Das persönliche Drama und der Weg

Das, was uns am meisten im Leben motiviert und zugleich Leiden schafft, gründet meiner Wahrnehmung nach in einem ganz persönlichen Drama. Selbst wenn wir uns hehren Zielen widmen, tun wir das aus persönlich schmerzhafter Erfahrung. Gerade dann bleiben wir hartnäckig dabei und sind bereit, trotz vieler Hindernisse den Weg zu unserem Ziel hin, fortzusetzen.

Ich versuche sehr sachlich meinen Weg zu gehen, versuche mich nicht allein von den Folgen eines emotionalen Disasters leiten zu lassen und die ausgewogene Mitte zu finden. Doch gerade dann, wenn ich meinen Herzensweg ein wenig aus den Augen verliere oder von ihm abgelenkt werde, obwohl ich das nicht möchte, spüre ich die Rückkehr des Dramas. Und das ist gut so.

Denn weil ich litt und immer noch leide, traf ich die Entscheidung zu meinem Herzensweg. Und weil ich litt und leide, wünsche ich so sehr, den Herzensweg zum Ende meines Leidens durchzuhalten, komme, was wolle. Und weil ich Leid so gut kenne, wünsche ich, niemand leiden zu sehen. Weder mich, noch andere.


Ohne das ganz persönliche Drama und das Bewusstsein davon, es erlebt zu haben - sei es in diesem oder einem anderen Leben - würde ich mich bei weitem weniger anstrengen. Ich würde mich vielen Ablenkungen überlassen und nicht einmal registrieren, ob ich auf einem Herzensweg im Leben gehe, oder nicht. Ich würde nicht nach rechts und links schauen. 

Absurd ist, am buddhistischen Pfad, der alles Leiden überwinden will, dass er sich selbst überflüssig macht. Wenn wir das Leiden überwunden haben, ist der Pfad nicht mehr nötig.

Und deshalb bleibt der Buddhismus und alle Lehrer, die ihn repräsentieren,  immer nur der Finger, der zum Mond weist. Er ist jedoch nicht der Mond. Er präsentiert uns einen Weg, den wir nicht mehr benötigen, sobald wir im Ziel sind. Erreichen wir das Ziel, lassen wir auch den Buddhismus hinter uns. Verrückt, aber wahr.

Diese Wahrheit schätze ich am Buddhismus - oder sagen wir, diese Konsequenz, die in den edlen vier Wahrheiten liegt, die Buddha Shakyamuni lehrte. Am Ende den Pfades sind wir bereit, alle buddhistische Lehren loszulassen. Auf dieses Ziel hinarbeitend, folgen wir den buddhistischen Lehren. Mag auch die Institution des Buddhismus und alle seine Bauten, die für die Ewigkeit konzipiert scheinen, oft genug darüber hinweg täuschen.

Ich bin davon überzeugt, dass dieses Bewusstsein ein jeder Buddhist, der fähig ist, solche Gedanken zuzulassen, präsent halten sollte. Das Bewusstsein davon, dass der Wunsch, dem Pfad zu folgen, aus der Erfahrung unerträglichen Leids am eigenen Leib und Geist entspringt. Und dass es am Ende des Pfades keinen Buddhismus mehr braucht.


Alle Mittel, die im Buddhismus gelehrt werden, sind vorübergehende Hilfsmittel, um das Leid zu transzendieren. Nicht mehr und nicht weniger. Irgendwann rinnt alle Lehre und alles, was uns einst als Orientierung diente, wie der bunte Sand eines Mandalas in den Fluss des Lebens, um sich ununterscheidbar mit allem zu mischen, was Leben ist. Dorthin deutet für mich der Finger. Dorthin geht für mich die Reise.

Daher bin ich schon lange abgekommen, von allem Dogma, von aller Stringenz, von aller Ausschließlichkeit, die frisch gewonnener Glaube an etwas oft mit sich bringt. Ich bin bereit, dieses folgerichtige Loslassen zu vollziehen, wenn es der Überwindung des Leidens dient.

Zuerst ist da dieses persönliche Drama in mir, was fatal durch alles hindurch wirkt, was ich in diesem Leben tue und denke. Das ist die wichtigste Basis alles meines Strebens in diesem Leben. Und in dieses Leiden sind viele andere Wesen, die ebenfalls leiden, inbegriffen.

Um meines und ihres Leidens willen, wähle ich weise die Mittel zur Überwindung des Leidens. Und nicht einer dogmatischen Lehre willen. Ich glaube keine Sekunde daran, dass das dogmatische und herzlose Einhalten von Regeln und Vorgaben jemals Leiden lindern wird. Ich glaube nicht daran, weil ein Teil meines persönlichen Dramas genau darin wurzelt: in Dogma, Engstirnigkeit und blindem Gehorsam.

Nichts davon hat meines Wissens Buddha gelehrt - doch auch wir Buddhisten fügen einander in unserem wüsten Unverständnis und blindem Fanatismus so viel Schaden zu. Völlig egal, ob hinter dieser Unwissenheit eine Religion oder ein politisch motivierter Glauben steht. Aus allem Dogmatismus ist immer nur Leid hervorgegangen. Oder nicht? Und wir brauchen uns nichts vormachen, wenn wir meinen, als Buddhisten aus dieser Nummer raus zu sein. Das sind wir nicht. Ganz im Gegenteil.

Zuerst ist da dieses persönliche Drama - und genau dieses ist es, was alle meine Bewegungen in diesem Leben und denen, die folgen werden, bestimmte, bestimmt und bestimmen wird. Allein an mir liegt es, mit einer guten Motivation auf Basis dieses Dramas meines Weges durchs Leben zu gehen. Und sich dieser Motivation und der Basis bewusst zu sein, bestimmt die Qualität meines Weges durchs Leben. Hier eben nicht in die Ferne zu schweifen, sondern ganz dicht dran an mir, meinen Empfindungen und Gedanken zu bleiben, bei allem, was ich tue, bestimmt die Schnelligkeit meines Weges. Denn je mehr ich auf der Grundlage meines Leidens bereit bin, mich im Hinblick auf meine Einstellung zu dem, was ich denke und fühle, zu verändern, desto rascher werde ich mein Leiden überwinden.

Ja, das persönliche Drama ist in mir lebendig, in Form von Gedanken und Empfindungen. Und mit ihnen zu arbeiten, macht den Weg aus dem Leiden aus. Und zu wissen, wie ich auf rechte Weise mit meinen persönlichen Gedanken und Empfindungen umgehe, ist kostbar. Dieses Wissen bildet das Herzstück aller buddhistischen Lehren. Und je näher diese Lehren mich heranführen, an mein persönliches Drama und seiner Beschaffenheit, je mehr nützen sie mir auf meinem Weg aus dem Leiden heraus. Und je mehr sie mich öffnen, um mich als nicht getrennt von den anderen Leidenden um mich herum zu erleben, desto besser.

Aus diesem Grund handelt wirklicher Buddhadharma niemals davon, dass ich es gemütlich habe und mich im Licht einer großen Lehrerpersönlichkeit aufwärmen kann. Buddhadharma ist harte Arbeit. Und ich leiste sie gern, denn ich weiß, was Leiden ist und wie es mir und anderen fühlenden Wesen zu schaffen macht. Ich brauche den Lehrer, um die richtigen Mittel zu kennen und Zuversicht zu haben, dass meine Anstrengungen Aussicht auf Gelingen haben. Ich brauche Bestätigung, jedoch möchte ich mir es nicht im Lichte meines Lehrers bequem machen. Das ist viel zu kurz gedacht.

Ja, ich erachte es als Pflicht eines jeden Lehrers, uns an unser Drama anzubinden und uns eben nicht in Sicherheit zu wiegen. Lieber möchte ich mich tief hinab in den Ozean des Leidens in seiner Gegenwart geworfen fühlen, um zu verstehen, als dass ich mit einem schönen, harmonischen Glücksgefühl am Ende des Tages nach Hause gehe. Davon habe ich nichts, wenn ich wieder in meinen Alltag zurückkehre. Diese trügerische Sicherheit, dass alles in Ordnung ist, wird mich dem nächsten Aufwallen meines persönlichen Dramas nicht gewappnet entgegen blicken lassen. Was mich wappnet, ist das Wissen darum, wie ich meinem persönlichen Drama in Liebe begegnen kann, um es allmählich aufzulösen. Nichts anderes.

Wir verhalten uns so oft wie Kinder. Denn nicht erwachsene Wesen sind die einzigen, die Anspruch auf Sicherheit haben, wie ich finde. Kinder gilt es zu schützen, weil sie nicht reif genug sind, um allen Unwägbarkeiten des Lebens angemessen begegnen zu können. Sind wir aber erwachsen, so haben wir alle nötigen Anlagen, um unseren persönlichen Drama nicht ausweichen zu müssen. Nur den Umgang mit unseren Anlagen muss uns jemand beibringen. Und das tut idealerweise der Lehrer.

Ich liebe die buddhistische Lehre gerade dafür, dass sie unverdrossen lehrt, wie wir mit dem Ausweichen aufhören und uns endlich den Tatsachen unseres Lebens stellen. Mein persönliches Drama ist eine Tatsache. Dass wir alle leiden, ist eine Tatsache. Und wir befördern uns selbst immer wieder zurück ins Leid, wenn wir vermeiden, uns dieser Tatsache zu stellen.

Auch wenn die Bodhisattvas und Buddhas auf dem Pfad uns immer wieder hilfreich zur Seite stehen, werden sie uns nicht retten. Unsere Bereitschaft, uns und andere zu retten, wird uns retten. Und diese grundlegende Bereitschaft, uns den Härten des Lebens zu stellen, macht uns empfänglich für die Hilfe und Unterstützung.

Ich liebe, dass der Buddhismus mir hier gar nichts vormacht, sondern mich selbst in meiner Schwäche, mir etwas vormachen zu wollen, um nicht zu leiden, immer wieder aufweckt. Ich kenne nichts radikal Ehrlicheres und doch Verständnisvolles, als die Lehre des Buddha.

Und dennoch lebe ich stets mit den Gedanken, dass dieser Pfad irgendwann, ohne Spuren zu hinterlassen, verschwinden wird, sobald ich das Ziel erreicht habe. Ich lebe damit, dass er auf der einen Seite der hilfreichste Weg und zugleich etwas ist, was sich selbst zum Verschwinden bringt. Das ist wichtig. Gerade dadurch überzeugt er mich. Gerade deshalb ehre ich ihn.

Und gerade deshalb denke ich täglich über seine scheinbaren Begrenzungen hinaus. Gerade deshalb verurteile ich niemanden, der diesem Weg nicht folgt. Ich werte nicht die Neigungen und Angewohnheiten, die andere Menschen haben, obwohl Buddha in mancher Augen und einigen Schriften nach wohl offenbar lehrte, dass diese Neigungen falsch und schädlich sind. Ich achte darauf, meine persönlichen Abneigungen und Präferenzen, die eng an mein persönliches Drama gekoppelt sind (auch wenn ich genau das oft vergesse), nicht über andere richten zu lassen.

Die Lehren, denen ich mich zu folgen entschieden habe, sind genau so vorübergehend, wie das schädliche Verhalten dieses fühlenden Wesens dort hoffentlich ist. Und vielleicht ist der Grund, warum dieses fühlende Wesen dort diesen als schädlich gelehrten Neigungen nachgeht, sein persönliches Drama, mit dem er erst umgehen lernen muss - oder dem er ausweicht. Vielleicht aber auch nicht. Ich weiß es schlichtweg nicht, weil ich nicht in dieses Wesen dort hineinsehen kann. Und ich halte mich in meinem Urteil zurück, weil ich keinem Dogma folge, sondern ein vorübergehend notwendiges Heilmittel anwende. Um zur Wahrheit zu erwachen, die mich, wie ich glaube, von meinem Schmerz befreit.

Ich gehe so sachlich wie möglich meinen Pfad, wohl wissend, dass er dennoch in einem überaus emotionalen Drama wurzelt. Mein persönliches Drama ist es, was mir den meisten Drive gibt, um immer wieder über vermutete Grenzen zu gehen und zu fest zementierte, innere Gedankengebäude zu sprengen. Gebäude, die ich errichtet habe, um den Schmerz nicht zu spüren. Und je mehr ich dem Schmerz auf den Grund gehe, desto mehr verwandelt er mich. Desto weicher und feiner werde ich. Desto flexibler und weniger festhaltend werde ich.

Und desto stärker werde ich, Leid akzeptierend zu transzendieren, anstelle es als nichtexistent zu erklären.

Und desto stärker werde ich, das Leiden anderer zu tragen. 


In dieser wachen Präsenz, die aus der Geduld mit persönlichen Dramen und Leidenden entsteht, liegt für mich derzeit die wahre Befreiung.

Kommentare

  1. Als Gedanke zu Deinen Ausführungen:

    Das las ich kürzlich in der Lehrrede eines buddhistischen Meisters: Die Lehre ist Wahrheit und als solche war sie immer und wird immer sein. Der Buddha hat sie in seinem Leben für die Leidenden (wieder)entdeckt und zu Verfügung gestellt.

    Herzlich grüßt Dich aus dem Oberfränkischen
    Beate

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    1. Liebe Beate,

      so ist es, genau so ist es. Vielen Dank für diesen Gedanken.

      Ich wünsche dir eine gute Zeit in Deutschland und einen schönen Herbst!

      Herzlichst
      Josephine

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