Große Erwartungen / Falsche Hoffnungen

Nein, es wird nicht alles toll, nach der inneren Auslese. Dein Weg gewinnt an Zielstrebigkeit, an Klarheit, an Offenheit und Mut. Und das war es dann auch schon.

Kein Sonderbonus erwartet dich - und keine endgültige Erlösung von irgendetwas, was dich schon so lange nervt. Auf dich wartet kein nicht enden wollender Erfolg. Diese Ernüchterung muss sein.


Bist du ein Arbeitstier, so bleibt dein Weg der eines Arbeitstiers. Bist du ein Träumer und ein Visionär, so bleibst du ein Träumer und Visionär. Bist du ein Pragmatiker, so bleibst du ein Pragmatiker. Und die Aufgaben, die fleißig, unnachgiebig, visionär und zugleich pragmatisch angegangen werden wollen, werden kein Ende nehmen.

Doch was sich ändert: Du kannst irgendwann genau das kommen sehen! Du erkennst, wo und warum die Arbeit weiter geht, schaust ein wenig voraus, in welche Richtung es laufen wird und was du ganz pragmatisch tun wirst. Und du brichst auf, im Wissen, was so ungefähr auf dich wartet.


Ein paar Jahre deines Weges wirst du noch viele falsche Hoffnungen hegen. Du wirst hoffen, eine letzte Schwelle zu überqueren, jenseits derer alles anders sein wird. Du hoffst, dein großes Glück zu machen und aus allen Sorgen befreit zu werden. Du visualisierst, wie du in Glück und Wohlsein verharren wirst, ohne Wiederkehr.

Doch nichts von dem wird eintreten. Und dennoch wirst du permanent Fortschritte machen.

Als ich mich vor ca. 1,5 Jahren entschloss, mich beruflich ein wenig zu qualifizieren und zu verändern, wurde ich von wochenlangen Bildern heimgesucht, was das für mich bedeuten wird. Vieles hat sich bewahrheitet - sowohl das Schwierige, was ich sah, als auch das Gute, was ich anstrebte. Es gibt nur beide Seiten der Medaille. Doch damals kostete es mich eine große Überwindung, angesichts des Schwierigen, das ich sah, einfach direkt auf die Herausforderung zu zugehen.

Auch für das Jahr, was begonnen hat, sehe ich wieder sowohl das Schwierige, als auch das Gute. Und bemerkenswert ist, dass das Gute genau aus dem Schwierigen erwachsen wird. Das, was ich später am meisten in einem Jahr schätzen werde, liegt heute exemplarisch in den Hürden beschlossen, die ich vor mir sehe. Und alles das kann ich nach unendlich vielen Marathon-Läufen der Veränderung, die ich hinter mir habe, nun deutlich auf mich zukommen sehen.

Sei daher zuversichtlich: Du wirst an dem, was du heute fürchtest, wachsen. Und für die Hürden, die irgendwann hinter dir liegen, wirst du dich später feiern.


Hierzu gibt es sehr wohl eine andere Option: Du hast die Wahl, vor den Hürden, die sich aus dem Verlassen der Komfortzone ergeben, auch zu kuschen. Du kannst dich weigern, dich ihnen zu stellen. Du kannst einfach so weitermachen, wie bisher. Wenn du Glück hast, funktioniert das dein langes Leben lang prima. Wenn du Pech hast, werden dich die Veränderungen, die du für deine Entwicklung brauchst, einfach zu Boden ringen.

Warum ich immer "Hier!" schreie, wenn es Veränderungen zu verschenken gibt, liegt ganz und gar in den schlimmen Folgen falscher Hoffnungen begründet. In der falschen Hoffnung beispielsweise, dass alles gut wird, wenn mir mein gesunder Menschenverstand wieder und wieder sagt, dass für das erhoffte Gute keine Ursachen vorhanden sind. In der großen Erwartung auf einen Erleichterung spendenden Erlöser, beispielsweise, der mein Leiden erkennt und sich meiner erbarmt.

In der stillen Hoffnung, beispielsweise, dass sich das Unerträgliche von allein erschöpft. Genau Letzteres ist gar zu trügerisch: Je mehr ich im Unerträglichen verharre, desto tiefer gewöhne ich mich und dulde ich es. Und je mehr ich es dulde, finde ich ausgefeilte Arrangements, um den Schmerz, den es bereitet, nicht zu deutlich zu fühlen. Wenn es ganz schlecht für mich läuft, verliere ich den alternativen Blickwinkel vollkommen und ergebe mich der Unerträglichkeit.

Irgendwann schleicht sich unbemerkt in mir die Gewissheit ein, dass es zu dem, das ich in lichten Momenten unerträglich finde, eben doch keine Alternative gibt. Ich beginne zu glauben, blind zu glauben, dass das Unerträgliche immer da sein wird. Deshalb ist es schlauer, sich zu arrangieren und dem Unerträglichen etwas Gutes abzugewinnen. Oder ich beginne, die Strategien, die eine unerträgliche Situation am Leben hält, mir für ein scheinbar heilsamer motiviertes Unterfangen nutzbar zu machen.

Mit anderen Worten bedeutet das: Befinde ich mich in einer Situation, in der ich ständig manipuliert werde, lerne ich, ohne es zu wollen, alle Strategien der Manipulation. Doch weil ich heilig und gut sein will, beginne ich, diese Strategien der Manipulation ebenfalls anzuwenden, nur diesmal für ein heilig und gut motiviertes Ziel. Manipulative Strategien bleiben aber manipulative Strategien, selbst dann, wenn ich sie auf ein scheinbar gutes, reines Ziel ausrichte. Dieses Vorgehen ist gleichbedeutend mit der Verharmlosung des Leids, indem ich Leid als wahrhaftige Freude und Erfüllung deklariere.


Ein solches Vorgehen beobachte ich oft, im spirituellen Bereich. Weil das Unerträgliche so unglaublich schmerzhaft ist, ändere ich einfach das Ziel, bleibe jedoch in meinen alten Mustern. In Mustern, die ich unfreiwillig erlernte, die mir eingetrichtert wurden, weil sie zu pflegen einstmals jemandem einen Vorteil verschafft haben. Nun mache ich mir die Muster zu eigen, um den Mangel eigenen Gelingens auszugleichen und nunmehr selbst einen Vorteil zu erlangen.

Nennen wir diesen Vorteil gerne mal das Wohlwollen der Meister und das Sammeln von Verdiensten. Früher, als ich diesen manipulativen Mechanismen unfreiwillig unterworfen war, nannte die jemand das Wohl des Kollektivs und das Schaffen von Wohlstand und Freiheit für alle. Anderes Label - gleiches Vorgehen - gleicher Preis. Doch nun geknüpft an große Erwartungen. Zum Beispiel die Erwartung der Absolution, kein ausbeutender, manipulativer Mensch, sondern nunmehr ethisch und gut zu sein, jederzeit bereit, mich dem Wohl aller Wesen vollständig hinzugeben.

Nochmal: Das sind die großen Erwartungen und falschen Hoffnungen, die aus Verletzungen entstehen. Und darum geht es, meinem Erkennen nach, auf dem Pfad nicht.


Zum wahren Pfad gehört, alle schädlichen, manipulativen Strategien tiefgründig aufzugeben - und nicht nur das Label zu ändern. Zum wahren Pfad gehört, den Schmerz des Wandels als ständigen Begleiter anzunehmen. Zum wahren Pfad gehört, alle möglichen Strategien auszuprobieren, um ihren Sinn und Nutzen zu verstehen. Zum wahren Pfad gehört, alle großen Erwartungen und falschen Hoffnungen, die aus erlittenem Schmerz  und Mangel entstanden sind, endgültig aufzugeben. Die große Erwartung, dass es irgendwann gut sein wird.

Nichts wird gut. Das Leid bleibt, der Schmerz bleibt, nur wandeln diese ihre Gestalt. Und je mehr ich mit ihm umgehen lerne, desto unerschütterlich, klarer, verzeihender und liebevoller werde ich. Doch je mehr ich versuche, dem erlittenen Leid gewaltsam den Rücken zu kehren, je mehr ich nach Befreiung und die Tilgung aller Schulden giere, desto unerreichbar wird beides.

Wie kann ich also aufgeben, während ich mit den Veränderungen gehe, beim Verlassen meiner Komfortzone? Ich gebe auf, immer wieder neu, wenn ich die Wirkung aller Strategien verstehe, während ich sie tiefgründig studiere und anwende. Nur dies wird mich irgendwann jenseits führen. Jenseits aller großen Erwartungen und falscher Hoffnungen.

Ich sehe ein anstrengendes, arbeitsreiches Jahr.
Ich sehe ein liebevolles und zielstrebiges Jahr.
Ich sehe ein schmerzhaftes und mich erschöpfendes Jahr.
Ich sehe ein herausforderndes und mich erfüllendes Jahr.

Dies alles ist eins und doch niemals das selbe, weil meine Kraft wächst, mit jeder Herausforderung, die jenseits der Komfortzone auf mich wartet. Meine Kraft, mit mir und den Wesen zu sein. Weil mit der Kraft meine Gewissheit wächst, dass keine noch so manipulative Strategie mich unterkriegen, noch erfüllen wird. Und weil mit dem Lehrgeld in Form von Leiden, was ich für diese Weisheit zahle, die Unerschütterlichkeit wächst. Und die Sucht nach einem freimütigen Leben.

Freien Mutes zu sein, bedeutet, mit dem bereinigenden Sturm zu sein. Und mit dem Gewitter. Freien Mutes zu sein, bedeutet, immer wieder schädliches, eigennütziges Tun zu entlarven und nach etwas Besserem zu streben, ohne dogmatisch auf bestimmte Strategien zu beharren. Freien Mutes zu sein, bedeutet, mit dem Strom der Wesen und ihren sich wandelnden Bedürfnissen zu sein.

So hoffe ich sehr - und damit hoffe ich diesmal nicht falsch und nicht zu viel! - dass du dich von den Herausforderungen, die auf dich warten, nicht entmutigen lässt und weiter voran gehst. Denn nichts ist nützlicher, als in den Schlund der Wahrheit manchmal gesträubten Gefieders zu schauen und dennoch, in unvorbereiteten Momenten, mit ungeahnten Ideen und Mitteln,  die Wesen zu befreien, obwohl es keine Hoffnung auf ein Ende gibt. So sei es. 

Schaue ich heute, an diesem Ostersonntag, auf die vergangenen 1,5 Jahre im Beruf zurück, so verblüfft mich, wie präzise ich damals vorausahnte, wie meine Reise im neuen Job verlaufen wird. Damals verdrängte ich noch, wollte es nicht glauben, doch das Leben selbst bestätigte es.

Ich bin noch nicht da, wo ich an diesem neuen Platz in der Arbeit sein möchte. Immer hoffe ich, diesen Platz im Miteinander zu erreichen.

Doch ein Miteinander hängt immer von jedem Einzelnen ab. Jeder entscheidet für sich, ob er kooperiert oder blockiert. Und fatal ist es, den Widerstand, in den zu treten sich die anderen entscheiden, mit denen ich vor hatte, meinen Weg zu gehen, persönlich zu nehmen.

Persönlich würde ich diesen Widerstand anderer nehmen, wenn ich daraus schlussfolgern würde, dass irgendetwas an mir oder meinem Wollen falsch ist.

Falsch, nur, weil diese Anderen dies nicht mittragen.

Da jeder für sich selbst entscheidet, wohin für ihn die Reise geht, definiert auch jeder für sich Hoffnungen, Erwartungen und Ziele. Und jeder ist selbst verantwortlich dafür, diese an seiner Wirklichkeit auszurichten. Gehen Hoffnungen, Erwartungen und Ziele nicht zusammen, ist es folgerichtig, getrennter Wege zu gehen.

Wenn du also mit einer guten Motivation deinen Weg gehst und auf Widerstand stößt, so lasse dich in deiner guten Motivation nicht irritieren und aufhalten. Die anderen haben nicht immer recht. Du selbst hast mindestens genau so recht, wie sie.

Ich musste das mühsam lernen, denn meine Kindheit und Jugend verbrachte ich permanent im Rückzug. Sobald ich auf Widerstand stieß - und dieser begegnete mir bereits oft in der Kindheit - trat ich den Rückzug an und suchte beinahe pathologisch nach der schlechten Motivation, die mir von anderen immer unterstellt wurde. Indes, ich fand sie nie. Doch um den Schmerz der Konfrontation zu vermeiden, gab ich nach.

Wenn ich also heute nüchtern sage, dass niemand dich mit einem Blumenstrauß empfangen wird, wenn du so ehrlich, authentisch und offenherzig wie möglich endlich dem folgst, was du, allein aus dir selbst heraus, für richtig erkannt hast, so heißt das: Es wird weh tun!


Doch die Reibung, die aufgrund des Widerstandes entsteht, verursacht auch Wärme, ermöglicht auch Veränderung, Wachstum und dass du, mit einer guten Motivation, für dich und andere ein Licht werden wirst.

Das Kind in dir wird niemals die Hoffnung auf endgültiges Glück aufgeben. Das Kind in dir hat auch nichts anderes verdient. Doch das offenherzige, heranwachsende Wesen in dir, das nach Wärme und Authentizität strebt, braucht gerade den  Widerstand, um falsche Masken abzustoßen und letzte Schleier aufzugeben. Und mit jedem Verlust einer zu starren Hülle um dein wahres Wesen, wirst du freier atmen können.

Mit jedem Verlust einer zu festgelegten Schwarz-Weiß-Annahme über dich und die Welt, wirst du mehr Wesen mit deinem Herzen umfangen können. Und damit ein kleines bisschen auch von der natürlichen Weite aus ihren Herzen befreien, wenn sie es zulassen!

So geschieht es mit mir. Und so sei es auch für dich! Das wünsche ich dir.

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