Aus Liebe

Uns verändern, uns neuen Bedingungen, Umständen und Wesen, denen wir begegnen, zuzuwenden, uns zu öffnen, Neues willkommen heißen ... Alles das tun wir nicht nur aus der Not heraus, sondern vor allem aus Liebe.

Ich erwähnte schon, dass unser Leben diese Liebe von uns will und und dass das Leben es ist, was uns mit sich zieht, um uns dieser Liebe zu öffnen. Ich schrieb von dem natürlichen Flussbett, in das diese Liebe sich schmiegen möchte und uns mit uns nehmen will, zu allem, was wir bisher noch nicht kennen.

In allem, was auch Religionen ursprünglich anstrebten, wohnt diese Liebe. Die Liebe zum Wohlergehen von allem, was lebt. Im Christentum wird vom Bewahren der Schöpfung gesprochen, im Buddhismus eben vom Wohle aller Wesen. Überall schlägt das Herz für die Liebe und genau von uns Menschen, die so viel positiven Einfluss nehmen können, fordert sie wieder und wieder, über altbekannte Grenzen bewusst und klaren Wunsches hinauszugehen.

Wir Menschen haben hier, in dieser materiell sich manifestierenden Sphäre, eine deutlich größere Verantwortung, als andere Wesen, die nicht ein so großartiges Bewusstsein haben. Wir sind einander in unseren positiven Fähigkeiten von Herzen verpflichtet. Zugleich stellen wir uns immer wieder selbst ein Bein, indem wir uns zu getreu der Buchstaben, die in alten Schriften stehen, unterordnen.

Selbst ein Brücke zum Wohle der Wesen zu sein, diesen Herzenswunsch kleidete insbesondere Shantideva in seinem "Bodhisattvacharya-avatara", im Kapitel der Wunschgebete, in Worte. In warme, einfache, das Herz öffnende Worte. Und ich wünsche, bei diesen nicht stehen zu bleiben, sondern sie mit allem Herzblut zu beleben, das mir in diesem Leben zur Verfügung steht. Um dann wieder neue, zeitgemäße Worte dafür zu finden.

So will ich mich jeden neuen Tag fragen, was dies nun für mich bedeutet, hier und heute eine Brücke zu sein. Zwischen welchen alten und welchen neuen Sphären möchte ich mein Leben freudig ausspannen? Woher komme ich und wohin möchte ich anderen von Herzen eine Brücke schlagen?

Erst mit diesen Fragen wird Dharma für mich wirklich greifbar und lebendig. Und ich selbst bin es, die diese Worte in mein gelebtes Leben hinein lebendig machen kann.

Aus vielfältigen, lebensnahen Gründen reicht für mich das bloße Beten dieser Worte einfach nicht aus. Mir erscheint es verlorene Lebenszeit zu sein, sie wieder und wieder zu sprechen, zumal es nicht meine Worte sind. Ich leihe sie mir nur von einem anderen. Einem anderen, der in seinem Leben eben selbiges in Liebe ausschöpfte, indem er sie alle greifbar und lesbar für uns heute niederschrieb.

Wer könnte das Erbe an Herzenswärme auch ausschöpfen, wenn nicht ich? Und muss ich es nicht auch, wo unser ganzes Leben, die Welt, die Kulturen sich seither weiter entwickelt haben? Ist es nicht das eigentliche Schicksal der Liebe, die natürlicherweise aus einem offenen Herzen drängt, sich wieder und wieder neu zu formieren und formulieren? Und ist das nicht genau die Brücke, die wir sein können, indem wir Altes mit unseren eigenen Herzenstaten beleben?

Deshalb machte ich mir bisher oft Sorgen darum, ob das wohl so funktionieren wird, wie der tibetische Buddha-Dharma heute in andere Kulturen übertragen wird. Weil es der richtigen Worte bedarf, die unsere Herzen heute zur gleichen Liebe erwecken, die Shantideva und andere damals  in Flammen stehen ließ. Auch Sprache verändert sich, entwickelt sich weiter und Worte werden immer wieder mit neuer Bedeutung versehen, je nachdem, wie die Kultur beschaffen ist, die sie gebraucht.

Ich erinnere mich, wie schwer es mir über Jahre fiel, zum Beispiel in Kontakt mit den für den Vajrayana-Buddhismus typischen Visualisierungen zu gelangen. Sie sind allzu stark getragen von alten indischen und tibetischem Kulturgut, zu dem ich keine Verbindung habe. Ich habe bis heute nicht die leiseste Ahnung, wie der Palast meiner Gottheit eigentlich richtig auszusehen hat, den Beschreibungen gemäß.

Eines Tages quälte ich mich damit nicht länger und begann, die ganzen, in Seiten langen Gebetstexten beschriebenen Details, einfach wegzulassen. Ich vertraute meinem Gefühl, entwickelte Zutrauen da hinein, dass alles präsent ist, auch wenn ich nicht weiß, wie ich es mir visuell genau vorzustellen habe. Allein das ist schon eine Hürde. Und nur das Entgegenkommen, was mir geistig aufgrund meines Vertrauens widerfuhr, habe ich nicht aufgegeben.

Irgendwann spürte ich, dass die Essenz meiner Meditationsgottheit auch meine unbeholfenen Visualisierungen beseelte. Und ich spürte trotz aller Hindernisse, wie ich allmählich Kontakt aufnahm, zu hilfreichen Wesen, die mich täglich, über meine Begrenzungen des Herzens hinaus führten.

So weiß ich heute in meinem Herzen gewiss, dass es nicht das Ansinnen der Buddhas ist, die Tradition so getreu der vor Hunderten von Jahren nieder geschriebenen Buchstaben fortzuführen. Vielmehr ist es für das Bewahren des essentiellen Dharma wichtig, immer wieder neue Worte zu finden.

Ob es sich um Worte handelt, oder eine neue Art, ein genügsames, dennoch vom Fluss der Liebe inspiriertes Leben zu probieren... Alles dies sind neue erbaute Brücken, neu erfundene Wege, neue lebendige Strukturen, die das Alte sich in neue Formen ergießen lassen, um es in der Essenz weiterhin lebendig zu halten.

Mein Herz lässt sich nicht betrügen. Es käme dem Verrat an mir selbst gleich, wenn ich mich mit der alten Form zufrieden geben würde. Mein Herz signalisiert mir täglich, dass meine Spiritualität nur einem Alibi gleich käme, versuchte ich nicht mehr zu sein, als jemand, der alte Gebetstexte nach betet. Ein Alibi dafür, etwas zutiefst Sinnvolles und Heilsames noch in diesem Leben zu tun.

Um noch tiefgründiger auszudrücken, was ich meine: Ich bin überzeugt davon, dass ich keine Verdienste für die Zukunft sammle, sondern um sie der Liebe meines Herzens willen sofort wieder zu verschenken. Ich möchte das Gute, was ich in mir nähre, nicht horten, sondern sofort teilen. Daher hält es mich nur eine gewisse Zeit auf dem Meditationskissen vor meinem Altar. Ich spüre deutlich, dass ich mehr daraus machen möchte, als nur für mich vor mich hin zu praktizieren, um mir eine gute, nächste Wiedergeburt zu sichern.

Auch ich möchte die Essenz meines Herzens mitteilen, so, wie es einst Shantideva in dieser besonderen, noch heute zutiefst verehrten Schrift tat. Selbst wenn ich zu einer solchen Größe nicht tauge, so möchte ich es dennoch versuchen - und deshalb Tag für Tag an mir arbeiten. Nur dadurch erwecke ich zum Leben, was an mich überliefert wurde.

So ist die Liebe beschaffen: Sie kennt weder Vergangenheit, noch Zukunft. Sie will immer im Hier und Jetzt sich vollständig verausgaben, ohne auch nur ein Quäntchen für sich selbst aufzubewahren. Sich also dem natürlichen Fluss dieser Liebe, die dem eigenen Herzen entspringt, zu überlassen, wird immer wieder neu eine Synthese schaffen, in mir selbst.

Deswegen glaube ich in Wahrheit keine Sekunde an die Tradition. Ich glaube an die Liebe, die das Beste aus ihr zu schöpfen vermag - und alles leichten Herzens loslässt, was im Hier und Jetzt keine Bedeutung mehr hat. Rituale und Gebete, die ihrer traditionellen Auffassung nach also für uns hier leer von Bedeutung sind, kann ich nicht akzeptieren. Sie verschwenden einfach nur meine Lebenszeit und geben mir nicht mehr als den trügerischen Eindruck einer Fata Morgana, die mich glauben machen will, mein Leben damit sinnvoll zu gestalten.

Eine lebendige Brücke zu werden, ist das, was die Liebe will. Wenn du so willst, ist Liebe Arbeit. Doch eine Arbeit, die zutiefst erfüllend ist. Denn sie lässt mich Tag für Tag spüren, dass ich das Beste aus meinem Leben gemacht habe.

Daher sind für mich Lehrer, die blind der Tradition ergeben sind, in meinen Augen wahrscheinlich noch nicht zur wahren Liebe erwacht. Limitieren sie nicht ihr Herz? Überlassen sie ihr Herz wirklich vollständig dem, wozu es in diesem Körper überhaupt geboren wurde, wenn sie uns hier im Westen beibringen wollen, dass das Alte auch hier lebendig werden kann? Leben sie sich selbst in ihrem innigsten, erwachten Wesenskern tatsächlich aus? Gehen sie an ihre persönlichen Grenzen, erweitern sie und schöpfen ihr Herzenspotential aus? Und erweisen so der Tradition die Ehre, die sie verdient, ohne an ihr anzuhaften? Möge es so sein! Wirklich beurteilen kann ich dies selbstverständlich nicht. Ich gebe nur wieder, wie sie oft auf mich wirken.

Diese Liebe zu leben, kann mitunter auch schwer sein. Schwere Arbeit sozusagen. Immer wieder in sich selbst zu synthetisieren, was im Moment dem eigenen Wohl und dem Wohle der Wesen gemäß ist, erfordert eine schmerzhafte Wachheit. Ein Gewahrsein, was gelegentlich akzeptieren muss, dass das, woran das eigene Herz bisher hing, für den anderen nicht von gleicher Bedeutung ist. Eine Achtsamkeit, gegenüber den Bedürfnissen der anderen. Und den klaren Blick, der voraussetzt, nicht von sich auf andere zu schließen.

Hier bedarf es liebenden Forschergeist und die Geduld, auszuprobieren, was ankommt und was nicht. Hier geht es darum, den Zeitgeist zu entdecken und ihm gemäß zu leben und zu handeln.

Möge ich selbst einstmals diese Brücke sein. Denn dann lebte ich mein Leben einzig und allein aus Liebe. Nirgendwo auf der Welt, scheint mir wertschätzend und wertvoll gelebtes Leben zu etwas anderem bestimmt zu sein, als zu dieser tief gelebten Liebe.

Möge ich dafür alle Mühe auf mich nehmen, die mein Herz sich dafür machen möchte. In meinem Fall speziell dafür, die für das Wirken und Wollen meines Herzens und meiner Erfahrungen passenden Worte zu finden. Und möge ich nicht davor zurückscheuen, dafür das eine oder andere Scheitern in Kauf zu nehmen. Möge ich nicht unnütz anhaften an dem, was einzig mir Freude und Befriedigung bringt. Möge ich weise genug sein, mein eigenes Vergnügen von den dringenden Bedürfnissen anderer zu unterscheiden.

Und mögen dafür die Wesen meines tiefsten Anvertrauens mit mir sein, egal, in welchen Worten ich sie anrufe und durch welche liebevollen Taten ich sie hilfreich in mein Leben einbeziehe. Möge so der liebende Fluss meines Lebens für das Wohlergehen aller Wesen seine beste Arbeit tun. So sei es.





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