Bewusste Trauerarbeit

Wenn du ein weiches, lebendig atmendes, offenes Herz haben möchtest, führt kein Weg daran vorbei, das lange Sterben zu betrauern. Das lange Leiden, von ihm und seinem authentischen Selbstausdruck getrennt zu sein.

Als ich meditierte, im Wunsch, zu verstehen, was in mir nicht in Ordnung ist und es in Ordnung zu bringen, ahnte ich noch nichts davon. Denn ich war ausgezogen, mein böses Ego zu bezähmen - und all die verwerflichen Leidenschaften, von denen im Buddhismus oft die Rede war.


Ich hoffte und betete, dass sie zu bezähmen des Rätsels Lösung und Heilung war. Wenn ich jene Anteile in mir, die schlecht über andere, über meine Kindheit und meine Familie und die subtile Missachtung dachten, die so oft die Güte und Liebe in meinem Leben in Frage stellte, diszipliniert worden wären, dann würde endlich alles gut.
Ich ertrug oft die Phasen innerer Dumpfheit, absoluter Gefühl- und Perspektivlosigkeit nicht mehr, die mich oft über Wochen, manchmal Monate außer Gefecht setzten. Zwar bewältigte ich meinen Alltag, doch innerlich war ich grau und leer. Ich wollte keine Angst mehr haben, dem Leben nicht genug bieten zu können. Ich wollte endlich den inneren Schalter finden, der alledem ein Ende bereiten würde.

Wie bei allem in meinem Leben, strengte ich mich furchtbar an. Ich wollte endlich alles richtig machen. Ich wollte diese eine Sache endlich richtig machen. Ich wollte das durchziehen, und sei es, dass ich dabei ganz auf mich allein gestellt sein würde. Egal. Diese Sache war es, die ich zu Ende bringen wollte.

Daher gab es niemanden, der mich warnen konnte. Der mir die inneren Gesetzmäßigkeiten erklären könnte - also wie Unterbewusstsein, Körper, Geist und Emotionen zusammenwirken und was diese neue Wendung nach innen alles in Bewegung setzen würde.

Und in den vergangenen 19 Jahren, die ich nun Meditation übe, veränderte sich in der Tat alles, inklusive des Wunsches, jenes böse Ego und die inneren Leidenschaften zu zähmen. 

Alles wandelte sich, eingangs noch unbemerkt. Doch als die ersten Masken fielen und die Fassaden meines so mühsam erzeugten, falschen Ichs zu bröckeln begannen und ich in den dunklen Schlund der Wahrheit starrte, bekam ich es mit der Angst zu tun.

Niemand warnte mich davor, was es auslösen würde, einfach zum ersten Mal im Leben in der Meditation ganz bei mir und mit mir zu sein. Dass die neue Aufmerksamkeit, die ich endlich meinem eigenen Inneren zu schenken begann, die Büchse der Pandora öffnen würde. Und dass diese neue Achtsamkeit erfordern würde, wirklich Stück für Stück meiner Erinnerungen in einem herzlichen Licht neu zu bewerten. Und dass genau dies den Fluss meiner Tränen eben nicht, wie erhofft, beenden würde.


Und damit kam ich lange Jahre nur schwer zurecht. Ich hatte das anders erwartet und wusste noch nichts von der Gesetzmäßigkeit, dass sich etwas Altes, Starres, Kaltes nur auflösen und in das eigene, lebendige Ich verwandeln kann, wenn man dessen wahre Gestalt erkennt.

Zeitlebens hatte ich mich also angestrengt und mein Bestes gegeben. Mein Bestes dafür, jene genügsame, stets freundliche, sachlich wache und erwachsene Person zu sein, die als einzige Gnade unter den Augen meiner Mutter zu finden schien. Die das Erwachsene von mir forderte und heranzog, weil sie es selbst so dringend als Halt in einer unsicheren Welt brauchte. Sie wusste nichts davon, dass sie dadurch auch mich dazu erzog, den authentischen inneren Regungen stets skeptisch und misstrauisch gegenüber zu sein. Ich war selten so, wie ich es gern gewesen wäre.

Doch je mehr ich mich anstrengte, so zu sein, wie es offenbar "gebraucht" wurde, desto mehr verlor ich die Erinnerung an echte Liebe und desto deprimierter wurde ich. Wahre, warme Liebe, die mir Raum gegeben hätte, recht lange noch das fröhlich beschwingt plappernde, neugierige Mädchen zu  bleiben und mir unaufhaltsam meine Welt zu erobern. "Gebraucht werden" ist das Todesurteil für jedes Kind und die bedingungslose Liebe.

Böse Erinnerungen quälten mich oft, in denen ich getadelt, beschuldigt, allein gelassen und nicht gehört wurde. Und ich machte es mir zur Übung, in dieser Wahrnehmung selbst das Böse zu finden und auszumerzen. Wie konnte ich nur in den Taten und Werken der mir nahestehenden Menschen Böses sehen? Wie konnte ich mich in ihrer Gegenwart nur so fremd und verlassen fühlen? Irgendwo war der Wurm drin - und ich wollte ihn finden.

Doch stattdessen fand ich Kummer. Und wieder Kummer. Verzweifelte Fragen. Grausame Antworten. Abgewechselt von diesen gefühllosen Phasen, in denen ich mein Leben lebte, wie ein Automat. Und je weiter ich meditierte, um so lauter wurden die Fragen und umso trüber die Erinnerungen.

"Stopp!", sagte ich mir jedes Mal. "Das geht in die falsche Richtung!" Und ich sträubte mich, in diese Dunkelheit hineinzuschauen, wie die Katze vor dem Baden.


Bis zu dem Tag, als ich in Unterweisungen zu meiner Meditationsgottheit saß und dem Drang, meine Augen zu schließen, nicht widerstehen konnte. Ich hörte, wie die Stimme meines Vajrameisters, der den Gebetstext erläuterte, allmählich ferne rückte, leiser wurde und begann, vor dem inneren Auge Bilder zu sehen.
Ich tauchte hinab in den tiefen Ozean, tiefer und tiefer, schwamm auf eine Höhle unter Wasser zu, um deren Eingang wilder Tang wogte und Fische vorbei huschten. Ich ging tiefer und tiefer - und wusste plötzlich, dass mir gar nichts anderes übrig blieb, als in die Höhle zu schwimmen. Doch da war nicht mehr, als ein schwarzes Loch im Felsen. Und ich schreckte mit aller Kraft davor zurück und zwang mich, die Augen wieder zu öffnen.

Doch bald schon, zog es mir wieder wie von Geisterhand die Augen zu. Ich fühlte meine Umgebung wieder in die Ferne rücken, hörte nur noch dumpf und leise die Stimme des Übersetzers und sah ein zweites Bild: Ein Ort auf einer wilden Wiese. Ich in der Mitte,  gefangen in einem höhlenartigen Geflecht aus Weiden und  Ästen. Sie bildeten eine Art Iglu um mich. Ich stand in der Mitte mit auf den Rücken gebunden Händen und sah durch die Zweige hindurch eine wilde Horde kriegerisch aussehender Männer um mein luftiges Gefängnis reiten. Sie hielten Fackeln in ihren Händen und ritten wieder und wieder vorbei, den Kreis immer enger ziehend. Und ich wusste, dass sie jeden Moment ganz dicht am Gehölz vorbei reiten würden, um es anzuzünden. Wieder riss ich mich aus diesem Bild mit aller Kraft heraus und öffnete die Augen.
Dann geschah es ein drittes Mal, dass ich unwillkürlich die Augen schloss. Diesmal war ich nicht mehr als eine Kugel aus strahlend weiß-goldenem Licht und flog auf eine dunkle Mauer zu. Sie wirkte bedrohlich auf mich und ich wollte instinktiv zurückweichen. Doch diesmal flog ich einfach weiter, direkt auf die Mauer zu. Und je näher ich kam, sah ich, dass die Mauer in Wahrheit aus merkwürdig dunklen, dämonischen Wesen bestand, die seufzend und jammernd, manchmal auch vereinnahmend und bedrohlich, die Hände nach mir ausstreckten.

Ich erschrak, doch ich flog unaufhörlich weiter und mitten hinein in diese dunkle Masse an Wesen. Und hatte ich auch befürchtet, dass sie mich einfach verschlucken würden, so flog ich auch in dieser Welt weiter, ohne dass mich die Hände hätten wirklich greifen und vereinnahmen können. Mein Licht wollten sie, doch zugleich erreichten sie mich nicht. Wie hätte sich Licht auch greifen lassen können?

Diese drei Visionen beschäftigten mich sehr und ich sehe sie jederzeit jetzt, vierzehn Jahre später, noch überaus klar und deutlich vor mir, wenn ich an sie denke. Und ich weiß, dass sie ein Hinweis waren auf das, was in den kommenden Jahren auf mich zukommen würde. Doch verstehen kann ich das erst heute.

Je mehr ich in meinem Inneren mit dieser unbeachteten Dunkelheit konfrontiert wurde, desto mehr lernte ich, dass nur meine ungeteilte Aufmerksamkeit sie vertreiben würde. Die letzte dieser drei Visionen bewahrheitete sich: Mein Licht, dass ich auf all die inneren Dämonen warf, veränderte alles. Diese dunklen Gestalten ebenso, wie mich.

Es dauerte ab da noch ein paar Jahre Praxis, bis ich akzeptieren lernte, dass meine Selbsteinschätzung komplett falsch war. Eigentlich diametral entgegengesetzt zu dem, was sich mir auch als wahr in meinem Fühlbewusstsein bestätigte. Das Gold, das ich früher so gepriesen hatte, erwies sich als Katzengold. Und das, was ich an mir immer schlecht gesehen hatte, weil andere mir das so suggeriert hatten, war mein wahres Licht.

Und mit dieser Neubewertung und dem Aufbrechen meiner bisherigen, inneren Realität setzte die Trauer ein. Die Trauer um alles das, wonach ich mich gesehnt, was ich künstlich auf mein Leben projiziert hatte, was real jedoch nicht da war. Der innere Schmerz war es, der mir die Falschheit meiner Wahrnehmung lehrte. Zu sehr hatte ich die Gefühle abgeschnitten und unterdrückt, weil sie dem, was ich in meinem Leben sehen wollte, so zuwider liefen. Wie hätte ich als Kind diese bedrohliche Wahrheit je verkraften können?
Ich wollte die makellose, liebevolle, vorbildliche Familie, nicht meine Erinnerungen an das Alleingelassensein. Doch warum begann ich mich jetzt plötzlich so unerträglich allein gelassen zu fühlen, wenn ich mit wohlwollender Aufmerksamkeit auf meinem Kissen zu sitzen begann? Warum stiegen plötzlich Bilder hoch, wo ich mich in Wut verzerrten, aggressiven Gesichtern gegenüber sah und Streit?

Wieso fühlte ich mich so unfrei, wie erstarrt und ständig einen Fehler erwartend, wenn ich im Kreis meiner Familie und Freunde saß? Warum ertappte ich mich dabei, wie ich ständig im Geiste analysierte, ob ich mich richtig verhalten und allen Ansprüchen Genüge getan hatte? Warum konnte auch nur der abweisende Blick eines Nahestehenden mir Nächte voller Tränen bescheren?

Ich vermochte diese Dunkelheit nicht länger unter Verschluss zu halten oder zu ignorieren. Und auf diese Dinge aufmerksam zu sein, bedeutet auch, alle Emotionen zuzulassen, die so lange unbemerkt in mir weggeschlossen worden waren. Dies hieß auch, die Tränen heute zu weinen, die ich damals nicht zu Ende geweint hatte, weil ich mich entschied, mich zusammenzureißen. Und ich riss mich zusammen, weil ich mich nach Liebe, Schönheit, Achtung und Wertschätzung sehnte. Irgendwie musste das alles doch zu bekommen sein?

Alles zuzulassen, was der in mir während der Meditation entstehende Raum fassen konnte, wurde über Jahre meine Herausforderung. Ich befürchtete oft, dass dies niemals zu Ende gehen würde und riss mich daher manchmal noch wie gewohnt zusammen. Doch irgendwann brach es sich in mir ganz von allein wieder Bahn, wollte geschaut, akzeptiert, verstanden und befreit werden. Und eben zuerst und besonders betrauert werden!



Was hätte ich alles Schönes aus meinem Leben machen können, wenn dies und das nicht passiert wäre? Welche inzwischen verpassten Chancen hätte ich nutzen können, mich weiter zu entwickeln? Und was bedeutet es eigentlich, sich abgrundtief missverstanden, stehen gelassen und allein zu fühlen? Wie fühlt sich das wirklich an? Alles das ist in meiner bewussten Trauerarbeit enthalten.
Warum es nicht ohne dieses Bewusstsein dessen, was nicht möglich war, gehen kann? Weil ein gefülltes Gefäß erst geleert werden muss, bevor man es mit etwas anderem füllen kann. Und mein Herz hatte in seiner Verbannung gar keine Chance, sich zu entfalten und auszudehnen. Da lag viel zu viel Dunkelheit und so viele unerlöste Seelchen in mir. Denn jedes Mal, wenn mir Schmerz widerfuhr, starb auch ein Teil von mir.

Ohne gesunde Trauer, bleiben die Dämonen. Sie finden Nektar spendende Nahrung in meinem Licht. Dem Licht liebevoller Aufmerksamkeit. Jener Aufmerksamkeit, die mir früher verwehrt geblieben ist und uns doch alle am Leben erhält. Das eigene innere Licht gibt diesen dunklen, verzweifelten und verwirrten Wesen in mir die Chance, sich endlich zu lösen, von ihrer Fixierung auf das eigene Darben und das unausgesetzte Leid. 

Und dafür muss man gemeinsam weinen. 

Viele Jahre verbrachte ich mit Trauern, sodass mir irgendwann der Verdacht kam, dass diese Trauer vielleicht noch viel weiter zurückreichen muss. Vielleicht trug ich auch noch die unerlösten Dämonen anderer Leben in mir?

Ich sträube mich immer noch gegen die Trauer, aus dem gesunden Reflex heraus, mich gegen eine nahende Bedrohung zu schützen. Und bedrohlich ist alles, was nicht Glück und nicht Liebe ist. Und bevor sich eine Phase notwendiger Trauerarbeit ankündigt, verfalle ich immer noch in eine deutlich spürbare Phase innerer Gefühllosigkeit. Doch heute ist sie für mich ein Signal, dass es mal wieder Zeit wird, nach innen und auf das zu schauen, was da ans Licht gebracht und erlöst werden möchte. Erst dann tritt eine Phase der Erleichterung und des Fortschritts ein. 

Und daher führt kein Weg daran vorbei: Willst du die Wärme deines Herzens vertiefen und dessen alle umarmenden Flügel noch weiter spannen, als bisher, dann schau nach innen und trauere. Trauere, was das Zeug hält. Trauere, bis zu Ende.

Und danach atme auf und sieh, wovon du dich befreit hast. 





Kommentare

  1. Liebe Josephine,

    ja, ja und nochmals ja kann ich nur zu Deinem Eintrag schreiben. Und ich könnte es nicht in dieser Deutlichkeit nachspüren, wenn mir im Moment nicht selbst gelungen wäre, ein paar dieser Fehleinschätzungen zu entlarven, die mir das Leben schwer gemacht haben.Trotz tränenreicher Trauermomente bleiben aber doch noch die Möglichkeiten, nicht Altes nachzuholen, aber die veränderte Selbsteinschätzung zu leben.

    Herzliche Grüße
    Beate

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    1. Liebe Beate,

      danke für deine Worte!

      Wenn ich sanft deine Worte ein wenig verändern darf, um auszudrücken, wie ich das in meinem Erleben wahrnehme: "Erst nach tränenreichen Trauermomenten eröffnen sich neue Möglichkeiten, die veränderte Selbsteinschätzung zu leben!"

      Sicher ist das kein linearer Prozess, ein Hin und Her und Auf und Ab. Das Trauern ist die grundlegend notwendige Bedingung allmählich offen für die aktualisierte Selbsteinschätzung zu werden. Und mit ihr verändern sich Wünsche und Ziele im Leben. Im Inneren findet eine automatische Auslese statt und das, was ab und an sich schon mal ans Licht kämpfen wollte, das ich aber aufgrund meiner vernichtender Selbsteinschätzung nicht zur Geltung kommen ließ und ihm kein Gehör schenkte, hat endlich Platz, sich zu entfalten. Und zwar dauerhaft.

      So empfinde ich das.

      Einen schönen Sonntag im Hohen Norden wünscht dir
      Josephine

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  2. Liebe Josephine,

    im Gegenteil, ich danke Dir dafür, dass Du geholfen hast, das, was ich meinte, auszudrücken, aber eben mit der Dir eigenen Begabung etwas präzise zu schreiben, damit möglichst Viele verstehen, was Du tatsächlich meinst.Ich werde gerne üben :-)

    Herzlich
    Beate

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    1. Ach, liebe Beate,

      ich kann es durchaus verstehen, dass du das genau so formuliert hast, wie es da steht: "Trotz allem..." Da steckt ja das Wort "Trotz" drin - und aus meinen Prozessen weiß ich, dass solche Bereinigungs- oder Trauerphasen recht anstrengend und langwierig sein können. Mehr noch: Sie sind nie mit einem Mal erledigt, sondern kommen wieder und wieder. Ich habe sehr oft wirklich Angst gehabt, dass das nie ein Ende findet und mir in den Phasen dazwischen trotzig Mut zu gesprochen. Doch oft war es der Mut der Verzweiflung, der Trotz, dass alle Arbeit und Kraft, die investiert wurde, nicht umsonst sein darf. Manchmal nackter Überlebenswillen.

      Diese Zeit war also auch von Zweifeln geprägt, ob ich jemals der Mensch werden würde, als den ich mich im Herzen spüre: Ohne all die merkwürdigen Denk- und Verhaltensweisen, die einem ja an sich selbst mit zunehmender Aufmerksamkeit schmerzhaft ins Auge stechen. Phasenweise hat mich hier nur tiefes Vertrauen in das aufrecht erhalten, was ich durch den Buddhismus gelernt habe.

      Außerdem steht das, was an inneren Veränderungen in Gang gesetzt wurde anfangs noch in keinem Verhältnis zur Eigenwahrnehmung. Ich fand es erschreckend, wie tief und endlos diese Dunkelheit sich bei näherer Betrachtung erstreckte. So lange ich sie abgespalten hatte, erschien sie mir, trotz aller Bedrohlichkeit, harmlos. Und mitten im Prozess konnte ich das Ende nicht absehen... Das ist beängstigend.

      Erst über einen längeren Zeitraum hinweg erkannte ich eine gewisse Struktur und Gesetzmäßigkeit in den inneren Verarbeitungsprozessen. Dass in einem bestimmten Zyklus ein Thema, was ich schon bearbeitet hatte, wieder auftauchte, erkannte ich so nicht als bloße Wiederholung, sondern als Verarbeitung auf dem nächst höheren Niveau. In der Wiederkehr eines Kummers und der Trauer war ein anderer Geschmack, als zuvor. Ein anderer Aspekt rückte in den Fokus und wollte verstanden werden.

      Ich beobachte auch bei anderen Menschen, dass einem dieses Detail schon entgehen kann und sie daher oft verzweifelt sind, dass offenbar ihre Beschäftigung mit sich und ihren innern Schmerzen nicht fruchtbar ist. Das ist die erste Abwehr-Reaktion, die uns auch durch unsere Gehirnstruktur zu eigen ist. Sie spüren oft nicht, dass sie dabei sind, ihr Leid zu beenden. Oder sie denken, dass sie einfach nicht mehr die Kraft haben, noch einmal da durch zu gehen.

      Ich habe heute unerschütterliches Vertrauen, dass dieser Prozess, selbst wenn wir ihn nicht kontrollieren und steuern können, ein gütiger Prozess ist, bei dem es einzig und allein um Beendigung des Leidens geht. Er verläuft meinem Erkennen nach spiralförmig. D.h. obwohl es so scheinen mag, als liefen wir immer im Kreis herum, handelt es sich bei der nächsten Wiederholung tatsächlich schon um eine andere Ebene, ein höheres Niveau. Wir schrauben uns quasi heraus, aus unserer inneren Misere. ;-) Es gibt keinen Grund, den Mut zu verlieren. Es braucht nur viel Geduld.

      Ich kann inzwischen klar erkennen, wann eine Verarbeitung zu Ende ist. Nicht zuletzt daran, wie frei und meinem freundlichen Herzen näher ich mich fühle. Und auch daran, dass ich ohne starke Emotionen bin, wenn ich an das Thema denke.

      Das war der Hintergrund für meine "Umformulierung", liebe Beate. Ich hoffe und wünsche sehr, dass du es nicht als besserwisserische Korrektur aufgefasst hast :-).

      Ebenso herzliche
      Josephine

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  3. Liebe Josephine,
    nein, das habe ich wirklich nicht. Mich darauf hinzuweisen ist doch von Vorteil für mich. Es veranlasst mich genauer hinzusehen. Wiederholungen erkannt habe ich schon und ich kann mich gut erinnern vor kurzem zu meinem Mann gesagt zu haben, dass ich etwas schon bearbeitet hatte, das jetzt zwar wieder vor derselben Sache stünde, aber sich das für mich aus einer anderen Perspektive darstellt.
    Ich denke schon, dass ich den Rest meines Lebens damit beschäftigt sein werde. Aber der Gedanke erschreckt mich bisher nicht.

    Ich bin froh, dass Du hier wieder ab und zu schreibst.
    Danke

    Beate

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    1. Liebe Beate,

      vielen Dank für dein Feedback - da bin ich ja beruhigt :-).

      Ich werde mich gerne weiterhin ab und an mit einem Beitrag melden. Bis zum nächsten Mal und alles Liebe,
      Josephine

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