Dem weiten Horizont entgegen

Mir über meine eigenen Motive klar werdend, beginne ich allmählich, die Zukunft nicht als etwas Festgelegtes, sondern als offen zu sehen. Und von dieser neuen, unvermuteten Offenheit ausgehend, setze ich bewusster und gezielter einen Fuß vor den anderen, dem weiten Horizont entgegen.

Fremdbestimmung ließ mich bisher das Gegenteil fühlen: Alles war schon geregelt, bevor ich es überhaupt erkannt habe. Alles war schon vorbestimmt, obwohl ich noch nichts davon wusste.


Bisher liefen meine Wünsche und Motive stets gegen Wände. Sie widersprachen dem, was das Leben mir an Möglichkeiten zu bieten schien und ich hatte vollständig meine Macht, über mein Leben zu entscheiden, abgegeben. Ohne zu wissen, an wen.

Wenn du einmal konsequent prüfst, wer oder was im Moment Macht über dein Leben hat, so wirst du seltsamerweise niemanden ausmachen können. Da gibt es letztlich keine konkrete Person, auf die du mit dem Finger zeigen kannst. Und das ist das Verrückte daran und provoziert sogleich die berechtigte Frage, warum nicht du es bist, der in der Mitte seiner Macht steht und bewusst Zeichen setzt und handelt? Diese Frage spürt jeder in sich aufsteigen, der kurz vor dem Erwachen zu seinem eigenen Herzen steht.

Das eigene Herz ist letztlich das Tool, was mir überhaupt im Leben zu navigieren erlaubt. Dieses Tool nicht zu nutzen, machte mich bisher zum Spielball meiner Umstände und der anderen. Und sich dieses Tool zu erschließen, führt mich in ein ganz neuartiges Leben.

Das Neuartige an diesem Leben spielt sich in mir selbst ab. Inmitten altbekannter Umstände. Plötzlich erkennst du die Stellschrauben, wo vorher alles festgelegt schien. Unvermittelt erkennst du die Möglichkeit, durch anderes Sprechen, Denken und Verhalten deine Zukunft aus eigener Kraft zu provozieren. Im Rahmen des Machbaren, das unaufhaltsam einem weiten, klaren, liebevollen Horizont entgegen strebt. Schritt für Schritt, Tag für Tag und einem, bewusst gewählten und gesetzten Impuls nach dem anderen.

Die Grenze des Machbaren verschwindet - und du stehst inmitten unvermuteter Offenheit. Bevor du jedoch in deiner eigenen Macht stehst, bleibt dir die Weite verschlossen. Bevor du zu deiner Macht stehst, bewegst du dich im Rahmen vordefinierter Straßen und Wege, wie in einem Labyrinth, dessen Urheber uns verborgen bleibt. Dessen Urheber uns so oft schrecklich und unerbittlich erscheint und unendlich Angst macht.

Einmal zu vermuten, dass dieses Labyrinth womöglich gar nicht real ist, birgt unglaubliche Kraft. Und von dieser Vermutung ausgehend, sich selbst zu erlauben, daran weiter zu denken, lässt die Mauern mit der Zeit tatsächlich verschwinden.

Dieses Umdenken, Umdeuten und dem inneren Gespür mehr Raum dabei zu lassen, braucht Zeit. Doch manchmal ist es auch die Zeit, die uns unvermutet Freiräume schafft und Türen und Fenster öffnet. Diese Zeit, die Jetzt ist, zum Beispiel.

Wir leben in einer Qualität der Zeit, die genau diesen Ausblick auf den weiten Horizont begünstigt. Und an uns allein liegt es nun, mit der Zeit zu gehen, oder uns selbst weiter dabei zu   beobachten, wie wir endlos in diesem Labyrinth umher irren.
Jeder von uns kennt den inneren Widerspruch: Wir sind des Bekannten müde, das uns wie ein Hamster im Laufrad leben lässt. Und von irgendwoher spüren wir plötzlich eine frische Brise wehen, die entsteht, dass da eine Tür geöffnet wurde. Doch kaum sehen wir sie, erstarren wir vor Angst, was wohl jenseits an Unbekanntem lauert. Wir haben uns daran gewöhnt, dass "unbekannt" zugleich "Gefahr" bedeutet. Das Labyrinth hat uns irgendwie darauf konditioniert.

Sich dieser frischen Brise trotz aller Ängste und Zweifel hinzugeben und ihr entgegen zu streben, das ist der Trick. Und ich konnte und kann dies letztlich, weil ich auf die Güte und Weisheit des Universums vertraue. Und ich nähere mich dieser Güte und Weisheit am besten, indem ich mit meinem Herzen gehe.

Das eigene Herz ist versessen auf jede frische Brise. Und das zu Recht. Das Herz weiß darum, dass Wandel ein natürliches Gesetz ist. Mit diesem Gesetz zu gehen, bedeutet, weiter in Güte und Weisheit zu leben. Die Mauern des Labyrinths jedoch für wahr zu halten und in ihm zu verharren, bedeutet unnatürlichen Stillstand. Wenn nichts ewig währt, so ist es Nonsense, dieses Labyrinth und seine Wände für unabänderlich ewig zu halten.


Das eigene Herz strebt immer dem weiten Horizont entgegen, weil es jedem Wesen Veränderung gönnt. Sowohl mir selbst, als auch allen anderen! Veränderung vom Unglück zu Glück, vom Leid zur Freude, vom Stillstand zu Bewegung. Und wenn das Rad der Zeit uns signalisiert, dass JETZT der richtige Moment für lang erhoffte Veränderungen ist, so sei dieser Moment JETZT!

Verpasste Chancen gab es sicher schon genug, für einen jeden von uns. Und so ist es gütig und richtig, jetzt einfach mal die Angst zu ignorieren und vollen Mutes aufzubrechen! Alte Strukturen aufbrechen, Wände niederreißen und in ein neues, unvermutet herzliches Dasein zu gehen!

Widerstände werden auftreten, die dem Verharren im lang Ertragenen und Gewohnten zu schulden sind. Doch ich erwähnte schon, dass die drei lieblosen Schwestern Angst, Scham und Schuld die schlechtesten Wegbegleiter und Berater sind. Und unser Herz will uns weit weg und über sie hinaus führen, um gütig und gerecht zu möglichst vielen Wesen werden zu können.

Schauen wir einmal genau hin, was Angst, Scham und Schuld allein mit uns über Jahre gemacht haben. Kontemplieren wir einmal darüber, was sie auch mit anderen gemacht haben und wie sich dies wiederum auf uns auswirkte.... Wer von uns möchte denn wirklich ein solches Leben weiterführen?

Beherzt auf die Weite des Horizonts zu vertrauen und aufzubrechen, ist letztlich das einzig Vernünftige, was wir in diesem, kostbaren Menschenleben tun können.

Ab und an mache ich mir einmal die Mühe, wirklich darüber nachzudenken, was passiert wäre, wenn ich mich an dieser oder jener Wegscheide meines Lebens anders, als für mein Herz und dessen goldenen Faden entschieden hätte. Ich malte mir möglichst lebendig aus, was geschehen wäre, wenn ich der Fremdbestimmung weiter gefolgt wäre. Immer kam ich zu dem Schluss, dass viele Konflikte nicht stattgefunden hätten und viel vertuschter Schmerz nicht an die Oberfläche meines Bewusstseins und meines Lebens gekommen wäre.

Mein Leben wäre nach außen hin ruhiger verlaufen. Zahllose Turbulenzen hätten nicht stattgefunden. Doch zugleich wäre ich weder innerlich gewachsen, noch wäre manche Wunde geheilt worden. Was für ein liebloser, ungerechter Kompromiss wäre das gewesen, die von etwas Fremden, Unfassbaren, Unpersönlichen geschaffenen Mauern jenes ziellosen Labyrinths zu akzeptieren?


Vor allem: Was macht es überhaupt für einen Sinn, in diesem Labyrinth ohne wärmendes Licht und tiefer Erfüllung zu hausen? 

Wenn ich heute von jenem Horizont schreibe, den ich quasi sehen, spüren und schmecken kann, so tue ich dies, weil ich mich allmählich in der Mitte meines Mandalas zu spüren beginne. Noch spüre ich nicht meine ganze Kraft, doch in kurzen Momenten erlebe ich mich in einer anderen Welt, die um so vieles gütiger, fortschrittlicher und freundlicher ist, als das Leben, das ich ohne mein Herz geführt habe. Und diese Augenblicke nehmen mir jeden noch so hartnäckigen Zweifel daran, dass es richtig war, meinem persönlichen, goldenen Faden zu folgen.

Wenn ich unausgesetzt in der Kraft meines eigenen Mandalas, das mein Herz mir eröffnet, stehen werde, fängt die Arbeit erst an. Die Arbeit, die es macht, ein authentisches, freies Leben zu führen. Denn auch dann werde ich  mich täglich, stündlich, minütlich in jenem feinen Tuning üben müssen, was für das Verwirklichen des Besten für mich und andere notwendig ist. Doch allein diese Arbeit zu tun, erfüllt mich und mein Leben, trotz aller Mühe, mit Freude.

Und um dieser Freude willen, nicht der Mühe wegen, sind wir alle am Leben. Möge es für uns alle so sein. Genau so sei es!





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