Die flüchtige Kunst der Übertreibung

Mit dem Schreiben ist das so: Ich schnappe mir eine bestimmte Idee, einen bestimmten Aspekt des Lebens und Leidens und vertiefe mich schreibend in diesen hinein, hebe einiges hervor, anderes lasse ich links liegen. Ich fokussiere mich auf eine bestimmte Sicht und zeichne sie in klaren Zügen.

Etwas in meinem Herzen treibt mich von innen an, mich nur auf diese Sicht mit ca. 1500 bis 2000 Worten zu konzentrieren. Irgendwann lasse ich wieder los. Die gestochen scharfen Worte verflüchtigen sich wieder und mit ihnen die Emotionen, die sie erzeugt haben.

Geistig arbeite ich genauso mit mir: Eine gewisse Zeit, die mir mein Herz vorgibt, vertiefe ich mich mit aller mir zur Verfügung stehenden Energie in ein Thema. Ich kann mich darin auch festbeißen, wie ein tollwütiger Hund. Letztlich ist es das, was ich von dieser Dogge in mir gelernt habe. Dann verwandle ich mich selbst in dieses unglaublich verbissene Wesen und übertreibe gelegentlich auch die negativen Aspekte, bis ich merke: Jetzt ist es genug. Und dann lasse ich los.

Ich lasse komplett los und stelle mir vor, wie sich alles, was ich da gedacht, verteidigt, gerechtfertigt, manchmal bejammert oder ein wenig verlacht habe, in meinen Inneren wieder in Nichts auflöst. Und in der danach entstehenden Stille verweile ich.

Dieses Schreiben hat gerade dadurch eine äußerst befreiende Wirkung, weil ich mir gestatte, "die andere Seite" zu Wort kommen zu lassen. Alles das, was mir erlernte Etikette und Anstand im Inneren verbietet, auszusprechen, obwohl ebenfalls wahr, lasse ich mit aller Kraft endlich zu Wort kommen. Und nachdem ich es losgelassen habe, spüre ich, wie es sich in mir befreien kann und endlich im Nichts zur Ruhe kommt.

Ohne den Moment des absoluten Fokus darauf und der daraus erwachsenden, beinahe Übertreibung zu nennenden Schubkraft, erhält diese vernachlässigte Seite in mir nicht genug Nahrung, dass sie endlich satt ist und sich dem Urgrund hingeben kann. Ja, das Schreiben ist wie eine alles befriedigende Opfergabe. Etwas löst sich danach und verschwindet.

Diese Kunst der Übertreibung birgt für mich deshalb eine heilende Kraft, weil es viele Stimmen sind, viele ungehörte Stimmen, die die Welten bevölkern. Auch das Innere eines jeden von uns. Indem ich ihnen Sprache gebe, finden sie Frieden. Sie wollen gehört werden.

Deshalb liebe ich das Blogschreiben. Blogschreiben geschieht aus dem Augenblick heraus und ein solcher überschaubarer Beitrag hat etwas Flüchtiges. Ich will keine neue Bibel schreiben. Und auch nicht, dass auf meinem Grabstein mal geschrieben steht, dass ich Recht hatte. Wenn diese starke Energie, die ich in etwas gesteckt habe, um es sich klar manifestieren zu lassen, entstanden ist, lasse ich sie ihrer Wege ziehen und schaue nicht nach, was aus ihr werden wird.

Ich habe diese Energie mit Worten eine Gestalt verliehen, die da so lange in mir stimmlos war und nicht gehört wurde. Und diese Gestalt dann freizugeben, ohne mich um ihren weiteren Weg zu kümmern, ist ein Akt der Liebe.

Warum sollten kritische Worte nicht ebenfalls aus Liebe entstehen? Im tibetischen Buddhismus erhebt sich jede zornvolle Gottheit nur aus dieser allguten Quelle. Warum sollte einmal kraftvoll investierte Energie nicht ihre Wirkung tun und auch scharfzüngig gesetzte Impulse nicht Positives bewirken?

Liebe kann so viele Formen annehmen. Doch rein wirkt diese liebevoll und mit großer Aufmerksamkeit und Achtsamkeit von mir geformte Energie nur dann in demjenigen weiter, der sie vielleicht aufgenommen hat, wenn ich sie vollkommen freigebe und ihren Weg nun allein in diesem Wesen finden lasse.

Die Summe meiner Blogbeiträge gibt keineswegs alles über mich preis. Sie bilden eine gewisse Politik nach außen, treffen aber so wenig wirklich von der komplexen Liebe im Inneren. Sie sind vom Herzen diktiertes Stückwerk, um irgendeine Energie in bestimmter Weise zu manifestieren und sich wieder in den allumfassenden Grund des Herzens zurücksinken und erschöpfen zu lassen.  

So Vieles, Vieles, Vieles von dem, was mir kostbar ist, bleibt ungesagt. So viele Ebenen meiner Wahrnehmung unausgesprochen, so viele Facetten meines Wesens von der Lupe der Worte unbetrachtet und so vieles von dem, was ich gerne mit dir teilen würde, unberührt.

Vergiss das bitte nicht, wenn du hier liest. Lasse dich von meinen Worten nicht täuschen. Verlaufe dich nicht im Dschungel meiner Worte und meine, die wahre Josephine dort zu finden.

Alles hier entspringt nur meiner flüchtig zu nennenden Kunst zur Überzeichnung, ist Schall und Rauch. Doch was du von mir in deinem Herzen spürst, wenn du dich offen auf mich einlässt, dieses klare, stabile Bild und die warme Verlässlichkeit, die aus ihm strahlt, nur das bin ich wahrhaftig. Nur das ist echt. Nur das ist wirklich im Fluss, dir zugewandt, lebendig, in ständiger Kommunikation mit dir.

Am Ende gibt es nicht zwei, sondern immer nur diese eine Wahrheit: Die Wahrheit, die du in deinem Herzen fühlst. Und dieses Gefühl wird es sein, was du am längsten von mir erinnerst, selbst dann noch, wenn du nicht mehr verstehen kannst, was Worte sind.



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