Weibliche Irrwege

Schaue ich auf die letzten zehn, zwölf Jahre zurück, so gab es viele Ideen, die ich irgendwann verworfen habe. Mühsam war es, stets konsequent den Abgleich zwischen Kopf und Herz durchzuziehen. In keine traditionelle Spur passend, plagte mich oft ein Zwiespalt, zwischen dem Glauben, einem vorgegebenen Weg folgen zu müssen und dem deutlichen Gefühl, dass dies nicht mein Weg ist.

Ich lernte in diesen ewig langen Patt-Situationen zwischen Kopf und Herz eine goldene Regel:

Solange du keine Klarheit hast, tue nichts. Fälle keine Entscheidungen, tritt nicht "die Flucht nach vorne" an. Warte auf Impulse und Infos, die das letzte Quäntchen Ungewissheit zum Verschwinden bringen. Warte auf den Tag, wo du plötzlich freudigen Erschreckens spürst: "Das ist es!" Und dann brich in diese Richtung auf. 
Egal, wie selten diese Momente der Einsicht auch sein mögen: Folge nur ihnen!

Als ich die Tage gar nichts tat, sortierte sich einiges von allein in mir, was ich die Jahre erlebt hatte. Und ich dachte plötzlich, dass der Zustand, in dem ich meinen Weg mehr als ein Jahrzehnt verbrachte, gar nicht anders verlaufen konnte. Für mich gibt es kein vorgefertigtes Schema, aus vielen Gründen:


  • Ich bin als Christin aufgewachsen und zum Buddhismus konvertiert.
  • Ich habe eine europäisch-deutsche Erziehung und Bildung genossen.
  • Ich bin eine Frau.
  • Ich bin berufstätig und habe wenig Zeit für Praxis.
  • Ich bin jemand, der gerne selbständig denkt und entscheidet.
  • Ich habe kein Interesse an Macht oder daran, im Mittelpunkt zu stehen.
  • Ich vertraue darauf, dass mein geistiges Herz die wichtigste Instanz der Führung ist.
  • Ich akzeptiere keine buddhistischen Autoritäten, die ich nicht als solche sehen und spüren kann (bin also nicht amtsgläubig).
  • Ich lasse mich für nichts und niemanden vereinnahmen, es sei denn, ich stimme dem zu.
  • Ich begeistere mich für buddhistische Ideale und Neuerungen, die das Wohl vieler im Sinn haben. Um das Wohl vieler Wesen im Sinn zu haben, muss es Erneuerung geben!
  • Ich betrachte den Weg, als Nonne zu leben, nicht als Königinnen-Weg des Buddhismus.
  • Das Leben mit allen Sinnen zu schmecken und zu erleben, ist ebenfalls buddhistisch.
  • Für mich schließen sich Vielfalt in Kultur und Gesellschaft und eine hohe Ethik nicht aus. Welche Ethischen Regeln jeder folgt, entscheidet jeder für sich. Alle Regeln zu befolgen, macht nicht automatisch den "besten Buddhisten" aus mir oder anderen.
  • Ich lehne es ab, Teil einer Parallelwirklichkeit zu werden, die sich nicht in das Land, in der sie ins Leben gerufen wurde, integrieren will. 
  • Ich bin der festen Überzeugung, dass eine spirituelle Organisation, die wachsen will, die Pflicht hat, sich zu öffnen und Brücken zu "den Menschen da draußen" zu bauen, anstelle sich abzukapseln.

Anders gesagt: In meinen Augen dürfen sich Spirituelle Organisationen nur innerhalb der gesellschaftlich gegebenen Gesetze und Privilegien bewegen. Machtvolle Ausbeutung der Menschen, die diese unterstützen, ist darin nicht vorgesehen. Machtpersonen gehören nicht an deren Spitze, sondern nur Autoritäten mit Bescheidenheit, einer hohen Ethik und ausreichend Durchsetzungskraft.

Um mir über alle diese Punkte eindeutig klar zu werden, bedurfte es vieler Erfahrungen. Ich musste viel von dem kosten, was ich ablehne, um mir sicher zu werden, dass mit oben genannten Punkten alles vollkommen in Ordnung ist.

Mit mir und meinem Pfad ist alles in Ordnung, auch wenn es für mich keinen ausgetretenen Pfad gibt.

Regelmäßig musste ich mich neu erfinden, obwohl ich traditioneller Praxis folgte. Diese Praxis führt immer wieder dazu, dass ich loslasse, von mir und meinen Plänen im täglichen Leben.

Irgendwo da drin ist dieser fein gesponnene, goldene Faden, der sich durch alles durchzieht und den ich manchmal nur kurz wahrnehme, wie der Faden einer Spinne, der kurz im Sonnenlicht aufblitzt. So leicht zu übersehen ist er. So ist es unvermeidlich, ab und an wieder ein Stück in die falsche Richtung zu gehen, weil ich mal wieder versucht habe, mich aus meiner Existenz hinauszulehnen und daran zu ziehen...

Dieser feine Faden, der rückblickend so oft Sinn ergibt, bedarf hoher Disziplin und Aufmerksamkeit, um wahrgenommen zu werden.

Begleitet waren alle Irrwege stets von einem Gefühl der Schwere, der Anstrengung. Mühsam tastend begebe ich mich in unterschiedlichen Intervallen ganz in mich hinein, aufrecht sitzend, um zu spüren, wohin das Herz mich zieht. So viele Frequenzen übertönen das, was ich wirklich will. Und wenn ich das nicht bemerke, starte ich einen neuen Irrweg.

Immer wieder etwas fallen zu lassen, wirkt häufig nach Außen hin als Unbeständigkeit und Wankelmut. Für mich selbst ist es jedoch immer wieder das Verlassen eines Irrweges und die Rückkehr zum Wesentlichen.

Und als buddhistische Frau frage ich mich die Tage leise, ob das nicht schon tausende Jahre so geht: Das mühsame Vorantasten, allem Patriarchats und seiner eklatanten strukturellen, gesellschaftlichen und ethischen Folgen zum Trotz. Immer wieder ertappt Frau sich dabei, den ganz und gar männlich dominierten Regeln zu folgen und sich somit zu verbiegen und vom eigenen Herz zu entfremden! Wie sollte ein Weg, der gesellschaftlich nicht integriert ist, denn auch ein Echo finden - und somit Mut spendende Gewissheit?


Inzwischen gibt es innerhalb des Buddhismus viele Initiativen, dass Frauen  nach gleichen Regeln Nonnen sein dürfen, wie die Mönche bereits seit Jahrhunderten. Ich respektiere die Frauen, denen das wichtig ist.

Wann immer ich aber darüber nachdenke, was denn als Frau mein buddhistischer Weg wäre, vermisse ich nicht die Tradition der weiblichen Nonnen, sondern die Tradition der weiblichen Laien-Praktizierenden. Und diese Tradition in unsere Kultur zu integrieren... das wäre mein Traum! Doch ich weiß nichts darüber und tappe daher im Dunkeln.

Irgendwann in der Geschichte verlor sich die Spur der wenigen mutigen, hoch verwirklichten Frauen, die heute noch Erwähnung im tibetischen Buddhismus finden. Doch meditiert man die Tatsache, dass es sie einst gab, mal analytisch zu Ende, so muss man früher oder später darauf kommen, dass es sie auch heute noch gibt.


Wenn schon die Männer zum Wohle der Wesen wieder und wieder Geburt annehmen, warum sollten ausgerechnet die Frauen dies nicht tun? Legten sie nur keinen Wert darauf, die Anzahl der Inkarnationen vor ihrem Namen stehen zu haben und immer wieder in die gleichen Strukturen integriert zu werden, sobald sie "wieder erkannt" worden waren?

Ich gehe davon aus, dass eine jede von ihnen, Geburt um Geburt zum Wohle der Wesen angenommen hat. Vielleicht waren nur die Männer zu sehr mit dem Aufbau und der Bewahrung ihrer männlichen Strukturen beschäftigt, um sie zu bemerken.


Fühle ich tief in mein Herz, so weiß ich, dass es tausende Jahre voller weiblicher Irrwege gab. Ohne vorgegebene durchgehende Strukturen und Erfahrungswerte (d.i. die Überlieferungslinie). Einerseits genau dadurch bestens geeignet, um sich ganz und gar dem Hier und Jetzt anzupassen - und somit von allergrößten Nutzen für die leidenden Wesen in der unmittelbaren Umgebung zu sein. Sperrige Titel und Rituale lenken allzu oft vom wesentlichen Leben ab und wirken auf mich oft selbstverliebt und ohne Bodenhaftung in die Wolken gebaut.

Tief im Herzen weiß ich, dass eine spirituelle Frau, die weit gegangen ist, sich auch heute noch auf das sensible Gespür ihrer eigenen Fußsohlen verlässt, will sie die Beschaffenheit der Erde erfahren, auf der sie wandelt. Wie sollte dies den Herren möglich sein, die sich stattdessen in der Sänfte tragen lassen?

Dennoch bin ich der Irrwege müde und noch immer auf der Suche, nach der buddhistischen Frau, die mir ein Vorbild sein könnte. Tara fand schon Erwähnung, in früheren Beiträgen, bei dem es um Frauen ging. Mag sie auch geistig mit mir sein, so fehlt mir doch das Gegenüber, mit dem ich notfalls auch mal diskutieren könnte, wie das typische Herangehen der Frauen an den Weg der Erleuchtung, an den Bodhisattvi-Weg aussieht. Ganz abgesehen von dem, was die Männer diesen Frauen gnädig gönnen und erlauben.

Wie sähe der Weg einer normal im Leben stehenden buddhistischen, hoch verwirklichten und zur Lehrerin begabten Frau aus, wenn ihr die Männer die gleiche Ehre erweisen würden, die die Männer für sich selbst über Jahrhunderte institutionalisiert haben?

Und wie sähe der Weg aus, wenn diese Frau sich entscheiden würde, ihren eigenen Weg für andere Frauen begreifbar zu machen? Einige Bücher von Frauen gibt es, doch aus irgendeinem Grund berühren sie nicht mein Herz.

Wie sähe der Weg Seiner Heiligkeit des XIV. Dalai Lama aus, wenn er sich entscheiden würde, dass er im nächsten Leben tatsächlich als Frau inkarniert und sein spirituelles Amt fortführt? Was bedeutete das für alle diejenigen Männer, die ihn als Oberhaupt schätzen und anerkennen?

Viele Fragen. Ein ganzer Weg aus Fragen und dem vorsichtigen Setzen eines Fußes vor den anderen. Mit der Erfahrung, dass auf einen Schritt nach vorn manchmal zwei Schritte rückwärts folgen müssen, um authentisch genug zu sein. Und kein Abziehbild eines männlichen Vorbilds zu werden - dieser Vorsatz gewinnt für mich zunehmend an Bedeutung.

Über die sich lang in der tibetisch-buddhistischen Tradition haltenden Vorurteile, warum Frauen die Erleuchtung nicht erlangen können, sondern kurz vor der Erleuchtung als Mann wiedergeboren werden müssen, will ich gar nicht erst nachdenken. Sie sind so lächerlich, dass ich darüber nur schweigen werde, sonst nichts.

Und vom Unwesen, die manche buddhistische Männer, die sich Lehrer nennen, mit Frauen treiben, weil sie als schnell verfügbare Beihilfe für ihre Erleuchtung betrachten, ebenfalls zu schweigen.


Ich bin sehr schnell dazu übergegangen, auf Anweisungen, was ich zu tun habe oder nicht zu tun habe, nicht zu reagieren oder Widerstand zu leisten, es sei denn ich spüre Respekt und Warmherzigkeit darin. Wer Frauen ausnutzt, hat sein Bodhisattva-Gelübde in meinen Augen sofort gebrochen. Wie könnte ein solcher Mann für mich ein respektabler Lehrer sein? Niemals.

Ich spüre die Tage, wie die Frauen, die ihr Herz voll und ganz dem Pfad hingegeben haben, dieses Gefühl des Herumirrens und Tastens, des sich immer wieder in sich selbst Zurückziehens, um der Vereinnahmung zu entkommen, seit Jahrhunderten wohl ähnlich erlebt haben. Und das spendet am Ende sogar ein wenig Trost. Doch ist es ein schwacher Trost.


Wenn zu meinen Irrwegen keine Alternative zu finden ist, um dennoch den feinen, goldenen Faden des eigenen spirituellen Fortschritts zu spinnen, so atme ich wieder einmal tief durch und sage: So sei es! Denn was für mich auf keinen Fall möglich ist, ist aufzugeben. Das ist in meinem Herzen nicht vorgesehen.


Ich taste mich voran, ein Schritt vor und zwei zurück und wieder ein Schritt vor. Und manchmal, wenn ich kurz zurückschaue und die Sonne gerade im passenden Winkel steht, sehe ich den Faden golden aufblitzen und lächle. Wie viele Seelen dieser goldene Faden inzwischen wohl an die Liebe und Gewaltlosigkeit bindet? Viele, so wünsche ich. 

Unentwegt weiter muss ich diesen Faden spinnen, aus meinem Herzen heraus, will ich mir im Inneren treu sein. Ob mit oder ohne Mann, ob mit oder ohne Robe, ob mit oder ohne Vorbild, ob mit oder ohne Zeugen, ob mit oder ohne Applaus: Ich muss mir in meiner Liebe treu sein. Denn verrate ich sie, so auch alle fühlenden Wesen, die Halt an diesem goldenen Faden finden werden. Der irgendwann, wenn er so straff gesponnen ist, dass ihn niemand mehr zerreißen kann, uns alle verbinden wird. So sei es!

Kommentare

  1. Ein klasse Beitrag, danke liebe Josephine. Ich denke, wenn der Dalai Lama im nächsten Leben als Frau wiedergeboren werden sollte, würden sie ihn/sie nicht anerkennen trotz aller erfüllten Tests und Zeichen. Sie würden sagen, sie haben sich getäuscht. Ich für mich glaube, dass es keinen 15. Dalai Lama geben wird weder als Mann noch als Frau, es gibt anscheinend auch solche Prophezeiungen, wie ich vor Jahren einmal gelesen habe.

    Einfach wunderbar, wie du dich schriftlich ausdrücken kannst, bist du auch so eloquent?

    Ich wünsche dir eine gute Woche!
    Liebe Grüsse
    Elfe

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  2. Liebe Elfe, vielen Dank.

    Den zukünftigen weiblichen Dalai Lama betreffend, gebe ich dir vollkommen recht. Vielleicht brächte es auch gute, notwendige Neuerungen, wenn diese "Institution" abgeschafft würde. Das Stichwort dazu heißt Eigenverantwortung.

    Und was meine Eloquenz betrifft: Als Quality Coach im Kundenservice sollte ich um Worte nicht verlegen sein (dürfen). ;-) Das funktioniert ganz gut. Schweigen und manchmal Schreiben ist mir jedoch lieber.

    Liebe Elfe, von Herzen alles Liebe und ebenfalls eine gute Woche wünscht
    Josephine

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  3. Liebe Josephine,
    Dein Beitrag hat mich sehr bewegt. Du sprichst da etwas an, das auch in meiner Religion die Regel ist: den Ton geben die Männer an und Frauen sind nur in untergeordneten Positionen erwünscht. Es gibt Tage, da ist der Schmerz über diese Demütigung alles Weiblichen so stark, dass ich fast ohnmächtig werde vor Wut. Auch ich habe noch kein spirituelles weibliches Vorbild gefunden. Als Ausweg dienen Männer, die auch ihre weibliche empathische Seite ausgelebt haben. Ich kann Dich also ganz gut verstehen, denke ich.
    Sei ganz lieb gegrüßt von Anke!

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  4. Liebe Anke,

    ja, das kenne ich, wenngleich ich diesen Zorn bisher sehr gut von mir abgespalten hatte. Diesen Beitrag zu schreiben, hat mich daher viel Überwindung gekostet. Tagelang spürte ich, ich muss schreiben, bin dem aber raffiniert aus dem Weg gegangen. Wer will einen unlösbaren Zorn schon wieder und wieder erleben müssen?

    Letztlich weiß ich jedoch genau, dass mein persönlicher Fortschritt immer auch an mein Schreiben gebunden ist. Und so fügte ich mich und schrieb. Wie immer war ich am Ende selbst überrascht, was dabei heraus gekommen ist und was das in mir ausgelöst hat.

    Jetzt, eine Woche später, akzeptiere ich diesen Zorn als meinen Zorn und kann hinter ihm eine neue, wichtige Tür entdecken. Ich wünsche sehr, die Schwelle bald überschritten zu haben und bin neugierig darauf, was dahinter auf mich wartet. Es scheint ein fruchtbares, mit Sonne verwöhntes Land zu sein... Dieses Land ist allemal besser, als immer die gleiche, unüberwindbar scheinende schwarze Mauer anzustarren und das Gefühl zu haben, nicht voran zu kommen.

    Liebe Anke, diese Zeit, in der wir leben, birgt so viele neue Chancen auf Verbesserung. Und ich will ganz bewusst als spirituelle Frau daran Anteil haben. Schauen wir mal, wohin die Reise geht. Hier enden wird sie jedenfalls diesmal nicht. Dessen bin ich mir sicher.

    Viel Zuversicht auch für dich, von Herzen,
    Josephine

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