr als eine Sinnesempfindung ist. Diese zu deuten, übernimmt inzwischen unser Großhirn oder Intellekt, ohne dass wir uns irgendwelcher Empfindungen oder Gefühle bewusst werden. Und hier spreche ich nicht allein von starken Leidenschaften, wie Neid oder Wut.

In meiner Wahrnehmung sind starke Leidenschaften Folge unseres Denkens. Doch bevor wir etwas Denken, fühlen wir etwas. Und sich dieser subtilen Empfindungen, resultierend aus Erfahrungwerten, und der auf sie aufbauenden inneren "Befehlskette" bewusst zu werden, ist für mich Frucht der Meditation. Am Ende der Befehlskette stehen also starke, andere in Mitleidenschaft ziehende Affekte. Doch davor ist bereits jede Menge in uns passiert.

Dort hin, an den Ursprung dieser verhängnisvollen Automatismen in unserem inneren Erleben gelangen zu können, birgt das Potential zu erwachen. 

Und um diese Feinheiten zu erkennen, muss erst einmal alles Grobe verstanden und beiseite geräumt werden.

Insofern ist unser inneres Erleben Dreh- und Angelpunkt alles dessen, was wir an Leid erfahren: Nur dort sind all die vielen Schräubchen und ihr Ineinandergreifen und behändes Surren und ewig stereotypes Re-Agieren zu unterbrechen oder zu beenden. Daher ist für mich das Kostbarste an meinem bisherigen Weg, überhaupt erst bewussten Zugang zu meinem persönlichen Erleben erlangt zu haben.

Und weil ich die Wechselwirkung zwischen eigener Praxis und Erklärungen durch Buddhismus und anderer Quellen als so heilsam erfuhr, übernehme ich heute ganz die Verantwortung für mein inneres Erleben. Ich bin mir bewusst, dieses Erleben zwar nicht kontrollieren zu können, aber weil es mein Erleben ist, kann ich die Außenwirkung steuern.

Nun bin ich nicht mehr blind hervorkochenden Leidenschaften ausgeliefert, sondern spüre das leise Herannahen meiner Affekte. Ich kenne einige von ihnen gut und erkenne bereits an meinem inneren Gefühl oder Körperempfinden, in welche Stimmung ich gerade rutsche. Ich kann dies bewusst für mich behalten, ohne andere damit zu belästigen.

Selbst wenn es Phasen gibt, in denen ich mich durch inneres Erleben von Schmerz tagelang befangen fühle, kann ich liebevoll und herzlich nach außen sein. So gut es meine Kräfte zulassen. Ich entscheide selbst, wo die innere "Befehlskette" endet.

Das ist sehr wertvoll, dass ich nun nicht mehr vordergründig andere als Ursache meines Schmerzerlebens ausmachen und sie als Feinde bekämpfen muss. Wenn doch jemand anderes in meinem Inneren ein früheres Erleben "triggert", so kann ich, wenn es angebracht ist, aus gesundem innerer Abstand zu meinen Gefühlen darüber sprechen. Ich fühle mich meinem Erleben und meiner Umwelt nicht mehr hilflos ausgeliefert. Alles dies wertschätze ich als Früchte meiner langjährigen Meditationspraxis. Und für mich gibt es nichts Wichtigeres, als dies.

Gerade deshalb, weil mein Erleben das Maß aller Dinge ist, kann ich nicht verbohrt regelgläubig sein. Jedes Erleben ist unterschiedlich. Zwar gibt es, traditionell gesehen, einen Haufen ethischer Regeln zu beachten, im tibetischen Buddhismus, doch ich messe andere Menschen nicht an diesen Regeln. Ich bin mir auch des inneren Erlebens des anderen bewusst und dass es zu meiner Wahrnehmung ganz anders sein kann.

Ich messe den anderen Buddhisten auch nicht an der Form oder Art seiner Praxis oder wie er zu seinem Lehrer steht. Inzwischen erkenne ich einen aufrichtig Praktizierenden am Besten an seinem persönlichen Auftreten und am Umgang mit anderen. Und zu erleben, dass jemand sich selbst im Umgang mit anderen disziplinieren kann, spricht für mich für seine gute Arbeit mit seinem Denken und Fühlen.

Weil ich so unfassbar sehr wertschätze, wie viel Gutes mir der buddhistische Weg und die Arbeit mit meinem inneren Erleben gebracht hat, ist es mir immer eine Freude, solche Menschen zu treffen. Sie inspirieren, stärken und bestätigen mich auf meinem Pfad viel mehr, als dass jemand Millionen von Mantras rezitiert hat. Menschen, die sich ihres inneren Erlebens bewusst sind, geben mir wirklich viel Grund zur Mitfreude.

Auf dem Pfad geht meiner Meinung nach rein gar nichts voran, ohne echte, persönliche Erfahrungen mit dem eigenen Geist. Denn das innere Erleben ist auch das Maß, an dem die Wirksamkeit tantrischer Methoden sich beweisen wird. Und wer keinen Zugang zum eigenen, authentischen, ehrlichen inneren Erleben findet, wird auch nichts zu üben und zu vervollkommnen haben.








Kommentare

  1. Liebe Josephine,
    ich lese und lese immer wieder und bin in diesem Beitrag (wie in vielen anderen Deiner Beiträge auch) am Nachspüren und Erkennen für mich selbst. Das finden von Begriffen für bestimmte Mechanismen macht die eigene Lebensentwicklung beGREIFBAR und ist förderlich.
    Diesmal war es der Begriff "Gehorsam", der mich auf die Fährte eines Teils meines eigenen Soseins setzte. Seltsamerweise (?) finde ich sehr oft, was ich gerade benötige um auf Fragen Antworten zu erhalten, um weiter zu wachsen.
    Danke von Herzen für Deine Ausführungen, die mir schon sehr oft wegweisend gewesen sind.

    Beate

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  2. Liebe Beate,
    vielen Dank, dass du mir immer wieder Feedback gibst, dass mein Schreiben nicht nur persönliches Bekenntnis, sondern dir nützlich ist.

    Ja, der Gehorsam... beschäftigt mich auch sehr. Ich vermute, dass ich Gehorsam lernte, weil ich hoffte, dadurch Liebe zu erhalten. Ich habe begriffen, dies aus Schmerz getan zu haben und ebenso auch unter Schmerzen.

    Und wenn ich mir die meisten buddhistischen Praktizierende anschaue, die ich bisher erlebt habe, so sind sie gehorsam, aus Angst, zu versagen. Und werden zum gehorsamen Eiferer, aus Angst vor endlosem Schmerz.

    Für mich ist das kulturell erlerntes Verhalten, das auf das falsche Objekt gerichtet ist. Gerichtet auf eine fern erhoffte Liebe, die außerhalb unseres Selbst vermutet wird, auf ständiger Flucht vor dem bereits erfahrenen Schmerz, macht uns Gehorsam nur noch mehr Schuldgefühle und Versagensängste. Wir stehen die ganze Zeit mit dem Rücken zu unserem Schmerz und hoffen, im Gehorsam liegt die Lösung für unseren Hunger nach schmerzstillender Liebe.

    Jetzt bin ich ins Plaudern gekommen... Ich wünsche dir eine gute Hinwendung zu deinem Sosein. Für mich liegt genau darin der Schlüssel zu allem, was wir uns im Herzen wünschen: gutherzig und "menschlich" zu sein.

    Traurig genug, dass wir gehorsam glauben, dies immer wieder unter Beweis stellen zu müssen, anstelle einfach zu sein.

    Herzlichst
    Josephine

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