Der "Guru" und ich

Vor genau 16 Jahren habe ich Zuflucht genommen. Ich erinnere mich noch an diesen Moment, als ich mit mehreren anderen im Zimmer meines Lehrers saß, um die Zufluchtsformel zu sprechen. Aufgeregt und glücklich war ich, als ich mit Feuereifer mich dreimal vor dem Altar meines Lehrers niederwarf.

Ich schmiss mich mit gefalteten Händen auf die Knie, bevor ich mit der Stirn den Boden berührte. Und weil ich mich beim in die Knie gehen nicht mit den Händen abstützte, verursachte ich einen irritierten Blick bei meinem Wurzellehrer. Meine Knie waren mir egal - und ich merkte erst später, dass alle anderen das anders gemacht hatten.


Diese Inbrunst, mit der ich damals Zuflucht nahm, kennzeichnete meine ersten Jahre mit dem Buddhismus. Und ebenso die Unsicherheit, die ich spürte, wenn ich den Blick meines Lehrers auf mir mit einer besonderen Aufmerksamkeit ruhen spürte. Sofort analysierte ich, was ich denn falsch gemacht hatte, dass er mich jetzt so musternd ansah... Ich hatte zutiefst gelernt, dass ich Aufmerksamkeit vor allem dann bekam, wenn ich etwas anders machte. Anders als die anderen. Das war in meiner Welt falsch.

Und dieses Mal, dieses Mal in meinem Leben, wollte ich um jeden Preis alles richtig machen. Ich kniete mich weiterhin mit vollem Einsatz in alles hinein, ohne darüber nachzudenken, was ich damit meinen Knien antat - ob wörtlich oder im übertragenen Sinne!

Natürlich war ich oft in meinem Herzenswunsch, alles richtig zu machen, vollkommen verkrampft. Die kleinste Mutmaßung meinerseits, dass ich etwas falsch verstanden hätte oder falsch machte, stürzte mich in tiefe Schrecken. Meinem inneren Gefühl nach hing mein Leben davon ab, jetzt, dieses eine Mal in meinem Leben, alles richtig zu machen.

Mein Leben hing wirklich davon ab. Ich spürte zutiefst, dass der Buddhadharma und die Verbindung zu diesem hervorragenden Lehrer dort, mich endlich retten würde. Wenn ich auch anfangs nicht zu sagen vermochte, wovor oder woraus oder worin genau die Rettung bestand. Ich fühlte es einfach.

Und ich meditierte und praktizierte mit einer Ernsthaftigkeit und einen unersättlichen Drang nach Perfektion. Und dieser Drang nach Perfektion erwuchs aus dieser schrecklichen Angst, etwas unsagbar Kostbares, was ich in meinem Leben bis Mitte Zwanzig vermisst hatte und nun, aus einer unglaublich gütigen Gnade heraus, endlich gefunden hatte, wieder zu verlieren.

Dieser Lehrer dort, vor dem ich ich inbrünstig und mit aller damals zu mobilisierenden Herzenskraft Zuflucht genommen hatte, war für mich Sinnbild und Inbegriff dieser unbegreiflichen Gnade.

Heute, wo ich so viele Wandlungen in meinem Verhältnis zum Buddhismus durchschritten habe, bin ich dankbar dafür, dass sich dieser Lehrer immer aller "Guru-Verehrung" verweigert hatte. Er wurde nicht müde darin, von seinen Lehrern zu sprechen, anstelle von sich selbst. Und er ließ eigens seinen Lehrer aus Süd-Indien kommen, um uns Einweihungen ins Höchste Yogatantra geben zu lassen. Er selbst hätte diese niemals gegeben, solange dieser Lehrer noch lebte.

Seine Verweigerungshaltung war von unglaublicher Entschiedenheit und Kraft und sie lehrte mich Bodenständigkeit. "Schuster, bleib bei deinen Leisten" - es geht um jeden kleinen Schritt, nicht aber um Perfektion. In meinem Erleben aus relativer Ferne zu ihm, nahm ich ihn stets auch noch als Menschen war, nicht als "Guru". Und als dieser Mensch, der er bleiben wollte, trotz des Sitzens auf diesem traditionell erhöhten Platzes, eroberte er in Windeseile mein Herz und gab mir Vertrauen in meine kleinen Fortschritte.

Ich konnte neugierig auf das bleiben, was er lehrte - und das ist wichtig, auf dem Pfad. Er lehrte nicht aus einem Gestus der Überlegenheit, der Andersartigkeit und des Besondersseins zu mir. Obwohl er das qua Amt war, spürte ich es nicht in seiner Art, uns zu lehren. Ich war deswegen neugierig auf das, was er lehrte, weil ich zu keiner Zeit den Eindruck hatte, es sei unmöglich, das in mein Leben zu integrieren, was er lehrte. Zumindest nicht für die Dauer, da ich unmittelbar mit offenen Herzen lauschend, zu seinen Füßen saß. Und das war ein wertvoller Anfang...

Mein eigenes, gewohntes Kopfkino sprach natürlich eine andere Sprache. Doch da das, was mein Lehrer lehrte, niemals den Eindruck von Exklusivität oder Wunderwirksamkeit machte, stellte ich eher mein Kopfkino in Frage, als den Buddhadharma selbst. Und das eigene Kopfkino mit anderen Augen zu sehen lernen, ist genau der richtige Weg. Die Grundlagen des Buddhismus mit in die eigene Meditationspraxis zu nehmen und beides miteinander abzugleichen - das lernte ich damals von ihm.

Viele meiner Wahrheiten, die ich dabei fand, sind ganz sicher nicht deckungsgleich mit dem, was dieser Lehrer wohl selbst für sich erkannt hatte. Doch überhaupt so präzise und unprätentiös das Handwerkszeug erlernt zu haben, ist ein großes Geschenk. Und die Dankbarkeit, ihn getroffen zu haben, daher ungebrochen.

Ich erlebte mich also nicht getrennt von meinem Lehrer, durch diesen Gestus, der bei manchen Lamas entsteht, die oft von ihren Schülern als "Guru" bezeichnet werden.

Vielleicht ist das eine Hinzufügung von uns Schülern im Westen, dieses "Guru-Gehabe". Vielleicht gehören dazu aber auch immer zwei: Einerseits die Schülerschaft, die beginnt, vom Lehrer als "unseren geliebten Guru" zu sprechen und der Lehrer selbst, der dem nicht konsequent widersteht und akzeptiert, dass eine unüberbrückbare Trennung zwischen Schülerschaft und dem hoch auf dem Thron über allen schwebenden Lehrer entsteht?

Was bei dieser Trennung in Schüler und in seinen Verwirklichungen des Dharma unerreichbar scheinenden Lehrer passiert, ist ein Verschwinden der Neugier auf den Menschen, der im Guru steckt. So fühle ich es, so nehme ich es wahr.

Ist erst einmal die "Guru-Fassade" zementiert, traut sich kein Schüler mehr, ein normales Wort an den Lehrer zu richten. Was meine ich mit "normales Wort"?: Ein alltägliches Wort, ein nach dem Weg der Umsetzung der Lehre fragendes Wort, ein hinterfragendes Wort und ein Anteil nehmendes Wort, ein nach Schwächen und Schwierigkeiten fragendes Wort oder manchmal ein nach den Lehrern des Lehrers fragendes Wort.


Fortan spricht jeder nur noch mit Ehrfurcht geschwängerter Stimme vom "Guru" und jeder, der sich den Anweisungen des Gurus widersetzt, wird streng ermahnt. Doch was genau die Anweisung ist und wie sie zu verstehen ist, wird nicht mehr geprüft. Das gesprochene Wort des Gurus ist per se Gesetz, da er der Guru ist.


Damit kann ich leider nichts anfangen. Ich kann mit einem "Guru" nichts anfangen - und das ganze Theater, was um ihn veranstaltet wird. Denn das hat alles so überhaupt nichts mehr mit mir und meinen Anstrengungen zu tun, den Dharma in meinen Alltag zu integrieren.

Für mich ist es ein nicht nachvollziehbares Phänomen, die "Guru"-Schüler-Beziehung. Manchmal fühle ich mich wie in einem schlechten Film, betrachte ich die ganze Hysterie, die daraus entsteht, einmal im Jahr den "Guru" zu treffen. Da wird ein mir und meinem Alltag völlig entfremdetes Universum "inszeniert", dass ich mich nicht daheim, willkommen und einbezogen fühlen kann. Alle Schüler scheinen völlig von der Rolle zu sein und die Stimmung ist "hinter den Kulissen" der "Guru"-Verehrung einfach nur aufgeheizt mit überzogenen Erwartungen. Die Stimmung schwankt zwischen Überreiztheit, Traurigkeit und den aggressiven Versuchen, dabei ein gutes Gesicht und (diesmal) alles richtig zu machen.


Lange Zeit habe ich mich vergeblich gefragt, wozu das gut sein soll! Heute frage ich mich nicht mehr, denn ich weiß, dass dies nicht gut ist.

Und ich gehe davon aus, dass der zum "geliebten Guru" erhobene Dharmalehrer nichts weiter ist, als eine Projektionsbühne für unser Gefühl, als Schüler, ewig unzureichend zu sein und an das Niveau des "Gurus" niemals heranzureichen. Und weil wir dem "Guru" nicht wirklich erreichen, wünschen wir uns sehnlichst, dass er dieses eine Mal im Jahr sein gütiges, allwissendes Auge auf uns richten möge, um uns die Absolution für alle unsere Unzulänglichkeiten des kompletten letzten Jahres zu erteilen.

Ich denke, Buddha Shakyamuni wäre peinlich berührt, zu sehen, dass wir nicht wirklich daran glauben, ihm nacheifern zu können. Was aber soll dann der ganze Hokuspokus? Was hat er mit unserer Übung im Dharma zu tun?

In diesem inneren Druck des Richtigmachens, der sich nach Außen verkrampft und unentspannt zeigt, erkenne ich mich wieder. Die ersten Jahre meiner Annäherung an den Buddhismus waren davon durchtränkt und geprägt. Im Laufe der Zeit ist mir jedoch aufgefallen, woran ich am meisten gelernt und worauf ich mich am meisten gestützt habe.


Ich stützte mich auf die natürliche Selbstverständlichkeit, mit der mein Lehrer niemals einen Zweifel daran ließ, dass jeder von uns den buddhistischen Weg gehen kann. Auf die fehlende Distanz zwischen ihm und mir, seiner Schülerin. Und das meine ich nicht auf den sprachlichen Austausch bezogen, sondern die Konsequenz betreffend, mit der mein Lehrer sich immer als uns menschlich gleich zeigte (von seinen Gelübden und seiner kulturellen Herkunft natürlich abgesehen).

Er hatte uns im Dharma und als Lehrer so Vieles voraus.  Doch die Bescheidenheit, die ihn kennzeichnete, spornte an, es ihm gleich zu tun - und dieses Anstreben wenigstens für realisierbar zu halten. 

Ja, meiner Wahrnehmung nach beruhte seine Fähigkeit, mich zum buddhistischen Weg zu ermuntern, in seiner konsequenten Weigerung, sich als "Guru" inszenieren zu lassen und damit in seiner Fähigkeit, sich als einfacher Mensch treu geblieben zu sein
.







Kommentare

  1. Liebe Josephine,
    gut, dass Du Dich nicht beeinflussen lässt und so klar Stellung beziehst, was die religiösen Lehrer angeht! Und Danke für die sehr persönliche Schilderung Deiner Zufluchtnahme. Ich glaube, man begegnet im Leben nur sehr wenigen Menschen, mit denen man sich so tief verbunden fühlt. Diese Verbindung hält auch über den Tod hinaus, denke ich.
    Sei ganz lieb gegrüßt von Anke!

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    1. Liebe Anke,

      ich habe wirklich Glück gehabt, mich damals für diesen Lehrer entschieden zu haben, ohne lange zu Zögern, mich auf mein Bauchgefühl verlassend. Für Zögern wäre keine Zeit mehr gewesen, da ich ihn nur ca. 4 Jahre kennen durfte.

      Und da ich ihn als bescheiden bezeichnete, erinnerte ich mich heute daran, dass ich vor kurzem in einer Zeitschrift las: "Der Bescheidene ist der Anspruchsvolle, der sich nicht alles andrehen lässt" (Dr. Rainer Otte). Das trifft auf meinen Lehrer zu.

      In diesemText ging es weiter darum, dass der grundlegende Sinn von Bescheidenheit keineswegs bescheiden ist, sondern einen Menschen kennzeichnet, der sich weigert, auf die eigenen Gedanken und Gefühle zu verzichten und darauf, sich einfach nur an das anzupassen, was einem von der Außenwelt angeboten wird.

      Ein bescheidener Mensch macht nicht alle Moden mit. Dieser Mensch beobachtet genau und zieht aus dem, was er gesehen und verneint hat, die Konsequenzen. Als solchen Menschen lernte ich meinen Lehrer kennen - wenn auch nicht so hautnah wie seine engsten Schüler, aber genug, um lange davon zehren zu können.

      Heute verstehe ich, dass genau diese bescheidene Haltung mir am meisten imponiert hat, dass ich ihr gerne Respekt erwiesen habe. und von Herzen wünschte ich, so zu sein: Eine klar ausgerichtete, unerschütterliche, innere Haltung zu haben und meinen Weg konsequent zu gehen.

      Ich ertappe ich mich öfter bei dem leisen Gedanken, dass ich hoffe und bete, ihm damit Ehre zu erweisen... Insofern stimmt es: Die Verbindung reicht über den Tod hinaus...

      Herzliche Grüße an dich, liebe Anke. Auf bald,
      Josephine

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