Im Nebel der ersten Verwirrung

Die Veränderungen im Außen, die du eventuell einleiten wirst, verändern dich. Das ist ein intensives Wechselspiel - und das muss es auch sein, willst du wachsen.

Doch der Mensch ist ein Gewohnheitstier. So wirst du manche Veränderung als sehr schmerzhaft erleben und dich des öfteren fragen: Will ich das alles wirklich wissen? Will ich das alles sehen und spüren? Denn die intensivste Veränderung, die du durchmachen wirst, ist die deiner Wahrnehmung.


Vielleicht hast du bisher schon Vieles von dem Unerträglichen, dass dein Herz in die Fremde treibt, registriert. Weil du aber nicht wusstest, was du mit allen diesen Informationen anfangen solltest, hast du sie einfach mental beiseite geschoben. Auch das können wir Menschen gut. Diese Informationen brodeln irgendwo in dir. Und zunehmend wirst du mehr Kraft benötigen, um den Deckel fest auf diesem brodelnden Topf zu halten.

Manchmal kann es passieren, dass dir im unpassendsten Moment alles um die Ohren fliegt.

Energien kontrolliert zu leiten, Informationen gütig und liebevoll zu verarbeiten, alles dies braucht Kontinuität, eine regelmäßige Psycho-Hygiene sozusagen. Und wenn du immer nur verdrängt und den Deckel darauf gehalten hast, wirst du dich in den ersten Wochen oder Monaten nach deiner Entscheidung alles andere als gut fühlen.


Sei es drum: Alles dies muss einmal raus, aus dem Topf und angeschaut, sortiert und bereinigt werden. Daran führt kein Weg vorbei. Nur in ein leeres Gefäß hinein kann sich die Essenz deines wahren Ichs ergießen. Alles das, was die jahrelange Fremdbestimmung mit dir gemacht hat, muss verarbeitet werden.

Einen schnellen Weg da hindurch gibt es für denjenigen, der Gottvertrauen hat. Oder Vertrauen in die Buddhas. Wenn du weißt, wie du deren Hilfe annehmen kannst und einen starken Bereinigungsprozess aushalten und durchhalten kannst, ohne die Nerven zu verlieren. Ein anderer sucht sich vielleicht einen Berater, einen Schamanen, einen Coach oder einen Psychotherapeuten? Alles dies ist möglich und ein ansprechbares Gegenüber ratsam. 

Ich bin diesen Weg allein gegangen und habe mich nur auf mein inneres Vertrauen verlassen. Es war keine leichte Zeit und dennoch spürte ich im Herzen so stark, dass ich diesen Weg gehen muss, koste es was es wolle. Manchmal habe ich mir selbst beim Lamentieren zu geschaut. Doch wann immer ich darüber nachdachte, aufzugeben, wusste ich stets mit felsenfester Gewissheit, dass dies unmöglich ist.

Der Grund, dass ich nicht umkehrte und mir eine starke Schulter zum Anlehnen suchte sowie jemanden, der mir ein wohliges Gefühl macht, zu Hause zu sein, war folgender:

Meine Wahrnehmung veränderte sich so stark, dass ich den tiefen Graben nicht mehr ignorieren konnte. Ein tiefer, fast als Schlucht empfundener Spalt, zwischen dem, wie ich spürte, leben zu wollen und wie ich meine Umgebung erlebte. Ich konnte die Augen nicht mehr davor verschließen, dass da etwas nicht stimmt, dass da etwas für meine Bedürfnisse und mein Erleben nicht tiefgründig und wahrhaftig genug war.

Und ich fand auch keine Gleichgesinnten, die meine Wahrnehmung teilten. Genau aus diesem Grund hatte ich meine persönliche Wahrnehmung über mich, das Leben und die Welt immerzu verneint und versucht, die Wahrnehmung der anderen zu adaptieren. Ich dachte einfach, wenn viele Menschen das so sehen, ich aber anders, wird wohl an meiner Wahrnehmung etwas nicht stimmen. Sie sind mehr Menschen, ich bin nur eine Person, also haben sie Recht. Und damit willigte ich täglich, stündlich, minütlich, sekündlich darin ein, von diesen vielen Menschen und Meinungen um mich herum, fremdbestimmt zu werden.

Als ich nun mein Herz nicht länger weinen spüren wollte, flog der Deckel im hohen Bogen von meinem inneren Topf und die chaotischste Zeit meines Lebens begann. Je mehr ich nun meine eigene Wahrnehmung in mir zuließ und begann, sie im Äußeren zu überprüfen, desto mehr Aggressivität stürmte auf mich ein.

Doch dieses Erleben kannte ich schon aus meiner Jugend. Ich war schon als Mädchen von 15, 16 Jahren sehr eigenwillig gewesen und habe Ungerechtigkeiten nicht einfach hin genommen. Wann immer ich etwas ungerecht empfand, habe ich dem die Stirn geboten und entsprechend aggressive Reaktionen von Außen erfahren. Ich nahm in der Regel kein Blatt vor dem Mund und auch heute noch wird mir oft gesagt, ich sei zu gerade heraus. Damals wurde in der Familie massiv auf mich eingewirkt, um mich still zu bekommen. Schon damals teilte kaum jemand meine Wahrnehmung.

Als ich nun, mehr als 10 Jahre später, erneut mir selbst den Respekt erwies, meiner Wahrnehmung zu trauen, wiederholte sich der massive und aggressive Druck von außen.

Wollte man jetzt wieder das K-Wort anwenden, so hätte ich schlussfolgern müssen, dass diese Aggressivität nur deshalb auf mich einwirkte, weil ich halt früher (vielleicht auch in zahlreichen früheren Existenzen) ebenso aggressiv zu anderen war und dieser Bumerang nun einfach wieder zurück kommt und mich brutal mitten ins Gesicht schlägt. Doch genau daran glaube ich nicht. So Karma zu deuten und zu verstehen, ist mir viel zu oberflächlich, zu platt und zu kurzsichtig.

Der Grund für die Aggressivität war, dass ich zu lange mich selbst aggressiv behandelt hatte, indem ich mir selbst meine eigene Wahrnehmung verbot und nicht versuchte, ihr gemäß zu leben. Das Außen spiegelte mir das, was ich die ganze Zeit in meinem Inneren getan hatte. Und wollte ich mit dieser sehr machtvollen, inneren Tortur und Unterdrückung Schluss machen, musste ich durch alles hindurch gehen und aufräumen, was ich da über Jahre mir selbst angetan hatte.

Gut, über viele Jahre ging es nicht anders, als in Fremdbestimmung zu leben. Jeder braucht, um zu wachsen, einen Spiegel. Jeder braucht einen Menschen oder etwas, in dem er einmal seine wahre Gestalt sehen kann und im Herzen tief die Wahrheit spüren kann, dass dies das eigene, authentische Herz ist.

Ohne diese Spiegelung deines wahren Wesens, dieses Erkennen, gelangst du nicht zu der inneren Gewissheit, wer du bist. Selbst wenn du dieses Innere nicht in Worten beschreiben kannst und es anfangs nicht mehr als ein verschwommenes Empfinden ist und du anfangs quasi blind auf dieser schmalen, gefühlten Spur entlang tasten musst. 

Dieser Spiegel ließ in meinem Fall lange auf sich warten. Mein Spiegel war letztlich meine persönliche, buddhistische Praxis und mein inneres Erleben dabei. Sowie die seltene, kostbare Begegnung mit authentischen Lehrern. Ich war 22 Jahre, als ich mich zum ersten Mal auf den Buddhismus einließ. Und es dauerte weitere sechs Jahre, bis ich auch meinen Einsichten und tiefen Gefühlen, die ich in meiner Praxis erlebte, mehr vertraute als dem, was andere Menschen über mich sagten und dachten.

Als ich los lief, gab es noch viel Schaum, den ich identifizieren und abschöpfen musste. Und zu unterscheiden, was hier der Schaum ist, der von der Suppe abgeschöpft gehört und was die klare Brühe, das kostete mich lange Sitzungen auf dem Meditationskissen - und das etliche Jahre lang. Doch in meiner eigenwilligen Sturheit wollte ich irgendwann, trotz aller Krisen und aller Bodenlosigkeit und endlosen Phasen energetischer Bereinigung, zu Ende bringen, was ich begonnen hatte. Letztlich bin ich immer noch mittendrin.

Ab einem gewissen Punkt nach dem ersten Loslaufen spürte ich deutlich, dass eine Tür sich unwiderbringlich hinter mir geschlossen hatte und eine Umkehr unmöglich war. Ich weiß genau, wann dieser Punkt begann: Als ich die ersten Antworten erhielt, auf lang gestellte Fragen. In diesem Moment wusste ich, dass der Weg trotz aller Mühen gütig ist und mir früher oder später alle schmerzlich seit Jahren in mir wuchernden Fragen wirklich beantwortet werden würden. Und zwar von meinem Lebensweg und in meiner geistigen Arbeit, die ich seit damals auf eigene Faust begonnen hatte.

Was waren das für Fragen? Die Fragen meines gebrochenen Herzens nach dem Sinn meines Lebens, natürlich. Wie zum Beispiel, warum ich keinen Frieden mit dem Leben machen konnte, das ich führte. Und warum augenscheinlich andere das doch können, nur ich nicht? Warum fühle ich mich zu anderen Dingen berufen und mit anderen Interessen versehen, als die Menschen, mit denen ich unmittelbar lebte? Warum mag ich mich selbst nicht, obwohl ich doch auch die Buddha-Natur in mir trage? Warum wissen andere quasi von Anbeginn ihres Lebens, was sie wollen und gehen darauf zielstrebig zu, nur ich nicht? Warum brauche ich so viele Informationen, so viele Umwege, so viele Erfahrungen, um tiefer zu spüren, wer ich bin? Fragen, nach einem Platz, an dem ich mich nicht mehr fremd fühlte und wo dieser Platz eigentlich zu finden ist.

Fremdbestimmung führt zu nichts anderem als dem Gefühl, fremd zu sein. Dies zu verstehen, dauerte bei mir sehr lange. Und solche Fragen sind ganz typisch dafür.

Ich schreibe diesen Beitrag heute für dich, der du vielleicht im Inneren dein Ja gegeben hast, für ein anderes Leben. Und jetzt wirst du überraschenderweise mit nichts anderem, als deiner ersten Verwirrung konfrontiert.

Nun gilt es, einfach durch das lange in dir Unterdrückte hindurch zu gehen und Spreu von Weizen zu trennen.

Ich wünsche dir dafür alle Hilfe, die du brauchst. Doch am Weitesten kommst du mit deinem eigenen Vertrauen. Vertrauen in dein Herz und in deine Bestimmung. Sie wird sich enthüllen, wenn das Gefäß, das du bist, von aller Fremdbestimmung geleert wurde. Je mehr du ja sagst, desto deutlicher wird es.
Deine Bestimmung für dieses Leben wird sich aus dem inneren Raum, der dann entstanden ist, einfach ergeben. Und du wirst spüren und dir ganz sicher sein, dass alles das eigentlich schon immer da war. In dir. Nur hast du es nicht geachtet und niemals nach Außen gezeigt.

Ich wünsche dir eine gute, behütete und fruchtbare Reise zu dir selbst!
In tiefer Verbundenheit, Josephine



Kommentare

  1. Liebe Josefine,
    In diesem Beitrag stimmt so (erschreckend) viel, dass ich zum x-ten Mal anfange zu antworten und bisher jedes Mal aufhören musste zu schreiben, so haben sich schließlich die Gedanken überschlagen. Ich bin auf dem Weg sicher schon ein Stück vorangekommen.

    Ich weiß Vier-Augen-Gespräche zu schätzen, wenn ich in diesem Land auch bezüglich des Lebensthemas weitestgehend darauf verzichten muss. Das ist bedauerlich und oft hart. Nur einmal hat mir die, sagen wir Vorsehung, mir aus heiterem Himmel (das darf man getrost wörtlich nehmen), Jemanden geschickt. So konnte ich mir Erleichterung verschaffen.
    Und dann ist da die Spreu und der Weizen. Die Aufgabe, das zu trennen, steht an. Die Frage, ist es das Herz, das spricht oder etwas anderes?
    Nun bin ich aber zu sehr auf meinem Gleis.
    Ich möchte Dir nur abermals danke sagen für die aufschlussreichen Posts, die ich wieder und wieder lese.

    Herzliche Grüße
    Beate

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    1. Liebe Beate, zum einen möchte ich dich beruhigen: Auch wenn du niemandem zum reden hast, ist es möglich, Klarheit zu finden. Vieles klärt sich von allein während deines inneren Bereigungsprozesses. Kommt Zeit, kommt Rat.

      Zum anderen fragst du, wie man die Spreu vom Weizen unterscheiden kann, also wie den Impuls des Herzens von der Fremdbestimmung. Dazu gibt es ein paar klare Grundregeln aus meinem Erleben:

      1. Das Herz hält die Verbindung zur Buddha-Natur. Demzufolge ist das Herz klar, gütig, warm und verbindet und schließt ein. Alle Impulse, Gedanken oder Bilder, die kalt und unbarmherzig sind sowie die Trennung und die Unterschiede zwischen dir und anderen zementieren, sind nicht das Herz, sondern Gewohnheiten, Konditionierungen und die Fremdbestimmung. Intensiv über Ursache und Wirkung nachzudenken, ist unerlässlich.

      2. Das Herz kommuniziert mit uns immer in diesem grundlegenden Gefühl des Gutseins und der Klarheit. Bist du verwirrt und unklar, bist du noch nicht tief genug gegangen, in dir selbst und veweilst noch bei allem, was Schleier um dein Herz bildet.

      3. Das Herz kommuniziert in leisen, beständigen, sanften Bildern. Sie verweilen, während die Bilder, die aus den Gewohnheiten und Konditionierungen erwachsen, hektisch, flüchtig, grau und unpräzise sind. Denke an die drei: Angst, Scham und Schuld lenken vom eigenen Herzen ab.

      4. Das Herz führt dich immer durch einen Prozess und zu den für Klarheit und Güte wichtigen Ereignissen. Hast du dieses Empfinden, etwas unbedingt tun zu müssen und ist dieses Empfinden mit einem leisen Hauch eines freudigen, neugierigen Gefühls versehen, lohnt es sich durchaus, diesem Impuls zu folgen. Daraus werden sich neue Perspektiven und Antworten ergeben.

      5. Der Weizen ist das, was bleibt, während du einen Sachverhalt aus mehreren Blickwinkeln betrachtet hast. Die unterschiedlichen Perspektiven sind die Spreu. Das Beharren auf nur einer möglichen Perspektive als einzig möglichen Standpunkt, spricht für eine starke Konditionierung. Das Verweigern, auch mal eine Sache mit anderen Augen zu sehen, spricht für eine starke Verhaftung sowie die ungütigen drei Schwestern: Angst, Scham und Schuld.

      6. Dein Herz hat niemals Angst. Alles, was du angstfrei tust, beruht auf deinem Herzen und der Klarheit und Güte, die aus ihm spricht.

      7. Das Herz führt dich immer in den inneren Raum und die innere Weite.

      8. Regelmäßige Sitzmeditation oder auch die Meditation des Schreibens dienen der Wahrnehmung des Herzens, ebenso wie eingangs ausreichend Zeit, um wirklich in die Stille und die leisen Bilder und Töne des Herzens zu gelangen. Dort ist alles klar geordnet, mit einem Gefühl der inneren Gewissheit verbunden, weit, mit Luft zwischen dem, was du wahrnimmst. Dort kannst du beliebig lange auf den Fragen, die du dir stellst verweilen, bis sich eine Antwort einstellt.

      9. Du findest dein Herz, indem du dich bewusst in dir nach unten bewegst, mit deiner Aufmerksamkeit: Aus dem Kopf heraus, in Richtung Herzen. Ein hilfreiches Training dafür ist, sein Bewusstsein auf Herzhöhe zu halten, später sogar sich tiefer fallen zu lassen. Dies hat zur Folge, dass alle unruhigen Gedanken zu Ruhe kommen.

      10. Für das Herz ist alles möglich und es hält zuerst einmal alles für möglich. Innerhalb der Möglichkeiten, die dein Herz dir eröffnet, ergibt sich dein Weg durchaus auch aus der selbst getroffenen Wahl. Das Herz wird sich deinen Entscheidungen anpassen.

      Und zuletzt möchte ich dir das völlig frei bleibende Angebot machen, dass du mir auch über das Kontaktformular schreiben kannst. Ich antworte dir dann per E-Mail, wenn du magst. :-)

      Ich wünsche dir gutes Gelingen und einen schönen Abend noch.

      Herzlichst
      Josephine

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  2. Liebe Josephine,
    sollte es sich einmal um mehr tiefer gehende Dinge meinerseits handeln, so nehme ich sehr gerne die Möglichkeit des Kontaktformulars in Anspruch. Danke sehr!

    Grüße von der schwedischen Ostseeküste
    Beate

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