An der Grenze des Machbaren

Früher habe ich mich nicht für meine Bedürfnisse eingesetzt. Das konnte ich nicht, weil ich sie nicht kannte. Niemand hatte mir beigebracht, was Bedürfnisse sind, wie ich meine ganz persönlichen Bedürfnisse erkenne und warum es natürlich ist, sie zu würdigen. Doch die Jahre an der Grenze meiner Ressourcen lehrten mich all dies.

Zuvor lebte ich nach dem "du musst...", "du sollst...", "das gehört sich so..." und "wenn du ein guter Buddhist bist, dann...".

Wer immer auch an die Grenze seiner Kräfte kommt, weil die sonst gewohnten Gegebenheiten und Umstände wegbrachen, weil man auf sich allein gestellt ist oder weil es jemanden gibt, der gerade sein eigenes Gleichgewicht verliert, wird die Erfahrung machen, wie wenig diese Regeln wert sind. Im echten Leben.

Alle Fremdbestimmung und alle Regeln, von denen ich sprach und die meiner Erfahrung nach nichts mit unserem wahren Kern und Herzen zu tun haben, sind gut gedacht. Aber sie sind gedacht. Sie wurden anerzogen, sozialisiert, mit der Muttermilch aufgesogen und zum kulturellen Objekt der Identifikation erhoben. Kulturen, Nationen, Gruppen werden damit gekennzeichnet und voneinander unterschieden.

Doch der Mensch, der wirkliche, authentische Mensch und sein Herz funktioniert anders.

Als ich mich selbst wieder und wieder mit dem selbst auferlegten Zwang, mich an diese Regeln zu halten, ständig an die Grenze der Ressourcen und damit des Machbaren brachte, wusste ich, dass da etwas nicht stimmt. Ständig dem Außenbild folgend und dem, was andere über mich sagten - und dadurch mich nach ihren Vorstellungen formten, brach irgendwann eine Welt für mich zusammen.

Und zuerst meinte ich, alles würde über mir zusammenbrechen.

Doch dann entdeckte ich allmählich, dass ich einfach als Persönlichkeit, Mensch und soziales Wesen anders ticke, als gedacht. Anders, als andere über mich dachten, von mir forderten und wonach sie selbst ständig bemüht waren, zu leben. Und so ging ich zwar an die Grenzen der noch vorhandenen Ressourcen, jedoch zugleich weit über die Grenzen aller dieser Definitionen hinaus.
Dies war schmerzhaft, weil ich damit aus dem vordefinierten Rahmen fiel. 

Und dies war so erleichternd, weil ich mich endlich wirklich spüren konnte.

Ich überschritt manche der wohl ausgedachten Grenzen, und erkannte, dass dies mir neue Ressourcen erschloss. Zum Beispiel die Ressource, auf mich selbst und die Führung meines Herzens zu vertrauen. Und die Ressource meines Sinns für Gerechtigkeit, als hilfreich und echt. Diese Ressource, für die ich früher verurteilt und bestraft wurde.
An die Grenze des Machbaren zu gelangen, machte mich meiner Herkunft, Erziehung, Kultur und Religion nach unendlich schwach und ließ mich als Versagerin erscheinen.
Eine Zeit gab es, da erlebte ich mich an dieser Grenze des Machbaren am Boden und zerstört. Ich nahm sie hin, die Schmach. Die alte Welt stellte sich auf den Kopf. Ich konnte nur loslassen und mich in die unvermutete Umkehrung des Stundenglases meines Lebens fallen lassen.

Und dies war der Wendepunkt:
Und je mehr ich mich dem ständigen Scheitern hingab, desto unvermutet eröffnete sich mir eine neue Weite.
In ihr entdeckte ich die wahre Liebe, die diese Grenzen ohne weiteres für nichtig erklärt, um weit über diese hinaus langend, noch mehr Wesen, Mittel und Wege einzuschließen.
In diese Weite hinein atmete plötzlich mein Herz, mein lang gemaßregeltes Mitempfinden mit anderen, mein Vermögen, Richtung in mir selbst zu finden und damit anderen nicht länger ein Irrlicht, sondern wirklich die Dunkelheit erhellend und wärmend zu sein.
Eine Wärme, die so wenig Unterschied macht, wie die Sonne, wenn sie scheint. Die sich nicht darüber Gedanken macht, welches Wesen sich an die Regeln hält und sich dadurch für das Licht als würdig erweist.

Da waren plötzlich meine wahren, inneren Ressourcen. Und aus ihnen erhob ich mich wie Phönix aus der Asche. Unvermutet tat ich meinen ersten, tiefen Atemzug und wusste aus tiefstem Herzensgrund heraus, dass alles richtig ist, was ich tue, wenn ich es mit dieser Liebe in meinem Herzen tue.

Vorher war alles, was ich an Liebe kannte, an Bedingungen geknüpft. Weil Generationen vor mir dies nicht anders kannten. Weil sie selbst nur diese sozial, gesellschaftlich, kulturell gemaßregelte Liebe kannten, die sich aus diversen Versprechen und qua Geburt, der Herkunft treu ergebenen Regeln ergab.

Ich sagte schon: Spätestens dann, wenn du einmal am Ende deiner Kräfte warst, an der Grenze alles Machbaren, wirst du nicht länger schauen, ob der andere dort, der am Boden liegt, die Bedingungen erfüllt. Ob er dem nachkommt, was du an Regeln, Gesetzen und politische Meinungen für dich selbst als angenehmes Identifikationsobjekt gewählt hast.

Hast du ganz bewusst diese Grenze erreicht, die dir ab sofort von selbst verbietet, jemanden erst nach diesem künstlichen, inneren Raster abzugleichen, wirst du dein Herz wirklich schlagen hören.

Ich habe lange Zeit versucht, mich aus ab und an aufflackernder Gewohnheit, Angst, Scham und Schuld weiter an die Regeln zu halten. Doch je weniger sie funktionierten, weil sie mir nicht erlaubten, bei Kräften zu bleiben, desto mehr lernte ich über Bedürfnisse. Und diese haben nichts Erdachtes, sondern haben schlicht und ergreifend mit Ursache und Wirkung zu tun. Mit deinen Anlagen und Ursachen, die du dir eben nicht nach der Mode aussuchen und zulegen oder wieder ablegen kannst.

Was du an Potential und Irrtümern schon hast, definiert deine Bedürfnisse. Was du an Erfahrungen in diesen und anderen Leben schon gemacht hast, definiert, wohin es dich heute ruft. Und das Herz sorgt letztlich dafür, dass dieser goldene Faden eine vernünftige, lehrreiche und befreiende Fortsetzung findet.
Ich habe Erfahrungen gemacht, von denen ich glaubte, ich würde sie niemals aushalten. Doch nach einiger Zeit erkannte ich, dass sie aus mir das Beste herausholten. Und dass sie sogar, obwohl manchmal schmerzhaft, gütig für mich gedacht waren, um einen Zusammenhang zu verstehen und schlummernde Kräfte zu wecken.

Doch welche Einsichten und Kräfte das waren, entschied ich nicht willentlich, sondern mein Weg an die Grenze des Machbaren und über die Grenze hinaus, enthüllten sie in mir.

Deshalb ist es wichtig, dass du dem folgst, was dich ruft und was dein Herz als gütig und gerecht fühlt. Ich betone dabei, dass du es tief im Herzen fühlen solltest, sonst ist es nicht echt.

Und auf deinem Weg wirst du dich manchmal irren und musst unterscheiden lernen.

  •  Du denkst, dich nach dem Herzen entschieden zu haben, doch am Ende war es doch aufgrund subtiler Ängste. 
  • Du glaubst, dich aus freien Stücken in jene Richtung gewendet zu haben, doch am Ende war es doch ein Empfinden von Scham. 
  •  Du bist zuerst überzeugt, diese Tat tun zu müssen, doch am Ende spürst du, du tatest es doch aus Schuldgefühl. 

Dahinter, darunter, viel tiefer in der Mitte deines Seins liegt der wahre Weg.  Und jeder Schritt, der dich erst in die Irre führte, wird früher oder später wie eine Seifenblase zerstäuben und rückstandslos verschwinden. Und alles, was du von diesem Irrweg zurück behältst, ist das klare Empfinden, was nicht wirklich deinem Herzen entspricht.

Ich schrieb in anderen Worten schon über alles dies und wiederhole mich ganz bewusst. Denn manchmal ist es nützlich, den selben Sachverhalt immer durch andere Worte zu betrachten, um letztlich bei einem Schluss, bei einem Aha und einer Erkenntnis zu verweilen. Und weil du dich der Erkenntnis aus so vielen unterschiedlichen Perspektiven genähert und stets wieder bei dieser  gelandet bist, wirst du darauf vertrauen, dass diese Einsicht der Wahrheit entspricht. Und dies stärkt das Vertrauen in den Weg deines Herzens.

Wenn du so willst, hat alles, wohinter sich die Motive der Angst, Scham und Schuld verbergen, mit dieser Fremdbestimmung zu tun. Die Fremdbestimmung, die uns tagtäglich in Form von idealisierten, institutionalisierten und systematisierten Verhaltensregeln erreicht. Wir können dem nicht entfliehen, da wir soziale, kulturelle Wesen und Bürger eines Landes sind, jedoch müssen wir ihnen eben nicht blind das Wort reden. Wir können aus der Güte, Liebe und Präsenz des eigenen Herzens dieselben sinnvoll hinterfragen.

Und damit werden wir alles, was wir als kalt und tot empfinden, getrost hinter uns lassen, sowie unsere Kräfte, unsere Liebe und unser Potential in das investieren, was durch sanfte Güte und innere Gewissheit geprägt ist. Das ist der Weg des Herzens.
Wir gehen unseren Weg inmitten all dieser Regeln, ohne zu deren blinde und dumme Sklaven zu werden. Und das macht uns im Herzen frei und lebendig und lockert versteinerte Regeln auf, damit sie wieder menschlich werden.

Die eigenen Bedürfnisse allmählich zu entdecken, kann ziemlich überraschend sein. Es gibt genug Studien zahlreicher Psychologen, die sogar nachweisen, dass wir Menschen dazu neigen, uns komplett wie Schauspieler zu verhalten, aus sklavischer Angst davor, sozial isoliert und geächtet zu werden.

In jenen Jahren, die mich permanent an die Grenzen meiner Vorstellung von dem brachten, was ich für machbar hielt, erkannte ich dies: Ständig strengte ich mich an, eine andere zu sein, weil ich auf Zuneigung und Anerkennung hoffte. Und je mehr ich mich damit abmühte, desto leerer und toter fühlte ich mich.

Wäre ich allein bei dem geblieben, was meine Erziehung und Herkunft mir gespiegelt hat, wäre ich heute kaum noch am Leben.

Daher ermuntere ich jeden dazu, in sein eigenes Herz zu schauen. Lass dich nicht davon verwirren, was andere dir über dich beibringen wollen. Sei mutig, deine Entscheidungen für falsche Bedürfnisse zu revidieren! Gehe den Weg des Trial und Error so konsequent und inbrünstig wie möglich! Gib deine ewigen Rationalisierungen im Kopf auf, die dich vom Ausprobieren abhalten wollen! Gehe davon aus, dass dein Herz  alle deine Vorstellungen von Leben zeitweise willentlich auf den Kopf stellt! Dies ist oft die einzig vernünftige Methode, dich von hartnäckigen Fehlurteilen über dich selbst und die Welt, in der du lebst, zu befreien.


Und bitte, führe nicht sinnlos eine Familientradition weiter, es sei denn, dein echtes, warmes, neugieriges und durch und durch begeistertes Herz schlägt unentwegt dafür.

Dein Weg zu den wirklich authentischen, eigenen Bedürfnissen, so weit hergeholt und befremdlich sie anfangs auch scheinen, wird sich als zutiefst bereichernd entpuppen. Sowohl für dich, als auch für andere.

Als ich im letzten Beitrag davon schrieb, dass ich lernte, zornig zu werden, ohne darin etwas Böses zu sehen, so weiß ich heute um dessen Stärke. Ich weiche nicht ohne weiteres mehr scheinbar großen Hindernissen aus. Ich lernte, dass ich berechtigterweise darauf vertrauen kann, dass sich oft eine (Er)Lösung findet, wo ich früher die Hoffnung schon aufgegeben hatte. Und ich lernte, dass ich beim Finden der Lösung keineswegs immer auf äußere Hilfe angewiesen bin.

Ich trage die Stärke und Unerschütterlichkeit für die (Er)Lösung bereits in mir. Und du auch.
Eine alles beinhaltende Grundregel dafür lautet: "Gib niemals auf".

Weder dein eigenes Herz, noch das der anderen.
Vor allem, nicht an der Grenze des Machbaren.


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