Helfersyndrom

Vieles, was mich innerlich bewegt, bewegt mich nur deshalb, weil es mich zutiefst und ganz persönlich betrifft. Ein Teil meines Weges führte mich in Bereiche, von denen ich niemals erwartet hätte, sie kennenzulernen. Doch schaue ich heute zurück, so spüre und begreife ich, dass ich es dennoch wollte. Weil mein Herz gewisse Antworten mit aller Macht suchte, mit der Macht meines Willens, schmerzhaft erfahrener Ohnmacht entkommen zu können.

Ich wollte etwas gut machen, dem ich selbst einst hilflos ausgeliefert war. Ich wollte etwas in Ordnung bringen, wollte jemandem Halt und Schutz geben, dem ich sie in einem Moment schlimmster Not nicht geben konnte. Und mich allein in diesem starken Wunsch anzunehmen und zu verstehen, kostete mich etliche Jahre.


Ich spüre, dass nun der gute Moment gekommen ist, in dem mein Herz Ruhe findet. Diesen Wunsch habe ich verwirklicht und bin für ihn weit über alles mir Vorstellbare hinaus gegangen.

Und nun naht eine neue Zeit. Eine Phase, in der ich nun mit diesem, meinen "Helfersyndrom" abschließen muss. Eine Phase, in der ich mich der anderen Seite des vor langer Zeit Geschehenen zuwenden muss. Und den Wunden, die diese Ohnmacht und weitere Geschehnisse mir zufügten.

Wenn ich selbst die Verwundete bin, ist es mir in der Regel ein Leichtes, mich um andere zu kümmern. Viel leichter fällt mir das, als mich ganz in die schwarzen Tiefen meines eigenen Verlustes, Schmerzes und Scheiterns zu begeben. Jeder Handgriff, den ich für andere tue, scheint dann der leuchtende Beweis dafür zu sein, dass das Leben nun anders ist und angefüllt mit Geben, Heilung und Erfolg für andere.

Eine zeitlang ist das gut und richtig. Doch solange die eigenen Abgründe nicht noch einmal Anerkennung erfahren haben, kreist ein Teil meines Bewusstseins stets um sie - und befürchtet wieder und wieder, dass solche schlimmen Erfahrungen wiederkehren könnten. Ein Teil meiner unbewussten Lebensplanung wird somit immer den erfahrenen Schmerz ebenso reproduzieren, wie auf dessen Vermeidung ausgerichtet sein. Wie viel Lebensenergie solche subtilen Prozesse binden können, erfahre ich gegenwärtig durch das hohe Maß an Erschöpfung, das da ungefragt an die Oberfläche drängt.


Heute schreibe ich von diesem ganz persönlichen Schmerz, ohne ihn mit Bildern zu versehen, da er zu privat ist. So, wie ein jeder von uns eine ganz und gar private, um nicht zu sagen "geheime" Motivation hat, seinen Weg zu gehen. "Geheim" meint hier nicht, dass ich sie verbergen müsste, weil sie womöglich nicht rein und gut ist. Nein, dies bedeutet vielmehr, dass meine Motivation so tief hinab in mein Wesen reicht und in alles das, was dieses Wesen, das ich bin, bis ins Mark erschüttert hat, dass ich darüber zu kaum jemandem sprechen kann.

Diese "geheime" Motivation nicht benennen zu können, in verbal geäußerter Sprache, bedeutet nicht, sie nicht denken, spüren und mir ihrer bewusst sein zu können. Und ich bin dankbar, Kraft meines stark geäußerten Willens, diese tiefste Motivation mir selbst offenbaren zu wollen, diese auch erkannt zu haben. Dieses Wissen macht mich mir selbst zur besseren Freundin. In diesem Punkt werde ich mehr und mehr mit der nonverbalen Ebene meines Herzens eins. Und das fühlt sich befreiend an.

Nur allein dem Helfersyndrom zu folgen, verbleibt an der Oberfläche. Mir will sogar scheinen, dass dieser Drang, anderen zu helfen, verhindert, die Tiefen meines Herzens ganz zu ermessen und zu verstehen. Dass ich sogar manchmal bewusst Schmerzen auf mich nehmen will, weil in der Tiefe meines Herzens weises Verständnis dafür vorhanden ist, dass es keinen anderen Weg gibt.


Um ein Leid zu beenden muss manchmal Schmerz getragen werden, anstelle erwidert zu werden. Früher beobachtete ich mich dabei, wie ich dies manchmal spontan und unwillentlich tat. Und dann war ich oft wütend auf mich, so masochistisch zu sein. Heute aber begreife ich langsam. Und manches Mal bin ich überrascht von mir selbst und dem Wissen, was meinem Herzen wohl innewohnen muss.

Der Weg, den wir mit "geheimer" Motivation (oder in geheimer Mission) gehen, erschließt sich selten unserem Tagesbewusstsein. Es sei denn, wir meditieren viel. Ich bin gezwungen, viel in mich selbst hinein zu lauschen, weil ich nur so ein oberflächliches Helfen verhindern kann. Denn wann immer ich mich im Helfen verausgabe, signalisiert mir mein Herz, dass dabei etwas auf der Strecke geblieben ist.


Irgendetwas in mir bleibt unerlöst, wenn ich aus dem Helfersyndrom heraus helfe . Und wie will ich mich selbst weiter ent-wickeln, also die Verwicklungen lösen und dir Irrtümer erkennen, wenn ich nicht mit jedem Schritt auch mein Wohl (meine Befreiung) verwirkliche, wie das der anderen?

Mein Weg muss mich auf neue Ebenen führen. Und wenn ich immer und immer wieder in meinem Inneren in gewissen abgelegenen Kammern um die stets gleich bleibende Dunkelheit kreise, kann etwas nicht stimmen. Irgend ein Teil meines Wesens hängt dort in einem sich unermüdlich gleich wiederholendem Stadium fest. Und das kann nach dem Gesetz des abhängigen Entstehens nicht natürlich sein.

Alles deutet darauf hin, dass ich bestimmte Wahrnehmungs— und Beurteilungsweisen nicht aufgeben kann und ihnen immer wieder Nahrung gebe. Und sich diesen zu stellen, sowie die beunruhigenden Emotionen, die sie begleiten, das muss ebenso meine Aufgabe sein, wie anderen zu helfen, aus ähnlichen emotionalen Teufelskreisen auszusteigen.

Wie will ich andere dabei unterstützen, aus diesem Kreislauf auszusteigen, wenn ich es selbst gar nicht kann? Dann verfüge ich doch gar nicht über die notwendige Erfahrung, die mich in die Lage versetzen könnte, anderen wahrhaftig eine Hilfe zu sein.

In meinen Augen kann daher ein Helfersyndrom nicht wirklich von tiefgründigem Nutzen für andere sein: Zwar folge ich einem starken Impuls nach Heilung und dass andere keinen Schmerz erleben sollen, doch meine Hilfe reicht nur so tief, wie ich mir selbst zu helfen vermag. Anderen kurzzeitig Linderung für was auch immer zu verschaffen, gibt mir ein beruhigendes, nährendes Gefühl.

Kurzzeitig weiß ich, etwas Gutes getan zu haben und das verschafft mir ein gutes Gewissen. Doch zugleich weiß das Herz darum, ob die Hilfe nur Oberflächenkosmetik war, oder wirklich vermochte, an der Wurzel manches Leidens anzusetzen. Das Herz kommuniziert die ganze Zeit mit dem Rest meines eingeschränkten, verwirrten Geistes, der in diesem Körper wohnt und signalisiert ganz klar, ob meine Hilfe ein Tropfen auf dem heißen Stein war.

Letztlich ist es möglich, mir mit permanent oberflächlicher Hilfe ein Leben lang selbst zu suggerieren, von Nutzen zu sein. Vermeide ich dann zwischendrin, zur wahren Besinnung durch tiefgründiges, inneres Nachforschen zu kommen und helfe stattdessen weiter und weiter, ist das Helfersyndrom die perfekte Ablenkung vom wahren Pfad.

Jeder Moment der Befriedigung, die aus dieser kurzzeitig gewährten Linderung entsteht, verschafft mir selbst einen Moment persönlichen Nirvanas. Halte ich die Kette an Momenten persönlichen Nirvanas stets aufrecht, reihe also einen helfenden Moment an den nächsten, kann somit eine perfekte Täuschung entstehen, das Richtige zu tun und auf dem Pfad zu sein.

Was hierbei fehlt, ist die wahre Einsicht, was wirklich von Nutzen ist. Was hier fehlt, ist das wahre Verständnis für mich selbst und dass ich eventuell nur aus eigens erfahrenem Schmerz, doch nicht mit wirklicher Weitsicht für andere handele. Was hierbei fehlt, ist die Güte, mir selbst Heilung zu gönnen und dafür manchmal die Bitternis des neuerlichen Erlebens ganz persönlichem Leids zu schmecken. Was hier fehlt, das ist das Streben nach wirklicher Einsicht, anstelle meine Lebenszeit in oberflächlichen Aktivitäten, die gut zu sein scheinen, zu erschöpfen.

Spätestens dann, wann ich merke, dass ich für diese helfenden Aktivitäten Anerkennung erhoffe und wünsche und abhängig von Bestätigung dieses meines offensichtlich guten Tuns bin, weiß ich, dass ich es nicht mit wahrer Hilfeleistung, sondern mit meinem Helfersyndrom zu tun habe.


Und wenn ich den wahren Pfad gehen will, wird es dann dringend Zeit, inne zu halten und mich auf mich selbst und meinen ganz persönlich, bis in die tiefsten Tiefen des eigenen Herzens reichenden Schmerz zu beschäftigen.

Nur durch diesen Schmerz und alles das zu gehen, was er für seine Anerkennung braucht, wird mich in die Mitte meines eigenen Mandalas führen. In diese Mitte, die in ihrem Ursprung mit allem vereint ist, was Liebe, Mitgefühl und Weisheit bedeutet. Diese Mitte, aus der heraus ich erst wirklich und wahrhaftig für mich und andere von bleibendem Nutzen sein werde.


Und während ich mich innerlich in diese meine Mitte voran taste und währenddessen noch in manchem Schmerz, mancher Angst und manchem Irrtum zu  vergehen scheine, löst sich nach und nach manche Verkrustung von meinem Herzen.  Dies ermöglicht mir, mein Herz zu weiten und zuversichtlich auf mehr und mehr Phänomene dieser Welt und dieses Lebens zu schauen. So sei es!








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