Die innere Auslese

Dem Entschluss, die derzeitige Komfortzone aufzugeben, weil sie mich unerfüllt und unzufrieden sein lässt, folgt nun die Auslese. Den einen oder anderen mag dies erstaunen, weil diese Reihenfolge umgekehrt ist, zu dem, was wir normalerweise erwarten. Doch dass zuerst die Entscheidung getroffen wird und dann innerlich umstrukturiert wird, ist ein geistiges Gesetz, das ich schon während meiner gesamten, inneren Reise beobachte.

Zuerst ist da nicht mehr als das diffuse Gefühl, etwas ändern zu müssen und ein dumpfes Ahnen, woran ich arbeiten muss. Dem folgt die innere Gewissheit, dass die Klarheit während des Prozesses endgültig eintreten wird. Sofern ich jedoch keine klare Entscheidung treffe, diesen Prozess bejahen zu wollen, egal, was er für Mühen mit sich bringen mag, passiert gar nichts.

Jede Entscheidung, das Gewohnte zu verlassen, beschert mir zuerst nicht viel mehr als die innere Gewissheit, es richtig zu machen. Und diese Gewissheit wird scheinbar ad absurdum geführt, durch ein Unwohlsein, weil ich noch nicht weiß, was mich erwartet. Zu gern möchte ich mich dann manchmal in mein Schneckenhaus verkriechen. Doch die Klarheit über das, was zu tun ist, muss nach jeder Entscheidung erst erarbeitet werden.

Die notwendige Arbeit erfolgt dabei nicht aktiv, indem ich gezielt nachdenke, als vielmehr ohne mein Zutun. Diese Arbeit in geistiger Nicht-Aktivität, die dem inneren, klaren "Ja" zur Veränderung folgt, gilt es dann, geduldig geschehen zu lassen. Um den Preis des Unwohlseins und um den Preis vorübergehender Orientierungslosigkeit.

Im Inneren geschieht sehr viel, in dieser Phase. Ich spüre den Boden unter den Füßen nicht mehr und gehe unwillentlich durch viele Erinnerungen und Ereignisse. Sie tauchen auf, zeigen sich in einem bestimmten Licht, verursachen ein "Aha", eine "Einsicht" in mir, die bisher noch nicht da war. Und dann verschwinden sie wieder. Etwas sortiert sich neu, in mir. Und dieser Prozess fordert von mir nach jeder Einsicht eine Art Loslassen.

Manches an meinem Leben, das ich geneigt war, als bedeutungsvoll zu erachten, kann sich plötzlich relativieren. Und während dieses einst Bedeutungsvolle ins Relative geht, vereindeutigt sich zugleich der goldene Faden, der sich durch dieses Leben zieht.

Mit dieser Auslese jetzt bereitwillig und vertrauensvoll mitzugehen, ist sehr wichtig. Denn ein Vorwärts kann nur dann entstehen, wenn ich bereitwilligen Herzens alle Fäden durchtrenne, die mich von diesem Aufbruch abhalten.

Natürlich gibt es viele innere Einwände dagegen, meine inneren Ansichten so rapide aufzugeben und neu zu strukturieren. Diese Einwände sich entkräften zu sehen und im Nichts verschwinden zu lassen, ist die innere Auslese.

Dies bedeutet zugleich, die innere Geschichte sich neu schreiben zu lassen - mit allem, was dazu gehört: Freude und Schmerz, Gewinn und Verlust, Lob und Tadel, Ruhm und Schande.

Schneller Fortschritt ist nur dann möglich, wenn ich bereit bin, meine Geschichte, mein bisher von mir in bestimmter Art und Weise definiertes Ich und das Ich, das durch meine Herkunft, Umstände und Lebensweise so in Erscheinung gerufen wurde, als unwesentlich zu akzeptieren. 
Schneller Fortschritt erfordert das tiefe Vertrauen, dass alles das, was ich nach Außen hin zeige, nicht so fest gefügt ist, wie ich oft glaube und nicht immer in meinem wahren Herzen verwurzelt ist.

Ohne dieses Vertrauen führt eine solche intensive, bodenlose Auslese nur zu Panik und Verzweiflung. Doch wenn du ein wenig geübt darin bist, zuzulassen, dass diese äußere Gestalt flexibel und veränderbar ist und diese Gestalt dein wahres Herz nicht in Frage stellt, dann wirst du die innere Auslese nicht nur unbeschadet, sondern mit dem zunehmenden Gefühl großer Erleichterung überstehen.

Unser mit diesem Körper verknüpftes Bewusstsein ist sehr stark durch unsere Gehirnstruktur definiert. Alle diese gesunden Mechanismen, uns das Überleben zu sichern, können für jemandem, der schnellen Fortschritt wünscht, auch manchmal ein Hindernis sein. Doch mit Vertrauen in den eigenen Geist, der nicht durch Körper und Gehirn allein bestimmt ist, werden neue Synapsen gebildet und neues Wachstum im Einklang mit dem eigenen Körper möglich.

Wenn ich von äußerer Gestalt spreche, so meine ich nicht meine körperliche  Form. In diesem Leben werde ich sowohl meinem Vater als auch meiner Mutter ähnlich sehen und die körperliche Statur meiner Großmutter väterlicherseits haben. Ich werde niemals ganz schmal und modisch gertenschlank sein, weil die übernommenen Gene das nicht zulassen. Und diese Gene werden mit zunehmenden Alter genau die gleiche Entwicklung erzeugen, wie sie auch die anderen Frauen in meiner Familie durchlaufen sind. Das also ist mit der äußeren Gestalt nicht gemeint.

Mit äußerer Gestalt meine ich, die Art und Weise, wie ich nach außen wirke, wie ich agiere und mit Menschen, mit meinem Leben und mit meinem Beruf umgehe. Was ich für Prioritäten setze und welchen Paradigmen ich in meinem Leben folge. Diese äußere Gestalt, die sich aus geistigen Werten und Überzeugungen ergibt, sowie aus meiner Psyche formt, ist wandelbar. Und diese äußere Gestalt muss ich wandeln, wenn ich meine Komfortzone verlassen will und sie wird sich wandeln, indem ich die Komfortzone verlasse.

Und die Wandlung, die ich durch die innere Auslese durchlaufe, wird dabei bestimmt, durch jenes gestaltlose, innige Herz, das mich nun schon durch viele Leben führt und begleitet. Das Herz ist dabei das wahre Wunder, weil es gestaltlos ist. Nur indem es in seinem Wirken flexibel bleibt, gelingt es ihm wieder und wieder, von Leben zu Leben, seine Bestimmung zu erfüllen.


Aus dem Herzen heraus wird der goldene Faden gesponnen. Nicht allein nur aus dem, was mir geschieht und was mit mir geschieht, während ich Leben und Leben durchschreite. Doch immer ist das Spinnen dieses goldenen Fadens eine unausgesetzte Zwiesprache, zwischen jenem geistigen Herzen sowie den Erfahrungen und Erlebnissen, die ich in jedem Leben mache. Und die Weisheit des Herzens ist es, die letztlich die Zielrichtung des goldenen Fadens immer wieder justiert und neu bestimmt, wenn ich in einer Stagnation feststecke.

Stagnation entsteht dann, wenn ich zu stark an allem hafte, was in meinem Leben geschieht. Wenn ich Situationen überbewerte, die zwar anstrengend und fordernd, aber manchmal für meinen goldenen Faden nebensächlich sind. Vielleicht war es zu gewissen Zeiten in meinem Leben wichtig, viel Kraft und Energie einem anderen Wesen zur Verfügung zu stellen. Doch irgendwann ist diese Phase abgeschlossen.


Das Herz mag das schnell verstehen, doch unser Gehirn und unser physisches Tagesbewusstsein hinkt dem hinterher und mag diese Phase einfach nicht loslassen. Zum Zeitpunkt der Auslese jedoch erreicht mich in Bildern und Erkenntnissen aus meinem Herzen heraus die Gewissheit, dass es Zeit wird, diese anstrengende, schmerzvolle Zeit vollkommen hinter mir zu lassen. Jetzt treffe ich auch in meinem Tagesbewusstsein die Entscheidung. "Ja, ich will das jetzt loslassen". Jetzt durchschneide ich die Fäden meiner inneren Aufmerksamkeit, die mich immer noch an dieses Ereignis binden wollen. So sei es.

Diese Auslese geschieht, wie gesagt, sehr oft in einer Art Nebel. Ich tauche mit einem größeren Teil meines Bewusstseins, als normal, in dieses Unterbewusste ab. Ich lasse diese Bilder und Empfindungen zu, die mir einen neuen Blick auf die Ereignisse meines Lebens erlauben. Und ich durchschneide die Fäden sachte, aber entschieden. Und so sortiert sich nach und nach mein inneres System neu. Und dadurch ändert sich auch meine nach außen in Erscheinung tretende, geistige Gestalt.

Allmählich lichten sich dann die Nebel. Dieser Prozess dauert, je nach Notwendigkeit, manchmal nur Tage, manchmal auch Wochen. Und er vollzieht sich unterschiedlich bewusst. Einiges davon nehme ich sehr deutlich wahr, anderes vollzieht sich von mir unbemerkt, nur spürbar an diesem Unwohlsein, das aus der vorübergehenden Bodenlosigkeit entsteht.

Abgeschlossen ist der Prozess dann, wenn ich eines unverhofften Tages morgens frisch, klar, erleichtert und mit einer neuen, ungeahnten Zielstrebigkeit aufwache. Dieser Tag ist in der Regel immer ein guter, glücklicher Tag. Und auf diesen strebe ich hin, lasse mich nicht von dumpfem Nebel, streckenweiser Orientierungslosigkeit und schlechten Gefühlen aufhalten. Ich vertraue auf mein Herz und darauf, dass die Phase der inneren Auslese vorbei gehen wird.

Viel wichtiger, als alle diese unschönen Erscheinungen, ist eben dieser Tag, an dem ich erneut aufbrechen werde. An dem ich weiß: Da liegt wieder jede Menge Arbeit vor mir, aber sie ist sinnvoll und nützlich. Dieser Tag, an dem ich wieder neue Ausrichtung gefunden habe. Und alles Gepäck, was nicht mehr zu mir gehört, werde ich dann hinter mir gelassen haben. Und so lange es von da an möglich ist, werde ich vorangehen.

Bis zu dem Tag, an dem ich bemerke, dass ich mich wieder viel zu bequem und komfortabel gebettet habe, sodass es mir an Frischluft fehlt. Und dann beginnt der Kreislauf des Entscheidens, der inneren Auslese und der neuerlich gewonnenen Zielsetzung wieder von vorn ... Denn der goldene Faden will weiter und weiter gesponnen werden.

Ja, heute morgen war es, als ich wieder einmal Zeugin des Prozesses der inneren Auslese wurde. Es hatte etwas von einem Fantasy-Film an sich, als ich im Halbschlaf zwei recht grimmig wirkende, amphibisch anmutende, weibliche Wesen sah, wie sie gebeugt über ein altes, dickes, altertümlich wirkendes Buch im Kerzenschein saßen. Sie blätterten Seite um Seite um. Die eine löschte mit einem weißen Stift konzentriert und akribisch diverse Zeilen aus dem Buch, während die andere sich im Geiste mit ihr abstimmte. Wie von Geisterhand schlossen sich diese Zeilen wieder: Manche Ereignisse verschwanden und andere rückten zusammen. Die Geschichte in diesem Buch verdichtete sich und alles das, was nicht zur Story gehörte, verschwand, ohne Spuren zu hinterlassen.

Diese beiden weiblichen Wesen wirkten auf mich nicht so, als hätten sie viel Humor. Doch zugleich spürte ich, dass ich sie kenne und das sie zu mir gehören. Sie wachen über das Buch meiner Leben, mit der Konzentration und Weisheit jener, die viel Verantwortung tragen. Und mögen sie auch nicht schön sein und nicht mit sich spaßen lassen, so tun sie diese Arbeit mit Hingabe, Liebe und großem Mitgefühl. Ich weiß, sie sorgen dafür, dass mein goldener Faden stets fein gesponnen und straff genug gespannt bleibt, um - wenn man auf ihm spielt - eine schöne Melodie zu erzeugen.

Und während ich sie vor dem inneren Auge sah, wechselten sich parallel dazu Erinnerungen ab, die ich neu bewertete und als endgültig abgeschlossen (und damit für die Gegenwart und Zukunft nicht weiter relevant) gehen ließ...



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