"Cross the border, close the gap"

Heute kommt der Titel meines Blogs nicht von mir, sondern von Leslie Fiedler, der einst die literarische Postmoderne ausrief. Und die Postmoderne spielte eine große Rolle für mich, als ich Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaften studierte. Selbst wenn die sogenannte Postmoderne meines Wissens nicht allzu viel Folgen hatte, so hinterließ sie doch Spuren in meiner Welt.

Gerade dieser programmatische Titel hat sich im Laufe der Zeit quasi zu meinem Lebensmotto entwickelt. Unwillentlich, aber stetig. Und so platziere ich ihn hier, weil er einem Aufruf ähnelt, einer Ermunterung an mich selbst, beim status quo nicht stehenbleiben zu wollen
.

Nachdem ich vor etlichen Jahren mein Studium beendete, stürzte ich in eine herbe Identitätskrise. So sehr ich gehofft hatte, dass ich im Zuge des Studiums die Orientierung finden würde, die meinen Lebensplan offenbaren und mich entschlossen dem Horizont entgegen gehen lassen würde, so sehr entpuppte sich das ganze Gegenteil.

Teil meiner Welt ist schon immer gewesen, dass ich in aller Klarheit beobachten kann, was gerade vorgeht. So sah ich in aller Deutlichkeit, wie ich in ein sagenhaft schwarzes Loch fiel, quasi im Zeitlupentempo. Ich sah mich fallen und war machtlos, etwas dagegen zu unternehmen. Während ich fiel, wurde mir zugleich bewusst, dass bereits das Studium, in das ich so viel Hoffnung gesetzt hatte, ein beständiger Fall gewesen war. Ich war nur die ganze Zeit zu beschäftigt gewesen, um es zu bemerken. Vielleicht brachten mir aber auch die unendlich vielen Bücher, die ich im Laufe des Studiums gelesen hatte, genau dies erst konsequent zu Bewusstsein.

Was mich zu Fall gebracht hatte, war die Abwesenheit alles dessen, wonach ich suchte: Eine tiefgründige, verlässliche, klare, ethische und nachhaltige Ausrichtung, das Bewusstsein von Sinn und Nutzen sowie eine Aufgabe, die mein Herz erfüllt. Stattdessen traf ich auf ein nicht enden wollendes Stückwerk an unterschiedlichen Denkweisen und Überzeugungen, die teilweise vereinseitigend und gegensätzlich, oft auch völlig losgelöst von allem,  von meinem Sinn für Realität, erschienen.


Ich war und bin davon überzeugt, dass alles einen Zusammenhang hat, dass alles in einen Urgrund mündet, beziehungsweise aus diesem auch entsteht. Und so sehr ich diesen suchte, konnte ich ihn nicht finden. Genau dieses Finden des verlässlichen Urgrunds war für mich existentiell. Ich konnte dieses Zerbröckeln der Oberfläche des Lebens, was oft genug in den postmodernen Überzeugungen hindurch scheint und als Ist-Zustand der Moderne beschrieben wird, einfach nicht ertragen. Denn unter der Oberfläche gähnte eine sinnlose, zur Anarchie neigende Leere. Und das konnte in meinen Augen nicht die Wahrheit sein. Das fühlte ich.


So stand ich am Ende meines Studiums zwar mit einem guten Studienabschluss, aber mit leeren Händen da. Denn da war nichts geblieben, worauf ich mein Leben hätte aufbauen wollen. Ich sah mich außerstande, diese alles durchdringende Empfindung zum Ausdruck zu bringen. Ich war stumm, während ich mit der Gewissheit, nichts zu haben, in dieses Loch fiel. Ich hatte mit diesem Studienabschluss keine Zukunft.

Ich lebte mit dem Unverständnis, was von Außen an mich herangetragen wurde, doch natürlich setzte es mich unter Druck. Vielleicht musste ich deshalb auch wie gelähmt in diese Schwärze fallen. Alle schienen nach Abschluss ihres Studiums einen Plan zu haben, nur ich nicht. Und ich konnte nicht einmal sagen, warum.

Was mich damals auffing, war meine nach drei Monaten getroffene Entscheidung, aus dem täglichen Sterben wieder aufzuerstehen. Und ich stand auf und bewegte mich intensiver auf jenes hin, was mich gegen Ende meines Studiums allmählich Halt hatte finden lassen: Meine Beschäftigung mit täglicher Meditation, die Beschäftigung mit meinem Denken und Fühlen und dem tibetischen Buddhismus. Trotz aller Lethargie und Ohnmacht raffte ich mich auf und knüpfte Kontakte zu einem Buddhistischen Zentrum.

Heute spreche ich davon, dass damit die bisher glücklichste Phase meines Lebens begann. Am Anfang stand da jede Menge Überwindung: Die Überwindung meiner christlichen Herkunft und mein Bekenntnis zu meinen Herzensüberzeugungen, die sich endlich spiegeln konnten. Ich seufzte irgendwann zutiefst und erleichtert auf, weil ich verstand, dass das, was ich im Studium gesucht hatte, in den buddhistischen Überzeugungen sein adäquates Echo fand.

Ich lernte buddhistische Grundlagen und meditierte parallel dazu intensiv. Ich holte mich endlich selbst ab, in dem, was ich fühlte und dachte. Ich identifizierte Ängste, Sorgen und die Last, die die gesellschaftlichen Strukturen, in denen ich lebte, mir auf die Schultern geladen hatten.

Das war das erste Mal, dass ich einen inneren Graben schloss und eine Grenze überschritt. Ich ging von Außen nach Innen und überbrückte die Lücke, als die ich mich selbst empfand. Mich hatte es bis dahin noch gar nicht gegeben. Weil das, was ich dachte und fühlte, bisher keinen Spiegel gefunden hatte, hielt ich mich selbst für weder lebens- noch liebenswert. Und plötzlich war da die buddhistische Lehre und es war so, als göße man Wasser in Wasser. Da fand etwas in mir auf natürliche Weise seinen rechten Platz.


Es dauerte etwas mehr als ein Jahrzehnt, bis dieser Graben in mir gänzlich geschlossen war. Und während ich den Moment spürte, wo er nahtlos in mir verschwand, als wäre er nie da gewesen, tat sich ein neuer Graben auf. Vielleicht war er schon immer da. Ich betrachte es als Gnade, ihn nicht früher registriert zu haben.

Je deutlicher ich diesen neuen Graben wahrnahm, desto mehr verschwand im ersten Moment meine tief empfundene Dankbarkeit darüber, den vorherigen Graben geschlossen zu haben.

Ich kann hier und heute deutlich aussprechen, dass ich seit geraumer Zeit in einer weiteren Krise stecke. Eigentlich seit etlichen Jahren. Ich bin mir des neuerlichen Grabens so bewusst, noch ohne zu wissen, wie er zu schließen ist. Genau genommen verbringe ich meine Zeit damit, die Beschaffenheit dieses Grabens zu erforschen. Und wo hindurch dieser Graben verläuft, spiegelt sich immer wieder hier, in diesem Blog.

Einerseits bin ich nunmehr geübt darin, Gräben zu schließen. Ich weiß, dass jeder Graben überwindbar ist. Ich habe mir selbst bewiesen, dass ich das kann. Doch um den richtigen Ansatzpunkt zu finden, bedarf es absoluter Ehrlichkeit, Offenheit und Unabgelenktheit, mir selbst gegenüber. Das gelingt mir noch nicht stetig. Und es liegt an der Beschaffenheit dieses Grabens, dass ich diese Stetigkeit noch nicht konsequent aufrecht erhalten kann.

So, wie ich am Ende des Studiums, in täglicher Beobachtung und Kleinarbeit, jenes schwarze Loch irgendwann als Graben identifizierte, den ich überwinden kann, so finde ich auch heute täglich wieder zu einem "Aha-Erlebnis". Es ist, als tastete ich blind, am dunklen Boden des Grabens wandelnd, mit meinen Händen an den Wänden des Grabens entlang, um mir über seine Beschaffenheit klar zu werden.

Noch scheinen alle Beobachtungen Stückwert, kleine Mosaiksteinchen zu sein, die zusammenhanglos dort unten herumliegen. Ich weiß, dass ich erst, wenn alle Steinchen in richtiger Position zueinander stehen, die Gesamtheit des Grabens ermessen und die richtige Strategie zu dessen Überwindung finden kann.


Es bedarf großer Sorgfalt und Geduld, nicht einen kleinen Ausschnitt für das Gesamte zu halten. Und, konkret auf mich bezogen, bedarf es großen Zutrauens und Loyalität meinem Denken und Fühlen gegenüber, um mich nicht wieder von Vereinnahmungen von Außen in die Irre führen zu lassen.


Was mich zum Beispiel in die Irre führt, ist die weit verbreitete Ansicht, sich für eine der beiden Seiten des Grabens entscheiden zu müssen. Wie oft glaubte ich schon, dieser Überzeugung Folge leisten zu müssen - und damit dem Entweder-Oder. Wenn wir es mal dualistisch halten wollen, so ist das eine sehr männliche Strategie. Die weibliche Sicht jedoch ist immer das Sowohl-Als-Auch. Sie bezieht ein, sie verbindet. Und nur mit dieser weiblichen Sicht, die über das Duale Denken hinaus strebt, lässt sich ein Graben schließen. Die weibliche Sicht überquert die Grenze nicht im Wunsch, ein Territorium zu erobern, sondern um eine unterstützende Hand zu reichen. Die weibliche Sicht sieht den Nutzen und das gegenseitige Ergänzen in der jenseits des Grabens anzutreffenden Andersartigkeit.

So sind es also männliche Sichtweisen und Strategien, die mich oft in die Irre leiten. Dazu zählen auch sehr viele radikale, buddhistische Überzeugungen, die ich beiseite lasse, weil sie nicht verbinden, sondern trennen. Am Grund des Grabens wird entschieden, wie er zu schließen ist. Nicht jedoch nur rechts oder nur links. Die Entscheidung, die dort, in der Mitte zwischen beiden Seiten, fällt, wird beides gleichwertig verbinden können.

Klar ist sicher inzwischen, dass der Graben, von dem ich jetzt schreibe, sich mitten hindurch, durch Ost und West, zieht. Es ist mein buddhistischer Graben, zwischen Ost und West. Und er will überwunden werden. In mir jedenfalls. Ihn betreffend, tönt in mir wieder der Aufruf "Cross the border, close the gap".

Irgendwann nämlich, im Laufe der letzten Jahre, erkannte ich, dass ich mich nicht von der tibetischen Tradition assimilieren lassen werde. Es geht nicht. Beim besten Willen nicht. Ich schrieb schon ausführlich darüber, dass dabei auch das Bild der Frau eine Rolle spielt und der Tatsache, dass authentische Lehrer fehlen, die genug Gemeinsames mit mir und meinem Werdegang haben, dass ich mich weit genug identifizieren kann. Da fehlt es an Entgegenkommen, an Verständnis für mich und meine Welt.


Zu platt sind die Sichtweisen des Westens seitens traditioneller, tibetischer Lehrer und Residenz-Lamas. Zu groß die falschen Unterstellungen. Zu sehr geht es darum, mich entweder ganz diesen Plattitüden, mich selbst aufgebend, unterwerfen zu müssen, oder eben allein meines Weges zu gehen. Das empfinde ich als nicht mit der authentischen Lehre Buddhas konform. Hier wird der religiöse Überbau gepredigt, ohne von Herzen das Gegenüber abgeholt und verstanden zu haben.


Mir geht es nicht um Religion. Mir geht es nicht um Kult und Anbetung. Mir geht es um universale Wahrheit. Und diese schließt für mich durchaus die Existenz der Bodhisattvas und Buddhas ein, ohne es bei deren bloßer Verehrung belassen zu wollen. Ich glaube keine Sekunde daran, dass den Buddhas und Bodhisattvas Verehrung irgendetwas bedeutet. Hingabe kann dem Geist Richtung geben und für Hilfe öffnen. Darüber hinaus ist Hingabe, die aus Verehrung entsteht, ohne Selbstzweck.
Diese Wahrheit konsequent zu denken, fällt mir, als im Westen aufgewachsene Frau, leicht. So gerne das westliche Denken auch verteufelt wird, seitens mancher Vertreter des östlichen Denkens, so liegt gerade in dieser Schnörkellosigkeit, mit der wir aus der Realität ableitbare Wahrheiten anerkennen, unser großes Potential. Seine Heiligkeit der Dalai Lama hat es erkannt. Wir neigen nicht zum magischen Denken.

Ich bin mir auch des Nachteils dessen bewusst, dass wir im Westen magisches Denken ablehnen: Wir glauben nicht an etwas, was wir mit physischen Augen nicht sehen können. Das macht es jedem östlichen Lehrer schwer, über Hingabe und Vertrauen zu lehren, in Gottheiten, die uns oft genug nur als Ausgeburten der Phantasie erscheinen.

Doch auch hier lässt sich die Mitte finden. Ich bin dabei, die Mitte zu finden. Ich will die Mitte finden. Denn trotz dessen, dass ich im Westen geboren bin, habe ich unverbrüchliches Vertrauen, in buddhistische Methoden. Und das schließt besonders auch jegliche Form von Gottheiten-Yoga ein.


Und viele andere, westliche Praktizierende haben dieses überzeugte Vertrauen ebenso. Was mich nur besorgt sein lässt, ist meine Beobachtung, dass westliche Praktizierende sehr häufig dazu neigen, ihre Herkunft ganz über Bord zu werfen, gemäß dem Entweder-Oder, und versuchen, Tibeter zu werden.

Ich schrieb weiter oben davon, dass ich meine christliche Herkunft überwunden habe. Heißt das, ich lehne sie ab oder habe sie vergessen? Nein. Ich weiß, dass christliches Gedankengut tief in unserer Kultur verwurzelt ist, sowohl im positiven, als auch im negativen Sinne. Dieses Gedankengut hat uns zutiefst geprägt. Und selbst, wenn ich noch so sehr das Praktizieren eines Tibeters nachahme, so werde ich mich in dieser Inkarnation nicht davon frei machen können, im tiefsten Inneren eben deutsch und europäisch geprägt zu sein. 

Um den buddhistischen Weg wirklich nutzbringend mit meinem Leben zu verbinden, muss ich mich genau in meiner Verwurzelung im europäischen Kontinent abholen. Diese Prägungen sind die Wahrnehmungs- und Beurteilungsweisen, mit denen ich arbeiten muss.

Alle aufgesetzte Nachahmung wird nur den Anschein erwecken, ich praktiziere richtig. Doch dieser Anschein wird nicht die Ursachen für nachhaltiges Glück legen. Deswegen reicht mir das oberflächliche Nachahmen nicht aus.

Ich könnte noch lange weiter schreiben, über alle die Gedanken und Gefühle, die im Zusammenhang mit dem Graben auftauchen, den ich momentan auslote. Ich nehme diese Aufgabe an und stelle mich dem Motto "Cross the border, close the gap". Ich gehe der Herausforderung nach, selbst wenn sie mir auch heute keinen goldenen Horizont eröffnet und mir keine sichere, zukunftsträchtige Karriere beschert.

Ich folge dieser Spur, weil sie mich zutiefst lebendig sein lässt, selbst wenn ich das Lebendigsein eher als Schmerz, statt Freude, spüre. Diesem Pfad zu folgen, entspricht mir zutiefst.

In gewisser Weise habe ich auch deswegen dieses Motto als für mich prägend akzeptiert, weil es nicht nur für mich, sondern für meine buddhistisch-westliche Generation gilt. Ja, ich glaube wirklich, dass insbesondere Praktizierende meines Alters in diesem Graben festsitzen. Jetzt, in meinen 40ern, realisiere ich, dass ich weder verlässlichen Kontakt zu den Lehrern alter Schule knüpfen kann, da sie nach und nach "aussterben" und schwer zu erreichen sind. Und die neuen Lehrer, die im Osten inzwischen mit sehr guten Englisch, Weltoffenheit und Smartphone aufwachsen, sind noch nicht weit genug. Die Lehrer, die meiner Generation entsprächen und zugänglich sind, scheinen oft genug selbst noch im Entweder-Oder-Drama festzustecken. So nehme ich das wahr. Irgendwie gehöre ich zu einer "verlorenen Generation". Wir können die Globalisierung nicht ignorieren, fühlen uns ihr aber auch noch nicht gewachsen.


An meinem Pfad ist mir in erster Linie nicht wichtig, ob ihm andere folgen können. Deshalb gehe ich ihn nicht, sondern weil ich zutiefst spüre, wie elementar es ist, die Gräben der Dualität zu schließen und darin nicht steckenzubleiben. Dualität, überall auf der Welt, ist ein Ausdruck, eine Spielform der Realität, jedoch nicht der Urgrund. Ich fühle mich verpflichtet, immer wieder zum Urgrund (Dharmadhatu) zurückzukehren, um jene, die sich der Gewalt ausgeliefert fühlen, die aus der Vorherrschaft und Vereinseitigung eines Dualismus entsteht, nicht im Stich zu lassen.

So betrachte ich jedes Ausloten eines Grabens nicht nur als Übung, sondern als unvermeidliches Muss, um dem Weg zur Großen Mutter treu zu sein. Ich werde keine Territorien abstecken oder erobern, noch anderen den Mund verbieten. Doch ich werde mich immer wieder leise in die Tiefe des Urgrunds zurück begeben, wenn eine Seite die andere zu übervorteilen sucht. Ob in mir selbst oder in dem, was mir Außen begegnet. Denn der mittlere Weg über das Entweder-Oder hinaus, hin zum Sowohl-Als-Auch und dem Aufscheinen des Urgrunds dahinter, ist der Weg zur Großen Mutter.

Wie lange es dauern wird, die Grenzen zu überqueren und den Graben zu schließen, spielt letztlich keine Rolle. Für mich ist der Prozess wichtig, in dem ich Gräben und Grenzen nicht schmerzhaft und kommentarlos gewähren und sich für die endgültige Wahrheit ausgeben lasse.

Der Weg ist das Ziel.






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