Die Welt im Herzen halten

Selbst wenn das Leben deinen ganzen Einsatz fordert, sodass du keine Kapazitäten mehr hast, um in deiner "Freizeit" das zu tun, was du liebst, bleibt dir immer noch eins: Du kannst die Welt in deinem Herzen halten.

Mit deinem ganzen Herzen zu halten, wer dir begegnet und was dir begegnet, ist die Praxis, die immer möglich ist, bei allem, was du tust. Und für mich ist dies im Moment die Übung, die mein Bedürfnis stillt, eins mit meinem Herzen zu sein. 


Alles im Herzen zu halten, wie die Mutter ihr Kind am Herzen hält, um es zu stützen und zu bewahren, gewinnt für mich in den letzten Tagen an Tiefgründigkeit. In dieser Übung scheint letztlich alles enthalten zu sein. Doch im Alltag bin ich oft von augenscheinlichen Oberflächlichkeiten abgelenkt, um den tieferen Sinn darin wertzuschätzen.

Und deshalb sitze ich hier und schreibe, um mich daran zu erinnern.

Ich möchte mich daran erinnern, wie wichtig diese Haltung ist, um das Gute, Heilsame im anderen zu nähren. Je mehr ich in meinem Herzen den anderen, der mir begegnet, halte und damit einen schützenden und stärkenden Kokon um das Gute im anderen lege, desto stärker geht auch der andere mit genau diesem Guten in Resonanz.

Für mich ist das ein klares energetisches Gesetz. Manche mögen es auch einfach das Gesetz der Aufmerksamkeit nennen: Worauf ich meine Aufmerksamkeit richte, das gewinnt an Kraft. Und worauf ich meine Aufmerksamkeit im anderen richte, auch das gewinnt an Kraft.


Doch um meine Aufmerksamkeit sauber ausrichten zu können, auf das Gute, das Herzliche, das Menschliche im anderen, muss ich zuerst in Kontakt mit dem anderen gehen. Indem ich mich dem Gegenüber ehrlich zuwende, mit dem Wunsch, sein Herz mit meinem Herzen zu halten, indem ich ihm ehrlich zuhöre und mich aufrichtig nach ihm erkundige, desto mehr halte ich ihn in meinem Herzen. Desto mehr stärke ich die Frequenz unserer Herzen.

Mein Lebensunterhalt hat wahrlich wenig mit Buddhismus zu tun. Genau genommen habe ich kaum Zeit und Muse, mich mit Buddhismus zu beschäftigen, obwohl er der Spiritualität meines Herzens entspricht. Ich lese kaum buddhistische Schriften. Und oft genug, wenn ich abends noch praktizieren will, nicke ich aus Erschöpfung einfach ein.

Je mehr ich über diese Übung nachdenke, alles, was mir begegnet, im Herzen zu halten, desto mehr buddhistisch erscheint sie mir. Und zugleich sehr universal.

Diese Praxis führe ich intuitiv ständig durch. Ich unterscheide bei dieser Übung nicht in Phasen, wie vorher, nachher oder mittendrin. Ich tue es, wann immer ich jemandem begegne. Den ganzen Tag habe ich mit Menschen zu tun und kommuniziere ich mit ihnen.

Der Austausch zwischen mir und den anderen wird von meiner Arbeit bestimmt. Wir sprechen über die Arbeit, doch zugleich findet, quasi hinter dem Offensichtlichen, ein ständiger zwischenmenschlicher Austausch statt. Und so während dieser Interaktion stellt sich bei mir automatisch das Bedürfnis ein, den anderen mit allen seinen Facetten in mein Herz zu nehmen.

Insbesondere dann, wenn ich mehr über diesen Menschen erfahre. Jede alltägliche Begegnung teilt mir etwas mehr über den anderen mit. Manchmal sind es kleine Gesten, ein kurzer Wortwechsel im Flur, eine kleine Höflichkeit. Manchmal aber auch anstrengende Gespräche, kritischer Austausch und emotional aufgeladene Situationen. Inmitten aller dieser Kommunikation lege ich meine Aufmerksamkeit genau auf diesen Wunsch, den anderen im Herzen zu halten.

Ich tue dies, während mir vielleicht die eine Kollegin auf die Frage, wie es geht, spontan erzählt, dass sie im Endspurt ihres schmutzigen Scheidungskrieges steht, während sie versucht, ihr Kind so wenig wie möglich davon spüren zu lassen und mit ihrer vereinnahmenden Mutter zurecht zu kommen. Klar, das wirkt sich auf die Qualität ihrer Arbeit aus...

Und da passiert es plötzlich, dass ich innerlich verstumme, aus Respekt und Wertschätzung dafür, wie diese Frau ihr Leben aufrichtigen Herzens zu meistern versucht. In dieser Pause, die in allen meinen inneren Aktivitäten unvermittelt eintritt, ist da plötzlich nur noch dieser Wunsch, sie in mein Herz zu nehmen.


Dieser Entschluss ist nicht mehr, als eine wortlose Geste, ein wortloser Akt innerer Anteilnahme. Etwas, was niemand mit Händen greifen, noch darauf zeigen kann. Doch ab und an mündet dies auch in kurze Sätze der Anerkennung für den Menschen dort vor mir.

Dann treffe ich den nächsten Kollegen, der mir spontan und im Vertrauen erzählt, dass er Geldnöte hat und ihm mehrere hundert Euro seines Gehaltes gepfändet wurden. Plötzlich ahne ich, was ihm die Anstellung in unserer Firma bedeutet und wieder verstumme ich im Inneren einen Augenblick. Ich halte inne, um wieder mit Achtsamkeit jemanden in mein Herz zu nehmen.

Dort ist die nächste Kollegin, die berichtet, dass ihre Katze, die sie 15 Jahre begleitet hat, vor wenigen Tagen eingeschläfert wurde. Oder dort, die Kollegin, der so viele Schwierigkeiten im Leben widerfuhren, dass sie heute kein Selbstvertrauen hat. Sie leistet hervorragende Arbeit, doch kann sie dies nicht wertschätzen und den Druck, den sie sich selbst macht, kaum noch ertragen. Wer weiß, wie lange sie noch da sein wird...

Ja, hier geht es um die Menschen, jenseits ihrer täglichen Arbeit. Ihr Leben und ihr Wesen wirkt in die Arbeit hinein und bestimmt, wie gut oder schlecht sie arbeiten. Und ihnen ein ehrliches, ungeschöntes Feedback zur Qualität ihrer Arbeit zu geben, das ist mein Job. Doch jenseits davon, in jener wortlosen, empathischen Dimension, kann ich sie, unabhängig davon, wie gut oder schlecht sie arbeiten, aufrichtig in mein Herz nehmen.


Und indem ich sie in mein Herz nehme und halte, wünsche ich ihnen Gelingen. Gelingen für alles, was vor ihnen liegt, an Glück, Herausforderungen und Möglichkeiten, zu wachsen. Ich wünsche ihnen, dass sie ihren Weg behütet und sicher gehen. Ich wünsche ihnen für alle Herausforderungen ihres Lebens Standhaftigkeit und Mut.

Manche mögen dies pathetisch finden. Manche lächerlich. Manche mögen nicht verstehen. Doch ich spüre irgendwann, wenn ich offenen Herzens zuhöre, unweigerlich diesen Moment des Begreifens und Schweigens nahen, in dem ich anerkenne, dass diese Menschen dort, genau wie ich, am Leben und doch gefangen in Samsara sind. Und dass sie, ebenso wie ich, einfach versuchen, das Beste daraus zu machen. Mögen sie dabei unwissend und unbeholfen sein, manchmal naiv und manchmal egoistisch.


Eines jeden Menschen Herz versucht nach besten Wissen und Gewissen den richtigen Weg zu finden. Und mir dessen bewusst werdend, nehme ich den anderen dort in mein Herz.

Dass ich dies tue, bleibt mein Geheimnis. Doch indem ich es tue, wird jede  Begegnung kostbar. Kostbar, weil so jede Begegnung die Möglichkeit gibt, mich in Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Urteilsfreiheit zu üben. Und indem ich jede Begegnung mit diesen so genannten "Vier Unermesslichen" verbinde, wird jede Begegnung zu einem Moment buddhistischer Praxis.

Ich schreibe hier darüber, um mich daran zu erinnern, dass ich ständig meinen Geist ausrichte und übe. Ich schreibe, um mir selbst den Druck zu nehmen, mehr von alledem zu tun, was gemeinhin im traditionellen Sinne "buddhistische Praxis" genannt wird. Ich schreibe, weil mein Herz möchte, dass ich mich erinnere, dass die letztgültige Übung immer die ist, die in allen alltäglichen Lebenslagen stattfindet. Und für mich wird zunehmend fraglich, ob man dies überhaupt eine Übung nennen kann, wenn sie ohne Vorsatz stattfindet.

Dieses nicht plakative Üben, was in reiner Menschlichkeit und einem freundlichen Herzen wurzelt, tut seine Wirkung. Es wirkt, ohne benannt und ohne registriert zu werden.

Und ich ahne im Herzen, dass wir viel zu oft deren Wirkung unterschätzen, weil wir zu stark getrimmt auf unsere physischen Sinnesorgane und deren Wahrnehmungsmöglichkeiten sind. Wir vergessen unser geistiges "Sinnesorgan" und dessen Wirkungskraft.

Doch nachhaltig daran erinnert werde ich seit etlichen Monaten, in denen ich mich ab und an mal mit Daschi-Dorscho Itigelow (=> Link) beschäftigt habe. Jenem Yogi, dessen Körper, obwohl vor 75 Jahren gestorben, auch heute noch keine Anzeichen von Verwesung aufweist. Und der als nicht gestorben, sondern in einem Zustand tiefer Meditation befindlich, gilt.

Nicht allzu lange her ist es, da dachte ich noch: "Was soll das? Wofür soll ein solcher Zustand gut sein?" Seitdem ich über ihn nachdenke und ihm nachspüre (und man spürt tatsächlich, dass er noch anwesend und nicht gestorben ist), hat sich in mir viel bewegt. Ich glaube, die Begegnung mit ihm, und sei sie auch nur auf Entfernung und im Geiste, lehrt mich gerade eine tiefere Wertschätzung für diese geistigen Dimensionen, in denen er sich aufhält. Auch, wenn in mir noch viele Fragen offen sind, so spüre ich erleichternde Antworten nahen.

Eventuell hält Daschi-Dorscho Itigelow die ganze Zeit sehr viele Dimensionen dieser Welt mit seinem Herzen. Doch weil wir dies in diesem Ausmaß nicht vermögen, glauben wir es nicht. Und weil wir für unsere physischen Sinnesorgane dafür keinen Beweis haben, wertschätzen wir es nicht.

Und unser Mangel an Wertschätzung zeigt sich nicht zuletzt in der so genannten "lebenden Mumie", deren Bilder derzeit durch das Internet und Facebook gehen (=> Link). Dieser Körper soll älter sein, als der Itigelows, sich jedoch in einem ähnlichen Zustand befinden. Was, wenn dieser Yogi tatsächlich in tiefer Meditation ist: Haben wir das Recht, ihn durch Untersuchungen und Mutmaßungen zu stören? Es tut mir persönlich sehr Leid, dass er aus seiner Höhle geholt wurde.


In jedem alltäglichen Tun sich auf das Herz zu besinnen, in mir selbst und anderen und dessen Frequenz zu stärken, wird für mich zunehmend wichtiger, als eine formale, äußere buddhistische Praxis. Diese Verinnerlichung und geistige Ausrichtung zu intensivieren und täglich nicht nur zu üben, sondern einfach zu leben, scheint mir die höchste Praxis zu sein.

Und so finde ich zugleich etwas Gutes neben dem Schlechten unseres westlichen, weltlichen und stark beschleunigten Alltags: Zwar erlaubt mir dieses Leben nicht, viel formal Buddhistisches zu tun, zugleich aber zwingt dieses Leben mich auch dazu, so rasch wie möglich jenseits aller Formalitäten zu üben - und somit über kurz oder lang die Essenz der buddhistischen Praxis ganz und gar mit meinem normalen, alltäglichen Leben zu verbinden.

Oft bin ich hin und her gerissen, zwischen Sehnsucht nach Unterweisungen und intensiver formaler Meditation einerseits und dem Überdruss an dem Angebot eben dieser Unterweisungen und Praxis. Letzteres deshalb, weil ich kaum Gelegenheit dazu habe und somit im starken inneren Konflikt stecke, dies zu wollen, aber, realistisch betrachtet, nicht zu können.

Während ich hier schreibe, bin ich zugleich dankbar. Dankbar für die Güte aller geistigen Helfer und Wegweiser, die mich immer wieder auch den tieferen Sinn in meiner derzeitigen Lebenssituation finden lassen. Dieser Hinweis kommt aus ihren geistigen Herzen, darauf vertraue ich.


Und mit meinem Herzen greife ich diesen Hinweis auf und übe diesen Weg, mitten hindurch durch mein Leben und alle zwischenmenschlichen Begegnungen - wenngleich dieser Weg oft irgendwo jenseits dessen verläuft, was traditionelle, buddhistische Lehrer empfehlen würden.

Ich bin dankbar für diesen Impuls, dass die Welt im Herzen zu halten, eine wichtige Übung ist. Vielleicht die Vorbereitung darauf, einst wie ein Buddha, Kraft des reinen Geistes, die Wesen zu beschützen, zu führen und zu halten. Oder, anders gesagt, Kraft des geistigen Herzens für sie und ausnahmslos alles, was sie bewegt, empfänglich und präsent zu sein.

So sei es.





Kommentare

  1. Liebe Josephine,
    dieser Beitrag hat mich sehr berührt, angesprochen und auch froh gemacht! Ich freue mich, dass Du Deine spirituelle Praxis zunehmend in den Alltag integrieren kannst. Sicher ist es leichter, im stillen Kämmerlein für andere zu bitten als in der direkten Begegnung das Herz immer geöffnet zu halten. Mir scheint, dass jemand, der letzteres vermag, weiter fortgeschritten ist in seiner Praxis als jemand, der sich ganz zurückzieht aus der Welt. Ich wünsche Dir, dass die Kraft und Sicherheit immer mehr wachsen und dass Du Dich nicht auch bestätigt fühlst!
    Liebe Grüße!
    Anke

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    1. Liebe Anke,

      ja, so habe ich das früher auch gesehen: Wer sich ganz zurückzieht aus der Welt, der ist noch nicht so fortgeschritten wie der, der inmitten aller Weltlichkeit sein spirituelles Herz lebt.

      Inzwischen erachte ich es für uns Menschen als ungemein wichtig, dass wir von spirituellen Lehrern genau das - und vor allem das! - lernen: Wie wir als Menschen in Fleisch und Blut unter Menschen und in unserer Gesellschaft unser spirituelles Herz leben können! Nichts ist wichtiger. Nichts brauchen wir nötiger. Denn unsere Gesellschaft lässt den Rückzug aus der Welt, wie ihn frühere Kulturen und Gesellschaften zeigten, nicht zu. Und der Rückzug ist dieser Gesellschaft durchaus abträglich, finde ich!

      Daneben jedoch - die Betonung liegt hier auf dem Wort "daneben", also parallel dazu - erkenne ich an, dass es geistige Sphären gibt, mit nicht minder zahlreichen fühlenden Wesen. Und einige spirituelle Meister vermögen durchaus in diesen Sphären zu wirken. Vieles Gute, was sich materiell manifestiert und in Zukunft manifestieren wird, findet gerade seinen Anfang genau im Geistigen. Dort werden die Ursachen gelegt.

      So auch in meinem Geist und in meinem Herzen. Und diese wirken hinein in meinem Körper, wenn ich mich in allen alltäglichen Situationen dessen erinnere, was ich im Herzen und mit meinem geistigen Bewusstsein bereits erkannt und verinnerlicht habe.

      Liebe Anke, danke für deine guten Wünsche. Dass ich ständig wachse und stärker werde, steht fest. Und hier weiß ich nicht so genau, was ursächlich ist: Die gute Motivation, mein Herz offen zu halten oder das, was ich lerne, weil ich mein Herz offen halte?

      Wer weiß, wer weiß...

      Herzliche Grüße für dich und viele Wünsche dafür, dass auch du, wo immer du bist, freimütigen Herzens sein kannst,
      Josephine

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