Hybris

Die Hybris fängt dort schon an, wo ich meine, dass das, was ich für richtig erkannt habe, für alle gleichermaßen gültig wäre. Wo ich beginne, diese Sicht anderen aufzudrängen und im Inneren eine Abstufung mache, im Wert der Person dort vor mir, nur, weil sie meine Überzeugungen nicht teilt.

Blind macht mich das, für das Gute, was in dieser Person vielleicht lebendig ist und sich in leisen Tönen und Gesten zeigt. Blind macht mich das, für die Wahrheit, die in einem anderen Denken, der anderen Philosophie oder Religion inne wohnt.

Blind und selbstgerecht.


Darüber hinaus kann wohl kaum etwas Gutes aus dem vermeintlich Guten erwachsen, was ich postuliere, wenn dieses Gute erfordert, dass der andere alles aufgibt, was mit meinem höherwertig eingestuften Guten nicht deckungsgleich ist. Wenn ich als Maß für das Gute vom Gegenüber erwarte, genau wie ich zu werden.


Wesensfremd und weltfremd ist das und zeugt zudem auch von meiner Unwissenheit, meinem Mangel an Weisheit, mich in meiner Hinwendung zum anderen in dessen Lebenswelt einzufühlen. Und gefühllos ist es, dabei das sanfte Wispern des Guten im Herzen des Gegenübers mit den eigenen, überzogenen Erwartungen zum Schweigen zu bringen.

An alledem erkenne ich den schlechten Lehrer. Ein schlechter Lehrer ist der, der nicht wagt, mir direkt in die Augen zu sehen und mit mir zu schwingen, im Wunsch, das Gemeinsame zu entdecken. Und Anzeichen einer Sekte sind es, wenn derjenige, der sich als Lehrer versteht, von allen seinen Schülern erwartet, jedes seiner Worte nach seinen Vorstellungen umzusetzen.

Ja, dieses Thema kommt in mir nicht zur Ruhe, weil es abzuschließen mir leider unmöglich ist. So unmöglich, wie ich entscheiden könnte, wie morgen das Wetter ist.

Doch lehrreich ist es, heftig zur Selbstreflexion anregend.

Und dazu, immer wieder Wünsche zu sprechen, dass ich Sanftheit und Demut entwickeln und beibehalten möge, im Umgang mit einem sich öffnenden Herzen. Sowie dass ich Klarheit und Entschlossenheit entwickeln und beibehalten möchte, mit allen, die einem solchen aufkeimenden Herzen die Lebenskraft für eigene Zwecke und den eigenen, hinter spirituellen Tugenden versteckten, Ruhm entziehen. So sei es.

Ein guter Lehrer ist auf die Lebenskraft seines Schülers, die aus blindem Gehorsam entsteht, nicht angewiesen. Denn aus seiner eigenen, tiefen, stets wieder aus einem geöffneten Herzen sich stärkenden Liebe und Demut heraus, bedarf er nichts von außen, um sich seines Platzes und Weges sicher zu sein. Er nährt sich aus der Harmonie mit sich und der Welt, aus seinem Einssein mit dem, was sich ergibt.

Zunehmend betrachte ich jene Lehrer als beste Lehrer, die keine sein wollen und dennoch großzügig und absichtslos teilen, was sie haben. Und manches Mal bringt ein solcher Mensch das Wort "Lehrer" niemals mit sich selbst in Zusammenhang. Seine Taten sprechen um so vieles wortreicher, als derjenige, der die alten Meister passgenau zitieren kann.

Dies für mich erkennend, kann ich zwar nicht abschließen, aber dennoch etwas ruhiger meiner Wege gehen. Denn nichts nötigt mich mehr dazu, einen Lehrer als Lehrer zu sehen, nur, weil ihn andere so nennen. Und manches Mal hat mich die Begegnung mit der Natur und das Meditieren viel weiter gebracht, als das teure Retreat, mit veganen Mahlzeiten und regelmäßigen Gebeten.

Nein, ich will nicht allen buddhistischen Lehrern gegenüber ungerecht sein. Nur für mich annehmen lernen, dass es in der Tat keine Binsenweisheit ist, dass auf den Pfad zu gelangen und ermuntert zu werden, auf ihm zu bleiben, sehr kostbar ist. Und nichts ermunterte mich je mehr, auf ihm zu bleiben, als meine innige, vollkommen freie, mit offenen Herzen geübte Praxis auf dem eigenen Meditationskissen.

Was könnte es Freieres geben, als ganz so, wie ich bin, auf meinen Kissen innerlich mit den Buddhas Kontakt aufzunehmen, ihnen alle meine Sorgen, Missverständnisse, Schmerzen und ebenso Einsichten, Fortschritte und Erleichterung vertrauensvoll in die Hände zu geben? Und dann zu warten, was sich daraus ergibt?

Ein solches Vertrauen, wie ich in meiner persönlichen Praxis spürte, fand ich bislang keinem Meister gegenüber. Ein Vertrauen, in dem alles erlaubt ist, weil jeder bereit ist, sich ohne Maske und doppelten Boden dem anderen zu öffnen und zu zeigen. Ich fand es nicht, weil ich mich stets so fühlte, als müsste ich zwanzig Passkontrollen durchwandern und hundert Fragebögen ausfüllen, bis ich als "Buddhist" und "gutherzig" akzeptiert worden wäre. Wer will sich das schon antun?

Und die Buddhas, wie ich sie spüre, sind nicht so. In deren Gegenwart enthüllt sich jede Ecke und Kante, die ich an mir selbst wahrnehme, als abhängig entstanden und ohne Schuld. Ich fühle mich nicht dümmer als sie und nicht auf dem falschen Weg oder der verkehrten Straßenkreuzung. Egal, an welchen Punkt meines Lebens ich auch immer mit ihnen in Kontakt gehe, sind sie bereit, mich nicht nur so zu akzeptieren, wie ich gerade bin. Nein, sie heißen mich überaus herzlich willkommen und helfen mir, innere Knoten zu lösen und Verwirrung zu befrieden.

Mehr noch: Sie erwarten nichts von mir. Sie interessieren sich stattdessen brennend dafür, was mich bewegt und wie sie mich in meinem Herzen fördern können.

Da ist keiner, der sagt: "Wenn du weiterkommen willst, dann nimm bitte zuerst diesen Katalog an Regeln, studiere ihn sorgfältig und entscheide dann, ob du sie klaglos und widerspruchslos einhalten willst. Wenn ja, dann reden wir weiter."

Ich bin dankbar dafür, dass ich meinen Kontakt zu den Buddhas in meiner inneren Praxis so erleben darf. Ich bin dankbar dafür, überhaupt den Dharma in diesem Leben gefunden zu haben. Ich bin dankbar, dass mein Wurzellehrer es auf sich genommen hat, Jahrzehnte seiner Lebenszeit bei uns zu verweilen und uns akzeptieren zu lernen, wie wir sind. Ohne ihn hätte ich diese kostbaren, inneren Erfahrungen womöglich nie gemacht. Wer weiß, wo ich heute stünde und ob es mir gelungen wäre, an meinen inneren, über viele Leben reichenden Pfad wieder anzudocken.

Doch damit ist die Arbeit eben nicht getan. Weder meine, noch die derjenigen, die Verantwortung für ihre Spiritualität oder ihre spirituelle Berufung übernehmen wollen. In meinem Empfinden ist die Befreiung des Herzens eben nur dann erfolgreich, wenn alle, die auf den Dharma treffen, diese inneren Erfahrung gemacht haben und in ihr stabil verweilen können. Nur dann wird der Lebensnektar, der dem Dharma innewohnt, möglichst viele Herzen nähren.

Übertriebener Personenkult ist dafür hinderlich. Einen Mann nur seines Namens und seines Renommees wegen anzubeten, ist dafür hinderlich. Ihm die Verantwortung für das eigene Leben abzugeben, ist dafür hinderlich. Nur noch in dessen Worten zu sprechen, als die eigene Sprache aus dem natürlichen Herzensgrund zu befreien, ist dafür hinderlich. Praxis und Hinwendung zum Wesentlichen in Zahlen messen zu wollen und diese mit Erfahrung zu verwechseln, ist dafür hinderlich.

Manchmal genügt es schon, jemandem still, direkt, verlässlich, wertschätzend und freundlich in die Augen zu schauen, um dessen Vertrauen in sein eigenes Herz zu befreien. Und wer dies nicht übt und anstrebt, sollte sich nicht spirituell verwirklichter Lehrer nennen.

Ja, ich bin eine Frau. Und diese sind nicht nur gnadenlos pragmatisch, sondern durch das Leben geschult darin, leer laufende Hybris auf Anhieb zu entlarven. Frauen sind geübt darin, gelegentlich über die Hybris und den Machismo der Männer hinweg zu schauen und diese "ihr Ding machen zu lassen". Ich, als Frau, kann wohl ignorierend an derlei Lehrern vorbei laufen und meiner eigenen Wege gehen. Doch mein Herz ist darüber eben trotzdem traurig. Weil ich mir wünschte, dass es möglich wäre, durch den tiefgründigen Dharma verzweifelte Herzen zu befreien, als durch leere Worte und ungeheuer zeitaufwändige, doch lebensfremde Rituale.

Ich gehe meiner Wege, im Wunsch, das kostbare Herz der Lehre in meinem Herzen zu entfalten und zu bewahren. Ich weiß, dass dieses wahre Herz nicht meint, das Abziehbild eines großen Lehrers zu sein und zu werden. Ich weiß, dass es einzig gilt, das eigene Herz authentisch und ganz auf meine Art zu befreien.

Und ich bete, dass diese Gleichmacherei, wie sie institutionalisierter, tibetischer Buddhismus heute kultiviert und pflegt, einst durch Vielfalt, Toleranz und wirkliche Wertschätzung des Menschen aufgebrochen werden möge.

Es ist so leicht, die Worte auszusprechen: "Buddha gab 84.000 unterschiedliche Unterweisungen, weil..." Doch was bedeutet es, sich diese Worte wirklich zu Herzen zu nehmen, durch eigenes Tun und Lassen zum Leben zu erwecken und eine wahre Inspiration zu sein, für jene, die es müde sind, mit blindem Gehorsam immer im Kreis zu laufen? Für jene, die sich wirklich nach Freiheit sehnen?

Freiheit fängt für mich damit an, dass mir jemand das sichere Gefühl gibt, in Ordnung und zur richtigen Zeit und am richtigen Ort zu sein, egal, wer oder wie ich bin. Derjenige, der mir dieses Gefühl zeigt, sowie lehrt, es beizubehalten, ist ein wahrer Held. Ein großer Held der Liebe.


Nun sage mir jemand, wo diese Helden im Buddhismus sind? Ich möchte sie gern treffen und mit ihnen sein. Und vielleicht von einem lernen. Ganz ohne Zwang, Regelwerk und der Erwartung, ihn auf einen Thron zu setzen und damit von meinem Herzen zu entfernen.

Ich möchte sie oder ihn treffen, um von Moment zu Moment neu zu erleben, dass wir in Wahrheit eines Herzens sind.

Doch wenn dieser dort, gegenüber, meint, er könne oder wisse etwas besser, sei wichtiger oder als einziger der einzig wahren Wahrheit treu und hätte es deshalb verdient, besser und großzügiger behandelt zu werden, als ich, verspielt er nicht nur die Chance, ein wahrer Held zu sein.

Er verspielt die Chance, einem offenen Herzen in Liebe zu begegnen.

Und was könnte jemals kostbarer, seltener und bereichernder auf dieser Welt sein, als gemeinsam gespürte Liebe?





"Ich werde nichts sagen, was ich nicht vielfach selber erfahren hätte."
"Wenn ihr finden solltet, dass dies nicht wahr ist, dann glaubt mir überhaupt nichts mehr von all dem, was ich euch sage."
(Teresa von Avila)


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