Heilung = Erleuchtung (Teil II)

Sicher ist es verfehlt, zu behaupten, dass der buddhistische Weg zur Erleuchtung nichts weiter als Heilung bedeutet. Das sicher nicht. Doch meiner Meinung nach geht Erleuchtung nicht ohne Heilung.

Wenn ich daher einen buddhistischen Lehrer sagen höre, dass Heilung nichts mit dem Weg zur Erleuchtung zu tun hat, glaube ich ihm nicht. Ich gehe aber mit ihm konform, wenn er erläutert, dass wir - mit einer Mahayana-Motivation - mehr im Sinn haben, als uns selbst in Ordnung zu bringen.

Der buddhistische Weg handelt nicht vom persönlichen Glück und Frieden, sondern davon, dass wir irgendwann, wenn wir sorgfältig genug den Pfad beschritten und gemeistert haben, nicht anders können, als uns nicht nur um die vielen anderen Wesen Gedanken zu machen. Nein, viel mehr noch: Irgendwann kommen wir an den Punkt, wo wir nichts mehr wollen als für diese Wesen zu sorgen und um ihr Wohl willen einfach unser individuelles Glück preiszugeben.


Irgendwann auf dem Pfad des Bodhisattva, nehmen wir jede Mengen Mühe auf uns, um alles Glück der Welt an diese Wesen zu geben, bzw. uns um dieses Glücks Willen weiter anzustrengen und zu vervollkommnen. Diese Entwicklung wird uns eines Lebens natürlicherweise ereilen. Wir werden uns nicht dagegen wehren können. Weil diese Entwicklung die natürliche Folge aller unserer Investitionen in den Pfad aller Leben davor sein wird. Wir werden reif dafür sein und genau wissen, dass wir es sind.

Wenn ich mich frage, welche Art von Investitionen wohl dazu führen könnten, dass ich einstmals reif dazu bin, so weiß ich sofort, dass dazu die eigene Heilung gehört. Ich entschließe mich dazu, mein gebrochenes Herz in Ordnung zu bringen, weil ich weiß, dass dies mein eigenes Glück bedeutet. Und ich werde erst fähig sein, für andere Wesen da zu sein, wenn ich mein eigenes Glück vollendet habe.

Bevor ich nicht mein mehrfach gebrochenes Herz geheilt habe, werde ich mich immer unfähig und schwach fühlen. Ich werde immer bedürftig sein, auf Hilfe, Zuwendung und Unterstützung angewiesen. Ich werde nicht einmal einen Hauch dieser Reife spüren, die notwendig ist, um für andere da zu sein und mich nicht fähig fühlen, ihnen geben zu können, was sie brauchen.

Persönliche Heilung ist eine natürliche Notwendigkeit, auf dem Pfad zur Erleuchtung. Sie ist vom Pfad nicht zu trennen oder auszuschließen. Auch nicht theoretisch. Vertraue ich mich dem Pfad wirklich an, so treffe ich auf meine Leiden, welche als unendlich scheinende Schleier um mein gebrochenes Herz verwickelt sind und dieses einschnüren.

Wie könnte dieses malade Herz jemals offen und weit für so unendlich viele Wesen sein, die, bei näherer Betrachtung, oft weitaus schlimmer leiden, als ich?

Und genau diese Einsicht, die das Leiden der anderen vollumfänglich erkennt, wird nur dann möglich sein, wenn ich dazu mein eigenes Leiden anerkenne, es annehme, es verstehe, es befriede und daran erstarke.

Alles ist voneinander abhängig. Mein persönliches Leiden und der Weg aus ihm heraus sind sogar die ganz uranfängliche Ursache für das, was Erleuchtung ist.

Ich habe Mühe, Lehrer ernstzunehmen, die Heilung vom Pfad trennen wollen. Einige von ihnen sagen vielleicht: "Gehe erstmal zum Psychologen. Und wenn du mit deiner Therapie durch bist, dann bist du reif für den Pfad." Manchmal urteile ich dann ungefragt, dass diese Lehrer zu solchen Anweisungen wohl nur kommen können, weil sie selbst ihr Leiden nicht kennen. Kennten sie es, so wüssten sie, dass diese Linearität, die diese Anweisung vorgibt, nicht real ist.

Das Leben und auch das innere Erleben verläuft nicht linear. Und so kann ein jeder von uns mitten im Retreat sitzen, brav traditionell praktizierend, von sich standhaft überzeugt, dass alles in bestem Zustand und ideal für ein sauberes Retreat ist. Und dann, völlig unvermutet, löst sich da einer dieser Schleier vom  eigenen Herzen. Gut so - denn dafür praktizieren wir. Doch manches Mal gibt der sich auflösende Schleier einen unwillkommenen Blick frei auf schäbige und eiternde Wunden des eigenen, lang vernachlässigten Herzens...

Und plötzlich ist man reif für eine Therapie... Oder zumindest für eine Arbeit mit Erinnerungen, Emotionen und Gedanken, sie so gar nichts zu tun zu haben scheinen, mit allen diesen traditionellen Visualisationen und Mantras.

Und sich dies zuzugestehen, sich dem zu öffnen, was das eigene Herz an Ballast frei gibt, ist die Praxis der Heilung. Und diese ungeplant eintretende Notwendigkeit zur Heilung ist Jetzt. Dieser Moment ist Jetzt. Und dieses Jetzt ist Teil des Pfades und bedarf unserer Fürsorge und Aufmerksamkeit.

Der Lehrer, der mir den Pfad als etwas Unabhängiges von Momenten der Heilung anpreisen will, hat in meinen Augen keine Ahnung von verwundeten Herzen. Sonst wüsste er, dass Einsichten, die aus der Weisheit des Buddhismus entstehen, notwendige Medizin für gebrochene Herzen sind. Man kann diesen Pfad nicht von aufzulösenden, emotionalen Verstrickungen fühlen und gehen. Ich kann diesen Pfad nicht gehen, ohne mich mit meiner Bedürftigkeit, meinen Verletzungen, meinen Kummer auseinanderzusetzen.

Genau genommen läuft also die Therapie nicht vor der buddhistischen Praxis oder nach der buddhistischen Praxis. Momente der Heilung und der Notwendigkeit für emotionale Aufmerksamkeit und dem Zulassen von vernachlässigten Emotionen ist ebenso Ursache wie Folge des Pfades. Alles das sind Begleiterscheinungen des Pfades. Und wenn jemand gesund und erfolgreich diesen Pfad gehen möchte, so bleibt nichts anderes, als diesen  Erscheinungen des "subtle body", wie ein anderer Lehrer das gerne formuliert, weder zu verneinen, noch überzubewerten.

Buddhas Pfad lehrt uns das sichere Navigieren hin zur Heilung, durch die Klippen und Untiefen der Verharmlosung und Übertreibung hindurch, bis wir unser Leiden so vollständig erkannt und assimiliert haben, dass wir aufgrund dieser tiefen Erfahrung nichts anderes mehr wollen, als auch andere Wesen von ihren Leiden und dem gebrochenen Herzen zu befreien.

Was ich hier schreibe ist das, was ich seit Jahren erlebe: Alles wirkt ineinander, bedingt sich wechselseitig - und meine geistige Einstellung zu dem, was ich erlebe, bestimmt, ob ich den Pfad weiter gehe, oder nicht. Und andererseits gehe ich schon deshalb den Pfad, weil ich weiß, dass meine Erfahrung und mein inneres Erleben nichts Besonderes ist. Alle erleben so etwas, was ich erlebe. Mehr oder weniger intensiv. Mehr oder weniger bewusst.

Lasse ich diese Wahrheit zu, so ebenso die Tatsache, dass alles das, was mir als Mensch unerträglich erscheint, anderen Wesen ebenso vorkommen muss. Einerseits beraubt mich das jeglicher Grundlage, mich als etwas Besonderes zu betrachten, andererseit verleiht mir das wiederum tausend Gründe, das Unerträgliche nicht nur für mich allein, sondern für alle beenden zu wollen. Irgendwann wird aus dem Wollen ein Müssen. Irgendwann bin ich stark und reif dafür. Und dies geschieht durch meine fortschreitende Heilung.

Ja, da kocht jede Menge ungeplant und unerwartet aus meinem "subtle body", meinem Energiekörper oder dem emotionalen Körper, hervor. Ja, dem gegenüber Gleichmut einzunehmen und sich diese Erscheinungen auflösen zu lassen, kennzeichnet die adäquate Praxis. Doch was tue ich, wenn mir dieser Gleichmut nicht möglich ist? Heißt das wirklich, ich muss eine Therapie machen?

Diese Anweisung ist mir auch zu einfach. Sie entbindet den Lehrer davon, dem Schüler wirklich durch starke innere Erlebnisse, aufwallende Emotionen und vielleicht sogar Traumata den Pfad des Buddha weiter zu lehren. Sie gibt die Verantwortung ab, dass auch dieses Erleben ein leidhaftes Erleben ist, das allgemein menschlich ist und deshalb Buddhas Pfad entspricht.  

Buddha Shakyamuni unterschied nicht zwischen Heilung und Erleuchtung, zwischen Therapie und buddhistischer Praxis - oder habe ich da etwas verpasst? Wieso also erdreisten sich langjährig geschulte, buddhistische Lehrer, diese Trennung zu zementieren? Wie kommen sie darauf?

Ein solches Herangehen ist Wunschdenken, eine erdachte Sichtweise, wie irgendetwas in irgendjemandes Vorstellung zu verlaufen hat. Und solche Verlautbarungen schließen etliche Menschen vom Pfad von vornherein aus. Nämlich beispielsweise denjenigen, dessen Grad an emotionaler Verwirrung, was nichts anderes als das von Buddha benannte "Leiden" ist, zu einer heute anerkannten psychischen oder psychatrischen Diagnose geführt hat. Heißt das in jedem Fall, dass er nicht fähig ist, dem Pfad Buddhas zu folgen?

Sicher ist hier mit Sorgfalt vorzugehen. Einem solchen Menschen eine Empfehlung zur Praxis zu geben, die seine Verwirrung befriedet, anstelle zu verstärken, tut Not. Doch das tut es letztlich bei allen Menschen - auch die ohne "Diagnosen".

Für mich spricht es für eine gewisse Arroganz, solche Verlautbarungen in die Welt zu setzen. Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, weist es  für mich - ich wiederhole mich - eben vor allem auf Unerfahrenheit mit gebrochenen Herzen hin.

Würde ein Buddha jemals auf die Idee kommen, leidende Wesen zu kategorisieren und Schubladen aufzumachen? Ich zweifle daran. Woran ich jedoch nicht zweifle, das ist an der Legende der 84.000. 84.000 verschiedene Weisen, den Weg zur Erleuchtung zu gehen.

Diese Zahl ist eine rein symbolische Zahl. Ich zweifle nicht daran, dass es für jeden von uns einen Pfad zur Erleuchtung gibt, der die persönliche Heilung einschließt. Der einschließt, sich mit dem eigenen Inneren und verdrängten emotionalen Zuständen auseinanderzusetzen. Dies ist ein ganzheitlicher, ganz im Jetzt - im Jetzt des eigenen Erlebens - beheimateter Weg. Ein Weg der durch alles hindurch und über alles hinaus geht, was jeder von uns jemals gedacht, gefühlt und erlebt hat.

Nur braucht jeder von uns ab und an dafür einen geeigneten Gesprächspartner. Oder zumindest einen geschützten Raum, in dem er nicht mit falsch aufgesetzter Moral gezwungen wird, so zu tun, als wenn er schon erleuchtet wäre. Ganz im Gegenteil: Manchmal muss ein jeder von uns auch die Dunkelheit seines emotionalen Erlebens ausloten, um das Leidhafte daran zu erkennen. Doch bin ich gezwungen, mich immer zu verhalten, als wäre ich schon in der Lage, ein Buddha zu sein, werde ich die Untiefen meines Inneren immer umschiffen wollen und lieber nicht in Kontakt damit zu gehen.


Daher kann nicht jeder buddhistische Lehrer der angemessene Fährmann für mich sein. Soweit gehe ich mit, mit der Anweisung, lieber erst eine Therapie zu machen. In diesem Lichte betrachtet, spricht diese Anweisung mehr über den Lehrer, als über den Weg des Buddha, oder nicht?


Durch alles hindurch und über alles hinaus, in die Offenheit und Weite wahrer Erleuchtung zu gehen, bedeutet eben immer auch, alles zuzulassen. Und somit jedem fühlenden Wesen Mut zu machen, auch die schwarzen, ungeliebten Seiten in seinem Inneren, die sich nicht selten als Folge eines gebrochenen Herzens von unserem Ich-Erleben abgespalten haben, liebevoll zu erleuchten und wieder zu assimilieren. Ja, assimilieren, in ein gesundes, liebevolles Herz.

Wenn Buddha Shakyamuni in der Lage war, auf 84.000 Arten den Wesen die adäquaten Unterweisungen zu geben, so schließt dies für mich ein, dass er mindestens 84.000 Arten des Leidens und inneren Erlebens anerkennen konnte.

Etwas als existent anzuerkennen, ist das Fundament, auf dem das zu befreiende Wesen steht. Und nur mit Verständnis dieses Fundaments, mit Einfühlung und Miterleben konnte Buddha wohl die richtigen Worte finden oder die richtige Geste, das richtige Bild, den richtigen Ton, um dieses Wesen auf den Pfad zur Befreiung zu führen. 

Das möchte ich nicht vergessen.

Ich möchte nicht allzu versessen darauf sein, anzunehmen, vollständig zu wissen, wie der Pfad funktioniert. Wir tragen alle so vielfältige Arten von Realitäten, Höllen und schmerzhafte Bereiche in uns. Und mein Erleben ist nicht dein Erleben. Aber in der empfundenen Schmerzhaftigkeit unserer Leiden sind wir uns eben alle gleich. Diese grundlegende Struktur des Leidens erkannt zu haben, ist das Verdienst Buddha Shakyamunis.

Sind heutige Therapien wirklich vollkommen getrennt davon zu betrachten? Sind dies wirklich unterschiedliche Wege?

Ich sage, nein. Ich sage, dass die Lehre Buddhas tiefer zur Ursache alles Schmerzes vordringt, als die Vielfalt der meisten Therapien es heute tun. Doch das ist aufgrund meines Erlebens meiner Realität nur meine persönliche Meinung.

Und aus dieser Wahrheit meines Erlebens heraus halte ich dagegen: Gegen die Meinung, dass es bei buddhistischer Praxis nicht um Heilung geht. Dass Heilung nicht gleich Erleuchtung ist. Denn darin besteht mein Pfad, gesegnet durch die Lehre Buddhas und die tibetisch-buddhistische Tradition. In Wahrheit handelt Erleuchtung stets auch von Heilung, denn diese bringt Glück und Wohlsein. Und jeder zukünftige Buddha hat auch sein eigenes Wohl zu vollenden, bevor er in der Lage sein wird, für andere zu sorgen.


Sanskrit:
Om Gate Gate Paragate Parasamgate Bodhi Soha
Deutsch:

Gegangen, gegangen, darüber hinaus gegangen, vollständig offen, erwacht - so sei es.


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