Über die wahre Absicht des Herzens

Kaum hat das Jahr seine frisch geborenen Augen geöffnet, sitze ich hier und schreibe wieder Blog. Eins kommt immer zum anderen - und so bewegte ich meine selbst formulierten Wünsche für das neue Jahr, die ich weiter unten mit euch teilen möchte, im Herzen, ohne es zu bemerken.

Heute nun enthüllen diese Wünsche mir die Intention, aus der heraus ich sie schrieb: Die wirklichen Herzenswünsche wurzeln in der tiefgründigen Absicht unserer Herzen. Was bewegt uns durch das Leben? Was hält uns in Bewegung und wieso nehmen wir wieder und wieder Geburt an? Ist es wirklich nur so, dass wir das aus eigener Unwissenheit immer wieder selbst verursachen und aus dem Verständnis und Unverständnis unserer Erfahrungen heraus?


Schaue ich hinab, in mein Herz und spüre meine tiefsten Wünsche, so sind sie stets spiritueller Natur. Wie ich schon in einem früheren Beitrag erwähnte, haben sie viel mit Heilung zu tun. Der Weg zur Erleuchtung meint zuerst Heilung. Für mich ganz deutlich die Heilung meiner falschen Sicht meines persönlichen Selbstes. Jahre habe ich damit zugebracht, meine eigenen Empfindungen, meine Wahrnehmung, meine Sicht der Welt erst einmal zu entdecken und gelten zu lassen.

In gewisser Weise habe ich mein authentisches Selbst, meine Empathie, meinen Drang, in die Tiefe zu gehen, meine Vorliebe zum Zuhören und Schweigen, meinen Wunsch das Innere mehr zu erforschen, als die Außenwelt, alles erst erarbeiten müssen, in jahrelanger Kleinarbeit, vorwiegend auch auf dem Meditationskissen. Zu sehr hatte ich von Kindesbeinen an verinnerlicht, dass andere die Regeln machen, nach denen ich als rechtmäßig, vollwertig und nützlich am Leben gelte. Mich selbst vor mir gelten zu lassen - das war mein Weg zur Heilung. Und sicher ist er noch nicht abgeschlossen.

Je mehr ich spürte, wie sich etwas in mir an den rechten Platz setzte und ich erleichtert war, je mehr ich durchatmen konnte, desto mehr schimmerte aber zugleich hinter diesem, meinem authentischen Selbst zeitgleich etwas anderes hervor. Ich begann auch dies erst jetzt wirklich als wahr anzunehmen, je mehr ich mir mein eigenes Wesen gönnte.

Und dieses Etwas, was da in der Tiefe meines Herzens aus dem Hintergrund zu leuchten begann, erinnerte ich als vertrautes Bild, als vertraute Wahrnehmung meines Inneren aus der Kindheit. Vereinfacht gesprochen, hatte ich es früher als eine stetig gleichbleibend warm leuchtende, goldene Sonne benannt. Sie strahlte und schimmerte selbst noch durch meine authentischen Eigenheiten hindurch. Und je mehr ich heilte, desto mehr strebte ich zu diesem Licht hin.

Mit meinem ganzen Wollen spürte ich, dass mit dieser inneren Sonne zugleich die tiefgründigste Herzensessenz gekoppelt ist. Ich wusste, spürte und sehnte mich dorthin, weil ich darin die wahre Absicht meines Herzens wusste. Ich war mir mit zunehmendem Selbst-Bewusstsein absolut sicher, unerschütterlich und klar, dass ich nur dann mein Leben voll ausschöpfen werde, wenn ich ununterscheidbar eins mit dieser Sonne, mit diesem innigsten Wesen meines Herzens geworden bin.

Meine Reise dauert nun an die zwanzig Jahre - genügend Zeit, um mir zumindest einer Beobachtung an mir selbst sicher zu sein:

Mit jedem Schritt, den ich meinem wahren Selbst entgegen ging, spürte ich deutlicher diese starke, verlässliche Quelle des Lichts und der Wärme in meinem Herzen. Und je mehr ich mich ihr durch mich näherte, desto weniger wollte ich bei mir selbst stehen bleiben. Desto mehr strebte ich zugleich über mein wahres Selbst hinaus.

So bin ich nunmehr überzeugt, dass wir auf dem Weg zur Erleuchtung heilen müssen. Und je heiler wir sind, desto mehr streben wir auf ganz natürliche, ungekünstelte Weise danach, nicht mehr auf uns selbst fixiert zu sein. Ich denke nicht, dass ich mich hier von anderen unterscheide.

Dieser natürliche Drang, über mich hinaus zu wachsen und alle anderen Wesen mehr und mehr in das Licht und die Wärme meines Herzens einzubeziehen, ist für mich seit Jahren die sichere Richtschnur, auf dem richtigen Weg zu sein.

Manchmal vermute ich daher, dass bei vielen Spirituellen ein Verständnisfehler vorliegt. Sie meinen, man dürfe sich nicht mit sich selbst beschäftigen und sein Selbst finden wollen, weil dies nur das Ego nähre und aufblähe. Sie streben sofort über sich hinaus, ohne je bei sich angekommen zu sein. Sie wollen schon für andere da sein, obwohl sie niemals für ihre wirklichen Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse da waren. Sie verausgaben sich im Außen und für andere, während ihr Inneres weiter eine vernachlässigte Wüste bleibt. Dies führt weder zur Heilung, noch zur Erleuchtung, geschweige denn dazu, aus einem natürlichen Impuls des innigsten Herzens für andere zu sorgen.

Wenn ich also sowohl mir als auch euch für das frisch begonnene Jahr wünsche, dass ihr euch an eure Herzenswünsche erinnern mögt, so deshalb, weil diese Wünsche die Richtschnur sind, für die Gesundung im Innern.

Und nur ein beruhigtes, klares, harmonisches Innere vermag die wahre Absicht des Herzens zu verstehen und ihr gemäß zu handeln.

Herzenswünsche sind die Meilensteine auf dem Weg zu dir selbst. Sie kommen aus dem Herzen, wo tief verborgen und unerkannt unser tiefgründigstes, wahrhaftigstes Wesen atmet - im Buddhismus nennen wir es Buddhanatur. Und die Wünsche zu erfüllen, führt dich Schritt für Schritt in dein Inneres. Je mehr es beruhigt, geklärt und harmonisiert wird, desto klarer wirst du die wahre Absicht deines Herzens erkennen.

Die wahre Absicht meines Herzens ist nichts anderes, als Bodhichitta. Und diesen "Geist der Erleuchtung" authentisch zu entfalten, erfordert diesen Weg der Ausgleichung und Harmonisierung.

Manchmal muss ich eine Erfahrung nachholen oder machen, um bestimmte Irrtümer, die mein Inneres in Aufruhr und Missgunst versetzen, auflösen zu können. Und die Sonne meines Herzens schickt mir durch meine ganze Verwirrung hindurch diese anziehenden Impulse, die mich zu den notwendigen und hilfreichen Erfahrungen führen.

Alle Herzenswünsche zu erfüllen und ihre Botschaft zu verstehen, ist nichts anderes, als der Wunsch, zum Wohle aller Wesen die Erleuchtung zu erlangen. Doch in diesen Worten geäußert, entbehren sie für mich allzu oft eines greifbar konkreten, praktikablen, persönlichen Sinns.

Was nützen alle diese oft so abgehoben wirkenden Worte jedoch, wenn ich sie nicht mit meinem eigenen Leben und Erleben verknüpfen kann? Was nützt es mir, sie zu beten, wenn ich den Zweck des Gebets nicht mit allen meinem Spüren und Wollen erfassen kann?

Für mich ist der spirituelle Weg schon immer ein ganz menschlicher, spezifischer, fassbarer und konkreter Weg durch mich selbst hindurch gewesen. Und als solchen gehe ich ihn: Ich trete durch alle Illusionen hindurch, die ich in meinem Denken und Fühlen bisher bewusst und unbewusst erzeugt habe. Ich erkenne sie als Illusion und löse sie im gleichen Moment auf. Mit jedem Schritt fühle, sehe, höre, schmecke und meditiere ich ungleich deutlicher diese warme, liebevolle Quelle in mir.

Und ihr gemäß ohne Zögern handeln zu wollen und meinem Leben so den wirklichen Nutzen zu verleihen, ist mein Herzenswunsch, der zugleich nicht allzu entfernt zu sein scheint, von meiner wahren Herzensabsicht.

Heute, am ersten Tag des neuen Jahres, erinnere ich mich daran. Und lege die Führung, mein Wollen, meine Sehnsucht und meine Zuversicht genau in diesem Wunsch hinein. Möge er in Erfüllung gehen!

So, wie eure Herzenswünsche! Möge jeder erfüllte Wunsch dich sicheren Fußes zum nächsten geleiten. Möge Heilung, Klärung, Harmonisierung entstehen. Und mögest du die wahre Quelle deines Herzens entdecken.


Alles Gute für 2015!




Kommentare

  1. "Die Liebe eines Menschen entspricht dem Schmerz, den er erlitten und in Liebe umgewandelt hat." Chiara Lubich
    Ich finde, daran ist viel Wahres! Was nützt es, Wunschgebete für andere zu sprechen, wenn man es nicht aus vollem Herzen tun kann, wenn es nur leere Worte sind. Zuallererst sollte man sich selbst lieben lernen, annehmen, sein Inneres reinigen. Dann kommt die Liebe zu allen Wesen ganz von selbst. Man braucht sich nicht anstrengen, denn der spirituelle Fortschritt hängt mit der wachsenden Liebesfähigkeit untrennbar zusammen.
    Sei ganz lieb gegrüßt von Anke!

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    1. Liebe Anke,

      genauso ist es. Kein Wunschgebet wird je irgendwem nützen, wenn wir es nicht aus dem Herzen sprechen - egal, ob für uns selbst oder andere. Und wahre Liebe und Mitgefühl entsteht nur aus dem Verständnis des am eigenen Ich und Leib erlebten Schmerzes. Je mehr Verständnis dafür da ist, desto verständnisvoller und anstrengungsloser gehen wir in Resonanz mit dem Leid und den Bedürfnissen anderer.

      Da habe ich nichts hinzuzufügen, ich kann es nur in meinen Worten wiederholen :-)

      Herzlichen Dank, dass du mal wieder hast von dir hören/lesen lassen.
      Liebe Grüße
      Josephine

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  2. Liebe Josi,
    seit einigen Tagen untersuche ich mein Ego. Ich finde es nicht. Ich finde in mir so viel Schmerz, Verletzung, Verhaltenstendenzen, um den Schmerz aus dem Weg zu gehen, aber kein Ego.
    Es ist noch schlimmer! Aus Angst, egoistisch zu sein, habe ich mir seit Kindesbeinen angewöhnt, meine Bedürfnisse zu ignorieren. Keine Bedürfnisse, kein Mangel an irgendetwas und auch keine Empfindung für schmerzhafte Erlebnisse. Aber meine Strategie funktioniert wiedermal nicht, wie mein Alltag (Beruf eingeschlossen) es mir spiegelt.
    Durch Ignorieren meiner Selbst bekomme ich noch heftigere Auseinandersetzungen als wenn ich Konflikte gleich geregelt hätte!
    Mein Fazit: Ich gehe mir selbst aus dem Weg. Ich versuche gar nicht meine Bedürfnisse nach Ruhe, Verständniss, Klarheit, Ausgeglichenheit, wahre Freundschaft und materielle Stabilität etc. als ernst zu nehmen. Ich habe mich gewöhnt daran, eine zersplittene Persönllichkeit zu sein, dass mein Leben nicht stimmt, nicht erfolgreich sein kann, weil es von Anfang an diesen Lauf hatte... Ich frage mich, was um Gottes Willen ist manchmal mit mir los? - Antwort die auch deine Erkenntnisse nur beweist: Es waren in meinem Leben (sichtbar und unsichtbar) viele Wesen um mich, die mein Leben bestimmt haben. Ich habe somit keine Möglichkeit (gehabt) zu lernen, selbst mein Leben zu bestimmen. Wenn ich es beherrschen würde, werde ich auch rechtzeitig Vorsorge treffen, bevor aus einem Bedürfniss ein Mangel entsteht, den andere ausnutzen.
    Wissenschaftlich betrachtet, gibt es gar kein Ego. Es existiert nicht.
    Ich habe mir für das Neue Jahr viel Ego gewünscht (dass ich endlich um mich selbst kümmere!)
    Deine Jampa

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    1. Liebe Jampa,

      wenn Menschen - wie wir - mit dem Missverständnis aufwachsen, dass etwas an uns grundlegend verkehrt ist und wir deshalb dazu verdammt sind, ohne Glück zu sein, dann ist die natürlichste aller Reaktionen, sich selbst aus dem Weg gehen zu wollen.

      Wie will so jemand sein Leben beherrschen wollen, wenn er oder sie sich gar nicht dazu in der Lage fühlt? Vielleicht haben deshalb immer andere mehr Einfluss gehabt, als das eigene Ich.

      Wie ich schon in den letzten Tagen erwähnte: Die Leerheit des Ich kann ich nicht erkennen, wenn ich gar kein Ich habe. Zuerst kommt das eigene Ich und die Auseinandersetzung damit. Erst dann geht es tiefer hinab in dieses Selbst oder Ich, um dessen Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Wie willst du die Struktur oder die Muster des "Ich" in der Meditation erforschen und erkennen, wenn du dir kein eigenes Ich zugestehst?

      Meiner Erfahrung nach ist dieses Ich nicht gleich das "böse Ego", was wir in religiösen oder spirituellen Sinne immer abwerten und verteufeln. Das "böse Ego" ist ein Label, was allzu oft unreflektiert verwendet wird. Und jemand, der sein Selbst nicht kennt, neigt vielleicht dazu, alles "Ich" sofort als "böses Ego" zu sehen. Ich gehöre dazu und habe sehr lange gebraucht, von der Verteufelung aller "Ich"-Regungen wegzukommen.

      Ja, dieses "böse Ego" gibt es nicht. Das "Ich" ist ein Konglomerat vieler, unterschiedlicher Aspekte. Die grundlegenden Bedürfnisse, für sich selbst angemessen zu sorgen, um genug Ressourcen für die Herausforderungen des Lebens zu haben, gehört dazu. Sich selbst aus dem Weg zu gehen, steht oft direkt im Zusammenhang mit Vernachlässigung dieser grundlegenden Bedürfnisse. Und daher den Wunsch nach viel "Ego" zu haben, ist sehr gesund. Ego ist ja nichts weiter, als das lateinische Wort für "Ich". Vielleicht vergessen wir das zu oft.

      Möge sich dein Wunsch rasch erfüllen und somit viele Faktoren des Leids befriedet werden.

      Es grüßt dich herzlich
      die andere Jampa :-)

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  3. Ach ja, liebe Josi,
    aus dieser Unfähigkeit mich selbst zu lieben, kann ich oft auch andere nicht lieben. Dafür mag ich nicht, wie du weißt. Aber du weißt auch, dass das nicht stimmt!
    Danke für deine Worte im Blog!

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    1. Liebe Jampa,

      dein ganzes Wesen fordert deine Aufmerksamkeit für sich, solange du nicht von Herzen du bist. Sich selbst zu vernachlässigen und zu verachten ist ein unnatürlicher Zustand und dein Herz fordert von dir, in deinen natürlichen Zustand zurückzukehren. Mit aller Kraft. Für mich ist das der Grund, warum für andere manchmal keine Aufmerksamkeit übrig ist.

      Ich bleibe dabei: Mit dem Verwirklichen des wahren, eigenen Wohls erwacht natürlichweise und völlig ungekünstelt der Wunsch, für andere zu sorgen. Beides ist wechselseitig voneinander abhängig und nicht zu trennen oder gar eines von beiden zu überspringen.

      Unmut oder ein Gefühl der Überforderung über die Aufmerksamkeit, die andere von mir fordern, ist für mich ein Signal, dass ich selbst nicht gut genug für mich gesorgt habe. Dann sind einfach keine Ressourcen für andere da.

      Herzlichst
      deine Jampa

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    2. P.S. Manchmal kann das Gefühl, sich von den Bedürfnissen und Forderungen anderer überfordert zu fühlen, natürlich auch eine starke gewohnheitsmäßige Reaktion sein. Die Gewohnheit von der Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse zu unterscheiden, lernt man schnell in der Meditation oder selbstprüfenden Kontemplation.

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