Gewissheit auf dem Pfad

In den letzten Wochen habe ich bewusst nachgelassen, in allen Ambitionen und Anstrengungen, um mich neu zu justieren. Alles sein zu lassen, ohne Anstrengung, Erwartung oder dem Wunsch, das Ruder in der Hand zu halten, hat mich Einblick gewinnen lassen, wie stark ich intellektuell definieren und bestimmen will, wohin die Reise geht.

In mir ist schon lange eine starke Empfindung präsent, die sich, wenn ich sie in mir aufsteigen lasse, nur in einer Wortgruppe benennen lässt: "zurück nach Hause". Und indem ich zuließ, dass diese starke Sehnsucht sich zu einem Wunsch formiert, erkannte ich, was ich gewohnheitsmäßig immer noch tue:

Ich versuche den Kompass in mir zu manipulieren. Anstelle wirklich sich die innere Nadel nach dem ausrichten zu lassen, was mich natürlich anzieht, bringe ich ab und zu sehr viel Kraft auf, um diese Nadel in eine andere Richtung zu zwingen. Kennt ihr diesen Zustand starken Krafteinsatzes? Es fühlt sich ein wenig so an, als würdet ihr Euch immerzu nach vorne lehnen, über Eure natürliche Mitte hinaus. Den Kopf nach vorne gestreckt, zieht und zieht ihr an Eurem Sein und Haben, um es in eine erdachte, zusammen gereimte Richtung zu bewegen.

Doch das, was bereits natürlich in Euch ist und Euch ruft, bemerkt ihr dabei nicht.

Ich spüre dieses Hinauslehnen aus meiner Mitte zeitweilig sehr deutlich, genau dann, wenn ich einmal locker lasse. Dann sehe ich klar, wie ich mich selbst forcieren will und verstehe auch, warum ich das tue: Aus Angst und mangelndem Vertrauen.

Sicher ist da keiner, der in mir sagt: "Jetzt habe ich aber Angst. Jetzt unternehme ich etwas! Jetzt bestimme ich mein Schicksal." Vielmehr nehme ich dieses Verhalten als etwas wahr, mit dem ich mitschwinge, weil ein solches Verhalten die Atmosphäre um mich herum definiert und mich in unachtsamen Momenten mitreißt.

Die unachtsamen Momente sind naturgemäß zahlreich in der Welt, in der ich lebe: Inmitten der Großstadt München, inmitten eines stark beschleunigten Arbeitsumfeldes, inmitten eines Lebens, das schon seit Jahrhunderten entwurzelt scheint. Entwurzelt, in eine alles durchdringende Unsicherheit und Ungewissheit hinein, die wir durch das Konstrukt materieller Sicherheit wettmachen wollen.

Entwurzelt, aus der inneren Mystik brutal heraus gerissen, aus der inneren Herzensgewissheit heraus genommen und irgendwie nach Außen verpflanzt - und daher aus dem Gleichgewicht.

Mich kostet daher das Loslassen und mich wieder zurückzulehnen, in mich und meine natürlich Mitte hinein, ein hohes Maß an Disziplin und Konzentration. Oft genug erschien mir das schon absurd, dass es eines gewissen Aufwandes bedarf, mit dem zu sein, was in mir natürlich vorhanden und lebendig ist.

Die Anspannung, die durch das Ziehen meines Karrens an Vorstellungen von meinem Leben und meinen Zielen entsteht, ist mir vertrauter, als dass ich einfach nur entspannt ich bin.

Doch in den Momenten, wo ich registriere, wie stark ich mich mit Macht aus mir herauslehne und mich wieder zurückbegebe, in eine aufrechte, natürlich ausgerichtete Haltung, spüre ich sofort eine unbekannte, doch Erholung spendende Erleichterung.

Dieser natürliche Zustand, keine Ambitionen zu haben und mit dem fließen zu wollen, was sich harmonisch ergibt, bedarf deswegen eines gewissen Aufwandes an Disziplin und Konzentration, weil er in der hiesigen Atmosphäre nicht vorhanden ist.

Die Atmosphäre, die ich täglich atme, ist das ganze Gegenteil, des innerlich gefühlten Raumes, der Weite und der Stille: Sie ist vollgestopft, unruhig, zu dicht und einengend. In diese Atmosphäre hinein offene Räume zu erschaffen und diese aufrecht zu erhalten und zu pflegen, ist schwierig und geschieht eben nicht ohne Anstrengung.

Wieder und wieder muss ich mich anstrengen, mich nicht anzustrengen, um in diese, meine, natürliche Atmosphäre zurückzukehren. Dies tue ich, indem ich mich auf das Loslassen und die Öffnung meines Herzens bewusst fokussiere. Und genau dieser Widerspruch, dass Leichtigkeit und innere Weite durch den richtigen Fokus, also durch Konzentration und Disziplin entsteht, ist zwar ein beobachtbares Gesetz, jedoch den wenigsten spirituellen Wesen in meiner unmittelbaren Umgebung bewusst, will mir scheinen.

Daher ist auf meinem Pfad, wie auf dem Pfad eines jeden anderen unabdingbar, ab und an auf Lehrer und Vorbilder zu treffen, die mir dieses Gesetz wieder in Erinnerung bringen. Nur so leiste ich dieser beschleunigten, oberflächlichen, zugedröhnten Atmosphäre, in der ich lebe, genug passiven Widerstand, um innere Freiheit zu finden. Und mit dieser Freiheit vertieft sich meine Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein.

Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute, in der mir eine tiefgründige Begegnung genau dies wieder bewusst macht und spiegelt, ist daher für mich das kostbarste Geschenk, was ich mir vorstellen kann. Und ich hatte das Glück, solche Begegnungen in den letzten Wochen des inneren Nachgebens zu haben. Dafür bin ich sehr dankbar.

Sich seines Pfades vergewissern zu können, ist etwas, was ich nicht oft kann. Schaue ich zurück, so gab es nur ein paar wenige Jahre andauernder Gewissheit. Das waren die Jahre, die ich mit den Unterweisungen und in Gegenwart meines Wurzellehrers verbrachte. Kostbare vier Jahre waren das. Nicht mehr und nicht weniger.

Seither war mein Weg immer auch ein inneres Ringen, ein innerer Kampf. Zwar getragen von etwas Unzerstörbaren in mir, das den Weg kennt, ohne dafür Worte zu haben - jenen inneren Kompass also, den ich "mein Herz" nenne. Doch aufgrund der starken Ausrichtung unserer Welt auf den Intellekt, lebte und lebe ich manchmal immer noch im ständigen Widerstreit mit mir. Denn der Intellekt ist es, der diese Atmosphäre erschafft, die mich keine innere Ruhe und Gewissheit finden lässt.

Ich bin davon überzeugt, dass es uns allen so geht, weil diese Atmosphäre die Atemluft - und die geistige Nahrung - eines jeden von uns durchdringt. Und wie ich schon oft kritisiert habe, erreichen uns im Westen selten spirituelle Lehrer, die dieses innere Ringen persönlich kennen und überwunden haben. Nur diese Lehrer können die recht schwächliche Gewissheit über und auf dem Pfad in uns stärken. Nur solchen Lehrern sollten wir uns wirklich anvertrauen. Nur einem solchen Lehrer werde ich mich persönlich anvertrauen, also öffnen.

Wie dieses Anvertrauen geschieht, wie ich merke, wann der richtige Moment, die richtige Gelegenheit dazu ist, das kann ich in Worten nicht beschreiben. In diesem Moment spüre ich diese Gewissheit. Ich kenne diese Gewissheit. Ich erinnere mich wieder an diese Gewissheit. Und ich entscheide dann bewusst, mich ihr wieder langsam zu öffnen und auf sie einzulassen. Dies ist keinen Moment lang eine intellektuelle Entscheidung.

Ich habe in genau dem Moment meine Entscheidung im Herzen gefällt, in der ich mich vollkommen ohne Widerspruch fühle, diesem Lehrer dort gegenüber. Genau das ist der richtige Moment, indem ich mich ganz öffnen kann. Keimt jedoch der kleinste Zweifel, die kleinste innere Ablehnung oder irgendein Affekt auf, weiß ich, dass mein Herz diese Entscheidung nicht treffen wird.

Mein Weg ist es nicht, mich einem Lehrer anzuvertrauen, der innere Widerstände in mir verstärkt. Und ich kann genau sagen, wieso: Weil ich nicht die Lebensenergie haben werde, mich mit dem durch einen Lehrer erzeugten Widerstand auseinanderzusetzen. Immer wieder in die natürliche Anziehung meines Weges zurückzukehren, in der Welt, in der ich lebe, kostet mich schon genug Energie. Und so lange ich daran nicht stabil bin, brauche ich einfach nur einen Lehrer, der die innere Gewissheit in mir stärkt. So sei es.

Weil mein Herz seinen Weg so wortlos geht und sucht, muss ich wieder und wieder ganz genau hinhören. In die Stille hinein, die mein Herz als Richtschnur atmet. Und in dieser Stille entfalten sich Bilder, Einsichten, Hinweise und manchmal eine Stimme, die mir Gewissheit gibt.

Und Stille ist dabei die Richtschnur, weil die mich ablenkende Atmosphäre so angefüllt mit unterschiedlichen Wahrnehmungen, Meinungen und Emotionen wie Ängsten und Befürchtungen ist. Indem ich mich durch diese hindurch in die Stille meines Herzens ziehen lasse, fühle ich mich daheim, beschützt und gestärkt.

Ich gestehe mir zu, Anteile in mir zu haben, die noch immer tief verwundet sind. Die hungrig und deswegen unruhig sind. Die Angst haben, den Pfad zu verlieren und in der Atmosphäre der schweren Arbeit, einen Karren an Bildern von mir und dem "richtigen" Leben ziehen zu müssen, zugrunde zu gehen.  Und manches Mal kann ich spüren, wie zahlreich die sich verloren fühlenden Seelen sind, mit denen diese inneren Anteile in Resonanz gehen und mitschwingen.

Manchmal weiß ich, wenn ich diese schmerzenden Anteile in mir präsent und wirksam spüre, mit was für einer großen Anzahl an leidenden Wesen ich genau in diesem Augenblick mitfühle. Ich fühle, was unendlich viele andere Wesen genau in diesem Moment auch fühlen. Ich weiß, wie es ist. Ich weiß, wie sehr ich mir daraus Erlösung wünsche. Und wie ich genau in diesem Wunsch, in genau diesem Moment, vollkommen eins mit ihnen bin.

Und deshalb raffe ich mich wieder und wieder auf und kehre zurück, in meine innere tiefe Weite, zum inneren Fokus. Denn wenn ich es schaffe, irgendwann diese leidenden Anteile Kraft der Rückkehr in mir zu erlösen, entsteht daraus Hoffnung, Zuversicht und letztlich Gewissheit. Die Gewissheit darüber, dass ein jedes Seelchen von ihnen, genau dies auch erreichen kann und eines Tages auch wird.

Deshalb verweile ich in dieser schwierigen Atmosphäre. Schwierig für die spirituelle Praxis. Weil ich stur an meinem Anspruch festhalte, dass diese  Atmosphäre irgendwann an Kraft und Einfluss über uns alle verlieren kann. Und dass wir dann alle zu unserer inneren Natürlichkeit zurückkehren können und uns an ihr stärken können. Bis zu dem Tag, wo dieses innere Herz ganz von allein und anstrengungslos nach außen zu strahlen beginnt und diese schwere, unruhige, dichte Atmosphäre allmählich ausdünnt und  sich aufzulösen beginnt.

Die Mühe lohnt sich. Dessen bin ich gewiss.

Nur manchmal beobachte ich, wie mir der lange Atem auszugehen beginnt. Ich bemerke es, indem ich mich in einem inneren Alarmzustand spüre. Deshalb schrieb ich oft über das, was mich auch am tibetischen Buddhismus im Westen - und speziell hier in Deutschland - stört. Letztlich aus diesem Alarmzustand heraus, aus dem Schmerz und der Sorge heraus, es doch nicht zu schaffen. Weil es uns allen an kontinuierlicher Gewissheit auf dem Pfad mangelt.

Ich schreibe extra nicht,"über den Pfad", sondern "auf dem Pfad". Denn "über den Pfad" wird sehr viel gelehrt und gesprochen. "Über den Pfad", so wie er einst in Tibet gelehrt und praktiziert wurde - und der so sich auch als verlässlich erwies.

"Mein Pfad" orientiert sich stets an diesem, verläuft aber schon immer etwas anders. Außer der Reihe, fern der ganz traditionellen Spur, will mir scheinen. So lerne ich gerade, meine Bedenken über meinen Pfad, der aus dem Vergleich mit der Tradition entsteht, locker zu lassen. Und bin stattdessen unaussprechlich dankbar, zumindest so weit durch die Vor-Mir-Gegangenen gesegnet zu sein, dass sie mir ab und an Begegnungen ermöglichen, die mich Gewissheit "auf meinem Pfad" spüren und erinnern lassen.

Möge eine Jede und ein Jeder von euch solche Gewissheit genau in den Momenten finden, in denen euch der lange Atem auszugehen scheint. 

Und mögt ihr daraus wieder und wieder Bestätigung dafür finden, dass Befreiung möglich ist.

Möge Euch die Arbeit, die Befreiung erfordert, niemals zu viel werden.

Mögt ihr alle immer wieder "zurück nach Hause" finden.

So sei es.




Kommentare

  1. Liebe Josephine,
    ich weiß genau was Du meinst in Deinem Beitrag und wie sich das anfühlt. Du hast meine größte Bewunderung dafür, dass Du nicht einfach mitschwimmst, sondern immer wieder aufbegehrst, um Dich selbst zu finden.
    Ein hoffentlich nicht zu heißes Wochenende wünscht Dir Anke!

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  2. Liebe Anke,

    ich weiß nicht, ob es ein Segen ist, oder ein Fluch: Ich kann leider nicht mitschwimmen! Ich schreibe "leider", weil es auch mal angenehm sein kann, sich von den Wellen treiben zu lassen. Bei mir funktioniert das selten, weil ich Unstimmigkeiten, Ungerechtigkeiten und Leiden jeglicher Art nicht einfach so stehen lassen, geduldig ertragen oder ignorieren kann. Ich müsste mich dazu zwingen - und das hieße, mein Herz zu verraten.

    Mein Freiheitswille ist einfach zu groß und zu stur *lol*. Und er bedeutet viel Arbeit.

    Zu allen Zeiten, in denen ich bemüht war, mich widerspruchslos ein- oder unterzuordnen, war ich stets sehr unglücklich. Ich habe irgendwie keine andere Wahl.

    Danke für deine liebe Bestätigung und Ermunterung!

    Auch für dich ein entspanntes, glückliches und von den Temperaturen her angenehmes Wochenende und bis bald!

    Herzlichst
    Josephine

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