Die Brücke

In esoterischen Kreisen wird oft davon gesprochen, dass wir eine Brücke schlagen sollen, zum Licht. Dies transportierte für mich immer die Vorstellung, dass wir uns den lichtvollen Himmeln entgegen strecken sollen und damit von der Dunkelheit des hiesigen Daseins weg bewegen. Viele spirituelle Menschen wirken auch oft irgendwie dieser Welt entrückt.

Vielleicht konnte ich mich deshalb viel stärker mit dem verbinden, was der Buddhismus lehrt. Für mich geht es im Buddhismus stets darum, das Heilsame und Lichtvolle zu mir zu holen. Und indem ich mich selbst damit wieder und wieder verbinde, manifestiert es sich in diesem, jetzigen, Körper-Geist-Gefüge, das ich im Moment bin. Und durch mein tägliches Wirken und Handeln verbindet sich das Licht auch mit dieser Welt und dem, was wir aus ihr gemacht haben.

Will ich eine Brücke sein, so muss ich mich auch auf diese Welt mit allen Fehlentwicklungen, Unmenschlichkeiten und Egoismen einlassen. Erst dann wird das Licht, was ich in mir zu manifestieren versuche, von Nutzen sein, wenn ich es genau da hinein bringe, wo diese Welt ihre Ecken und Kanten hat. Und dies ist einfacher gesagt, als getan.

Auf eine gewisse Art und Weise bin ich natürlich stets mein eigenes, wandelndes Universum. Doch wirklich interessant und lebendig wird dieses Leben dann, wenn dieses mein Universum mit den anderen Universen da draußen zu kommunizieren beginnt. Wo sich durch diese Kommunikation Türen zu öffnen beginnen und Austausch entsteht. Und durch die innere Haltung, die ich täglich mit mir trage, dringt das Licht, das ich bin, durch offene Türen auch in andere Universen. So entstehen Brücken. Jedoch nicht in irgendwelche, von der Erde gelöste Himmel und Welten, sondern zum anderen Wesen nebenan.

Eine Brücke zu sein, bedeutet für mich also, dass ich das Gute, was ich in mir zur Reife bringe, anderen mitteile und mit anderen teile. Und das war es auch schon. Hier gibt es keine rosaroten Wölkchen und siebte Himmel, die ich auslebe, während nebenan das Wesen in seinem eigenen, vielleicht schrecklichen Universum haust und keinen Lichtstrahl und keinen Moment der Erleichterung findet.

Und wenn ich kommuniziere, so rede ich auch nicht in weisen Zitaten auf den anderen ein. Eigentlich gebe ich im Alltag kaum etwas von meinem spirituellen Hintergrund in Worten preis. Indem ich mich bemühe, stets das Gute im anderen zu sehen und zu ermuntern, wirkt das Heilsame nonverbal zwischen uns und bringt uns allen Erleichterung.

Dafür schaue ich über viele Dissonanzen hinweg. Ich reite nicht darauf herum, dass der andere vielleicht Schlechtes von mir denkt, weil diese Art des Denkens eben seinem eigenen Universum vertraut und eigen ist. Sicher registriere ich solche Tendenzen. Doch indem ich dem anderen zubillige, dass es seiner Art, die Welt zu sehen, entspricht, dies jedoch deshalb nicht zwingend auf mich zutreffen muss, gehe ich auf Distanz. Ich nehme es nicht persönlich, fokussiere mich auf das Wesentliche unserer Beziehung und mache weiter.

Dies zu trainieren, ist für mich sehr wichtig. Je nach meiner Verfassung, gelingt es einmal mehr, einmal weniger gut. Wenn ich erschöpft bin, fällt es mir schwer, denn das Licht in eine Beziehung zu bringen, erfordert Kraft, während die Dunkelheit beinahe von selbst und ohne mein Zutun vorhanden scheint.

Manchmal enttäuscht mich auch, zu sehen, dass die Dunkelheit uns allen so viel näher ist, als das Gute und Heilsame. Doch, so würden die Buddhisten sagen, wir befinden uns nun einmal in Samsara. Und dieses ist geprägt von Leid. Auch dem Leiden, von uns selbst und unserer inneren Verfassung zwangsläufig auf andere schließen zu müssen.

Dennoch in mir selbst eine Brücke schlagen zu wollen, zwischen dem Licht in mir und dem oft sehr verdeckten Licht im anderen, ist letztlich das, was mein Herz mit Freude erfüllt. Selbst wenn ich dafür Zeiten der Erschöpfung und Enttäuschung erlebe.


Mich in mein eigenes Universum einzuspinnen, vielleicht auch in die ständige Visualisation rosaroter Wolken, die ich nur aufrecht erhalten kann, indem ich andere Universen ignoriere, ist für mich keine Option. Denn, a) entspricht eine solche Vorstellung nicht der Realität, die nun einmal Samsara, eine Welt voller Leid ist. Und b) wird mich diese Illusion nur eine gewisse Zeit in Sicherheit wiegen. Nämlich so lange, wie die äußeren Umstände mich nicht eines Besseren belehren, weil sie vielleicht die Grundlage zerstören, die mir ermöglicht, mich weiter in meiner Täuschung einzuigeln.

So viele Ereignisse erinnern mich täglich daran, wie zerbrechlich das Leben ist, das ich führe. Auch wenn im Westen die Lebensumstände täglich Sicherheit suggerieren, kann so Vieles ganz plötzlich passieren, was mein ganzes Lebenskonzept von jetzt auf gleich zerstören kann. Dieser Möglichkeit gehe ich gern sehenden Auges entgegen, weil der Schmerz, der eine Illusion gewaltsam zerstört, mich viel heftiger treffen wird, als ein täglich trainierter Umgang mit Schmerz.

Will ich diese lichtvolle Brücke sein, so gehört dazu, täglich bei mir und anderen auch die Abwesenheit des Lichts zu bemerken - und den Schmerz, der damit verbunden ist. Und ihn zu heilen, indem ich ihn wieder und wieder liebevoll und duldsam annehme, ermöglicht mir jetzt und hier verbunden mit dem zu sein, was diese Welt in Wahrheit ist.

Ich glaube nicht daran, dass Erleuchtung die Abwesenheit von Schmerz bedeutet. Erleuchtung ist für mich der Zustand, in dem ich den Schmerz nicht mehr ablehne und dadurch nicht mehr nur an ihm leide. Erleuchtung ist für mich der Zustand, indem ich Schmerz sogar willkommen heiße, weil ich mir dessen bewusst bin, dass es unfair ist, schmerzfrei zu sein, während andere Wesen nach wie vor schreckliche Schmerzen leiden.

Erleuchtung ist für mich der Zustand, indem Nirvana und Samsara gleichermaßen enthalten sind und sich gegenseitig durchdringen.

Will ich also eine Brücke sein, so nicht dadurch, dass ich den Himmeln und den rosa Wölkchen entgegen strebe, sondern mehr und mehr das Leben so annehme, wie es derzeit ist. Ich übe mich darin, den Schmerz in mein Herz zu nehmen und dort zur Ruhe kommen zu lassen. Und dafür akzeptiere ich, dass Schmerz in Samsara eben natürlicherweise da ist. Ich übe mich darin, nicht mehr hysterisch auf den Schmerz zu reagieren und dadurch anderen Schmerzen zuzufügen. 

Und ich übe mich darin, dem anderen sein Universum zu lassen.

Ich übe micht ebenso darin, manchmal dem anderen die Täuschung darüber zu nehmen, dass die Verdrängung des Schmerzes die richtige Lösung für den Schmerz wäre.

Alles andere wäre unterlassene Hilfeleistung. Oder nicht?

Kommentare

  1. Heute dachte ich darüber nach, dass es die Erleuchtung gar nicht gibt...Verstehe mich nicht falsch, eben dachte ich darüber nach, dass all diese Industrie über die Linderung des Schmerzes nichts anderes ist als geschickter Schachzug, um uns zu trösten, im Endeffekt eine Art des geistigen Betruges. Der Schmerz ist nicht heilbar, weil er ein Faktum ist, real existiert und heilt nicht. Er hinterläßt alltäglich Spuren in meiner Psyche, in meiner Seele und meinem Körper. Was mir bleibt ist die Möglichkeit, mich mit ihm zu arrangieren. Ich schaue ihn mir an. Er ist einfach in mir drin. Niemand anderes außer mir nimmt ihn mir weg.
    Ich weiß, auch Hoffnung ist falsch und betrügerisch. Hoffnung darauf, dass der Schmerz irgendwann weg ist. Er ist solange ich lebe, nicht weg. Einfaches Beispiel: ich kann meine traurige schmerzvolle Kindheit nicht wegdenken, auch nicht Eltern, die mir peinlich waren und auch nicht meine Schulzeit. Auch nicht all die Verluste, die Dinge, die ich im Laufe der Zeit geliebt habe sind unwiderbringlich weg und das tut mir weh. Vielleicht auch die Dinge die ich nicht zu Ende gebracht habe und die Versprechen, die ich nicht eingelöst habe. Ziemlich viele Dinge....
    Andersrum denke ich an die neuen Menschen in meiner Umgebung, die ich mal als ein guter Freund, ein guter Kollege oder einfach als ein guter Bekannte kennengelernt habe. Diese Menschen haben einen festen Platz in meinem Leben und es tut mir gut jeden Tag ihren Schmerz mit mir zu teilen oder meinen Schmerz ihnen mitteilen zu dürfen.
    Manchmal bin ich von Magie der Anteilnahme fasziniert. Manchmal bin ich vom betroffenen Schmerz zutiefst erdrückt und finde keine Ruhe mehr, dann überwiegt die Dunkelheit in mir, die Wehmut und Hoffnunglosigkeit. Diese Welle versuche ich in mir Raum zu geben, denn sie existiert real und hat Recht sich zu zeigen...
    Weißt du, ich habe dir mal gesagt, den Urlaub machen wir, wenn wir sterben. Dort gibt es so viel Magie und Zauber und alle Freunde, die wir dort gelassen haben, finden wir hier so nicht. Für mich ist dieser Moment des Enttäuschtsein viel schlimmer als irgendeinen Schmerz...
    Ich habe dir geschrieben in einer Momentaufnahme. Vielleicht ist er wahr!
    Deine Freundin

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    1. Liebe Freundin,

      danke, dass du mir geschrieben hast. Und, wie du weißt, teilen wir oft den Schmerz. Und daraus erwächst die Heilung. Nicht diese Art von Heilung, die wie eine Pille wirkt, die ich einnehmen kann und alles ist gut. Es ist die Heilung, die aus Anteilnahme entsteht.

      Anteilnahme macht nichts weiter mit dem Schmerz, als ihn zur Kenntnis zu nehmen und ihm nachzuspüren und in uns zur Ruhe kommen lassen. Diese Magie der Anteilnahme ist das, was die Buddhas 24/7 lang tun. Davon bin ich überzeugt. Und da ist tatsächlich Magie drin, weil keiner von uns so genau erklären kann, wieso dies Erleichterung bringt.

      Dennoch sind die Erfahrungen noch dieselben. Trotzdem tut es weh. Doch irgendwie weißt du und ich plötzlich, dass der Schmerz auch o. k. ist.

      Phasen der Wehmut und Hoffnungslosigkeit... die kenne ich gut. In meiner Wahrnehmung entstehen sie daraus, dass jeder von uns ein klares Gefühl im Herzen hat, wie es wäre, wenn wir alle 24/7 lang Anteil nehmen würden am jeweils anderen. Und wir sehnen uns danach. Du sagst, jenseits dieses irdischen Lebens das schon oft geschmeckt zu haben. Wenn dem so ist, so sind wir vielleicht gerade deswegen hier, weil wir uns so wehmütig und sehnsüchtig an diesen Zustand erinnern, dass wir trotz aller Mühe, die uns das bereitet, genau diesen Zustand auch hier erleben möchten. Und bis dies erreicht ist, ruhen wir nicht. Wir machen Urlaub, wenn wir den Zweck dieses Lebens vollendet oder unseren physischen Körper verlassen haben.

      Wenn ich davon spreche, das Gute zu teilen, so meine ich letztlich nichts anderes, als Anteilnahme. Und Vertrauen, dass das Herz des anderen sich genau danach sehnt, wie ich, und Anteilnahme genauso verdient, wie ich. Und so verstehe ich auch das Wirken der Buddhas.

      Buddhas sind eben keine Superheros. Sie sind für mich sehr stark darin, Anteil am Leid zu nehmen und es dadurch zu befrieden. Sie fühlen mit und nutzen ihre Weisheit dafür, zu erkennen, wo der Schmerz am größten und welche der vielfältigen Arten von Anteilnahme dafür das befriedendste Mittel ist. Und daher ist jegliche Werbung für Buddha, die ihn als abgehoben und jenseits des Leidens stehend zeigt, für mich nichts weiter als trügerische Werbung.

      Heilung entsteht aus Anteilnahme, Akzeptanz, Geduld und dem inneren Raum, in dem ich alles sich zeigen und wieder zur Ruhe kommen lasse. Dies meine ich mit Heilung. Und diese Heilung ist für mich das bessere Wort für Erleuchtung.

      Selbst Vervollkommnung ist ein verführerisches, trügerisches Wort, was einschließt, dass wir sündig und fehlerhaft wären. Sehr oft sind wir einfach nur unwissend und kleingeistig. Und je mehr wir uns innerlich weiten und Phänomene zulassen und in unsere Sicht und unser Leben einbeziehen, desto leichter geht es uns, mit dem Schmerz.

      Die Enttäuschung, die daraus entsteht, getrennt vom Erhofften und Erwünschten oder uns falsch Versprochenem zu sein und dies plötzlich zu realisieren, ist auch schlimmer, als der Gedanke, dass wir alle Schmerzen leiden. Daher ist das Anerkennen des Schmerzes der gütigere Weg. Denn was sind wir nicht alle fähig, zu tun, wenn wir uns von jemandem oder etwas verraten und verkauft fühlen?

      Daher werden die Buddhas niemals lehren, dass die Welt ohne Leiden ist. Und der Weg aus dem Leiden führt letztlich immer wieder zurück zur Realität, die voller Leiden ist und dem Wunsch, in diesem Leiden zu bleiben, bis es keine Ursachen mehr für Leiden gibt. Und dieser Punkt kann erst dann erreicht werden, wenn alle Wesen reif für die eigens gelebte Magie der Anteilnahme am Schmerz der anderen geworden sind. Davon bin ich überzeugt - und so sei es.

      Herzliche Grüße, meine Liebe! Bis bald...

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