Halt die Klappe!

Wir haben alle unterschiedliche Toleranzbereiche. Und diese Toleranzbereiche ändern sich ständig, je nachdem, was wir für Erfahrungen machen. In diesen Toleranzbereich fällt, was wir an Meinungen, Einstellungen, Weltsichten akzeptieren können, ohne uns davon in unserer Existenz und Einstellung bedroht zu fühlen. Alles andere lehnen wir kategorisch ab.

Je toleranter und weltoffener wir sind, desto stabiler in unserer Persönlichkeit sind wir in der Regel auch. Selbstunsicherheit führt dazu, dass wir weitaus weniger abweichende Einstellungen akzeptieren, als jemand, der sich aufgrund innerer Gewissheit über sich und die Welt nicht so leicht umwerfen lässt.

Dies im Hinterkopf habend, bin ich der Ansicht, dass der spirituelle Weg hin zu Offenheit und Weite auch stets stark gekoppelt ist, an die Arbeit an der eigenen Person, an der Selbst- und Fremdwahrnehmung und den eigenen Kräftehaushalt. Sind wir beispielsweise erschöpft, flüchten wir uns in die eigene Welt, stecken die Grenzen des Erträglichen schon einmal enger, als normal und fühlen uns leichter bedroht, durch die Meinungen, Erwartungen und Eingriffe anderer in unsere Privatsphäre.

Stehen wir stark, stabil und geschützt in unserer Mitte, setzen wir uns schon einmal gerne mit provozierenden Ansichten anderer auseinander. Provokant ist dabei immer das, was diametral entgegengesetzt zu unseren adaptierten Werten und Vorstellungen ist. Oder was wir uns nicht vorstellen wollen und können. Treffen uns provokante Ansichten in Zeiten der Schwäche, machen sie uns Angst. Infolgedessen reagieren wir aggressiv und ablehnend, oder aber belehrend und abwertend. Alles das sind Erscheinungsbilder der Selbstverteidigung.


Diese Toleranzgrenze in uns ist ein gesunder Selbstschutzmechanismus, wenn wir uns ihrer bewusst sind, weil wir aktiv mit unserer Einstellung zur Welt arbeiten. Sie kann aber ebenso schnell einen Krieg lostreten. Sei es, in Auseinandersetzung mit einer anderen Person, Gruppe oder Nation. Suchen wir also inneren und äußeren Frieden, gilt es, sich seiner eigenen Toleranzbereiche bewusst zu werden und damit zu arbeiten. Diese Arbeit ist  in jedem Moment auch eine Arbeit mit unseren Ängsten.

Aufgrund meiner starken Sensitivität und Empathie, erlebte ich meine Kindheit und Jugend als stark verwirrend: Weltsichten prallten schon damals aufeinander, weil ich im so genannten real existierenden Sozialismus aufwuchs und als Kind eines evangelischen Pfarrers, parteipolitisch betrachtet, eine persona non grata war. Insbesondere deshalb, weil ich mich dem Weg der Jungen Pioniere und der FDJ verweigerte.

Mein Klassenlehrer, als treuer "Genosse", spielte bereits in der Kindheit diverse psychologische Spielchen mit mir. Er hatte quasi zwei Gesichter. Einmal das des "normalen Menschens" und das des "Genossen". Obwohl ich damals von diesen widersprüchlichen Informationen total überfordert war und sie mir weder erklären noch sie in ein inneres Wertesystem einordnen konnte, lernte ich wirklich fürs Leben aus seinen Interaktionen mit mir.

Was ich als Kind klar unterscheiden konnte, war sein "menschliches" Gesicht: Dann sah er entspannt, offen, klar und freundlich aus. Wenn der "Genosse" sich zeigte, huschten graue Schatten über sein Gesicht. Er sah fahl aus und seine Stimme nahm einen gepressten Tonfall an. Zwar klang seine Wortwahl freundlich, aber eine unterdrückte Aggression war in diesem gepressten Ton deutlich spürbar.

Auch bei anderen Menschen beobachtete ich dieses Phänomen: Wenn sie aggressiv wurden, obwohl sie sich bemühten, freundlich zu sprechen. Wenn diese merkwürdigen Schatten über ihre grauen Gesichter schlichen und sie verzerrt und angestrengt aussahen. Vor dieser Veränderung in ihrer Ausstrahlung begann ich, auf der Hut zu sein, denn dies bedeutete, dass ich wieder einmal was Falsches gesagt oder getan hatte und nun dafür bestraft wurde.

Klar ist, dass ich natürlich nicht immer etwas falsch gemacht hatte. Denn was sollte daran falsch sein, sich einfach spontan zu äußern oder einfach nur das Kind seiner Eltern zu sein? Doch auch im Familienkreis lernte ich diese dunkle, unterdrückt aggressive, belehrende Haltung kennen, wenn ich zu spontan sagte, was ich dachte und mich manches Mal auch nicht von der Sicht des anderen überzeugen ließ.

Für mich nenne ich diese Haltung der unterdrückt aggressiven Ablehnung, die sich entweder als direkte Abmahnung oder Belehrung äußert, die "Halt die Klappe!"-Haltung. Ich traf und treffe sie immer dann, wenn das, was ich spontan äußere oder tue, als direkter Angriff auf den Toleranzbereich einer anderen Person empfunden wird.


Je nach Verfassung, kann dies zu einem offenen Streit oder aber zum belehrenden Übergriff führen. Ersteres ist sicher klar, was ich damit meine. Der belehrende Übergriff hingegen ist meist dadurch gekennzeichnet, dass einem das Gegenüber zuerst besorgt klingende Fragen stellt, ob es einem denn gut ginge. Zuerst wird nach Anzeichen gesucht, dass mit mir irgendetwas nicht in Ordnung ist und sofort mit Angeboten aufgewartet, wie ich das wieder harmonisieren kann. Dazu zählen Hinweise wie: "Oh, du Arme, weißt du, mir ging das auch schon einmal so. Da hat mir das uns das geholfen!"

Subtil wird einen dadurch mitgeteilt, dass an der eigenen Äußerung und Einstellung etwas nicht normal ist. Im spirituellen, speziell buddhistischen Bereich klingt das dann so: "Praktizierst du denn noch?" Ich erwähnte es bereits in meinen Blogbeitrag "Gehirnwäsche".

Wenn das nicht fruchtet oder aber im Gegenüber die Aggression schon ziemlich stark ist, gibt es dann klare Belehrungen. Das kann sich in Sätzen äußern, wie: "Also der Lehrer XY sagt immer, wir müssen das so und so machen! Ich kann dir da übrigens was ganz Tolles empfehlen, lies doch mal Buch XYZ!" Meist wird dann erwartet, dass man brav nickt und sich für die tollen Empfehlungen bedankt. Und klar ist, dass erwartet wird, dass man sofort den Empfehlungen nachgeht. Wenn man das nicht tut und dies vielleicht sogar offen gesteht und sagt "Nein, das möchte ich nicht. Ich habe keinen Grund, hier meine Einstellung zu ändern!" Reagiert das belehrende Gegenüber noch aggressiver und beleidigt.

Leider gehöre ich nicht zu den Diplomaten, an diesem Punkt. Schon von kleinauf habe ich ohne doppelten Boden direkt gesagt: "Nein, das möchte ich nicht!" Und dass die ganze Situation sich dadurch zuspitzt, kann jeder erahnen. Oft ging die Situation dann in einen offenen Krieg über, wo ich deutlich spürte, dass in allem, was mir gesagt oder verboten wurde, nur noch die Einstellung: "Halt die Klappe und mache keine Schwierigkeiten!" mitschwang.

Ein bezeichnendes Indiz für ein solches "Halt die Klappe!"-Zusammentreffen ist immer, dass einem das Gegenüber sowieso nicht offenherzig zuhört. Was einerseits natürlich ist, denn wenn wir an den Grenzen unserer Toleranz agieren, agieren wir immer auch an der Grenze des Erträglichen. Wir müssen zum eigenen Selbstschutz das Gegenüber ablehnen, denn wir fühlen uns von allem jenseits der eigenen Toleranzgrenze bedroht oder zumindest überfordert. Meistens geben wir das aber nicht offen zu, sondern verschleiern dies durch den belehrend erhobenen Zeigefinger.

Jemanden mit dieser unterdrückt oder offen aggressiven "Halt die Klappe!"-Einstellung abzuwürgen, ist für mich pure Gewalt. Und daher ist hier, für mich als Buddhistin, große Achtsamkeit gefragt. So, wie ich nicht auf einen solchen Platzverweis treffen möchte, möchte ich ihn anderen auch nicht erteilen. Es sei denn, es gibt Gründe für mich, auch einmal bewusst zu provozieren, um so eine Toleranzgrenze bewusst zu sprengen oder offen als zu eng in Frage zu stellen. Ein Stück weit habe ich dies in sehr vielen meiner Blogbeiträge hier getan. Sich provozierend zu äußern bringt einen selbst oder das Gegenüber mit seiner Toleranzgrenze bewusst in Kontakt.

In den Jahren meiner bisherigen Praxis habe ich das Mittel der Provokation als sehr hilfreich für meine innere Arbeit entdeckt. Eine gesunde, innere Einstellung zu finden, die weder zu stark ablehnt, noch zu stark an etwas hängt, ist nicht einfach. Je mehr ich meditierend meine innere Einstellungen wahrnahm, desto öfter identifizierte ich diese an manchen Punkten als zu extrem. Ich erkannte, an welchen Stellen ich nicht offen sein konnte und wollte und dies mit einem inneren "Halt die Klappe!"-Platzverweis quittierte und mir selbst damit Gewalt antat. Im Laufe der Jahre erkannte ich, wie ich dadurch meine Grundnatur wieder und wieder in Frage stellte, wie ich mich als grundsätzlich schlecht verunglimpfte und wie stark ich das von kleinauf verinnerlicht hatte.

Eines Tages begann ich innerlich zu experimentieren und mich leise zu fragen: "Was wäre, wenn...?" "Was wäre, wenn das ganze Gegenteil von diesem und jenem ständig wiederkehrenden Gedanken über mich die Wahrheit wäre? ... Was passiert dann mit mir?... Und wie fühlt sich das an?" Und ganz grundsätzlich wichtig war dabei die Frage: "Was fühlt sich echt, harmonisch und wahr an?"


Je mehr ich mit diesem inneren Experiment Erleichterung fand, weil ich extrem selbstschädigende und aggressive Einstellungen mir selbst gegenüber loslassen konnte, desto mutiger wurde ich, provokant alles auf den Kopf zu stellen und zu schauen, was dann passiert. Und irgendwann begann ich, das auch äußerlich zu tun. Sich diesen Freiraum zu erlauben, der alles infrage stellt, ist grundlegend gütig. Nichts als gegebenes Gesetz hinzunehmen, sondern gütig nachdenkend und nachfühlend zu prüfen, ob mir das guttut und mich dabei unterstützt, in eine gesunde, stabile Mitte zu finden, die mir erlaubt, stark und verlässlich zu sein, ist der mittlere Weg. Der mittlere Weg, den Buddha stets lehrte.

Im Zuge dessen hörte ich auf, amtsgläubig zu sein. Und das wirkte sich auch wesentlich auf meine Wahrnehmung von buddhistischen Lehrern und Praktizierenden aus. Die "Halt die Klappe!"-Einstellung kenne ich, wie gesagt, aus meiner Kindheit. Und ich erkenne sie auf den Gesichtern der Praktizierenden ebenso, wie in manchem Gesicht eines Lehrers. Ich sehe keine Güte mir selbst gegenüber darin und auch keine Notwendigkeit, den belehrenden Empfehlungen einer solchen Einstellung zu folgen, weil sie aus einer Haltung der Selbstverteidigung des eigenen Toleranzbereiches resultiert. Dabei gilt es, den eigenen Besitzstand zu wahren, nicht aber, dem Gegenüber wirklich von Nutzen zu sein.


Für mich ist der buddhistische Pfad ein Prozess der ständigen Veränderung.  Unentwegt gebe ich innere Haltungen der Aggression, der Gewalt, der Angst, der Gier, des Übelwollens  usw. auf, um freier, gütiger und grosszügiger zu werden. 

Und erinnern wir uns der Lehren, die auf die Buddhanatur selbst verweisen, wie Mahamudra, Ati-Yoga oder Dzogchen, so bestätigen mir diese Lehren, dass wir dahin nur gelangen, wenn wir nichts mehr als ewig in Stein gehauen betrachten, einfach ausgedrückt. Und um diesen inneren Fluss natürlich fließen zu lassen, sprenge ich ständig die Grenzen meines Toleranzbereiches, in dem Maße und der Dosis, wie mein innerer Kräftehaushalt dies zulässt.


In mir gesprengt werden dabei nicht gesunde ethische und moralische Einstellungen, aber alle Auffassungen, die andere Wesen aufgrund ihrer Herkunft, Erziehung, Lebenserfahrungen oder vorübergehende Neigungen ausschließen oder grundlegend infrage stellen, um sie dann mit einem Label "gut" oder "schlecht" zu versehen - oder alles, was in derart dualistische Rankings zählt. Ich stelle niemals das grundlegend gute Herz des Gegenübers in Frage.

So lautet meine Devise - und ich arbeite täglich daran, diesem Anspruch an mich und meinen Weg gerecht zu werden. Dies spielt im Übrigen auch in meiner täglichen Arbeit als Coach eine Rolle. Um eine gute Beziehung zu meinem Coachee aufzubauen, arbeite ich zuerst an meiner Einstellung ihm gegenüber. Ich versuche, sein gutes Herz zu sehen, wertzuschätzen und den Coachee spüren zu lassen. Auf dieser Basis ist es dann auch mal möglich, provokant seine Einstellung zu seiner täglichen Arbeit in Frage zu stellen, um vielleicht verhärtete Meinungen aufzusprengen oder die Aufmerksamkeit auf vernachlässigte Faktoren zu lenken. Dies geht nur mit wechselseitigem Vertrauen, was auf jener menschlichen Wertschätzung beruht, die die Äußerungen eines Menschen stehen lassen kann, ohne dafür gleich den Menschen an sich in Frage zu stellen.

Wenn mich jemand fragt, was mich an "Halt die Klappe!"-Begegnungen persönlich stets am meisten verletzt und geschädigt hat, so ist es genau das: Ich fühlte mich grundsätzlich als Mensch in Frage gestellt und als "schlecht" bewertet. Ich vermisste den Raum gegenseitigen Vertrauens und der Herzlichkeit, der trotz aller Provokation, die die Weltsicht eines anderen manchmal erzeugen kann, nicht zerstört wird. Ich vermisste den Freiraum, sich auch einmal mit ganz absurd anmutenden Überzeugungen spielerisch nachdenkend auseinanderzusetzen, ohne sofort abgeurteilt und verbannt zu werden. Ich vermisste es, mich nicht bedroht zu fühlen, sondern sicher und auf Augenhöhe. Ich vermisste es, an einem wirklich offenen, herzlichen Austausch innerlich zu wachsen. Ich vermisste, mit anderen Worten, Menschen, die wirklich zuhörten und mir wirklich zugewandt waren. 



Um dies nicht länger zu vermissen, begann ich, für mich im Rahmen meiner spirituellen Übung selbst da sein: mir Zeit nehmend, zuhörend, wertschätzend, tolerant, verlässlich, offen, gütig...

Die Verbissenheit, die aus solchen aus Unsicherheit und Angst erwachsenden "Halt die Klappe!"- Begegnungen entsteht, kennzeichnet für mich größtenteils auch die buddhistische Landschaft in Dharmazentren. Auch dies ist ein Grund dafür, dass ich der Meinung bin, uns Neu-Buddhisten fehlen Unterweisungen in buddhistischen Grundlagen. In Zentren gehen wir aggressiv, belehrend und besserwisserisch miteinander um und verstecken dies hinter süßlich und besonders schlau und erfahren klingenden Sätzen, die sehr oft mit: "Der Lehrer hat aber gesagt...!" beginnen. Meist ist das unsere Waffe, um unseren Toleranzbereich entweder zu verteidigen, oder die eigene Sicht durchzusetzen.

In meinen Augen resultiert dies aus unserer grundlegenden Angst, etwas falsch zu machen und den "sicheren Hafen" zu verlieren, den wir in unserem Dharmazentrum sehen wollen. Wir projizieren unsere überzogenen Ansprüche an die Dharmageschwister, den Lehrer, die Ordinierten und die Praxis permanent nach außen, um unserer eigenen Unsicherheit und den Umgang mit den daraus resultierenden Leidenschaften nicht zu begegnen. Und wir wissen alle, was der Effekt davon ist: Das Gegenteil passiert und das Dharmazentrum ist nicht das erhoffte Paradies, in dem wir endlich Frieden finden, sondern ein permanent vor der Explosion stehendes Pulverfass.

Deshalb plädiere ich für Lehrer in Deutschland, die uns radikal lehren, unsere gemeinsame Grundlage, die Buddhanatur, zu entdecken und wie wir mit allen Leidenschaften arbeiten können, die uns von Natur aus von ihr entfremden. Deshalb erachte ich die buddhistischen Grundlagen und das Lehren von Meditation als fundamental. Sowie eine reife, großzügige Atmosphäre zu schaffen, die uns erlaubt, uns mit allen Einstellungen, ob die persönlichen oder die im Buddhismus gelehrten, aktiv und manchmal provozierend auseinanderzusetzen. Ich sehe keine andere Möglichkeit als diese, um zu vermeiden, dass wir durch aggressiv zementierte "Halt die Klappe!"-Einstellungen fundamentalistisch und sektiererisch werden.
Wenn der Buddhismus etwas lehrt, so doch genau dies: Jenseits aller festgefahrenen Einstellungen Befreiung zu finden, für uns und andere.

Oder nicht?



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