Schuster, bleib bei deinen Leisten!

Zum kleinen zwischenmenschlichen (und nicht einmal spirituellen) Einmaleins gehört für mich, dass ich nicht über das Leben anderer urteile. Selbst wenn ich zu dem, was andere so mit ihrem Leben machen, meine Gedanken habe und auch das eine oder andere nicht verstehe, achte ich darauf, mich nicht einzumischen. Und schon gar nicht hinter ihrem Rücken schlecht über sie zu reden.

Erlaubt ist, sich mit anderen Personen auszutauschen, im Vertrauen. Dies ist sogar wichtig, um gegebenenfalls an der eigenen Einstellung gegenüber der anderen Person zu arbeiten und einen anderen Blickwinkel zu erhalten. Im Vertrauen meint aber, dass das ganze nicht dazu dient, über diese Person, mit der ich eventuell nicht klar komme, eine schlechte Stimmung zu verbreiten.

Niemandem steht es zu, über dich oder mich zu urteilen, weil unsere Seele, die Psyche und die Ereignisse des Lebens zu komplex sind, als dass alles nach ein und demselben Schema ablaufen könnte. Und viele Verhaltensweisen und Lebensweisen entstehen aus Leid und dem Versuch, dieses zu bewältigen. Ich erachte es daher für anmaßend, jemandem einen Stempel aufzudrücken, solange ich nicht verstanden habe, warum er sein Lebenskonzept so und nicht anders gewählt hat.

Mir fällt das deswegen leicht, an diesem kleinen Einmaleins als mein Paradigma festzuhalten, weil ich generell der Meinung bin, dass jeder Mensch für sich und andere das Beste will. Wir irren uns nur häufig darin, was das Beste ist und wie man es erlangt. Und, nicht zu vergessen, häufig lässt das Leben und die eigenen inneren und äußeren Umstände nicht zu, dass wir so leben, wie wir uns das wünschen. Das tut weh, macht keinen Spaß und ist mühsam. Deswegen verhalten wir uns vielleicht oft merkwürdig.

In den letzten zwölf Jahren habe ich viel Respekt dazu gelernt. Respekt vor dem Leben und Leiden anderer. Zugleich lernte ich aber auch, mich abgrenzen zu müssen von jenen Menschen, die diesen Respekt nicht haben und deshalb in mein Leben urteilend eingreifen. Deshalb teile ich nur mit wenigen wirklich alles.

Seit meiner Kindheit bin ich vertraut damit, wie schmerzhaft es ist, ständig von anderen unhinterfragt beurteilt zu werden. Da wurde über meine Herkunft, meine Kleidung, mein Verhalten, meinen Haarschnitt hin und her gelästert und ich habe darunter wirklich gelitten. Als Kind glaubt man noch daran, dass es hilft, sich anzupassen und nimmt an, dass einen dann diejenigen lieben werden, die jetzt noch hinter meinem Rücken schlecht über mich denken.
Heute weiß ich, dass das gar nichts bringt. 

Menschen, die sich nicht die Mühe machen, mich zu fragen, warum ich so und nicht anders lebe, sind in Wahrheit nicht an mir interessiert. Sie möchten nur, dass alle so leben, wie sie selbst, weil sie ihre eigene Lebensweise für allein seelig machend halten. Sie scheren alle Menschen über einen Kamm. Und ich bin inzwischen sehr froh darüber, dass mich dies nicht mehr schert.

Sicher bin ich betroffen, wenn es wieder einmal zu einem Deja-vú kommt, wie in den letzten Tagen.  Wenn wieder jemand meint, mich zu kennen, ohne mich einmal gefragt zu haben. Das innere Kind zuckt schmerzhaft zusammen und möchte sich ganz schnell unter einer Decke verkriechen. Aber der Rest von mir nimmt das nicht mehr persönlich und weiß, dass ich keine Ausnahme bin. Und es ist nicht so, dass ich das derzeitige Deja-vú nicht hätte kommen sehen.

So, wie über mich geurteilt wird, urteilt jene anmaßende Person auch über andere. Und die anderen haben diese Respektlosigkeit genauso wenig verdient, wie ich. Ich bin nur eine unter vielen anderen, über die so gedacht wird. Und das ist letztlich nur das Problem dieser Person, nicht meines. Schade ist es nur um all die anderen, die ebenfalls in irgendwelche Schubladen sortiert werden, ohne je die Chance bekommen zu haben, als Mensch kennengelernt und wertgeschätzt zu werden. So jemand sollte sich nicht wundern, wenn er selbst keine Wertschätzung erhält. Das ist Ursache und Wirkung - das Gesetz des abhängigen Entstehens.

Dieses kleine Einmaleins des Nicht-Urteilens ist eine schwierige Übung. Letztlich gelingt oder scheitert sie mit der eigenen Neugier am Anderssein und der eigenen Bereitschaft zu Toleranz und Offenheit. Wenn meine inneren Wunden oder mein in diesem Leben schon manches Mal gebrochene Herz nicht berührt werden, fällt es mir leicht, weil ich tendenziell Menschen von Natur aus wertschätzen kann. Doch wenn die Wunden berührt werden, erfordert es Arbeit. Eine Arbeit, für die ich immer wieder dankbar bin, weil es richtig ist, sie zu leisten: Die Würde des Menschen ist unantastbar.


Wichtig ist es auch, die eigenen Grenzen zu kennen. Und die Grenzen der Toleranz sind immer die eigenen, inneren Verwundungen und welchen Grad der Heilung sie erreicht haben. Ich versuche dann, den anderen so stehen zu lassen und mich stattdessen auf meine Verwundungen zu konzentrieren. Und dafür ist es gesund, sich vom anderen, der maßlos urteilt, ohne mich kennenlernen zu wollen, abzugrenzen und stattdessen nach innen zu schauen.

Schuster, bleib bei deinen Leisten, sage ich mir dann. Was passiert mit mir gerade, wo ich dieses Deja-vú erlebe? Und was hilft mir, ganz bei mir und meinem Leben zu bleiben und dies weiterhin in gesunder Balance zu halten? Was macht mein Leben weiterhin erfüllend und glücklich? Das ist der richtige Fokus und die richtige Spur. Und diese weiter zu verfolgen, ohne mich vom schlechten Denken und Urteilen anderer abhalten zu lassen, wird die Waage im Gleichgewicht halten, nichts anderes.

Je mehr ich die Freiheit schmecke, die daraus entsteht, dass ich andere nicht für mein Glück oder Unglück verantwortlich mache, desto zufriedener werde ich. Und das von außen kommende Urteil ist nichts, worauf ich Einfluss nehmen möchte. Das lasse ich genauso stehen, wie die Person, die es fällt, ohne sich gutherzig nach mir und meinen Werten erkundigt zu haben. Das Leben geht weiter. Und ich allein bin - im Glück wie im Unglück - verantwortlich dafür.







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