Zu Füßen meines besten Freundes

Es gibt diese zwei Zeiten am Tag, zu denen ich mich besinne, auf das, was mir im Herzen wichtig ist. Schon länger gleicht dies nicht mehr so sehr einem Ritual, was durch bestimmte Worte und Gebete begleitet wird. Vielmehr ist es eine Bewegung nach innen und in die Tiefe meines Wesens - hinab ins Herz.

Dass dieses Herz verbunden ist, mit vielen geistigen Ebenen und Welten, das weiß ich sehr genau. Und so vollziehe ich diese Bewegung mit Andacht, mit Hingabe und Demut. Ich löse bewusst meine Aufmerksamkeit aus den Geschehnissen des Tages oder der Nacht, lasse bewusst locker, weil ich mir so sicher bin, dass alles dies, was sich meinen Sinnen darbietet, so oberflächlich und täuschend sein kann.

Da ist viel Lärm um nichts. Und viele meiner Gedanken sind nicht mehr als Echos dieser trügerisch erscheinenden Ebenen des Seins, die dennoch so nützlich sein können, wenn man diese Ebenen sinnvoll zu durchdringen versteht.

Um das aber zu können, muss ich nackt und leer, still und ganz im Fühlen meines Herzens sein. 


Und ob ich mich diesem Zustand einzig mit der inneren Bewegung nähere oder durch lieb gewonnene Gebete - am Ende ist es einerlei. Das eine ist so gut wie das andere. Und vielleicht ist die unvermittelte Bewegung nach innen eine Form komprimierter Zeit.

Ich halte die Zeit an - und mit ihr alle Formen des Klangs und des Denkens - alles friert ein. Ich tauche hindurch, in die Stille und Zeitlosigkeit meines Herzens.

Ich vertraue mich an.

Vielleicht lässt sich dieses Empfinden, was ich dort, in der Tiefe des Herzens habe, voller Andacht, Lauschen und Demut, am besten in ein Bild fassen: Wie du zu Füßen eines über alles geliebten, weisen, gütigen und dir Schutz gewährenden Menschen sitzt. Jemand, der dein bester Freund ist, auf den du dich immer stützen kannst und vor dem du dich nicht verstecken, noch verstellen musst.


Dem einen mag dazu einfallen, wie er oder sie einst zu Füßen der Großmutter, des Großvaters oder der Eltern saß, während diese Märchen vorlasen. Oder wie die Kinder und die Jünger zu Füßen Jesus saßen. Oder wie die Schüler Buddhas an dessen Lippen hingen:  Wach, warm, offen und im Herzen glücklich fühlten sie sich wohl alle.

Für mich gibt es daher keinen sichereren Ort, als den im Herzen. Wenn ich dort Zuflucht nehme, bin ich mir aller hilfreichen Wesen bewusst, die die geistigen Welten bevölkern. Nicht nur aller Gottheiten, wie sie der tibetische Buddhismus lehrt, sondern auch die fortschrittlichen Menschen, deren Geist fast immer auf den klarsten und hellsten Frequenzen des Geistes verweilen und diese Ebenen jederzeit miteinander teilen können.


Plötzlich weiß ich mich eins mit ihnen, sehe mich nicht getrennt und nicht verschieden. Und ich spüre diesen Ozean an Liebe und Verbundenheit, der Harmonie, die auf den Ebenen des normalen Alltags uns oft so ferne scheint.

Manchmal verweile ich dort, um Fragen zu klären, um allgemein Klarheit die Prioritäten und Prämissen meines Lebens zu finden. Und dorthin immer wieder zurückzukehren und still zu sein, sind die heilsamsten Momente des Tages.

Ich verinnerliche allmählich, dass der Aufwand dafür keine Rolle spielt, nicht einmal die Dauer, als vielmehr die Intensität, mit der ich bei der Sache bin. Diese Ganzherzigkeit, die ich aufwende, vermag einer Stunde Ewigkeit zu verleihen. Für einen Moment stehe ich außerhalb der Zeit und bedarf nichts mehr, als zu verweilen.


Dabei ist dieses Verweilen sehr lebendig. Obwohl still und frei von Gestaltungswillen, teilt sich mir in diesem Verweilen so Vieles mit. Als lauschte ich tatsächlich einer weisen und freundlichen Lehrerin. Und manche Frage, die mich schon lange quälte, beantwortet sich quasi von selbst, in dem sich meinem inneren Auge Zusammenhänge zeigen.

Dieses innere Erleben ist nicht getrennt von weiteren Gefühlen. Obwohl das heimelige Gefühl, geborgen, beschützt und geliebt zu sein, alles erfüllt, zeigen sich zugleich Bilder, Szenen und Episoden, die ich in ihrer Aussagekraft auch spüre. Doch das Empfinden von einem Zuhause wird nicht gestört. Dieses bleibt stets vorhanden, während mir manches sowohl im Denken als auch im Fühlen offenbart wird.

Ja, etwa so, wie wir uns fühlten, als wir zu Füßen des geliebten Menschen den Geschichten lauschten: Mochten sie auch gruselig und spannend sein, so fühlten wir uns durch nichts wirklich bedroht und zu erschüttern.

Im Alltag fühle ich mich viel zu selten so. Ich spüre sehr klar, ob ich wirklich mit meinem Herzen verbunden bin, oder nicht. Wann immer die grimmigen Schwestern Angst, Scham und Schuld in meinem Bewusstsein ihr Unwesen treiben, so ist dies stets getragen von einem Grundgefühl an Kälte und Einsamkeit - einem klaren Wissen darüber, dass es besser ist, auf der Hut zu sein. Ein unangenehmer, sehr vereinnahmender Grundtenor, der dem Herzen fremd ist.


Manchmal denke ich daran, wie viele Wesen wohl seit unendlich langen Zeiten auf der Suche nach jenem wissenden Gefühl der Liebe, Geborgenheit und Sicherheit sind, das sich nur in unserem Herzen findet? Sicher findet der eine oder andere einmal einen Menschen, mit dem er dies teilt. Doch was, wenn der Moment kommt, in dem man voneinander getrennt wird?

Ich denke daran, wie unbarmherzig es ist, in dieser Wüste zu sein, in der sich kein sicheres Plätzchen finden lässt. Und ich bin mir sicher, dass sehr Viele sich so fühlen, je nachdem, welche Eindrücke in ihrem Geist aktiv sind.

Und ich denke daran, wie schön es wäre, das, was ich in Momenten der Andacht, der Hingabe und Demut empfinde, mit jedem von ihnen teilen zu können, damit sie ab sofort ihres wahren Herzens sicher sind.

Mit Worten kann man das Herz nicht teilen. Aber Worte können ein offenes Herz warm begleiten. Und derjenige, der offenen Herzens ist, wird mit der Gabe gesegnet, im richtigen Moment die richtige Worte zu finden. Worte, die das Herz des anderen wach, warm und offen machen, versehen mit dieser unmissverständlichen Brise Glück, die aus der Gewissheit erwächst, dass alles in Ordnung und zur rechten Zeit am rechten Ort ist. 


Mögen wir alle uns stets gewiss sein, dass dies der einzige wirkliche Seinszustand ist. Ein Zustand, der uns im Herzen mit allem gleich macht, was lebt.

Wann immer wir diese Frequenz unseres Herzens halten, halten wir die Welt. Je öfter wir die Welt halten, desto inniger verstehen wir ihr Kommen und Gehen, was sie zusammenhält und täglich neu erschafft. Und warum der eine Mensch eher so ist und der andere so. Und wie es sein kann, dass wir äußerlich und oberflächlich alle so verschieden sind - und am Ende eben doch alle auf das Gleiche hinaus wollen.


In jenem Verweilen im Herzen nämlich lernst du jede Menge darüber. Du schaust das Abhängig Entstandene, sei es gut oder schlecht. Du meditierst auf das was war und träumst das voraus, was einmal sein wird. Und alles dies wird zusammengehalten von jenem goldenen Faden in deinem Herzen, der sich durch deinen ganzen Weg des Erwachens hindurch zieht - über unendlich viele Leben hinweg.


Dort weißt du plötzlich: Selbst wenn es gerade schwer ist, kann das Leben nicht anders sein, als so. Du verstehst und akzeptierst deinen Platz, deine Eigenarten, deine Denk- und Fühlweisen. Für diesen Moment der Andacht in deinem Herzen.

... Bis du wieder aus dem Herzen auftauchst und der erste Schmerz, den du im alltäglichen Bewusstseins fühlst, dich zurück zum zweifelnden Fragen nach dem Wieso führt.

Und zu diesen beiden Zeiten des Tages, an denen ich formal oder ganz unkonventionell innehalte, akzeptiere ich auch diesen Anteil, der das Leiden, ebenso wie das Fragen, nicht lassen kann. So ist die Realität unseres physischen Daseins beschaffen. Ich nehme diesen Teil von mir in mein Herz, wohl wissend, dass das Ewige mit dem Relativen zu vereinen, nicht möglich ist.

Und dennoch kann das Herz mein tägliches Tun segnen und wieder mit dem Auge der Welt verbinden. 

Und dennoch wird mein Verweilen dort alles an den rechten Platz zurückführen.

Und dennoch wird ein Teil meines Tagesbewusstseins dies dann wieder ein Stück weit vergessen haben, wenn ich die Zeitlosigkeit, die ich zu Füßen meines besten Freundes verbracht habe, wieder verlasse.

Dann werden die Uhren dieser Welt wieder laut und vernehmlich zu ticken beginnen. Und im Takt ihres Tickens werde ich die tägliche Routine von vorn beginnen.  









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Kommentare

  1. Liebe Jospehine,
    was für ein treffender und wunderbarer Text von Dir! Du sprichst mir aus dem Herzen, denn auch ich praktiziere das gleiche, das Du hier so schön beschreibst. Jeden Tag etwa zwei Stunden. So lange brauche ich, um hinabzusteigen in den Seelengrund. Ich rezitiere dabei auch keine Texte, sondern versuche zunächst die heranflutenden Gedanken zu klären und dann in die Herzgegend zu gehen und dieses tragende, warme Gefühl zu genießen. Dabei fühle ich mich mit all jenen verbunden, die auch diesen Weg gehen oder schon gegangen sind, also mit Lebenden und Verstorbenen, von denen ich annehme, dass sie auch jetzt noch erreichbar sind. Es fühlt sich tatsächlich so an, als würde man zu Füßen eines großen Lehrers sitzen...
    Liebe Grüße von Anke!

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    1. Liebe Anke,
      ich freue mich, zu lesen, dass du dir so viel Zeit für diese Innerlichkeit nimmst.

      Die Verbindung, die wir hier im Herzen unserer Seele herstellen, ist für mich der Kern aller Meditationsübung. Und im Wesentlichen auch der Kern der Praxis die im Buddhismus "Guru Yoga" genannt wird. Hier wird nichts von Außen nach innen geholt und nichts hinzu gefügt, sondern eine innige Beziehung zu unserem wahren Sein hergestellt und damit zu allen, die in der Wahrheit ihres Wesens ruhen können.

      Je öfter ich dies übe und genieße, desto weniger Mangel empfinde ich. Sei es Mangel an Liebe, an Verständnis, an Richtung, Erdung, Geborgenheit - oder Zuversicht und Gewissheit.

      In diesem Zustand ist alles enthalten und alles erfahrbar, alles heil und in Ordnung, ohne dass etwas verdrängt, forciert noch künstlich erzeugt wurde. Es ist der ursprüngliche Zustand schlechthin und eine Quelle für Regeneration und Wohlergehen.

      Aus diesem Zustand heraus liebt und versteht man andere spontan und natürlich. Diesen Zustand anderen zu gönnen und zu wünschen, geschieht ebenso spontan und natürlich. Und dafür sorgen zu wollen und auch zu sorgen - bis dahin ist es dann nur noch ein kleiner, ebenfalls natürlicher Schritt, den man irgendwann ebenfalls spontan und von Herzen gerne geht - so gut man kann!

      Ich wünsche dir immer wieder eine gute Zeit zu Füßen deines liebsten Lehrers und Freundes.

      Herzlichst, Josephine.

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