Wohin die Reise geht...

Ich erinnere mich die Tage an die Zeit, als ich 18 war. Damals hatte ich im Schweinsgalopp in Ostdeutschland das Abitur nach westdeutschem Standard hinter mich gebracht, den Stoff von drei Jahren in zwei absolvierend. Und ich war zugleich im tiefsten seelischen Tal meines Lebens.

Ich fühlte mich so perspektivlos, ausgelaugt und leer, dass ich diesen Zustand heute nur als Depression bezeichnen kann. Und ich wartete auf die Zusage zu einem Studienplatz, denn mich für ein Studium zu entscheiden, dazu hatte ich mich letztlich auch aus familiärem Druck gezwungen.


Noch im Kunstunterricht der Schule hatte ich düstere Bilder gemalt. Eines, das den Weg an die Wand des Treppenhauses meiner Schule fand, zeigte ein weit geöffnetes Fenster, doch bis auf ein kleines Löchlein, durch das ein Bruchteil des Himmels schimmerte, war es mit schweren Ziegelsteinen zugemauert. Ich nannte es damals "Fenster ohne Aussicht".

Die Zeit des Wartens auf meine Zukunft überbrückend, ging ich für zwei, drei Monate als Au Pair in die Schweiz und betreute dort drei Kinder in einer Familie. Und wenn die Eltern wieder daheim waren, zog ich mich zurück. Ich las viel - das war immer schon eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Und ich begann wieder einmal zu schreiben...

Und, wie so oft, in all den Jahren meiner kindlichen und jugendlichen Schreibversuche, behielt ich diese nicht bei. Irgendwann hörte ich auf und vernichtete sie. Meine erlernte Depression war es, die mich dazu veranlasste. Niemals zeigte ich jemandem, was ich schrieb und dass ich es liebte, zu schreiben, gab ich nicht preis.

Als ich mich diese Tage durch einen Traum an jene Zeit zurück erinnerte, traf mich eine Einsicht wie ein Blitz. Mag diese Zeit zwischen Abitur und Studium ein gewisser Kulminationspunkt meiner inneren Perspektivlosigkeit gewesen sein, so waren die Schreibversuche in jenem Zimmer der Schweizer Familie erstmals von einem leisen Hauch Frischluft beseelt, so fern von meiner Heimat.

Dort fühlte ich mich unbeobachtet und nicht danach beurteilt, was ich tue. Der Druck meiner Herkunft und des kleinen Dorfes, in dem ich bisher gelebt hatte, war nicht unmittelbar da und das Schreiben eine Spur freudiger als bisher. Und so verstand ich heute, dass sich damals schon mein Herz Bahn zu brechen versuchte. Dennoch war das Doppelte an Lebenszeit notwendig, damit mein Herz endgültig die Oberhand gewann und die erlernte Depression die Äußerungen meines Herzens nicht mehr vernichten konnte.

Ein langer Weg, nicht wahr? Ja. Und dass er so lang ist, ist eine Tatsache. Dass es für das Herz derzeit keine schnelle Erlösung gibt, ist die Wahrheit. Und ich verstehe anhand meines Weges, dass es derzeit oft nicht schneller gehen kann. Ich verstehe klar die Gründe dafür.

Ich möchte nicht wissen, wie viele meiner Schreibversuche es sind, die ich im Verlauf der letzten zwanzig Jahre vernichtet habe. Ich sammelte sie nicht einmal in einer Schublade. So, wie ich sie immer gnadenlos zerriss, beherrschte ich auch alle Mechanismen innerer Selbstverleugnung und Selbstvernichtung. Und diese zu deprogrammieren, erforderte geschickte Mittel und viel Zeit mich selbst.

Und diese Zeit für uns selbst haben wir nicht.

Ich meine hier nicht Freizeit im herkömmlichen Sinne, sondern die Zeit, sich mit dem eigenen, inneren Raum zu beschäftigen. Zeit für Innerlichkeit. Diese ist in unserer Gesellschaft so rar und daher in meinen Augen das Kostbarste und Erstrebenswerteste überhaupt.

Gewiss gibt es Psychologen und Therapeuten, die Menschen zu sich selbst zurückführen. Doch ohne Zeit für den eigenen, inneren Raum, diesen also zu erforschen, zu verstehen und in ihm das eigene Herz und den goldenen Faden zu erkennen, diese kann sich nur jeder für sich nehmen. Jeder für sich.

Unsere Gesellschaft gibt seelischen oder geistigen, leeren Raum, in dem das eigene Herz lebendig ist, nicht ohne Weiteres her.


Betrachte ich allein meinen Beruf, dem ich derzeit nachgehe und das Unternehmen, wo ich derzeit arbeite, so ist beides gekennzeichnet durch das ganze Gegenteil: Beide fordern äußerst komplexes Fachwissen, hohe zeitliche Flexibilität und Geschwindigkeit. Dazu brauche ich noch eine gewisse soziale Kompetenz, Mitarbeitern quasi am Fließband ein möglichst herzliches Feedback zur Qualität ihrer Arbeit geben.

Im Arbeitsalltag gibt es nicht die kleinste Lücke, einmal zu sich selbst zu kommen oder sich selbst zu spüren, es sei denn, man hat diese Selbstbewusstheit, Selbstreflexion und Präsenz des eigenen Herzens schon verinnerlicht. Viele Mitarbeiter fühlen sich absolut fremdbestimmt vom operativen Tagesgeschäft.

In vielen Berufen und Unternehmen ist es genauso. Die Geschwindigkeit, Komplexität der Abläufe und die Notwendigkeit, ständig das Fachwissen zu ergänzen und zu erweitern, nimmt meiner Beobachtung nach eher zu. Unternehmen wollen möglichst rasch expandieren und dies erfordert ein unausgesetztes Verändern und Anpassen innerer Strukturen und Abläufe. Nichts bleibt lange, wie es war und das ständige Adaptieren des Neuen verbraucht viel Kraft und Energie.


Wer nicht weiß, wie er geistige, seelische Reserven bildet, brennt in dieser Hast, der täglichen Hetze, schnell aus. Und für diese Reserven ist es notwendig, in diesem inneren Raum regelmäßig zu sich zu kommen. So habe ich es für mich persönlich beobachtet.

Mit Sicherheit sind diese persönlichen Beobachtungen die Ursache dafür, dass ich daher unsere spirituelle Zukunft in der Vereinfachung sehe. Prozesse zu vereinfachen, sich auf das Einfache zu besinnen und sich wieder zu vergegenwärtigen, wird wegweisend sein. 

Nur wenige Menschen haben zum Beispiel die Reserven, sich mit komplexen, buddhistischen Schriften zu befassen. Dies schließt mich ein: So gerne ich mich zum Beispiel mit dem Prajnaparamita Sutras befassen möchte, so gibt das mein Alltag nicht her.

Eine gewisse Zeit habe ich versucht, dagegen zu rebellieren. Gegen die Tatsache, dass ich die Kraftreserven für komplexe Studien nicht habe. Gegen mein Bedürfnis nach Erholung und Schlaf. Gegen mein Bedürfnis, in die innere Ruhe einzukehren und in meiner Freizeit nichts mehr zu tun, als regenerierend dort zu verweilen. Doch letztlich sitze ich mit allen diesen gehetzten und täglich stark geforderten Menschen in einem Boot. Ich bin keine Ausnahme. Und mein Körper ist den gleichen Gesetzen unterworfen, wie der ihre.

Also hörte ich irgendwann auf, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen und mich gegen die kosmischen Gesetze zu stellen. Ich ließ los und praktiziere das jetzt täglich: Abends wünsche ich mir, dass alles, was ich nicht mehr brauche und was nicht in Harmonie mit den derzeitigen Ursachen und Umständen ist, einfach über Nacht sterben möge. Damit meine ich alle Zuschreibungen, Projektionen, Missverständnisse, falsches Wollen, sturköpfige Pläne, die einfach unrealistisch sind und deren wünschende Beibehaltung mich stresst und überfordert.

Mein Wunsch ist es, in Harmonie mit den Erfordernissen des Rades der Zeit zu sein.

Diese Wünsche zeitigen Wirkung. In den letzten Wochen ging in meinem Inneren einiges fort. Gewisse Gedanken verschwanden, Ruhe kehrte ein und ein Bedürfnis, mein Wünschen und Wollen noch stärker zu vereinfachen, nahm auch im täglichen Tun zu. Und so begann sich allmählich eine neue Richtung abzuzeichnen, Prioritäten klärten und verschoben sich.

Ich sehe die Notwendigkeit, meine außerhalb der Arbeitswelt noch verbleibende Energie noch stärker zu fokussieren. Ich richte mich stärker aus, auf nunmehr zwei Ziele, die mich als Wunsch schon durch die letzten zwanzig Jahre treu begleiten, doch die ich nie verwirklichen konnte. Und eines davon ist ein Schreibprojekt, dass ich nun wahrhaftig angehen werde. Ich mache mir gerade so etwas wie einen Zwei-Jahres-Plan.

Und daher wird es nun für mich Zeit, Abschied zu nehmen. Hier weiter regelmäßig Blog zu schreiben, zehrt auch einen Teil dieser Energien auf, die ich brauche, mir meine Herzenswünsche zu erfüllen. Bis auf Weiteres wird dieser Beitrag heute daher der letzte Beitrag sein. 

Doch dass diese beiden Wünsche mich nun schon zwanzig Jahre begleiten, transportiert per se schon eine Botschaft:

Mein Herz hat alle Jahre lang nicht locker gelassen. Mag auch meine erlernte Depression immer gegen mein Herz gearbeitet haben, so hat das Herz letztlich den Sieg davon getragen.

Das ist die stärkste Bestimmung, die wir alle im Herzen tragen: Letztlich kommt es nur auf dich an und dass du dir erlaubst, diese starken Wünsche im Herzen weiter zu tragen, bis deren Verwirklichung unvermeidlich ist!

Viele Jahre habe ich mit diesen beiden Wünschen, die sich gerade in Ziele verwandeln, gekämpft, gehadert und gerungen. Auch meine falschen Vorstellungen von Zeit haben mich oft beinahe zum Scheitern verurteilt. Ich setzte mich mit meinen Vorstellungen von Zeit unter Druck, erpresste mich und verbannte mich in eine dunkle Ecke. Doch wie lange es dauert, seine Herzenswünsche zu verwirklichen, ist vollkommen nebensächlich.

Ja, lasse bitte diesen Satz ein wenig auf dich wirken:

Wie lange es dauert, deine Herzenswünsche zu verwirklichen, ist vollkommen nebensächlich.

Die Hauptsache ist, den Weg zu deinem Herzen, mit deinem Herzen zu gehen. Indem du an deinen Herzenswünschen festhältst, bist du auf dem Weg. Und das ist das Wichtigste. Das ist unsere Bestimmung.

Die Hauptsache ist, sein Herz mit allen seinen Impulsen nicht aufzugeben.

Ich weiß, manchmal könnte man vor Neid erblassen, wenn man sieht, wie scheinbar leicht manchem Menschen das Verwirklichen seiner Wünsche und Ziele zufällt. Auf meinem Weg zu mir habe ich jedoch gelernt, auch da einmal etwas genauer hinzuschauen und nachzuspüren. Ich beobachte oft, dass fast alle, die den Eindruck machen, angekommen zu sein, letztlich auch nur auf einer Etappe ihres Weges sind.

Eine Etappe ist nicht das Ziel. Vielleicht mögen diese glücklichen, erfolgreichen Menschen diese Etappe nur besonders und entschließen sich manchmal, ganz lange dort verweilen zu wollen. Sie halten an ihr fest, zelebrieren sie und wollen dieser Zwischenstation Ewigkeit verleihen.

Ganz ehrlich, auch diese Etappe wird vergehen und immer wird es weh tun, sich dem Rad der Zeit und seinen logischen und herzlichen Erfordernissen entgegen zu stellen. Das Erwachen wird dann heftig und schmerzhaft sein. Das Erwachen zur Notwendigkeit, weiter ins neuerlich Unbekannte zu gehen.

Denn alles ändert sich, von Moment zu Moment.

Ich  gehe jetzt also mit einem großen, inneren, herzlichen "Ja" auf diese neue Etappe zu, wohl wissend, dass ich nicht ermessen kann, wo sie endet. Doch ich gebe mir endlich aus tiefstem Herzen und Gewissen die Erlaubnis dazu. Ich ermächtige mich, zur Erfüllung dieser beiden Wünsche meines Herzens fähig zu sein. Aus meiner tiefsten Überzeugung heraus, dass ich diese Wünsche nicht seit Jahren in mir trüge, wenn sie nicht für mich bestimmt wären.

Und ich hoffe und bete, dass du das Gleiche tun mögest: Gönne dir diesen Herzenswunsch oder deine Wünsche. Sie wollen dich auf deinen Weg führen, zu dieser unendlichen, offenen, alles durchdringenden Liebe, die dir fehlt. Die du in dir noch nicht gänzlich befreit und verwirklicht hast. Genauso, wie ich auch.

Die Wünsche sind die Wegweiser zu allem, was du brauchst, um dein Herz zu befreien.

Sie sind der Weg.


Genau so wird es sein!

So sei es!






Kommentare

  1. Liebe Josephine,
    ich sollte nicht überrascht sein über Deinen Entschluß und trotzdem bin ich es, sogar ein bißchen traurig. Ich habe mich jedesmal auf Deine Gedanken gefreut, die Du in reichlichem Mass geteilt hast. Aber ich habe selbst erlebt, dass es keinen Stillstand gibt noch geben darf. Bei allen Dingen, auch die nützen und die uns Freude machen.

    Danke für den doch recht kurzen Weg, den wir hier miteinander gegangen sind. Und jetzt bin ich natürlich erst recht froh über Deine kürzlich erhaltene Mail, die ich sehr gerne beantworten werden.

    Mit besten Grüßen bis dahin

    Beate

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    1. Liebe Beate,

      ich bin ebenso ein wenig traurig, denn ich habe hier wirklich gern geschrieben und meine Gedanken geteilt. Ich hatte sehr viel Freude daran, dass sie offensichtlich anderen nützlich oder anregend waren.

      Wenn ich jetzt auf eine neue Ebene gehe, dann ist dies zugleich der Schritt, das große Ganze in meinem Inneren nun schauen zu wollen und nicht beim spontanen Stückwerk zu bleiben. Und meine Blogbeitrage sind das Stückwert :-). Bisher habe ich mich davor gedrückt und mir das aus alten Minderwertigkeitskomplexen heraus nicht zugetraut.

      Da ich auf meinem Weg immer direkt auf Zuschreibungen, Vorbehalte, Ängste und Hindernisse zugegangen bin, ist jetzt die richtige Zeit, mich nicht länger davon zu stehlen. Ich mag keine faulen Kompromisse. Und selbst, wenn das sich allmähliche, spiralförmige Annähern an Einsichten und Erkenntnisse natürlich ist, verlangt der Fluss des Lebens, auch vor der Mitte meines Mandalas nicht länger zurückzuscheuen. :-)

      Ich freue mich sehr, dass wir in Verbindung bleiben, liebe Beate.

      Übrigens freue ich mich auch über jeden anderen, der gerne auch einmal seine Gedanken mit mir teilen möchte. Dazu darf ein jeder von Euch sich gerne meine E-Mail-Adresse schnappen. Ganz sicher werde ich antworten, wenn meine Zeit es zulässt.

      Herzliche Grüße in den Norden und bis auf Weiteres Alles Gute
      Josephine

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  2. Liebe Josephine!

    Immer wieder hier lesend stelle ich fest, dass ich mit meinem eigenen Fort-Schritt das ein oder andere neu lese, erstmals erkenne und somit der Textinhalt sich mir noch deutlicher darstellt als bisher. Die Dichte Deiner Erkenntnisse ist so groß, dass ich, wenn ich sie bezüglich meines Lebens nachvollziehe, erst nach und nach in Zusammenhang bringe. Eine wertvolle Sache ist das für mich.
    Ich möchte an dieser Stelle die Bitte äußern diese Blog online zu belassen.

    Herzliche Grüße
    Beate

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  3. Liebe Beate,

    im Moment plane ich nicht, den Blog ganz aus dem Netz zu nehmen. Auch deswegen, weil ich mir bewusst bin, dass ich recht komplex schreibe.

    Auch wenn ich demnächst keine neuen Beiträge verfassen werde, bin ich weiterhin für Kommentare zu den bisherigen Posts ansprechbar.

    Herzliche Grüße und einen schönen Tag
    Josephine

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