Hilflose Helfer und falsche Märtyrer

Eine gute Freundin etliche Jahre durch die Zeit ihrer ersten Verwirrung zu begleiten, war für mich eine große Herausforderung. Denn ich hatte selbst noch nicht alles verarbeitet, was nach meiner Entscheidung des Herzens aus mir alles hervor gekrochen kam. Zugleich suchte sie nach Halt und Hilfe. Und sie damit allein zu lassen, verbot sich für mich von selbst. Zu genau wusste ich, was das alles mit mir im Innern machte, als dass ich ihre Verwirrung hätte ignorieren können.

Ich war einige Jahre also in permanentem Unwissen, wer ich bin und wohin die Reise geht, zugleich erinnerte ich eine Freundin immer wieder daran, dass ihr Herz dennoch verlässlich ist. Und indem ich sie erinnerte, erinnerte ich mich.

Diese Jahre waren extrem und zugleich extrem lehrreich. Sie konfrontierten mich damit, was es heißt, für andere eine Hilfe zu sein, ohne mich selbst zur Märtyrerin zu machen. Diese Jahre zwangen mich dazu, immer auch auf mein persönliches Gleichgewicht zu achten. Nicht immer gelang das und ich musste sehenden Auges miterleben, wie ich jenseits meiner Kräfte dennoch gefordert war, jemand anderen nicht im Stich zu lassen.

Ich fühlte mich hilflos und gezwungen, mich selbst für den anderen innerlich komplett loszulassen und zu vernachlässigen. Und diese Situation führte oft zu starken, inneren Konflikten.


Das Wort "Märtyrer" bezeichnet, traditionell gesprochen, einen Christen, der um die Bekenntnisse seines Glaubens willen bereit ist, einen gewaltsamen Tod zu erdulden (sagt Wikipedia). Im übertragenen Sinne meine ich damit die innere Überzeugung, dass es richtig ist, sich für andere selbstlos aufzuopfern. Nach Buddhas "mittleren Weg", wäre das falsch, doch zugleich gibt es auch viele Geschichten über Bodhisattvas, die sich um das Wohl vieler anderer willen aufgeopfert haben sollen.

Dass ich mich dazu "gezwungen" fühlte, legt meine Zweifel nahe. Zweifel daran, dass diese innere Märtyrer-Haltung richtig ist. Denn ich erkannte schnell die Tendenz, mich dadurch zu einem "hilflosen Helfer" zu degradieren. Ich spürte sehr genau, dass es eines feinen, inneren Tunings bedarf, um mich nicht in eine Co-Abhängigkeit zu manövrieren.


Co-Abhängigkeit bedeutet für mich, dass ich mich über das Verhalten eines anderen definiere bzw. in eine bestimmte Helfer-Rolle drängen lasse oder gedrängt sehe, die keine ist, da sie indirekt das ungesunde, schädliche Verhalten des anderen nicht beendet, sondern nährt.

Genauso gut kann es auch eine Co-Abhängigkeit, das vermeintlich gute Verhalten einer anderen Person betreffend, geben. Dann unterstütze ich jemandem dabei, seine Rolle als "Retter" oder "Märtyerer" weiter zu spielen, selbst dann, wenn ich Zweifel daran habe, dass diese Rolle so gut, gesund und authentisch ist. Es könnte sein, dass ich mein eigenes Leben opfere, um dieser Person zu ermöglichen, weiter den falschen Helden zu spielen.

Ich bin sehr dankbar für diese schwierigen Jahre, weil sie mich letztlich am eigenen Leib vor Augen führten, wie fundamental wichtig es ist, zuerst für die eigene, innere Balance zu sorgen und innere Klarheit und Richtung zu nehmen. Der Weg bis dahin war steinig: Mal driftete ich in die Rolle der Märtyrerin ab, worauf mir klar wurde, dass ich selbst hilflos bin und diese Rolle weder mir, noch der anderen Person nützt. Mal beobachtete ich die andere Person dabei, wie sie sich in ein Bild, eine Rolle hinein steigerte und ich sie mit meiner Hilfe in dieser Rolle unterstützte und dabei jegliche innere und äußere Freiheit verlor.

Ich fand wieder meine eigene Richtung, indem ich mich fortwährend reflektierte und auf mein gesundes Empfinden verließ, was sich gütig und richtig anfühlte. Und manchmal war es durchaus gütig und richtig, mit der Faust ordentlich auf den Tisch zu hauen und zu sagen: "Ich mache nicht mehr mit!"

Diese Freundin habe ich oft das fürchten gelehrt, weil ich zunehmend lernte, wirklich sehr wütend zu werden. Ich akzeptierte irgendwann nicht mehr, dass sie sich gestattete, in eine Opferrolle abzudriften und mich dazu zwang, den märtyrergleichen Helfer zu spielen. Das fühlte sich überhaupt nicht gesund an und ich lernte, diesem inneren Empfinden nach zu sprechen und zu handeln.

Ebenso lernte ich dadurch, mich selbst in meinem inneren Verhalten ebenso wenig in extremen Sichtweisen zu akzeptieren. Wenn ich mich überfordert fühlte, hatte ich die Tendenz, mich als Opfer der Umstände (oder des Karmas) zu sehen und keinen Ausweg zu suchen.

Wann immer ich auf meinem Meditationskissen letztlich doch um Hilfe bat und nach Richtung suchte, kam ich früher oder später zu einem klaren Gefühl und einer innere Gewissheit, dass dies nicht richtig und gütig ist. Ich lernte zunehmend, meinem Herzen zu vertrauen, als sicheren Kompass für ein gesundes, ausgewogenes, inneres und äußeres Verhalten.

Seitdem weiß ich: Für ein Verharren in einer unerträglichen Situation gibt es keinerlei stichhaltige Begründung. Co-Abhängigkeiten sind in der Regel unerträglich, weil sie alle Beteiligten in ungesunden Konstellationen halten. Niemand der Beteiligten lebt in einem gesunden, inneren Gleichgewicht.

Und jemandem zu gestatten, auf Kosten anderer eine ungesund größere Rolle zu spielen, ist nicht gerecht und nicht gütig. Dabei ist nebensächlich, ob diese Rolle nach außen hin eine scheinbar gute Rolle oder schlechte Rolle ist. Es ist egal, ob da jemand den glorreichen Retter spielt, das hilflose Opfer oder den infamen Täter. Alle diese Rollen sind abhängig von Unterstützern, sind eingebunden in Co-Abhängigkeiten.


Sich selbst und sein reiches, warmes, offenes Herz komplett in solchen Abhängigkeiten zu verlieren, geht sehr schnell. Dies zu erkennen, war für mich ein großes Aha-Erlebnis und ist zugleich immer wieder erschreckend.

Vielleicht kommt der eine oder andere Leser bereits darauf, dass solche Abhängigkeiten auch davon leben, dass wir in unserem Leben Fremdbestimmung zulassen. Dies bedeutet zugleich, sich in eine ungesunde Rolle drängen zu lassen. Das eigene Rollenverhalten daher gütig in das eigene Herz zu nehmen und sorgsam zu prüfen, ist sehr gesund.

Und geprüft werden muss, ob die eigenen Bedürfnisse, die eigene Sehnsucht, die eigene Selbstwirksamkeit im eigenen Leben zum Tragen kommen, oder nicht. Jegliches Verhältnis, jede zwischenmenschliche Beziehung, die dies nicht gewährleistet, ist letztlich ungesund und nicht konform zum "mittleren Weg", den Buddha seinen Jüngern gelehrt hat. Das lehrte mich die jahrelange Erfahrung.

Wir scheuen normalerweise davor zurück, lautstark aufzubegehren und die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse einzufordern, wenn eine Beziehung aus dem Gleichgewicht geraten ist. Mich kostete es einige Überwindung, dieser Freundin auch mal Grenzen aufzuzeigen, weil ich sonst selbst hilflos und handlungsunfähig geworden wäre. Ich fürchtete mich davor, ungerecht zu sein, mich zu irren oder etwas zu zerstören. In früheren Zeiten sprach ich davon, dass ich Angst davor hatte, Fehler zu machen und bestraft zu werden.

Was mich aus den inneren Zweifeln riss, was das richtige und falsche Verhalten ist, sagte ich schon: Ich prüfte im Herzen nach, was sich gütig und richtig anfühlt. Und zwar für beide Parteien - und nicht nur für eine. Ich lernte nach und nach, mich selbst nicht aufzuopfern, sondern die Lösung anzustreben, die sowohl für mich als auch für meine Freundin gesund und ausgewogen ist. Und dazu gehörte durchaus auch, sowohl sie als auch mich aus der Märtyrerrolle notfalls zornvoll aufzuwecken.

Anfangs war ich erstaunt, zu beobachten, dass Fortschritt entstand, wenn ich Unerträgliches nicht länger tatenlos und vermeintlich geduldig hinnahm. Nach mancher Meditation war ich so wütend über eine Situation, dass ich aufstand und sofort Klarheit schuf. Und so schmerzlich und unangenehm Streitsituationen mitunter sind, so stellten sie sich oft als bereinigendes Gewitter heraus.

Durch diesen jahrelangen Lernprozess verinnerlichte ich, dass nicht ich bestimme, wieviel Kraft ich einsetzen muss oder welches Mittel, sondern das jeweilige Hindernis. Ich muss mich in meinem Kraftaufwand dem Hindernis anpassen, das im Augenblick Wachstum, Fortschritt und Lebendigkeit verhindert, will ich positive Veränderung bewirken.

Mitunter bringt es niemandem etwas, ein freundliches Gesicht zu machen und damit eine Rolle des "guten Menschen" und "guten Buddhisten" künstlich aufrecht zu erhalten. Mitunter erfordert der Nutzen für viele eben auch ein zornvolles Mittel. Und was wirklich von Nutzen ist, schließt immer, absolut immer, das eigene Wohl, das eigene innere Gleichgewicht, den eigenen Gerechtigkeitssinn ein.

Alle Maßnahmen, die ich aus meinem inneren Gerechtigkeitssinn ergriff, brachten sowohl mir als auch dieser Freundin Erleichterung und Fortschritt.

Alles, was ich unternahm, um es den Bedürfnissen jener guten Freundin Recht zu machen, ohne mich selbst einzubeziehen, verschlimmerte das Leid und das Ungleichgewicht für uns beide.

Das feine Tuning, was nötig ist, um für alle das Beste zu wollen, geschieht im Herzen. Der Kopf und der Verstand mögen sehr oft eine andere Lösung, ein anderes Mittel bevorzugen. Meine Erfahrung lehrte mich, dass dieses Beharren auf der Sicht des Kopfes eine Situation lähmt und einfriert.

Falls du dich also in einem dauerhaften, unerträglichen Zustand  befindest, könnte es sein, dass du nicht auf dein Herz hörst.

  • Vielleicht, weil du dich zu sehr mit der Rolle identifizierst, die andere dir zugewiesen haben.
  • Vielleicht, weil du noch nicht tiefgründig erkannt hast, dass diese Rolle fremdbestimmt ist.
  • Vielleicht hältst du eine oberflächliche, harmonische Situation aufrecht, weil du Streit, Konfrontation und Zerstörung fürchtest.
  • Vielleicht urteilst du, nicht in der Position zu sein und nicht das Recht zu haben, aufzubegehren und mit der Faust auf den Tisch zu hauen. 

  • Wenn dies alles auf dich zutrifft, lässt du den Verstand über dein Herz siegen.
  • Wenn dies auf dich zutrifft, lässt du die Fremdbestimmung über deine Buddha-Natur siegen.
  • Wenn dies auf dich zutrifft, erklärst du dich einverstanden, nicht aus vollem Herzen am Leben zu sein.

Ich wünsche dir, dass du auf dein Herz hören kannst. Denn damit wünsche ich dir zugleich, gütig und gerecht nicht nur zu dir, sondern auch zu anderen zu sein. Das eigene Wohl schließt immer das Wohl der anderen ein. Und die rechten Mittel zum Verwirklichen dieses Wohls kommen immer von Herzen.















Kommentare

  1. Liebe Josephine!

    Die Versprachlichung und das "genau auf den Punkt bringen" helfen ungemein und machen Mut. Ich kann all das sehr gut nachspüren und da bereits erleichtert sich die Anspannung. Erlebt habe ich das Reinigende schon, wie Du diese Situationen, auch im Zorn, beschreibst. Bei mir schlich sich diesbezüglich sogar das Wort "Missbrauch" unter die Gedanken, gerade wenn eigene Bedürfnisse überhaupt keine Berücksichtigung finden.
    Klare Worte, danke!

    Sei herzlich gegrüßt von
    Beate

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    1. Liebe Beate,

      ja, "Missbrauch" ist durchaus das richtige Wort! Und sich einzugestehen, dass man selbst diesen Missbrauch ermöglicht, toleriert und in Kauf nimmt, indem man schweigt und nichts dagegen unternimmt, ist wichtig.

      Wie könnte je etwas Gutes aus Missbrauch entstehen? Wie könnte je etwas gut und richtig sein, auf einer solchen Grundlage?

      Ich sehe es seither als meine ethische Pflicht, mich für meine Bedürfnisse stark zu machen.

      Ebenso herzliche Grüße an dich!
      Josephine

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  2. Liebe Josephine,

    ich habe Google soweit wie möglich aufgegeben. Das Netz, das seitens dieses Konzerns gesponnen wird, ist so dicht, dass ich diese Fäden weitestgehend durchtrennen wollte. Und es ist nur ein Grund von dreien.

    Spannend ist es allemal, wie sich die Kommentarfunktion jetzt verhält. Wenn Deinem Blog zahlenmäßig etwas verloren ging, bleibe ich als Leserin gerne da. Mit der Faust auf den Tisch hauen, Alte Zöpfe abschneiden, sich befreien, das fühlt sich gerade gut und richtig an.

    Liebe Grüße
    Beate

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    1. Liebe Beate,

      was immer sich für dich gut und richtig anfühlt, ist gut und richtig so. :-)

      Da ich meinen Blog sowieso nicht willentlich promote, brauchst du dir auch gar nicht um die Zahlen Gedanken machen. Ich habe keine Zeit, viel darüber nachzudenken und vertraue darauf, dass den Weg zu mir findet, der sucht. Für mich ist dieser Blog auch eine Zwischenstation und ist nicht für die Ewigkeit gedacht. - wer weiß, wohin meine Reise geht?

      Dir wünsche ich weiterhin eine gute Reise zu allen notwendigen Veränderungen. Wann immer du möchtest, kannst du hier einen Kommentar hinterlassen. Gestern habe ich hier auch wieder mit (Nicht-Google)E-Mail-Adresse dharmadhatu(@)freenet.de hinterlegt. Du (wie auch alle anderen, die möchten) sind herzlich eingeladen, mir zu schreiben, wann sie wollen und was immer sie wollen ;-).

      Herzlichste Grüße
      Josephine

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