Der schale Geschmack kalten Kaffees

Ich mag nicht ständig von Erfolg sprechen und schreiben. Im Gegenteil: Die wichtigsten Zeiten, die mir deutlichsten Fortschritt brachten, waren stets die, in denen ich mir Schwächen erlaubte.

Früher war ich sehr diszipliniert. Eigentlich ist Disziplin deutlich das falsche Wort für mich. Vielmehr stand ich stets mit der Peitsche hinter mir und ließ mir keine einzige Unachtsamkeit durchgehen. Ich erinnere mich gut daran, dass ich eines Nachts panisch erwachte, weil ich am Abend so erschöpft gewesen war, dass ich einen Teil meiner spirituellen Praxis nicht durchgeführt hatte, zu dem ich mich verpflichtet sah. Es war die innere Hölle für mich. Ich hatte die Praxis vollkommen vergessen. Mit anderen Worten: Ich war sehr, sehr streng mit mir und meiner inneren Bulldogge sehr hörig.

Heute finde ich es in gleichem  Maße wichtig, mir Phasen der Schwäche einzuräumen. In denen ich diese Anzeichen, erschöpft, deprimiert und kraftlos zu sein, sich zeigen lasse. In denen ich diesen inneren Zuständen lausche, um ihre Ursachen zu ergründen. Und in denen ich die richtigen Maßnahmen ergreife, um diese dunklen Momente zu erlösen.

Was ich früher nicht bedachte, waren die Wunden und Schmerzen, die mit diesen dunklen Phasen ursächlich verbunden waren. Ich versuchte diese Dunkelheit einfach mit strenger Praxis zu überschreiben, ignorierte jedoch die Geschichten dabei, die meinen eigenen Wunden zu mir sprachen.

Ich gestand mir nicht meine ganz persönliche Geschichte zu. Ich wollte sie nicht erfahren, die Dunkelheit aber, die mich manchmal überschattete, wollte ich einfach nur wegmachen. Und zwar möglichst schnell.

Wirklich noch einmal ausgiebig die Narben zu würdigen, die ich in mir trage, dazu fühlte ich mich zu allein, zu schwach, zu hilflos und der Gedanke, das nicht durchzustehen, bereitete mir ein tiefes Grauen. Also praktizierte ich stur vor mich hin, meinen angenommenen Verpflichtungen gemäß. Mit geschlossenen Augen, sozusagen. Nach dem Motto: Augen zu und durch.

Eines Tages aber geschah etwas, mitten in der Praxis, das mich auf eine andere Fährte führen sollte. Denn mitten im Guru-Yoga hörte ich auf einmal ganz deutlich einen englischen Satz. Er lautete: "Take all your childhood impressions and dive into it." Wäre er nicht Englisch gewesen, hätte ich ihn niemals ernst genommen. So aber weckte er mich auf. Und weil ich ihn mitten im Guru Yoga, als ich die Leerheit meditierte, hörte, vertraute ich.

Damals begann ich, mit allen unangenehmen Emotionen zu arbeiten, die an Erlebnisse meiner Vergangenheit geknüpft waren. Und je mehr Fortschritte ich damit machte, desto mehr Wünsche sprach ich, weitere emotionale Hindernisse auflösen zu dürfen.

Zunehmend vertraute ich diesem Vorgehen. Doch je mehr Vertrauen ich da hinein fasste, umso gravierender wurden die Erinnerungen. Ich begann mit leichten Verletzungen, nach und nach stellte sich aber mich schwerwiegender Belastendes ein. Und das war nicht mal eben in ein, zwei Meditationssitzungen aufzulösen. Das konnte manchmal Tage und Wochen dauern.

Auch jetzt, im August, verhielt ich mich spürbar still in meinem Blog, nicht wahr? Auch jetzt ging ich mal wieder durch eine diese Phasen. Versteht mich richtig: Es gibt Tage, an denen das Aufstehen mir schwer fällt und ich Stunden brauche, um zu mir zu kommen. Der Kaffee, den ich mir morgens koche, ist dann schon lange kalt. Doch ich trinke ihn, weil ich mich zu kraftlos und unmotiviert fühle, um einfach frischen Kaffee zu kochen.

Es gibt Tage, an denen meine Kraft und mein Enthusiasmus gerade ausreichend dafür ist, zur Arbeit zu gehen und wieder nach Hause zu kommen. Darüber hinaus schaffe ich nichts mehr, als mich erschöpft ins eigene Bett zu befördern.

Doch ich fühle mich diesen Zuständen nicht einfach unterworfen. Ich spüre ihnen nach und achte auf alles, was in meinem Inneren abgeht. Ich nehme wahr, wie ich auch ungeduldig werde, wenn diese Phasen endlos zu dauern scheinen und ich manchmal nicht weiß, warum eigentlich.

Ich bügel da nicht einfach nur drüber, wie früher, weil ich verstehe, dass mein Herz sich auch in diesen Phasen öffnet und mit mir gemeinsam weint.


Meistens ist es schwer, zu vermitteln, dass diese Phasen besonders kostbar und wertvoll sind. In der Regel wünschen wir uns einfach nur, glücklich zu sein. Dass jedoch die Ursache für Glück manchmal nicht gelegt werden kann, weil wir in uns die Ursachen für Unglück nicht beseitigt haben, wird oft nicht erkannt.

Selbst wenn ich, seitdem ich dieses bewusste Wahrnehmen der Dunkelheit in mir praktiziere, noch oft entsetzt bin, wie viel davon in mir vorhanden ist, so habe ich zugleich sehr viel Verständnis dafür. Ich weiß um Ursachen und Umstände und dass es an manchem schrecklichen Erlebnis niemals etwas geben wird, was es zu etwas Schönem macht.

Manche sagen, dass in allem Schlechten etwas Gutes gesehen werden kann - in manchen Situationen kann dies nur im weitesten, also im übertragenen Sinne angewendet werden. Hier bin ich sehr vorsichtig, denn Schmerz zu beschönigen und das eigene Leid damit zu relativieren, ist ein Hindernis, um wirklich Erleichterung zu finden. Auch dies führt dazu, es nicht wirklich anzuschauen und anzunehmen und stattdessen wiederum zu verdrängen.


Wenn ich mich diese Tage also dabei beobachte und begleite, erschöpft und mutlos zu sein und am liebsten zu schweigen, so weiß ich, dass dies ein gutes Zeichen ist und dass ich Fortschritte mache. Zugleich wünsche ich aber natürlicherweise, agil, voller Tatkraft und auf ein gutes Ziel ausgerichtet zu sein. Ich brauche Geduld, um die Abwesenheit des einen nicht als Mangel an Disziplin zu werten, wie ich es früher getan hätte. Ich brauche Vertrauen, dass ich durch meine Würdigung des derzeitigen Zustandes mit viel Liebe und Nachsicht ein wenig Heilung finden werde.

Indem ich jene Anteile von mir, die so stark leiden, gestatte, sich Luft zu machen, wird irgendwann ein freier Raum entstehen, in den Hinein sich dann mein Herz entfalten kann. Beinahe so, als würde sich dadurch Platz ergeben, für ein neues Blütenblatt, was sich so gerne aus meinem Herzen öffnen möchte.

Solltest du dich auch in einer dieser Phasen befinden, mein Freund, so wisse, dass du darin nicht allein bist. Manchmal braucht es diese Zeit, sich im eigenen, verdrängten Schmerz ernst zu nehmen, um den aufrichtigen Wünschen des Herzens wieder näher zu sein. Niemand kann auf Dauer sich einfach nur im Außen abarbeiten.

Manchmal müssen Bedürfnisse gehört werden, selbst wenn sie ganz und gar dem eigens gewählten Lebenskonzept widersprechen. Sie zu hören und im Inneren zuzulassen, muss nicht gleich bedeuten, sie im Außen ausleben zu müssen. Manchmal zieht das eine nicht zwangsläufig das andere nach sich. Manchmal schon. Um herauszufinden, was von beidem auf deine Situation zutrifft, braucht das vernachlässigte Bedürfnis erst einmal inneren Raum und Schweigen.

Manchmal müssen wir schwach, verletzlich und hilflos sein, um ganz Mensch zu werden. Und dann ganz Herz.

In den kurzen Jahren meiner buddhistischen Praxis in diesem Leben habe ich nichts als kostbarer erfahren, als mich in solchen Zeiten mit aller verbliebenen Kraft den Buddhas anzuvertrauen. Ihnen gegenüber ist alles erlaubt und alles möglich. Nur ich bin so streng zu mir, etwas gar nicht erst zuzulassen. Doch wenn ich nicht Raum für alle inneren Zustände, Hoffnungen und Ängste gewähre, so kann sich nicht die Wahrheit und nicht die Täuschung darin zeigen. Und damit auch keine Richtung.

Sei dir sicher, dass für alles Raum da ist. Für jeden Irrtum, jede Versuchung, jede Täuschung und jeden Schmerz. Selbst wenn du die Tage noch so oft den schalen Geschmack kalten Kaffees schmeckst, so sei dir sicher, dass sich nach und nach alles an den rechten Platz setzen wird. 


Mit Hilfe deiner liebevollen, geduldigen Aufmerksamkeit, wirst du im Dschungel emotionaler Zustände dein Herz, die Wahrheit und die Richtung wiederfinden. 

Egal, was du gerade durchmachst, genau das wünsche ich dir, mit all meiner Liebe im Herzen! 

Und deshalb wird es wahr werden.




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